Präsidentenwahl, harmonisch

Johannes Stockert und Thomas Oliva

Auch so kann eine Präsidentenwahl verlaufen: harmonisch und ohne jede Anfechtung. Bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurde Dr. Johannes Stockert als Nachfolger von Dr. Thomas Oliva zum Präsidenten gewählt.

Das Musische: Es zeigt sich bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien selbst dort, wo man die pure Nüchternheit vermuten könnte. Nehmen wir nur die Statuten der Gesellschaft. Nichts Prosaischeres, sollte man meinen, als solch ein Text. Nicht so im Musikverein. Den Hauptzweck der Gesellschaft kleideten die Gründerväter derart poetisch in Worte, dass sich die Formel mehr als 200 Jahre gehalten hat. Die „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“ steht so noch in der aktuellen Version der Satzung. Mit ähnlichem Gespür fürs feine Wort erfassten die Gründungsstatuten 1814 das Procedere der leitenden Organe. „Die Geschäfte“, heißt es da, „werden durchaus berathschlagungsweise besorgt.“ Die Ausdrucksweise hat sich nicht gehalten, sehr wohl aber der Geist. Durchaus beratschlagungsweise und in bestem Einvernehmen erfolgte im Dezember 2016 die Wahl eines neuen Musikvereinspräsidenten aus der Mitte der Direktion. Dr. Johannes Stockert übernimmt das Amt von Dr. Thomas Oliva, der aus Altersgründen in den Senat wechselt.

Kontinuität und Wandel

Aus Altersgründen? Man mag es kaum glauben, wenn man den nunmehrigen Ex-Präsidenten so vor sich sieht, aber die Gesellschaft der Musikfreunde hat sich die strikte Befolgung einer selbstgewählten Regel verordnet. Mit 72 muss ein Direktionsmitglied aus dem Gremium ausscheiden. Punktum. Das gilt, ohne Wenn und Aber, auch für den Präsidenten, der dem Direktionskollegium angehört. Thomas Oliva verteidigt die Norm. „Man muss anderes wachsen lassen, damit das Vorhandene Bestand hat“, sagt er bestimmt und formuliert damit eine Devise, die für den Musikverein im Ganzen gilt. Die Tradition lebt aus der Erneuerung.
Bei der Gründung der Gesellschaft – Oliva verweist lächelnd darauf – wurde der Wechsel in den leitenden Gremien sogar durch ein Losverfahren sichergestellt. Davon ist man längst abgekommen, aber die Balance von Kontinuität und Wandel bleibt leitendes Prinzip. So rückte nun Johannes Stockert vom Vizepräsidenten zum Präsidenten auf. Dr. Herbert Kloiber wurde als Vizepräsident bestätigt, Dr. Alfons Stimpfl-Abele übernimmt das Amt des zweiten Vizepräsidenten, als neues Mitglied wurde Mag. Gabriela Gantenbein ins Direktorium gewählt.

Kultur des Gesprächs

Was ein Präsident kann, darf, soll oder muss: Das wurde in Österreich zuletzt rund um x Wahlgänge x-fach diskutiert. Gar so kompliziert ist es beim Musikverein nicht. „Der Präsident“, sagt Johannes Stockert in einer ersten Skizzierung des Amts, „ist Teil des Leitungsorgans und hat fallweise eine beratende Funktion. Wir haben natürlich das große Glück, mit Dr. Angyan einen ausgezeichneten, sehr erfahrenen und überall angesehenen Intendanten zu haben, der das Haus seit bald drei Jahrzehnten hervorragend führt, aber es gibt immer wieder auch Fragen und Entscheidungen, für die gemäß den Statuten und der Geschäftsordnung eine Mitwirkung der Direktion oder des Präsidiums vorgesehen ist.“
Wie Stockert hier agieren wird, wäre mit dem schönen alten Wort „berathschlagungsweise“ gut umschrieben, aber noch besser lässt es sich fassen als fundierte konsensorientierte Diskussion. „Das ist ein Ziel, das ich mir setze, dass letztendlich alle vom gemeinsamen Weg überzeugt sind.“ Konsens also nicht (altösterreichisch) als alternativloses Harmoniegebot, sondern (zeitgemäß) als Ergebnis gründlichen Gesprächs. Johannes Stockert versteht sich darauf – er ist nebstbei ausgebildeter Mediator. Die Tätigkeit selbst übt er nicht mehr aus, aber er kann, was den Mediator auszeichnet, in seinen Beruf einbringen. Als erfolgreicher Rechtsanwalt weiß er, wie wichtig der rechtzeitig gesuchte Ausgleich ist. „Ich habe nicht sehr viel prozessiert in meinem Leben“, sagt er, „ich bin immer eher auf konsensuale Lösungen der Konflikte aus.“ Konfliktstoff wird er im Musikverein kaum finden. Aber die Kultur der Diskussion, die Kultur des Gesprächs ist ein Atout, das sich deckt mit dem kulturellen Selbstverständnis des Hauses.

