Sinnlicher Sound und klare Gedanken

Thomas Adès und sein Klavierkonzert

Anfang Dezember spielt Kirill Gerstein mit dem ORF RSO Wien unter John Storgårds die österreichische Erstaufführung des Klavierkonzerts von Thomas Adès. Der Komponist und sein Werk im Portrait.

Manche Komponisten fühlen sich von ihren Vorgängern – oder, abstrakter formuliert: von der Tradition – geradezu bedrängt und blockiert. Man denke nur an den schon nicht mehr ganz jungen, aber noch recht unsicheren Johannes Brahms, der mit seiner Ersten Symphonie haderte, weil er auf Schritt und Tritt das große Vorbild Beethoven vor Augen und Ohren hatte, und klagte, „wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört“. Im 20. Jahrhundert wurde diese Last für viele noch größer, wurde das Bedürfnis der Erneuerung oft als noch viel drückender empfunden. Wie immer man zu den Produkten der musikalischen Avantgarde von Arnold Schönberg bis Luigi Nono und Helmut Lachenmann auch stehen mag – der tiefen Sehnsucht gerade dieser drei Meisterkomponisten, ihr Publikum zu erreichen und zu berühren, standen häufig unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen.

Bilderbuchkarriere

Schon lange vor dem Brexit gingen die Kollegen abseits des europäischen Kontinents andere Wege. Tradition? Publikum? Herzlich willkommen! So etwa lässt sich die britische (und auch in den Vereinigten Staaten weit verbreitete) Haltung zusammenfassen, in die auch Thomas Adès (1971 in London) hineingeboren wurde. Seit seinem Abschluss am King’s College in Cambridge – er studierte sowohl Klavier als auch Komposition – machte er eine Bilderbuchkarriere: ein Wettbewerbserfolg als Pianist bei den Young Musicians of the Year der BBC, ein sofort publiziertes Opus 1 (Vertonungen von Gedichten von T. S. Eliot). Rasch etablierte er sich – auch als Dirigent eigener Werke – im britischen und internationalen Musikleben, erhielt schon mit 26 Jahren das Angebot, Benjamin-Britten-Professor an der Royal Academy of Music in London zu werden. Besonders seine Musiktheaterwerke machten ihn zum Überflieger: zunächst die Kammeroper „Powder Her Face“ (1995), die gleich anschließend auf etlichen Opernbühnen gezeigt wurde und im vergangenen Jahr auch an der Volksoper Wien (bzw. im Kasino am Schwarzenbergplatz) landete, dann die Oper „The Tempest“ (2003), die eine ähnliche Erfolgsgeschichte und immerhin nach zwölf Jahren auch eine Aufführung an der Wiener Staatsoper erlebte. 

Faszinierendes Amalgam

Geprägt von der englischen Musik von Henry Purcell bis Benjamin Britten und bestens vertraut mit der gesamten Musikgeschichte von der Renaissance bis zur Moderne des 20. Jahrhunderts, atmet die Musik von Adès eine Vielzahl und Vielfalt von Einflüssen, ist dabei äußerst durchlässig gegenüber populären Ausdrucksformen wie Blues und Jazz, Tango und Varieté – und bietet immer ein faszinierendes Amalgam von Heterogenem. Dieses wurde mitunter – etwa vom Musikologen Malcolm Miller in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ – als „postmoderne Synthese“ bezeichnet. Bestätigung findet diese Sichtweise in manchen Äußerungen des vielbeschäftigen Komponisten. Für das Leipziger Gewandhausorchester hat Adès 2019 anlässlich der Europäischen Erstaufführung seines im selben Jahr in Boston uraufgeführten Klavierkonzerts einen Fragebogen ausgefüllt, der das Bekenntnis enthält: „Außer Musik ist mir Salami wichtig.“ Ob er damit gemeint hat, dass auch sein Schaffen in gut verdaulichen Häppchen daherkommt, lässt diese Formulierung offen. Dass seine Musik dem Publikum keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet, wurde jedoch schon so häufig bestätigt, dass es geradezu zu einem Gemeinplatz geworden ist. Dazu passt auch seine offensichtlich problemlose Sicht auf sein Handwerk, die es ihm ohne weiteres ermöglicht, aus seinen Opern Konzertsuiten herzustellen, wie das etwa Richard Strauss oder Alban Berg getan haben. 

