Im vereinten Europa der Musen

Claudio Osele

Claudio Osele lädt im Zyklus „Musiqua Antiqua“ mit seinem Ensemble Le Musiche Nove zu neuen Entdeckungsreisen – in jene Epoche, die das grenzenlose Europa zumindest im Musikleben verwirklicht hatte.

Es gibt wohl nur wenige Spezialisten, die in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts abseits der berühmten Namen so bewandert sind wie Claudio Osele, der über sämtliche ungehobene Schätze in den europäischen Archiven Bescheid zu wissen scheint; so geht er naturgemäß auch im Musikverein mit schöner Regelmäßigkeit ein und aus.
Mit vierzehn hatte er am Teatro Filarmonico in Verona eine Aufführung von Vivaldis „Orlando furioso“ mit Marilyn Horne und Victoria de los Angeles erlebt. „Damals hat es bei mir Klick gemacht“, erinnert sich der Sohn einer Familie von Wein- und Olivenbauern aus Bardolino am Gardasee, der schon in der Kindheit prägende musikalische Erfahrungen als Sängerknabe sammeln konnte.

Forschung für bahnbrechende Alben

Die früh erwachte Leidenschaft für „die faszinierende Vielfalt und Freiheit im strengen formalen Korsett“ in der Barockmusik führte ihn in der Folge nicht nur zu einem Studium der Musikwissenschaft in Mailand, sondern sehr bald auch in die Praxis. „I Delfici“ lautete der poetische, auf die delphischen Hymnen bezogene Name jener winzigen Formation – „nicht mehr als ein Quartett plus Cembalo“ –, in der der Norditaliener mit dem römischen Geschwisterpaar Gabriele und Cecilia Bartoli zusammentraf. Und als die bereits renommierte Koloratursängerin Ende der 1990er Jahre mit ihren Erkundungsreisen in unbekanntes Barockrepertoire begann, wirkte Claudio Osele verlässlich im Hintergrund, besorgte Forschungs- und Editionsarbeit für ihre bahnbrechenden Alben mit Werken von Vivaldi und Salieri, mit Glucks italienischen Arien sowie für das Programm „Opera proibita“.
Im Jahr 2001 gründete er mit „Le Musiche Nove“ sein eigenes Ensemble, um seine Fundstücke auch selbst zum Klingen zu bringen. Internationale Aufmerksamkeit erregte das Album „Lava“, mit weitgehend unbekannten Arien von Pergolesi und Porpora, Hasse und Leonardo Vinci, interpretiert von Simone Kermes, gefolgt von „Colori d’amore“ im selben Genre und derselben Konstellation.

Händel in ungewohntem Kontext

Auch sein Musikvereinsdebüt galt der Neapolitanischen Schule: Johann Adolf Hasses frühe Serenata „Marc’ Antonio e Cleopatra“, mit Vivica Genaux und Francesca Lombardi Mazzulli, ist mittlerweile ebenfalls auf CD erschienen. Und nun präsentiert Claudio Osele einen Abend im Zeichen von Händel, in ungewohntem Kontext, versteht sich: nämlich in Gesellschaft jener Komponisten, die er in seinem Londoner Orchester als Musiker versammelt hatte.
Claudio Osele ist fasziniert von der Grenzenlosigkeit des Musiklebens im Europa des 18. Jahrhunderts, als „wahre Ströme von italienischen Musikern“ sich in anderen Ländern niederließen. Und dieses musikalische Europa beschränkte sich nicht auf das Reich der Habsburger und auf den Kontinent, sondern erfasste sogar die Splendid Isolation der britischen Inseln. „Und es gingen damals eben nicht nur italienische Sänger nach London, sondern auch Instrumentalisten, und manche davon waren berühmte Komponisten ihrer Zeit“, erklärt Claudio Osele. Nicht-Italiener wiederum gingen nach Italien, um dort ihrer Meisterschaft den entscheidenden Schliff zu geben; prominentestes Beispiel: der junge Händel. So schließt sich der Kreis.

Unkonventionelle Musik

„Händel und seine Musiker haben viel voneinander profitiert. Wir wissen, wie sehr er von bestimmten Sängerinnen und Sängern inspiriert war. Aber auch die besonderen Fähigkeiten bestimmter Instrumentalisten haben ihn angeregt und beeinflusst.“ Das will Osele in seinem aus Vokal- und Instrumentalstücken gemischten Programm erlebbar machen. „Die Funktionen von Komponist und Instrumentalsolist sind damals ja oft gar nicht zu trennen“, verweist er auf einen heute praktisch unbekannten Meister wie Pietro Castrucci. Händel lernte den einige Jahre älteren Geiger in Rom kennen und verpflichtete ihn für sein Londoner Opernorchester, wo er zwanzig Jahre lang als Konzertmeister wirkte. Mit einem repräsentativen Concerto grosso wird nun auch sein Schaffen gewürdigt.
Ein Herzstück des Programms bildet eine Arie aus Händels „Arminio“, deren Oboensolo ausdrücklich Giuseppe Sammartini gewidmet ist, der 1729 als Oboist zu Händel nach London kam. Ebenfalls als Oboist war der aus der Toskana stammende Francesco Barsanti tätig, der den größten Teil seines Lebens auf den britischen Inseln verbrachte und gleichfalls in Händels Orchester spielte. „Seine Musik ist sehr eigenständig, und man kann deutlich die Einflüsse seines Aufenthalts in Edinburgh erkennen“, sagt Claudio Osele. „Die Ouverture, die wir im Konzert spielen, enthält eine typische Scotch Tune.“
Generell handle es sich um durchwegs originelle und unkonventionelle Musik, betont Osele: „Das sind keine sogenannten Kleinmeister.“ Und der Umstand, dass ihre Werke nicht in handschriftlichen Quellen überliefert sind, sondern in Form von gedruckten Stimmen, dokumentiert, dass sie seinerzeit viel gespielt und eben auch verlegt waren.

Die einzige Quelle

„Das waren faszinierende Typen, die da in Europa unterwegs waren, vielseitig gebildet. Und trotz ihrer Berühmtheit sind sie oft in Armut gestorben, wie etwa Nicola Porpora“, entwirft Osele ein lebendiges Bild der damaligen Zeit – und hat gleich eine kleine Serie von Projekten vor seinem geistigen Auge: „Das Orchester von Scarlatti in Neapel und natürlich die Wiener Hofkapelle, mit Leuten wie Caldara und Ragazzi: Das wäre eine interessante Fortsetzung dieser Idee!“
Davon abgesehen, will er sich auf jeden Fall weiterhin dem Œuvre von Johann Adolf Hasse widmen, das er systematisch an die Öffentlichkeit bringt. Zum 15-jährigen Bestehen des Ensembles Le Musiche Nove kam vergangenen Herbst die CD „Hasse at Home“ heraus, mit einer Auswahl von Kammermusik, die besonders anspruchsvoll und experimentierfreudig, weil eben nicht für großes Publikum geschrieben ist.
Als nächstes will er nun eine andere frühe Serenata zu neuem Leben erwecken: „Semele“, geschrieben 1726 für eine Aufführung in Neapel. „Wir kennen das Stück von Händel. Hasse hat diesen Stoff schon siebzehn Jahre früher vertont“, sagt Osele, der die neue kritische Ausgabe bereits besorgt hat: „Die einzige Quelle liegt im Musikverein!“

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).