Nur und vor allem

So folgt ein Jurist dem anderen. Auch Thomas Oliva schloss seine Studien als Dr. iuris ab und war dann lange Jahre in der Vereinigung Österreichischer Industrieller tätig, zuletzt als Geschäftsführer der Landesgruppe Wien. Die Funktion des Musikvereinspräsidenten ist, seit je, ein Ehrenamt, genauso wie die Mitgliedschaft in der Direktion. „Der Präsident“, so versuchte es Franz Endler in seinem Musikvereinsbuch zu formulieren, „ist seit der Gründung der Musikfreunde immer ,nur‘ ein Musikfreund. Das heißt: er hat einen bürgerlichen Beruf und übt sein Amt … nebenbei und aus seiner ganz eigenen Leidenschaft aus.“
Das war schön und gut gesagt und beinahe treffend. Allein das Wort „nur“ wäre zu ergänzen – oder noch besser zu ersetzen – durch: „vor allem“. Der Präsident des Musikvereins ist vor allem Musikfreund. Als solcher hat er den Weg in dieses Haus gefunden und seine Liebe dazu weiterentwickelt, als solcher hat er den Entschluss gefasst, sich ehrenamtlich für die Institution zu engagieren.

Aparte Instrumentenwahl

Johannes Stockert begann seine Beziehung zum Musikverein als Stehplatz-Abonnent der Jeunesse. Er erstand in einer Saison gar drei Abonnements – so groß war schon damals sein Interesse an Musik. Doch er hörte nicht nur, er spielte auch. Am Konservatorium, der heutigen Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, besuchte er sechs Jahre lang die Blockflötenklasse. Hans Ulrich Staeps war ein begeisternder Lehrer, Johannes Stockert ein motivierter Schüler. So kam es, dass der Gymnasiast eine musikalische Leidenschaft pflegte, die kaum einer seiner Altersgenossen teilte. Was heute nach einer Pioniertat für die heraufziehende Alte-Musik-Szene aussieht, dürfte in den 1960er Jahren als ziemlich uncool angesehen worden sein – Johannes Stockert aber ließ sich vom Mainstream nicht beeindrucken und spielte einfach gern. Nach der Matura wechselte er zur Klarinette: leider, wie er heute findet, eine Spur zu spät. Zwei weitere Jahre hatte er Unterricht am Konservatorium und machte rasch Fortschritte auch auf diesem Instrument – doch dann legte er Klarinette und Flöte beiseite, nicht zuletzt, weil er neben Jus auch noch (bis zum Magisterabschluss) Wirtschaft studierte. Sage noch einer, der Musikvereinspräsident sei „nur“ Musikfreund. Er ist es auch. Und wenn er ins Haus kommt: vor allem.

