Strahlender Antiheld

Ferruccio Furlanetto als Don Quichote

„Dieser Don Quichote ist wirklich ein Teil meiner selbst.“ Ferruccio Furlanetto interpretiert im Musikverein eine seiner wichtigsten Partien: die Titelrolle in Massenets Oper „Don Quichote“.

Gibt es für einen Sänger so etwas wie absolute Lieblingsrollen? Für den großen italienischen Bass Ferruccio Furlanetto jedenfalls vier: Verdis König Philipp, Mussorgskijs Boris Godunow, Thomas Beckett in Pizzettis „Mord im Dom“ – und Massenets Don Quichote, als Primus inter pares. „Als ich diese Bühnenfigur entdeckte, habe ich mich sofort in sie verliebt“, sagt Furlanetto. „Jedes Mal, wenn ich Don Quichote darstelle, ist es für mich reinste Freude, die keine andere Rolle mir gibt. Ich meine, die anderen drei sind natürlich wunderbar, sensationell, aber dieser Don Quichote ist wirklich ein Teil meiner selbst.“

Gleichklang mit Schaljapin

Seit nunmehr fünfzehn Jahren beschäftigt sich Ferruccio Furlanetto mit Massenets Antihelden. Es wiederholt sich somit etwas, das vor mehr als einem Jahrhundert seinen Anfang nahm. Da klingen sehr ähnliche Worte für uns nach: „Oh, Don Quichote von La Mancha, wie lieb und teuer ist er meinem Herzen, wie ich ihn liebe!“, schrieb damals der große Fjodor Schaljapin an seinen Freund Maxim Gorki und schwärmte von der Schönheit des Librettos (Henri Caïn) und Massenets Musik, die ihm der Komponist persönlich auf dem Klavier vorgespielt hatte. Ähnlich ergeht es auch Furlanetto: „Es ist eine ungewöhnliche Partitur. Ja, durchaus modern! Leider gibt es viele Leute, seltsamerweise gerade Franzosen, die gegen eine solche Musik sind. Ich kann das wirklich nicht verstehen, denn sie beschreibt das, was sie beschreiben soll, auf die bestmögliche Art. Ich kann mich über keinen Moment auf der Bühne beklagen und in keinem Augenblick sagen, dass ich mir diese Musik anders, besser gemacht vorstellen könnte. Sie ist prachtvoll! Sie ist ideal dafür gemacht, dass ein Interpret tief in diese wunderbare Gestalt eintauchen kann.“

Die reine Liebe

Furlanettos erste Begegnung mit dem Don Quichote fand 2001 in Nizza statt. „In dem Moment, wenn du diese Rolle wirklich verdaut hast, sie unter die Haut kriegst, verstehst du die ganze Poesie, die ganze Humanität, die diesem idealen Charakter innewohnt. Denn leider ist das nicht jemand, dem du im wirklichen Leben begegnen kannst. Er ist ein Mythos von dem, was jeder Mensch sein sollte, zumindest während der paar Stunden, die diese Oper dauert. Er liebt alles, was ihn umgibt, er liebt die Menschen, die Tiere, den Himmel, das Licht, die Luft. Alles ist reine Liebe, auch seine Liebe zu Dulcinée ist rein und unschuldig. Ich habe diese Rolle wirklich in mir: Wenn Don Quichote glücklich ist, bin ich es auch, wenn er leidet, leide auch ich. Es ist wirklich etwas, was mit meiner Physis und meiner Persönlichkeit in Verbindung steht.“

Warum Oper weiterlebt

Massenets „Don Quichote“ basiert direkt auf dem 1904 in Paris aufgeführten Drama von Jacques Le Lorrain „Le chevalier de la longue figure“, sehr frei nach Cervantes. Es war ein Kompositionsauftrag von Raoul Gunsburg, dem mächtigen Direktor der Opéra de Monte Carlo, der damit einem Wunsch Schaljapins nachkam. Am 19.Februar 1910 fand dort die Uraufführung statt, noch im selben Jahr brachte Schaljapin die Produktion nach Moskau ans Bolschoi Theater, in russischer Sprache. Er setzte seinerzeit damit Maßstäbe, die eine ganze Reihe von Kommentatoren beschäftigten.
Heute ist es Ferruccio Furlanetto, der dieses Maß vorgibt. „Natürlich wächst man in eine Rolle über die Jahre hinein. Meinen ersten König Philipp sang ich 1981 in Kassel, und in den 35 Jahren seither hat er sich enorm weiterentwickelt. Damals war ich ein Kind, ich spielte die Rolle ohne die physische und intellektuelle Reife, die dazu nötig ist. Das gleiche gilt noch mehr für einen Charakter wie Don Quichote. Als ich ihn zum ersten Mal sang, hatte ich noch nie eine Aufführung gesehen, war daher unbeeinflusst. Natürlich kannte ich Schaljapins Maske und sah den Film mit ihm. Aber das ist etwas ganz anderes. Ich habe stets versucht, meinem Herzen zu folgen. Wenn man über diese sehr besonderen, bedeutenden Rollen spricht, kann man sehen, wie sie sich von Produktion zu Produktion, Jahr für Jahr weiterentwickeln, sogar wenn man sie eine Weile liegen lässt. Man findet sich selbst als einen anderen, man findet neue Dinge, neue Ideen, neue Farben. Das ist absolut faszinierend und der Grund dafür, dass Oper weiterlebt. Denn sie lebt nur, weil der Künstler so ehrlich wie möglich diese wunderbaren Bühnenfiguren, die aus sensationellen Meisterwerken heraustreten, filtriert.“

