Nur ein bisschen verrückt

Das Ensemble Fagotes Locos

Was sie – unter anderem – verbindet: ein bisschen Glück, ein bisschen Verrücktheit, ein gerüttelt Maß an Musikalität und Meisterschaft an ihrem Instrument und nicht zuletzt die Liebe zu ebendiesem, dem Fagott. Als Ensemble Fagotes Locos geben die vier Fagottisten des ORF RSO Wien ihren zweiten Quartettabend im Gläsernen Saal.

Es gehört doch immer auch ein bisschen Glück dazu. Und das Glück meinte es gut mit dem ORF RSO Wien: Es hat dem Orchester eine Fagottistengruppe beschert, die sich menschlich ebenso wie künstlerisch hervorragend ergänzt und versteht. Die künstlerische Komponente mag sich via Probespiele lenken lassen, die menschliche mitnichten. Ein Glück also auch für die vier Fagottisten selbst. In den mittlerweile zehn Jahren ihres orchesterbedingten Zusammenwirkens in dieser Besetzung ist der professionellen Kollegialität eine freilich von Musik, aber auch von Respekt und Humor getragene Freundschaft erwachsen. Unter kreativen Köpfen durchaus keine Selbstverständlichkeit, dessen sind sich die vier sehr bewusst. Dass aus David Seidel, Marcelo Padilla, Leonard Eröd und Martin Machovits schließlich auch kammermusikalisch eine fixe Formation wurde, ist nicht minder Zu- oder eben Glücksfall.

Unverhofftes Engagement

Als beim RSO vor einigen Jahren die „treue und gute Seele des Orchesterbüros“ (Zitat: Fagotes Locos) in den Ruhestand trat und ihre feierliche Verabschiedung ins Haus stand, entschlossen sich die vier Fagottisten spontan, der hochgeschätzten Kollegin zu Dank und Ehren ein Ständchen zu bringen. Dafür wollte freilich auch ein wenig geprobt sein. David Seidel, Erster Fagottisten des Orchesters, bereitete sich in diesen Tagen mit dem Ensemble Kontrapunkte auf ein Konzert im Musikverein vor und fragte kurzerhand bei der Leiterin der Vier Neuen Säle um einen Raum an, in dem während einer Kontrapunkte-Probenpause eine Fagottquartett-Probe stattfinden könnte. „Wir haben unsere drei Stücke zum Funktionieren gebracht und viel Spaß dabei gehabt“, erinnert sich David Seidel. „Ein paar Tage später kam eine Mail aus dem Musikverein mit der Anfrage, ob wir ein Konzert spielen möchten.“

Überzeugende Brillanz

Das Zum-Funktionieren-Bringen war – von den Fagottisten unbemerkt – mitgehört worden und überzeugte in Zugriff und Brillanz gleichermaßen; die vier Musiker waren perplex und erfreut zugleich, sie sagten zu und spielen seither in schöner Regelmäßigkeit als Quartett auch außerhalb des Orchestersdiensts. Nun allerdings galt es zunächst, einen Namen zu finden. Wiener Fagottquartett, Radio-Quartett oder Ähnliches schien viel zu naheliegend. Dass sie sich letztendlich einen spanischen Namen gaben, liegt daran, dass Marcelo Padilla, wie Seidel Erster Fagottist des RSO, aus Costa Rica stammt. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. „Marcelo und ich haben einander schon gekannt, bevor wir gemeinsam im Orchester engagiert waren“, erzählt David Seidel. „Es war unsere Redensart, uns mit ,Hey, Loco, wie geht’s?‘ zu begrüßen, also mit ,Hey, Verrückter‘. Das haben wir beibehalten.“ Als sie dann als RSO-Fagottistengruppe zur Vereinfachung der internen Kommunikation eine Whatsapp-Gruppe gründeten, kamen sie auf den Namen „Fagotes Locos“ – und angesichts der außergewöhnlichen Umstände, unter denen ihr erstes großes Engagement als Kammermusikensemble zustande gekommen war, wählten sie auch für ihr Quartett diesen Namen.