Wittgensteins Urgroßneffe

Dass sich ein solcher Präsident für die Musik „in allen ihren Zweigen“ begeistern kann, versteht sich. Stockert ist nicht nur bei großen Orchester- und Solistenkonzerten im Goldenen Saal anzutreffen, sondern auch bei Alternativprogrammen im Gläsernen Saal oder Konzerten des Ensembles Kontrapunkte im Brahms-Saal. Dass der Musikverein das Neue konsequent mit Auftragswerken fördert, unterstützt er mit Leidenschaft, nicht minder wichtig findet er, dass solche Werke dann – wie vom Ensemble Kontrapunkte – als Repertoirestücke gepflegt werden.
Mag sein, dass sich in dieser Neigung auch ein Stück Familienerbe spiegelt. Stockert ist ein Ururenkel von Karl Wittgenstein, dem bedeutenden Kunstförderer und Vater des Philosophen Ludwig und des Pianisten Paul Wittgenstein. Paul – Musikfreunde wissen es – ließ sich nach dem kriegsbedingten Verlust seines rechten Arms von namhaften Komponisten Klavierwerke für die linke Hand schreiben, die teils auch im Musikverein uraufgeführt wurden.
Wittgensteins Urgroßneffe teilt die Neugier fürs Überraschende. „Ich finde es besonders reizvoll“, sagt Johannes Stockert, „in Konzerte zu gehen, bei denen kaum oder nicht bekannte Werke auf dem Programm stehen.“

„Ich finde es besonders reizvoll in Konzerte zu gehen, bei denen kaum oder nicht bekannte Werke auf dem Programm stehen.“ Johannes Stockert

Die nobelste Aufgabe

Musik in allen ihren Zweigen und das Neue, das nachwächst: Für Thomas Oliva, den scheidenden Präsidenten, waren das Erfahrungen einer ständigen Bereicherung. Ein Vierteljahrhundert war er Mitglied der Direktion. „Die Gesellschaft der Musikfreunde, wie sie sich heute darstellt, ist eine ganz andere als die vor 25 Jahren“, sagt er. „Das Programm hat sich enorm ausgeweitet, wir haben viel mehr Besucher, die Vier Neuen Säle tragen zu dieser Fülle ebenso bei wie das starke, kreative Angebot für Kinder und Jugendliche. Und nicht zu vergessen: unser Archiv, die größte private Musiksammlung der Welt, die mit Ausstellungen und der Reihe ,Nun klingen sie wieder‘ auch unmittelbar im Veranstaltungsprogramm des Hauses präsent ist.“
Diese Entwicklung – auch darin sind sich der alte und der neue Präsident einig – wäre nicht denkbar ohne die Aufgeschlossenheit und Begeisterungsfähigkeit der Musikfreunde. „Wir haben das Glück“, so formuliert es Thomas Oliva, „ein wunderbares Publikum zu haben. Unser Sinn als Gesellschaft der Musikfreunde konzentriert sich auf die Gewinnung des Publikums. Und das Publikum für vieles zu gewinnen, das ist die nobelste Aufgabe!“

Glück der Öffnung

Gewinnen: Das ist das Wort. Nicht „belehren“, nicht „erziehen“. Der Musikverein, sagt Oliva, ist keine „Erziehungsanstalt“. Nein, er ermöglicht Begegnungen, und je mehr er selbst neugierig bleibt, umso besser gelingt es, „das Entdeckenlassen und Freude-an-der-Musik-Gewinnen.“ Oliva hat dieses Glück der Öffnung oft und oft selbst erlebt: „Musik, die nicht nur die Ohren öffnet, sondern auch Herz und Hirn.“
Für dieses Gespräch hat er ein Buch aus dem Regal geholt und mitgebracht, das für all das entscheidend war. Als Schüler hat er sich’s gekauft, in der Buchhandlung Pock in Graz, noch heute weiß er es genau. Die Lektüre war ein Schlüsselerlebnis für ihn. Leonard Bernstein hat das Buch geschrieben, und der Titel ist Programm: „Freude an Musik“.
Für Thomas Oliva war es der Funken Poesie, der stärker wirkt als alle Prosa. So werden aus Juristen Musikfreunde. Nebenbei? Nein: vor allem.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.