Singen als Bekenntnis

Robert Holl

Das Geschenk zu seinem siebzigsten Geburtstag macht er sich selbst wie Wiens Musikfreunden. Am 10. März singt Robert Holl, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Schuberts „Winterreise“, am Klavier begleitet von Oleg Maisenberg. Eine Winterreise zu Robert Holl hat vorab Georg-Albrecht Eckle unternommen.

Merkwürdig: Robert Holl ist im wahrsten Wortsinne ein „Meistersänger“, aber er ist nicht das, was man einen marktträchtigen Gesangsstar nennt, obwohl er in allen Kategorien seines Bass-Spektrums musterhaft gewirkt hat und eben meisterhaft: Aber er ist wie jener Wagner’sche Sachs, den er so ungemein schlicht und ohne Darstellungsallüre auch in Bayreuth zu verkörpern wusste, kein „Selbstdarsteller“, vielleicht überhaupt kein „Darsteller“ im landläufigen Sinne ist, sondern einer, der sich bekennt: zu seiner Sache, dem Singen, zu seiner Stimme, seiner Persönlichkeit und vor allem: zur Poesie, die ihm die wahre Mitte ist.

Poetische Sendung

Bei aller geradezu selbstverständlichen Erfolgsgarantie seines Bühnenlebens, durch alle Sarastros und Komture, Basilios und Dalands hin zu Offenbarenden wie Gurnemanz oder Pimen alle Farben bedienend – wenn jemand dennoch als Mittler der Lied-Poesie ganz der Botschaft verschrieben bleibt und damit das Lied am Leben hält, ist es Robert Holl. Irgendwie gehört sein Leben dem Lied, und die Bühne ist für ihn gar Ausflug, und vielleicht genießt man als Zuschauer gerade das an ihm auf der Bühne, dass er sich von ihr, in welcher Rolle und unter welchem Regiediktat auch immer, nicht verbiegen lässt und seine „poetische Sendung“ lebt – hübsch, dass Goethes Gedicht, welches wir hiermit bemühen, ausgerechnet lautet: „Hans Sachsens poetische Sendung“. Robert Holl hat diese „Sendung“ konsequent gelebt, sei es nun als Hans Sachs oder eben als Robert Holl in einem wahrhaftigen „Sängerleben“.

Schuberts „oberster Mund“

Seine Stimme ist nicht das Produkt artistischer Intention und Elaboration. Er erzählt, dass er ohne elterliche Vorbelastung zur Musik und gleich zum Gesang kam als Chorknabe in der Geburtsstadt Rotterdam. Er leiht sich von Anbeginn sozusagen als Medium dem Gesang – und die hohe Kunst, die er als Belcantist besitzt, setzt er nicht ein, um aus der Musik ein Artefakt zu machen und damit auf den Macher hinzuweisen, sondern um die Botschaft, zumal im Lied, in vollendeter Balance zu vermitteln: so objektiv wie möglich, so subjektiv wie nötig – Ur-Weisheit einer jeden Hermeneutik. Sein Klang ist ein in jeder Weise überraschendes Einregister, das Höhen und Tiefen aus der Mitte steuert und ein wundersames „hohes“ Metall leuchten lässt.
Diese Stimme, die nichts von Fächern weiß, heute ein Rarum, ist für die große Belcanto-Tradition selbstverständlich, zumal für jene „Romantik“, um die es Robert Holl vornehmlich zu tun ist. Und da Holls Name sich am innigsten und intensivsten mit dem Schuberts verbindet, stehen wir sogleich bei dessen Ur-Interpreten, für den so viele Lieder gedacht und geschrieben sind: Johann Michael Vogl, Schubert-Freund und ein strikt nach alter Belcanto-Schule ausgebildeter Sänger, den man als „Tenor-Bariton“ bezeichnen könnte seines enormen Einregisters wegen … Und so huscht mir in Gegenwart Holls der Gedanke durch den Kopf, irgendwie sei dieser Robert Holl eine Auferstehung des Phänomens Vogl, der immerhin Schuberts „oberster Mund“ war, wie es poetisch so schön heißt.

