Gerettete Nixe

Tschaikowskijs „Undina“

Peter Iljitsch Tschaikowskijs Karriere als Opernkomponist begann ziemlich holprig: Seine ersten beiden Opern „Der Wojewode“ und „Undina“ vernichtete der durch verschiedene Umstände genervte junge Komponist selbst. Die Nachwelt rettete, was zu retten war. So kommt die „Undina“ nun mit dem Tschaikowskij-Symphonieorchester Moskau und Vladimir Fedosejev erstmals nach Österreich.

Auf „Undina“, gerade auf sie, setzte Tschaikowskij große Hoffnungen. Der junge Komponist hatte Anfang 1869 auf der Suche nach einem Opernstoff in einem Sammelband des Literaten Wladimir Sollogub ein fertiges Libretto entdeckt. Es war 1848 für den Petersburger Hofkapellmeister und Komponisten Aleksej Lwow verfasst worden. Diese „Undina“, nach einer Verserzählung von Wasilij Zhukowskij, die wiederum eine russische Übertragung der gleichnamigen Erzählung des deutschen Romantikers Friedrich de La Motte Fouqué war, fiel wegen der mangelnden kompositorischen Begabung Lwows bei zwei Aufführungsversuchen durch. Dem jungen Tschaikowskij war dies sicherlich bekannt. Doch hier lag ein fertiges Libretto vor, also keine Ärgernisse mit Librettisten! „Ich habe an einer weiteren Oper zu schreiben begonnen“, meldete er sogleich brieflich seinem Bruder Anatolij. „Ich verrate das Sujet nicht und möchte für eine Zeitlang geheim halten, dass ich die Oper schreibe. Wie groß wird die Überraschung sein, wenn man im Sommer erfährt, dass ich schon die halbe Oper fertig habe.“

Ein westlicher Stoff

Etwas Neues lag damals in der Luft: Lyrisch-romantische Szenarien mit einer Liebesgeschichte und dem Touch des Irrealen boten einen willkommenen Kontrast zu Stoffen aus der Antike und zu heroischen Volksdramen. Die eigene Unzufriedenheit mit seiner ersten, „russischen“ Oper („Der Wojwode“) könnte den Komponisten dazu bewogen haben, sich einem „westlichen“ Stoff zuzuwenden. Eine originale russische Verarbeitung dieses Sujets, mit etwas anderem Verlauf, gab es ja bei Aleksandr Puschkin, allerdings bereits von Aleksandr Dargomyzhskij verwendet („Rusalka“). Forscht man genauer in der frühesten Biographie Tschaikowskijs, könnte es da auch eine besondere Beziehung zur romantischen Wasserjungfrau gegeben haben. Im Bücherschrank der Familie Tschaikowskij stand ein Exemplar von Zhukowskijs „Undina“ in der Erstausgabe von 1838. Es gehörte zur Lieblingslektüre der Kinder, und Aleksandra (Sascha), die quirlige Schwester Peter Iljitschs, erhielt den Kosenamen „Undinotschka“. Vielleicht weckte Sollogubs Libretto bei dem Komponisten, der sich damals in einer schwierigen kreativen und emotionellen Phase befand, nostalgische Erinnerungen an die glückliche Kindheit?

Typisch romantisch

De La Motte Fouqués deutsche „Undine“ ist geradezu symptomatisch für die Romantik: Eine Wasserjungfrau aus der Donau (nahe der Burg Ringstetten in Bayern) wünscht sich eine menschliche Seele. In der Hütte ihrer Zieheltern trifft sie auf den Ritter Huldbrand, der dort vor einem Unwetter Schutz sucht, und die beiden verlieben sich ineinander. Huldbrand nimmt sie auf die Burg, seine Verlobte Berthalda lässt er sitzen. Allmählich Undinens müde geworden, wendet er sich wieder seiner Verlobten zu und bereitet die Hochzeit vor. Undine stürzt sich in die Donau, kommt aber nach der Hochzeit als Erscheinung wieder auf die Burg. Huldbrand wird von ihr neuerlich in den Bann gezogen und stürzt nach ihrem Kuss tot zu Boden. An der Stelle, an der Undine verschwindet, entsteht eine Fontäne.

Undine, ultramodern?

Von dem Stoff – der auch etliche andere Opern- und Ballettkomponisten inspiriert hat – scheint Tschaikowskij spontan fasziniert gewesen zu sein, denn mit wahrem Feuereifer arbeitete er an der Komposition und schloss sie bereits im Juli 1869 ab. Die Eile hatte aber auch noch andere Gründe: Im September endete die Frist für die Einreichung bei den Kaiserlichen Theatern in St. Petersburg. Man hatte ihm seitens der Direktion signalisiert, dass in diesem Fall eine Aufführung noch im November in Frage käme. Der Komponist wartete und wartete: keine Antwort. Schließlich wurde ihm auf seine dringende Anfrage mitgeteilt, dass eine Aufführung in der laufenden Saison nicht machbar sei. Er vermutete bereits ein Hinhaltemanöver und schrieb Anfang Mai 1870 an einen Freund: „Ich bezweifle sehr, dass sie ,Undina‘ aufführen werden. Habe schon gerüchteweise gehört, dass sie mich wegblasen wollen.“ Kurz danach erhielt er tatsächlich die endgültige Absage aufgrund einer negativen Bewertung durch das Kollegium der Dirigenten: „Ultramoderne musikalische Richtung, sorglose Instrumentierung, Defizit an Melodik“, lautete die Begründung.