Russisch inspiriert

Sehr unterschiedlich waren bis jetzt seine diesbezüglichen Erfahrungen mit Inszenierungen. Besonders sensibel reagiert Furlanetto auf die Art, wie Dulcinée von den Regisseuren behandelt wird. „Ich mag es immer, wenn Dulcinée nicht wie eine Carmen dargestellt wird. Leider passiert das oft, oder noch schlimmer: als leichtes Mädchen. Sie ist doch nur das hübscheste Mädchen im Dorf. Jeder ist hinter ihr her, aber sie ist eine ehrliche Person. Natürlich spielt sie mit ihrer Schönheit – und mit ihren Verehrern, um den einen leiden zu lassen, dann den anderen. Don Quichote verliebt sich in sie, weil sie wie ein Kind ist.“
Viel Lob hat der Sänger für die Produktion des Petersburger Mariinskij Theaters, übrigens auf Anregung von ihm selbst, denn Valery Gergiev musste erst einmal auf den Geschmack kommen. Nach einer konzertanten Aufführung – genau hundert Jahre nach der Uraufführung der Oper – folgte 2012 die szenische Premiere, die daraufhin den wichtigsten russischen Theaterpreis, die Goldene Maske, erhielt und nach Moskau ans Bolschoi Theater eingeladen wurde. „Ich war besonders glücklich, die Partie an diesem Theater singen zu dürfen, 99 Jahre nach der letzten Aufführung dort, natürlich mit Schaljapin. Es war aufregend! Ich konnte mir auch alle dort erhaltenen Dokumente ansehen. Faszinierend! Und auch musikalisch: Nachdem ich ja auch Boris Godunow singe, und Massenet Schaljapin sicherlich als Boris gehört hat, glaube ich, dass es in den Schlussszenen beider Opern ähnliche Einleitungen zu den Gesängen gibt (summt). Massenet muss an das gedacht haben und die gleiche Idee intellektuell in seinen ,Don Quichote‘ verpackt haben.“

Leben in Musik

Der Titelheld ist nicht die einzige Partie, die Furlanetto in dieser Oper interpretieren kann. Sancho Pansa ist von der Stimmlage her identisch, daher macht es ihm Freude, Sanchos letzte Arie gelegentlich im Konzert zu singen. „Sancho ist ein toller Charakter. Manchmal singe ich im Konzert beides, diese Arie und Don Quichotes Sterbeszene. Beide Figuren sind ja reines, einfaches, ehrliches Musik gewordenes Leben. Ähnliches könnte man auch über Boris Godunow sagen. Das ist kein Melodrama, sondern Leben in Musik, etwas, das wirklich existierte und so niedergeschrieben wurde, ohne Retuschen.“
Massenet schrieb diese Oper, als er selbst krank im Bett lag. Drei Jahre nach der Uraufführung starb er. Spürt man etwas davon in dieser Musik? „Sicher, die Schlussszene spricht schon dafür. Don Quichote ist nicht verwundet, nicht krank. Er stirbt, vielleicht aus Enttäuschungen, aber vor allem, weil seine Zeit um ist. Ich glaube, dass eine Person, die so eine Schlussszene schreibt, in einer ähnlichen Situation gewesen sein könnte. Jedenfalls könnte das kein junger Mann gewesen sein.“ Unerfüllt blieb ja auch die Liebe des alternden Komponisten zu der jungen Mezzosopranistin Lucy Arbell, die in der Uraufführung die Dulcinée sang …

„Das ist kein Melodrama, sondern Leben in Musik.“ - Ferruccio Furlanetto singt den Don Quichote

Ein enormes Privileg

„Es  gibt Momente, die im Leben eines Künstlers nicht oft vorkommen“, sagt Furlanetto. „So einer ist die Sterbeszene Don Quichotes, denn das ist vor allem etwas, was du für dich selbst singst und tust. Dann wird es allmählich auf das Publikum übergehen, wenn du mit der Rolle und mit dir selbst ehrlich bist. In dieser letzten Szene braucht man eigentlich nicht viel Bühne, gewöhnlich einen umgebrochenen Baum, Sancho weinend, mehr nicht. Wenn man bedenkt, dass diese Szene mit der wunderbaren Einleitung des Cellosolos beginnt, wird man sofort in die entsprechende Stimmung versetzt.“
Wenn Ferruccio Furlanetto den Don im März im Musikverein konzertant singt, wird er noch vorher, im November des abgelaufenen Jahres an der Lyric Opera Chicago in einer Neuinszenierung aufgetreten sein. Und einen weiteren Schritt in der Durchdringung seiner Lieblingsrolle getan haben. „Denn so etwas macht deinen Beruf zu einem Privileg: Nicht Beruf, nicht Arbeit, nicht Job, sondern ein enormes Privileg!“

Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.