Ein Mentor

In Robert Holls Künstlerleben ist auch eine Sängerpersönlichkeit der prägende Mentor gewesen, zwar eine weltberühmte Bühnenfigur der Wagner-Szene und der geliebte Interpret auch eines Richard Strauss, zu dem Holl ein bewunderndes, jedoch distanziertes Verhältnis hat – wir sprechen von Hans Hotter. Während seines frühen Münchner Opernengagements ließ Holl sich von Hotter ausbilden, der seinerzeit auch zu den wesentlichen Figuren des Liedgesangs zählte. Weit mehr als Holl der Bühnenartikulation, dem deklamatorischen Stil des vermeintlichen Wagnergesangs (obwohl Wagner an nichts mehr glaubte als an Belcanto!) verpflichtet, verstand es Hotter, das poetische Talent Holl sozusagen stimmlich zu sich selbst zu bringen. In dieser Zeit entfaltet Holl auch für sich das gesamte Repertoire im Bereich Oratorium. Er trifft auf Karl Richter und weitere Kapitäne der „Musica sacra“ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, freilich – dann bereits in Österreich ansässig – auch auf Nikolaus Harnoncourt, dessen hochstilisierter Klangrede Holl zu entsprechen wusste, ohne in eine spezialistische Attitüde zu verfallen.

Die Kraft des Idylls

Hat man die Chance zum Gespräch mit dem gebürtigen Holländer Robert Holl, fährt man sozusagen in ein wohlgefügtes Reich – vielleicht, wenn man so will, ein Idyll: Krems an der Donau, wo er mit seiner Gattin Ellen van Lier, ebenfalls Sängerin und Holländerin, lebt. In der lieblichen Wachau hat er, der Weinkenner, sich ein Domizil geschaffen, das irgendwie an sich schon eine Schubertiade ist – apropos: Blickt man aus seinem Fenster ob der Donau, ahnt man das Stift Dürnstein, das die Holls als Heimat für Konzerte in Schuberts Geist entdeckt haben und institutionalisiert – nach so vielen Jahren Schubertiade in Grafenegg, die durch Holl zum innigen Zentrum der Schubert-Pflege wurde, nun sich eher international aufschwingt.
Das Idyll jedoch ist für das Transzendieren der Schubert’schen Musik gleichsam Lebensnerv – warum? Weil es ein hoher Augenblick ist, von der Gefahr des Vergänglichen umschrieben … Ist es nicht das, worauf Schuberts Musik zielt, dieses Stück „Himmel auf Erden“ für einen Moment bei uns hier zu halten? Wie in jenem Lied, das, auf einmal mitten im Gespräch, in Robert Holl zu singen beginnt und mein Ohr berührt, dieses Bruchmann-Lied „Am See“: „Wenn der Mensch zum See geworden,/ In der Seele Wogenspiele/ Fallen aus des Himmels Pforten/ Sterne, Sterne ach gar viele, viele …“

„Da kommt die Poesie!“

Immer wieder, und das erzählt Holl geradezu nebenbei, lud der große Swjatoslaw Richter ihn zu seinen sublimen Moskauer Kammerkonzerten im Puschkin-Museum ein, und einmal, als er gerade ankam und eintrat, ruft Richter ihm zu: „Da kommt die Poesie!“ Und Holl gesteht mir betroffen: „Das war mein Ritterschlag.“
Die Holls, Ellen und Robert, versuchen immer wieder neu diesen poetischen Innenraum zu etablieren, das Idyll – bei Kursen, im Unterricht an den Universitäten oder eben in Schubertiaden, wo immer auf der Welt sie machbar sind: regelmäßig im, wie Holl betont, „Vaterland“, in Holland; denn „Heimat“, sagt er so schön, „ist für uns Österreich“. Wo immer er einkehrt, sucht er seinen wahren Lebensinhalt, die Poesie, einzuwohnen und bildet Zellen, um selbst in den Zentren des Musikbetriebes die intime Wahrheit der Poesie zu befestigen wie etwa mit seiner Reihe „Musik und Poesie“ im Wiener Musikverein. Und sogleich bilden sich Kreise aus von der Poesie Treffbaren und Getroffenen, nicht nur freilich durch Schuberts Mund; denn Holls poetisches Spektrum ist groß, jedoch mit wundersamer Klarheit auf etwas konzentriert, das er ausdrücklich „das Romantische“ nennt, eine durchaus internationale Romantik, die bei ihm besonders das Russische einschließt. Bekanntestes kommt zum Rarsten, und Holl, der passionierte Leser, öffnet immer wieder Schätze, weckt Schlafendes. Auch Rara aus seinem holländischen Vaterland sind darunter, ja neuerdings gar flämische Romantiker in einer Aufnahme – alles das realisiert er mit seinen Freunden am Klavier, einer stattlichen Gruppe wunderbarer Pianisten wie, um nur einige zu nennen, Jansen, Lutz, Beenhouwer, Maisenberg, aber auch Barenboim und last not least Freund András Schiff.