Starke Individuen, starkes Kollektiv

Ein abendfüllendes Programm für Fagottensemble zu erstellen ist selbst bei bester Kenntnis der spezifischen Literatur keine leichte Übung. „Das Originalrepertoire für diese Besetzung erschöpft sich“, sagt David Seidel, „und die Arrangements, die es gibt, sind gut, aber nicht maßgeschneidert. Jeder von uns hat seinen besonderen, ganz eigenen künstlerischen Charakter, das wollen wir im Quartett zeigen. Wir sind vier sehr starke Individuen, die sich jedoch nicht nur in Ruhe lassen, sondern einander respektieren, akzeptieren und gern ergänzen. Das ist wichtig für unsere Tätigkeit im Orchester – das macht aber auch den Reiz aus, gemeinsam Kammermusik zu machen, und es ist mit ein Grund dafür, dass wir in dieser Viererkombination ein lustiges, manchmal eben auch verrücktes Paket sind.“
In Leonard Eröd, er stieß 2007 als Letzter der vier zum Orchester und ist dessen Solo-Kontrafagottist und Zweiter Fagottist, haben Fagotes Locos einen exzellenten Arrangeur im Team, der es vortrefflich versteht, in seinen Bearbeitungen auf die Spezialitäten der einzelnen Kollegen einzugehen. David Seidel gibt einen kleinen Einblick: „Die schönen Melodien überträgt er meist Marcelo oder auch sich selbst. Bei mir ist es die Höhe, die mir besonderen Spaß macht – ein jeder hat so seine bevorzugten Lagen. Bei Martin (Machovits, im RSO Zweiter Fagottist) ist es die Tiefe, er ist unser stabiles Fundament.“

Hoch und tief

„Das Schöne ist“, setzt David Seidel begeistert fort: „Beim Fagott haben wir sowohl das Bassregister als auch die mittlere und die hohe Lage, sodass es in diesem Quartett aus gleichen Instrumenten an nichts fehlt.“
Die hohen und die tiefen Lagen – für Fagottisten sind sie ein wichtiges Thema und verlangen ihnen immense Wandlungsfähigkeit und Flexibilität ab. „Rein mechanisch-physikalisch betrachtet, hat man es mit völlig unterschiedlichen Druckverhältnissen zu tun“, erklärt David Seidel, „und musikalisch-künstlerisch betrachtet, setzt es eine ganz andere Art zu spielen und zu phrasieren voraus.“ Die tiefe Fagottlage ist mit sehr langen Luftwegen verbunden. Beim Kontrafagott beträgt der Luftweg bis zu einem halben Meter für einen Halbton, beim Fagott immerhin zehn bis fünfzehn Zentimeter.

Vier Viertel

„Wer etwa eher daran gewöhnt ist, in der Tiefe zu spielen, kennt jeden Winkel in diesen Regionen des Instruments“, weiß David Seidel, und Gleiches gilt für jene, die sich verstärkt in den höheren Lagen bewegen. So ergeben sich die gewissen Spezialitäten und Vorlieben der einzelnen Mitglieder von Fagotes Locos. Und Natürlich, räumt David Seidel im Namen seiner Kollegen schmunzelnd ein, „wir lieben es alle vier, uns virtuos in den Vordergrund zu drängen“. In einem abendfüllenden Konzertprogramm ist freilich genügend Raum für einen jeden von ihnen, und Leonard Eröd sorgt in seinen Arrangements dafür, dass alle Möglichkeiten ausgereizt und gleichzeitig auch die Wünsche seiner Kollegen berücksichtigt werden.
Ihr Programm für den Musikverein ist, wie schon ihr erstes 2013, „Ein Abend in vier Vierteln“, was im Falle von Fagotes Locos weniger mit Promille als mit den jeweiligen künstlerischen Vorzügen und Vorlieben der Fagottisten zu tun hat. Angesichts ihrer aller Meisterschaft ergibt dies ein äußerst breites, abwechslungsreiches und für sie selbst auch herausforderndes musikalisches Spektrum quer durch die Epochen und Gattungen bis hin zu zwei Uraufführungen, die Vinicio Meza und Gerald Resch eigens für Fagotes Locos schreiben. Ein bisschen Weinseligkeit wird möglicherweise dennoch aufkommen: wenn der ehemalige Wiener Sängerknabe Martin Machovits das Fagott kurz beiseite legt und ein Wienerlied anstimmt – begleitet nicht etwa von einem Akkordeon, sondern von seinen drei Kollegen am Fagott.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.