La voix humaine

Zum Tod von Georges Prêtre

Die Trauer ist groß über diesen Verlust. Und groß ist die Dankbarkeit, diesen wundervollen Musiker erlebt zu haben – über so lange Zeit und immer so intensiv, so hinreißend leidenschaftlich. Georges Prêtre, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, starb am 4. Jänner 2017, im 93. Lebensjahr, in seiner französischen Heimat.

Noch im Oktober 2016 war er nochmals in Wien, seiner Wahlheimat, um im Musikverein zwei Konzerte zu dirigieren: Es sollten die letzten von nicht weniger als 177 Auftritten in diesem Haus sein, seine letzten Konzerte überhaupt. Les Adieux – ein Abschied, der nicht bewegender hätte ausfallen können. Georges Prêtre war noch einmal da und ganz er selbst. Noch einmal elektrisierte er die Musiker auf dem Podium wie die Musikfreude im Goldenen Saal auf seine unvergleichliche Art. Sie feierten ihn mit Standing Ovations, dankbar für das Glück, das Prêtre einmal mehr gespendet hatte: pulsierend,  prickelnd, befreiend spontan.

Auszurechnen war er nicht. Und alles Berechnete war ihm fremd wie das Berechnende. Ans Geschäft lieferte er sich nicht aus. Schrecklich wäre es, sagte er den „Musikfreunden“ einmal, als „Handelsreisender“ unterwegs sein zu müssen, „un voyageur de commerce de la musique“. Nein, die Rolle kam für ihn partout nicht in Frage! Genauso konsequent vermied er es, sich als Chefdirigent in ein Raster von Pflichten einbinden zu lassen. Was seine Beziehungsleben in der Musik anging, wollte er nicht Ehemann sein, sondern „Fiancé“, Verlobter: stets auf Freiersfüßen und damit – man spürte es beim ihm – dem Verliebtsein, der jungen Leidenschaft so nah wie möglich.

Als Fiancé ging Prêtre seine Verbindung mit den Wiener Symphonikern ein. Von 1986 bis 1991 führte er als Erster Gastdirigent Wiens „anderes“ Orchester zu großer Blüte. Als Fiancé gewann er auch die Wiener Philharmoniker für sich. Auch sie, man darf es wohl so sagen, verliebten sich in ihn und seine Art, Musik zu leben. Die Neujahrskonzerte, die Prêtre 2008 und 2010 dirigierte, sandten das Beziehungsglück hinaus in alle Welt. „Pour moi je me sens un petit peu Viennois!“ Er fühle sich, sagte Prêtre, ein bisschen als Wiener. Es war eine charmante Untertreibung.

Wie herrlich sich der Franzose aufs Wienerische verstand, zeigte sich bei seinen letzten Musikvereinskonzerten nochmals in der berückend tänzerischen Eleganz der „Fledermaus“-Ouvertüre. Es war überhaupt ein Programm ganz nach Prêtres Maß: Beethoven con brio, die „Egmont“-Ouvertüre in drängender Dynamik. Dann die „Barcarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“, mit solch agogischer Finesse musiziert, dass alle Wunschkonzertvertrautheit mit einem Mal verschwunden war und eine aufregend neue Pièce erklang. Schließlich der „Boléro“ – ohnehin so etwas wie das Prêtre-Stück. Keiner konnte die Sinnlichkeit dieses Werks so betörend sprechen lassen wie er. Keiner erspürte, wie er, den Eros der Musik. Das galt auch für den 92-Jährigen.

