Respekt und Freiheit

Andrés Orozco-Estrada

Seinen ersten Auftritt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hatte Andrés Orozco-Estrada beim Diplomprüfungskonzert der Musik­universität. Heute gehört der 39-Jährige zu den meistgefragten Dirigenten seiner Generation.

Zum Interview erscheint Andrés Orozco-Estrada auf die Minute pünktlich beim Portier des Musikvereins, aber dann dauert es lang, bis er sich den Weg durchs Haus gebahnt hat. Zeitgleich ist das Chicago Symphony Orchestra zu einer Anspielprobe eingetroffen. Der Zufall schlägt Funken – von allen Seiten wird Orozco-­Estrada freudig begrüßt, von Orchestermusikern, von Leuten aus dem Management, vom Chauffeur des Musikdirektors, der gleich in italienischem Parlando loslegt. Andrés Oroczco-Estrada ist da, nimmt alle wahr, hat ein Wort für jeden, egal in welcher Sprache. Erst vor kurzem hat er sein Debüt beim Chicago Symphony Orchestra gegeben. Muss man noch fragen, welchen Eindruck er dort hinterlassen hat?
Orozco-Estrada wird gefragt, geschätzt, gemocht – und an immer mehr Orten der Musikwelt geht es ihm so. Erfolgreich debütierte er zuletzt in Cleveland, Pittsburgh und Philadelphia, beim Israel Philharmonic Orchestra und beim Concertgebouworchester Amsterdam. Im Mai 2017 kommen die Berliner Philharmoniker an die Reihe. Drei Orchester haben ihn jetzt fester an sich gezogen: Orozco-­Estrada ist Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, Music Director der Houston Symphony und Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt, das er im April auch in den Musikverein führt.

Freie Bühne für den Geist

Man könnte munter fortfahren mit dem Aufzählen, aber es ist anderes, das wirklich zählt. Es steckt in einem Wort, das Orozco-Estrada im Gespräch gern und oft gebraucht: „gemeinsam“. „Das ist das“, sagt er, „wofür ich da bin: gemeinsam diesen Geist zu wecken. Ihm die freie Bühne zu geben.“
Hätte er es weggelassen, das Wort „gemeinsam“ an dieser Stelle, man hätte sich nichts dabei gedacht. Ein Dirigent, der den Geist weckt, ein Animator und Inspirator am Pult – warum nicht? Es könnte eine plausible Tätigkeitsbeschreibung sein. Doch Orozco-Estrada stellt das Gemeinsame auch hier heraus. Nicht einer weckt den Geist – wach wird er im begeisternden Miteinander.
Die Rede ist, ganz konkret, von seinem Frankfurter Orchester, dem hr-Sinfonieorchester. Das Gemeinsame hat hier so schnell Gestalt gewonnen, dass Andrés Orozco-Estrada seinen seit 2014 laufenden Vertrag schon jetzt um drei weitere Jahre verlängert hat. Bis 2021 wird er jedenfalls beim Hessischen Rundfunk bleiben. „Es ist ein richtig gutes Orchester“, sagt er – und so emphatisch, wie er das „r“ dabei rollt, so groß ist seine Begeisterung über die Musiker in Frankfurt. „Technisch können sie einfach alles. Es gibt einen tollen Streicherklang, wir haben unglaublich tolle Bläser. Aber das Technische – das bei einem Rundfunkorchester besonders wichtig ist, weil alles aufgenommen wird –, das ist nur die Basis, nicht das Ziel.“ Dieses Ziel aber lässt sich am besten so beschreiben: „gemeinsam die Musik leben“.

Die Seele berühren, die Sinne öffnen

Wenn Orozco-Estrada vom Gemeinsamen spricht, meint er auch die Hörenden. Sie gehören ganz essenziell zu diesem Miteinander, und der Dirigent macht es so deutlich wie möglich. „Wir musizieren nicht für uns selbst“, sagt er. „Um Musik für sich selbst zu machen, kann man zu Hause bleiben.“
Als Musiker fühle er sich aufgerufen, die Brücke zu bauen und die Begegnung zu ermöglichen. Kommunikation ist dafür ein vielleicht zu sachliches Wort. Auch das gängige Bild, dass eine Aussage eben ihren Empfänger erreichen müsse, trifft es nicht genau. „Es geht letzten Endes um den Menschen“, so versucht Orozco-Estrada selbst die Beschreibung. „Und wir als Musiker müssen die Seele berühren. Durch die Seele werden die Sinne wachgerufen, das Herz, das Hirn.“

Insights with Andrés

Nicht erst, wenn der Maestro im Frack am Pult erscheint, ist die Seelenöffnung möglich. Es gibt so viele weitere Chancen, der Musik den Weg zu bahnen: Orozco-Estrada nützt sie, wo immer es geht. Schon während seiner Zeit als Chefdirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich unterhielt er sich nach offenen Generalproben im Musikverein liebend gern mit Schülerinnen und Schülern. Jetzt, in Frankfurt und in Houston, meldet er sich in neuen Musik-Gesprächs-Formaten zu Wort. Ob „Spotlight“ in Frankfurt oder „On Stage – Insights with Andrés“ in Houston: Seine Gabe, die Menschen auch im Gespräch zu begeistern, inspiriert Dramaturgen und Intendanten. Gemeinsam den Geist wecken: Das ist ein Programm für unbegrenzte Kreativität.

