Im Zeichen des Orpheus

Monteverdi und die Anfänge der Oper

Claudio Monteverdis „Orfeo“ geht, fast auf den Tag genau, 410 Jahre nach der Uraufführung in Mantua über die Bühne des Großen Musikvereinssaals: Anlass zu Gedanken über Ursprung und Wesen des Musik-Theaters.

Jedes Konzert im Musikverein steht im Zeichen des Orpheus. Kein Besucher kann ihn vermeiden, so zentral wie ihn der Ringstraßen-Bildhauer Franz Melnitzky (übrigens auch Urheber der vergoldeten Karyatiden im Großen Musikvereinssaal) im Giebelfeld über dem Haupteingang platziert hat. Die Skulpturengruppe zeigt die Fabel des Orpheus in ihrem schönsten Moment, kurz vor dem tragischen Umschwung, gleichsam den fruchtbaren Moment der Geschichte. In streng klassizistischer Frontalität sitzend, rührt der antike Sänger die Lyra – und die ihn umgebenden Götter zu Tränen. So entlassen sie die am Schlangenbiss verstorbene Eurydike – links an ihren Gatten gelehnt – wieder aus dem Totenreich zu den Lebenden. Die Macht der Musik überwindet den Tod – vorübergehend, denn wir wissen, wie tragisch die Geschichte ausgegangen ist.
Zwar muss sich selbst die Musik der Sterblichkeit alles Irdischen beugen, doch: Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab ihm ein Gott zu sagen, wie er leidet. Goethes Verse aus seinem Schauspiel „Torquato Tasso“ über den Künstler und die Kunst schlechthin spiegeln sich im Orpheus-Mythos – der Gesang hilft ihm, den Schmerz des Verlustes zu bewältigen. In der Kunst sublimiert er das Leid.

Magische Verknüpfung

Der historische Tasso stellt die Assoziation zu den oberitalienischen Fürstenhöfen der Renaissance her, in deren Umfeld der Orpheus der Antike zu neuzeitlichem Leben erweckt wurde und zugleich eine neue Kunstgattung inspirierte: die Oper. Betrachtet man deren Entwicklung, fällt die fast magische Verknüpfung mit der Fabel des Sängers ins Auge. Wesentliche Punkte in der Entwicklung des Musiktheaters verbinden sich mit Orpheus. Außer der Geburt der Oper aus dem Geist dieses Mythos um 1600 auch die Regeneration rund 150 Jahre später: Mit „Orfeo ed Euridice“ erfolgt die Rückbesinnung auf den Verlauf der Handlung und deren musikalische Durchgestaltung anstelle einer Kette aneinandergereihter Bravourarien. Die Opernreform Christoph Willibald Glucks entfaltete ihre Wirkung noch bei den durchkomponierten Musikdramen Richard Wagners. Und ein Jahrhundert nach Gluck, als der Orpheus-Mythos auf der Opernbühne längst passé war, erfand Jacques Offenbach mit „Orpheus in der Unterwelt“ die Operette und damit einen Zweig des musikalischen Unterhaltungstheaters, der im Musical weiterlebt und mit neuen Schöpfungen bis in die Gegenwart breitenwirksam Erfolge feiert.

Zentraler Umschlagplatz

Was Orpheus für die Oper, ist Mantua für Orpheus – der zentrale Umschlagplatz dieser Geschichte durch mehr als 16 Jahrhunderte. Die älteste überlieferte Gestaltung des Mythos in der Literatur – zweifellos auf griechischen Ursprüngen basierend – stammt von Publius Vergilius Maro, geboren im Jahr 70 vor Christus in Mantua. Sein Lehrgedicht „Georgica“ widmet sich in vier Büchern Themen der Landwirtschaft. Das vierte handelt von der Imkerei. Aristaios, Sohn des Apollo und Bienenzüchter, stellt in Thrakien der Eurydike nach, die auf der Flucht vor ihm auf eine Schlange tritt und als Folge des tödlichen Bisses in der Unterwelt verschwindet. Ihr Gatte Orpheus steigt hinab zu den Toten und rührt mit seinem Klagegesang die Götter der Unterwelt:

„Da ward still das ganze Haus,
die Höhle des Todes,
Selbst die Geister der Rache,
das Haar umwunden mit Schlangen,
Hielten still, es schwieg des Kerberos
klaffender Rachen.
Und schon kehrt er zurück,
entronnen aller Gefahr, schon
Stieg, ihm wiedergeschenkt,
Eurydike auf zu der Lichtwelt
Hinter ihm – also war’s von
Proserpina selber geboten.“

Ausführlicher noch als Vergil behandelt rund dreißig Jahre später Publius Ovidius Naso den Mythos in seinen „Metamorphosen“, besonders den endgültigen Verlust der Gattin: Orpheus verstößt gegen das Verbot Plutos, sich umzudrehen. Ovid motiviert diesen verhängnisvollen Fehler psychologisch:

„Nicht mehr fern ist die Grenze
der oberen Welt: da befürchtet
Er, der Liebende, dass sie ermatte;
er sehnt sich nach ihrem
Anblick und schaut sich um: Schon ist die
Geliebte entglitten.“

Dramatische Gestaltung

Fast eineinhalb Jahrtausende nach diesen Hexametern erscheint Orpheus erstmals in italienischer Sprache (mit lateinischen Einsprengseln) und in dramatischer Gestaltung. Der Auftrag kam von Francesco Gonzaga, dem Kardinal von Mantua. Im Palazzo Ducale in Mantua wurde die „Fabula d’Orfeo“ des Florentiners Angelo Poliziano 1480 uraufgeführt. Die 400 Verse orientieren sich inhaltlich genauestens an ihren antiken Vorbildern – von Eurydikes Tod über die Totenklage des Orpheus in der Unterwelt und den neuerlichen Verlust der Gattin bis zum grausamen Tod des Sängers, der von den rasenden Mänaden zerrissen wird. Nicht überliefert ist die Musik zu dem Schauspiel, jedoch darf man als sicher annehmen, dass manche der vielfältigen lyrischen Formen (Terzinen, Oktaven, Canzonen, Sapphische Oden) gesungen wurden. Noch aber ist es keine Oper!