Harte Selbstzensur

Noch vorher, im März 1870, waren immerhin Ausschnitte aus „Undina“ bei einem Konzert im Moskauer Bolschoi Theater aufgeführt worden. Schon damals scheinen dem Komponisten erste Zweifel am Libretto gekommen zu sein, wie andeutungsweise aus Briefen hervorgeht. Doch erst etliche Jahre nach der Absage nahm er konkret auf das Desaster Bezug: „Damals war es für mich sehr verletzend und erschien mir auch sehr ungerecht. Doch später war ich selbst von meiner Oper enttäuscht und war eigentlich froh, dass es zu keiner Bühnenaufführung kam. Vor drei Jahren verbrannte ich die Partitur.“
Überleben konnten dennoch einige Fragmente: Skizzenblätter vom Finale des dritten Aktes, Notenmaterial vom Finale des ersten Aktes und – last but not least – jene Teile, die Tschaikowskij in der Folge für andere Kompositionen verwertete: Den Hochzeitsmarsch aus dem dritten Akt nutzte er für das „Andantino marciale“ seiner Zweiten Symphonie, Introduktion und Undinas Lied für die Bühnenmusik zu Ostrowskijs Schauspiel „Schneemädchen“ (übrigens  ein ähnliches Sujet wie „Undina“) und schließlich das Duett Undina/Huldbrand, das als Duo von Violin- und Cellosolo ins Ballett „Schwanensee“ (Adagio des zweiten Akts) einging.

Faszinierend, aber nicht darstellbar

In seiner dreibändigen Biographie über den berühmten Bruder gibt Modest Tschaikowskij eine genaue Inhaltsangabe der „Undina“ und kommt zu dem lapidaren Schluss: „Bei der Lektüre des Librettos der ,Undina‘ bleibt einem völlig unverständlich, wie Pjotr Iljitsch sich ernsthaft damit befassen konnte, wie er Musik dazu schreiben konnte, die, nach den erhaltenen Resten dieser für immer verschwundenen Oper zu schließen, dennoch Lebendiges enthielt. Es ist daher durchaus möglich, dass der Komponist an den Reimen verbesserte und sie glättete, aber soweit ich mich erinnere, blieb die Handlung unverändert.“ Ganz hat die „Undina“ den Komponisten dennoch nicht losgelassen. Er dachte 1878 daran, eine neue Oper über das Sujet zu schreiben, 1888 schwebte ihm ein Ballett dazu vor – beides wurde nicht ausgeführt. Noch in seinem Todesjahr 1893 schrieb er an seinen Bruder Modest, der ihm ein eigenes Szenario nach Zhukowskij, eigentlich für Sergej Rachmaninow bestimmt , übermittelt hatte. Er lobte die Arbeit, doch „trotzdem kann ich ,Undina‘ nicht schreiben“. Konkret nannte er einzelne Textstellen, die ihn nicht ansprachen. „Aber vielleicht“, fügte er an, „könnte man etwas hineinnehmen, was mich bei der letzten Lektüre (der Erzählung) zu Tränen rührte? Ich meine, wie beim Begräbnis des Ritters Undina als Bächlein sich über das Grabmal ergießt, um nie vom geliebten Leichnam getrennt zu sein. Kurzum, das, was mich an ,Undina‘ fasziniert, ist auf der Bühne nicht darstellbar.“ Es fehle ihm auch jetzt die Frische, um sich neuerlich diesem Stoff zu widmen.

Musikalische Unsterblichkeit

Die fünf rekonstruierten Nummern lassen in der Lyrik, auch in der Farbigkeit bei typischen Wendungen in der Instrumentierung manches erkennen, was den künftigen Stil des Komponisten prägen sollte. 1975 entstand in Moskau eine Einspielung von drei Nummern auf LP, das Lied der „Undina“ haben einige Sopranistinnen, zuletzt Renée Fleming, gesondert aufgenommen. 1994 wagte sich Dmitrij Bertman mit seiner Helikon Oper in Moskau an eine szenische Version. Inzwischen hat sich Vladimir Fedosejev mit seinem Tschaikowskij-Symphonieorchester dieses Torsos angenommen. Im Musikverein wird Peter Matic verbindende Textstellen aus den literarischen Vorlagen lesen. Im zweiten Teil des Konzerts erklingt dann Tschaikowskijs „Schwanensee“ in einer Suite, in der das berühmte Adagio nicht fehlen kann. In dieser Verwandlung erlangte Undina die musikalische Unsterblichkeit.

Edith Jachimowicz