Unterschiedliche Schwingungen

„Man muss sich selbst die Chance geben, Dinge zu erleben …“ In diesem Satz steckt auch die Begründung dafür, weshalb Orozco-Estrada zwei Chefpositionen mit einer Gastdirigentenstelle verbindet. „In Houston kommen andere Seiten von mir zur Entfaltung als in Frankfurt oder in London. Das ist sehr spannend!“ In nur zwei, drei Sätzen sind die Unterschiede nicht erfasst. Aber klar ist, dass der gebürtige Kolumbianer in Texas auch die südlichen Schwingungen liebt: die amerikanisch getönte Resonanz Lateinamerikas.
Was ihn besonders fasziniert, ist der so unterschiedliche Umgang mit Autorität diesseits und jenseits des Atlantiks. Man kann es am schlagenden Beispiel zeigen: nämlich daran, wie ein Dirigierschlag umgesetzt wird. „Wenn ich in Houston den Taktstock nach unten geschlagen habe, ist der Orchesterklang sofort da. In Amerika“, so versucht er amüsiert die Deutung, „vertraut man eben der Leadership ohne Vorbehalt. Der Music Director ist für die Führungsposition gewählt worden. Jetzt macht er seinen Job, und man folgt ihm.“ In Mitteleuropa ist der Taktstock unten, aber der Klang kommt erst später. Warum? „Darin“, meint Orozco-Estrada, „steckt wohl einiges an geschichtsbedingter Skepsis. ,OK: Der da vorne will das so. Aber hat er recht? Und wollen auch wir …?‘“
Und wie ist es in London? Er lacht. „London ist die pragmatischste Szene. Es wird gefolgt. Aber ich kann an jedem einzelnen Gesicht ablesen, ob einer einverstanden ist oder nicht.“

Im Sinn von Harnoncourt

Solche Erfahrungen bereichern. Und mehr noch: Differenzen, wenn man sie so sensibel wahrnimmt, öffnen den Raum und machen die Bühne weit und frei für den Geist. Dass es Orozco-Estrada nicht um die Durchsetzung von Autorität geht, ist ohnehin klar. Ein Schlüsselerlebnis war da jüngst seine Zusammenarbeit mit dem Concentus Musicus Wien. Bei der Styriarte Graz durfte er mit zwei Konzerten den Beethoven-Zyklus zu Ende führen, den Nikolaus Harnoncourt begonnen hatte. „Ich war ungemein glücklich über diese Ehre“, sagt Orozco-Estrada, „aber auch sehr nervös. Hätte ich versuchen wollen, in Harnoncourts Fußstapfen zu treten, wäre es nie und nimmer gelungen, weil ich ja nicht den Bruchteil seines Wissens habe. Ich entschied mich, einfach so intensiv wie möglich mit dem Text der Musik zu arbeiten und mich selbst so ehrlich wie möglich einzubringen. Mit vollem Respekt – aber mit der vollen Freiheit!“
Genau das wurde dann wunderbar beantwortet. „Obwohl man sich kaum kannte, war da nach ein paar Minuten schon das Gefühl eines unglaublichen Einverständnisses. Ich durfte so frei musizieren, wie ich es selten konnte.“ Damit kam er Harnoncourt dann auch viel näher, als es jedes „Studium“ des Meisters vermocht hätte. Worum wäre es Nikolaus Harnoncourt sonst gegangen als gerade darum? Respekt und Freiheit!

Wiener Herzenssachen

Jetzt kehrt der Weitgereiste wieder heim nach Wien. Orozco-Estrada selbst empfindet es so, nicht nur weil er mit seiner Familie hier lebt. Vor genau zwanzig Jahren kam er in die Musikmetropole, direkt aus Kolumbien, um es an der Musikuniversität zu „versuchen“. Er wurde aufgenommen, absolvierte, mit knappstem Budget, sein Studium, brillierte beim Abschlusskonzert und dann als fulminanter Einspringer im Musikverein … Es ist eine eigene schöne Geschichte, die hier erzählt werden müsste, und auch vom Singverein sollte dabei die Rede sein. Als Student sang Orozco-Estrada in diesem Chor – es war eine kurze, intensive Periode des gemeinsamen Musizierens, die sich jetzt fortsetzt in einer engen künstlerischen Zusammenarbeit. Der Singverein schätzt und liebt den einstigen Mitsänger: Erst im Dezember wurde Orozco-Estrada zum Ehrenmitglied des Chors ernannt.
Mit dem hr-Sinfonieorchester kam der Singverein übrigens schon im vorigen Sommer zusammen. Beim Rheingau Musik Festival stand Beethovens „Missa solemnis“ auf dem Programm, mit der sich Chor und Orchester nun auch im Musikverein hören lassen. Eine bloße Wiederholung des Erfolgsprojekts kann es so oder so nicht geben: Beethovens „Missa“ ist und bleibt eine der größten Herausforderungen der Chor-Orchester-Literatur.
Und dann ist Wien auch für den Dirigenten der Ort, der sein Verantwortungsgefühl auf besondere Weise wachruft. „Kann ich zeigen, dass es sich gelohnt hat, mir diese tollen Chancen zu geben?“ Auch solch eine Frage schwingt mit, ohne dass er sie als Belastung empfände. Sie verwandelt sich in Motivation. Schließlich geht es um nichts anderes, als gemeinsam den Geist zu wecken. Beethoven hat es in seinen Worten über die Partitur geschrieben: „Von Herzen – Möge es wieder – Zu Herzen gehen!“

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.