Beziehung zur Natur

Außerdem verbindet es ihn mit etlichen Komponisten, die sich selbst ebenfalls in einer engen Beziehung zur Natur sahen, wie etwa die Meister der Wiener Schule, die sich auf Goethes Naturlehre bezogen und ihre Musik als „organisch“ verstanden wissen wollten – oder mit Ludwig van Beethoven. Letzteren nennt Adès als einen jener Komponisten, die ihn zu seinem Klavierkonzert inspiriert hätten – ebenso wie Maurice Ravel, Igor Strawinsky und Conlon Nancarrow. Zwei dieser drei Namen bedürfen wohl keiner weiteren Erklärung, wohl aber der dritte, der die weitgespannte Perspektive von Adès untermauert. Nancarrow, dem das Neue-Musik-Festival Wien Modern 2003 ein Porträt widmete, schrieb hauptsächlich für automatisch mit Hilfe von gestanzten Notenrollen betriebene Klaviere – eine Technik, die ihm ermöglichte, für Menschen unspielbar komplexe oder weit ausgreifende Musik hörbar zu machen, und die viele Komponisten anregte, neue, vorher nicht denkbare Wege auch für das Spiel von Musikern zu gehen. 

Grenzenloser Zugang

Adès, selbst ein fabelhafter Pianist, hat sich seit seiner Studienzeit äußerst intensiv mit der Erweiterung der Möglichkeiten des Instruments auseinandergesetzt; seine frühe Komposition „Still Sorrowing“ schrieb er 1992 für präpariertes Klavier, später komponierte er aber etwa auch Mazurkas. Auch hier zeigt sich wieder sein grenzenloser Zugang zu Musik. Sein Klavierkonzert, das bei Kirill Gerstein in den besten Händen ist und bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien trotz Corona-Krise schon die zwölfte internationale Aufführung seit dem vergangenen Jahr erlebt, ist voller Anspielungen und Verweise. Das beginnt schon bei den Bezeichnungen der – ganz im klassischen Sinne – drei Sätze. Verweist das „Allegramente“ des ersten Satzes auf das Klavierkonzert von Maurice Ravel, so scheint der mit „Andante Gravemente“ überschriebene langsame Satz eine barocke Tempoangabe zu zitieren, während der dritte, „Allegro Giojoso“, auf einen Teil der Bezeichnung von Felix Mendelssohn Bartholdys „Serenade und Allegro giocoso“ op. 43 für Klavier und Orchester anspielt.

Erweiterung der Klangfarben

Adès’ hochvirtuoses Konzert verbindet wie immer bei ihm große Deutlichkeit und Wiedererkennbarkeit der musikalischen Gedanken mit unbändiger Lust an einem sinnlichen Sound, der sich besonders durch große Buntheit des Schlagzeugs entfaltet. Ihre Kombination mit dem Klavierklang führt zu einer Erweiterung der Klangfarben, die hörbar von den modernen Experimenten aus einem Jahrhundert von Béla Bartók bis György Ligeti (und darüber hinaus) profitiert. Zugleich rückt das Stück durch seinen popularmusikalischen Anstrich in die Nähe des Easy Listening – eines Hörvergnügens voller Effekte und mit Erfolgsgarantie. Selbst wenn das Konzert nicht allen Rezensenten restlos gefiel, blieb die Anerkennung nicht aus, als etwa Klaus Kalchschmid in der „Süddeutschen Zeitung“ im Februar 2020 meinte, das Werk sei „handwerklich perfekt und enorm wirkungssicher komponiert“. Zugleich stellte der Kritiker auch Fragen, die für ihn offen blieben: „Aber macht sich Adès im ersten Satz über Leonard Bernstein lustig oder greift er in dessen tänzerische Trickkiste? Ist der stolze, auf Effekt schielende Schluss ein Seitenhieb auf Liszt oder spottet er über dessen Virtuosität? ... Eines jedenfalls wird dieses selbstbewusste, jazzige ,Concerto‘ nie sein: ein Abonnenten-Schreck.“

Daniel Ender
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender schreibt regelmäßig für den „Standard“ und ist Generalsekretär der Alban Berg Stiftung. Jüngst erschien sein neues Buch „Zuhause bei Helene und Alban Berg – eine Bilddokumentation“.