Bukolik und Mythos

Aus dem Geiste des Orpheus sollte sie erstehen: In Florenz zur Vermählung der Prinzessin Maria de Medici mit dem französischen König Heinrich IV. anno 1600 wurde im Palazzo Pitti „L’Euridice“ von Jacopo Peri auf einen Text von Ottavio Rinuccini uraufgeführt. Diese erste erhaltene Oper der Geschichte (ihre zwei Jahre ältere Vorgängerin „La Dafne“ vom selben Autorenpaar ist verloren) ist dem Missverständnis zu verdanken, dass man das antike Schauspiel zu rekonstruieren glaubte.
Daneben bezog man sich auf das damals neue Schäferspiel, als dessen Paradebeispiel Torquato Tassos „Aminta“ (1573) gilt. Dazu passt auch das Lieto fine: Gemeinsam mit Hirten und Nymphen feiert das endgültig vereinte Paar den glücklichen Ausgang der Geschichte. Mit der Verschmelzung von bukolischem Hirtenspiel und antikem Mythos war endgültig der Boden bereitet, auf dem Werke von bleibender Bedeutung für das Opernrepertoire gedeihen konnten.

Auftritt: Musica

Die älteste noch heute gespielte Oper, „L’Orfeo“ von Alessandro Striggio und Claudio Monteverdi, erblickte am 24. Februar 1607 in Mantua das Licht der Bühnenwelt.
Mantua: Das war der Hof der Familie Gonzaga. Vinzenzo I., Sohn der Habsburger Prinzessin Eleonore und Enkel des Kaisers Ferdinand I., war nicht nur der bedeutendste Vertreter seines Geschlechtes, sondern auch einer der großen Renaissancefürsten und Mäzene, denen Italien seinen kulturellen Reichtum verdankt. Er befreite den kränklichen Torquato Tasso aus seinem mehrjährigen Gefängnisaufenthalt am Hof in Ferrara. Er holte den jungen Rubens als Hofmaler nach Oberitalien und ermöglichte ihm mehrjährige Studienaufenthalte in Rom. Für die Musik erwarb sich Herzog Vincenzo unsterbliche Verdienste, indem er 1590 aus Cremona den 23-jährigen Madrigalkomponisten Claudio Monteverdi als Violaspieler für seine Hofkapelle verpflichtete. 1601 beförderte er ihn zum Maestro della Musica, zum Hofkapellmeister.
Als der „Orfeo“ entstand, schrieb Shakespeare „König Lear“ und „Macbeth“, Caravaggio malte den „David mit dem Kopf des Goliath“. Allerdings stand die Oper – anders als das Drama und die Malerei – erst am Beginn ihrer Geschichte. Gemeinsam mit seinem Librettisten löst sich Monteverdi von der vermeintlichen Wiedererweckung des antiken Schauspiels. Als Prolog tritt nicht mehr, wie in der „Euridice“, die Tragedia auf, sondern die Musica: „Io la Musica son“, verkündet sie selbstbewusst. Auch der Ausgang der Oper unterscheidet sich von Jacopo Peris Vorbild. Orfeo und Euridice bleiben getrennt, doch erhebt Apoll den Sänger zu den Sternen und tröstet ihn über den Verlust der Gattin: „In der Sonne und in den Sternen wirst du ihr schönes Ebenbild entdecken.“

In Glück und Leid

Apoll ist es auch, der die Fehler Orfeos kommentiert: „Viel zu sehr freutest du dich über dein heiteres Glück, nun weinst du zu sehr über dein hartes, grausames Los.“ In dieser Kritik am „troppo“ klingt die griechische Weisheit des „μηδὲν ἄγαν“ durch. Diese warnende Inschrift soll sich am Apollotempel beim Orakel in Delphi befunden haben: Nichts im Übermaß! Das Erbe der griechischen Tragödie bleibt seinem Gehalt nach in der neuen Kunstgattung der Oper bewahrt, indem diese über ihre Handlung hinausweist. Etwa wenn der Chor der Geister nach der endgültigen Rückkehr Euridices in die Unterwelt singt: „Ewigen Ruhm verdient nur der, der sich selbst besiegt.“
Monteverdi und Striggio zeigen mit Orfeo einen Menschen in Glück und Leid, der durch eigene Kraft sein Geschick zunächst meistert, dann aber durch eigenes Verschulden scheitert – also „tragisch“ im klassischen Sinne ist. Die Gegenüberstellung von Chor und Solisten kommt natürlich aus dem Drama der Griechen. Die durchgehende Gestaltung der Handlung mit Instrumentalmusik und Gesang aber führt zu etwas Neuem, das bleiben sollte, zum Musik-Theater, das bis ins 21. Jahrhundert die Menschen bewegt. Die Worte des Prologes haben seit ihrer Niederschrift nichts von ihrer Richtigkeit verloren: „Ich bin die Musik, die mit lieblichen Tönen dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt. Bald zu edlem Zorn, bald zur Liebe kann ich selbst eisesstarre Sinne entfachen.“

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.