"Wenn ich singe, will ich die Zuhörer bezaubern – das Publikum so erreichen,
dass es sich verwandelt." Robert Holl

Neue Musik aus romantischer Poesie

Bekenntnisse müssen nicht lauthals sein – zu wenig aber weiß man allgemein von der größten Besonderheit des Phänomens Robert Holl: dass er das Interpretenamt  tiefer versteht, der Poesie noch stabilere Zukunft zu verleihen sucht, indem er sie kreativ fortsetzt: als Komponist. Und zwar ungemein gezielt und das schon seit frühen Jahren in konsequenter Weiterführung des „romantischen Gesangs“, den er nicht nur als Interpret deutet, sondern dessen Überzeitlichkeit durch neue eigene Liedkompositionen auf Texte romantischer Poesie garantiert. Er schafft mit seinen Lied-Opera, die er für sich, aber auch andere Stimmen schreibt, sozusagen eine „moderne Romantik“, Zyklen sogar, die eine „gedankliche Polyphonie“ (Holl) ermöglichen und den musikalischen Gedanken wortlos in „absoluten“ Klavierphasen weiter verfolgen; er entwickelt dabei einen Stil, der nicht museal ist, sondern sich an eines seiner Vorbilder anschließt: an den von ihm musikalisch hochverehrten Pfitzner, dessen Werk ihm Hans Hotter schon früh ans Herz gelegt hat; und so geht er aus von den harmonischen Öffnungen Pfitzners, entfaltet eine die Tonalität umspielende, ja zitierende, jedoch tonal freie Musik – viel zu wenig wahrgenommen, weil Holl unendlich diskret mit dieser seiner „Creatio“ verfährt. Manches ist da und dort – speziell in einer Dokumentation mit neun CD-Aufnahmen – zugänglich, vieles jedoch, das wegweisend sein könnte, liegt noch unpubliziert und nicht einmal uraufgeführt in Holls Kremser Idyll. Man stelle sich vor: Gesänge nach Texten Jean Pauls und, aufregend genug, nach Hölderlin; aber auch nach österreichischen Dichtern – Holls „Nachtgesänge“ nach Trakl sind wenigstens als wichtige Bausteine der poetisch-musikalischen Zukunft bekannt geworden. „Creatio“ und „Interpretatio“ sind im dauernden Gespräch bei Holl, der Neue Musik aus „romantischer Poesie“ schafft.

Nachtfahrt mit Schubert-Sternen

So vieles habe ich Robert Holl zu fragen vergessen – unverzeihlich: habe Wolf vergessen, seine enorme Deutung der Michelangelo-Gesänge und ihre größte Rezeption in Schostakowitschs inkommensurabler Michelangelo-Suite, aber das besitzen wir, Gott sei Dank, von Holl in Aufnahmen. Und auf der Rückfahrt von diesem Tag mit und bei den Holls in Krems klingt mir der Zauber des ‚„Italienischen Liederbuchs“ nach, das er schon früh mit seiner Frau Ellen in subtilster Diskretion realisierte. Man kommt nicht mehr los vom Holl’schen Idyll, einem Glück der Wahrhaftigkeit und Schlichtheit, mit der das Sängerpaar  seine Bestimmung lebt. Nicht ohne Nachdenklichkeit, gewiss, weil das Idyll definiert ist durch seine Bedrohung. Und so singt auf dieser Nachtfahrt, durch alle ratternden Züge, durch Frost hindurch, Robert Holl in mir „seinen“ Schubert: „Sterne, Sterne, ach gar viele, viele, viele …“
Am 10. März 2017, an seinem siebzigsten Geburtstag, singt Robert Holl im Brahms-Saal Schuberts „Winterreise“.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.