Er war kein Dirigent. Georges Prêtre war – und darauf legte er wert – Interpret! Wenn er den Unterschied erklärte, wechselte er aus dem französischen Très-animé-Parlando in ein ruppiges Deutsch, um das abgelehnte Dirigentensein zu charakterisieren. „Ne pas eins-zwei-drei-vier“! Nein, diese Taktschlägerei kam für ihn nicht in Frage. Ganz anders hingegen der Interpret. „Ich glaube ein Interpret ist ein Dichter, eine literarische Fantasie muss da sein …“
Die Fantasie bewegte er und weckte sie, beglückend, in denen, die sich mit ihm aus dem Gesicherten wagten. Heraus aus dem Korsett, hinaus aus dem Raster des Eins-zwei-drei-Vier. Frei nach Hölderlin: „Komm! Ins Offene, Freund!“

„Ich spiele“, sagte er den „Musikfreunden“ einmal, „das schönste Instrument, das es gibt, ein sehr kompliziertes, aber ganz wunderbares. Denn ein Orchester besteht aus Menschen, ist durch und durch menschlich. Und ich darf dieses Instrument spielen, darf die Menschen spielen machen!“
Wie das gelingen konnte, blieb sein Geheimnis – schwer in Worte zu fassen. „Es ist die Aura“, so versuchte er es selbst, „es ist ein besonderes Fluidum, es sind die Wellen, die den Kontakt prägen und die Gemeinschaft zwischen dem Interpreten und seinem Instrument herstellen.“

Der Interpret ist Mittler und als solcher dem Komponisten in der Pflicht. Prêtre sah es so und lebte die Verantwortung. Er studierte intensiv und ging selbst das scheinbar Bekannte immer wieder durch. „Die nachschöpferische Arbeit“ – auch das war sein Credo – „bedarf der Demut.“ Auf diesem Grund freilich bewegte er sich frei, mit der ganzen Strahlkraft seiner Persönlichkeit und der Leidenschaft seiner Hingabe. Der Interpret Georges Prêtre vermittelte, wie eng die zwei Tugenden zusammengehören. Zwei Seiten einer Medaille: Demut und Mut.

1924 in ärmlichen Verhältnissen geboren, zog es den Jungen schon früh zur Musik. Er träumte davon, Komponist zu werden, erhielt Klavierunterricht am Konservatorium und studierte Trompete – für die Oboe, die er sich eigentlich gewünscht hätte, reichte das Familienbudget nicht aus. Während seiner Studienzeit in Paris verdiente er sich Geld als Jazztrompeter und spielte an der Seite von Größen wie Edith Piaf und Yves Montand. Dann entdeckte er das Dirigieren und erwarb auch da ein Diplom. Rasch stand er am Pult kleinerer Opernhäuser – sei es in Marseille, Lille, Casablanca oder Toulouse. Und nicht lange dauerte es, bis er als Dirigent auch in der Metropole Paris angekommen war.

Noch vor seinem vierzigsten Lebensjahr debütierte er an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala und der Metropolitan Opera New York. Als einer der bevorzugten Dirigenten von Maria Callas wurde er auch mit Schallplattenaufnahmen („Carmen“, „Tosca“) weltberühmt, die großen Orchester Amerikas und Europas riefen ihn ans Pult.
Francis Poulenc entdeckte ihn als idealen Interpreten seiner Musik und vertraute ihm die Uraufführung von „La voix humaine“ an. „Gesegnet“, schrieb der Komponist nach der Premiere, „der Tag, an dem Georges Prêtre geboren wurde.“

Wie bei Maria Callas war es auch bei Poulenc ein Einverständnis, das sofort da war, spontan, intuitiv, ohne großes Reden. „Mein ganzes Leben war so“, sagte Georges Prêtre schon vor bald zwanzig Jahren in einem „Musikfreunde“-Interview. „Es braucht kein Wort, man ist einfach da, los geht’s, einfach so. Es macht ,Klack!‘ Das Leben ist etwas Seltsames. Ich glaube an die Ausstrahlung, an eine Art Wellen, die man aussendet.“

Ein reiches Leben ist nun zu Ende gegangen, eine menschliche Stimme verstummt. Die Musik aber, die Georges Prêtre in uns zum Klingen brachte, wird unser Leben lang nachschwingen.

Joachim Reiber