O Tempora, o Zores!

Peter Matić liest Marcel Proust

Im Zyklus „Wort.Musik“ nimmt Peter Matic´ ein Monumentalwerk der Literatur in den Fokus: Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Stichwörter zu Zeit und Zeitgeist von Ronald Pohl.

Beschleunigung:

In jüngerer Zeit verdanken wir dem höchst eigenständigen Brecht-Schüler und Stückeschreiber Heiner Müller einen klärenden Hinweis auf die entschleunigende Wirkung revolutionärer Umtriebe. Als die Bolschewiken 1917 ff. in Russland die Macht an sich rissen, machten es sich ihre bewaffneten Parteigänger vielfach zur Aufgabe, die Uhren über den Bahnhofsportalen in Stücke zu schießen. Wer sich selbst, ob zu Recht oder nicht, als Subjekt der Geschichte auffasst, der darf auch dem Chronometer getrost in die Zeiger fallen. Ungeduld meint nicht, das Uhrwerk müsse unter allen Umständen für ein rascheres Umlaufen seiner beiden treuen Handlungsreisenden, vulgo: der Zeiger, sorgen. Solches fällt nicht in seine Zuständigkeit. Es ist der Anblick des Zifferblattes selbst, welcher Vertreter der Zukunft aktuell, das heißt: hic et nunc, in allergrößte Verlegenheit setzen kann.

Chronos:

Wer grundsätzlich mit der Zukunft paktiert, zehrt schon in der blassen Gegenwart von einer Intimität des Umgangs, wie ihn nur wenige mit einer so unzugänglichen Instanz unterhalten, wie es der Weltgeist, seinem diskreten Wesen nach, ist. Daran hängt, dass man alles Zukünftige, das man früher lediglich dem Lauf eines zu Capricen neigenden Schicksals anheimgegeben wusste, nunmehr vor den Horizont der eigenen Erwartung bitten darf, so wie man den Schauspieler auffordert, vor der rückwärtigen Wand eines Bühnenbildes seine Rolle zu spielen. Man wird den Mimen, um im Bild zu bleiben, nicht dafür belobigen, dass er seine Rolle von Anfang bis Ende durchhält und dabei obendrein die Texttreue wahrt. Zukunft ist, unter solch anspruchsvollen Prämissen, nichts Unausdenkliches, sondern sie wird für jedermann und für jede Frau gleichermaßen erforschlich. Was einem an ihr trotzdem als ihre Unverfügbarkeit vorkommen mag, als Geiz, den sie mit sich treibt, wird von der Gegenwart strikte abgeschieden, wie durch einen Riss oder Spalt, in dem alle Altmodischen und Aussortierten, gleichsam als Ross und Reiter nach verfehltem Sprung, zu liegen kommen.

Gedächtnis:

Wäre das temporale Jetzt nichts als ein bloßer Zeitpunkt, es bliebe, vermöge seiner Nichtausdehnung, punktuell undarstellbar. Erst aus der Bewegung des Zeitpunktes resultiert eine Sukzession, die eine Zeitspur oder Zeitlinie festlegt. Indes gibt es ohne Gedächtnis keine Zeitlinie. Augustinus hat überzeugend dargelegt, wie erst durch die Umkehrung des Zeitpfeiles eine kategoriale Transformation entstehen kann. Irreversible Zeit, die dem Zeitpfeil folgt, verwandelt sich einzig durch die Arbeit des Gedächtnisses in reversible – möge diese Arbeit nun freiwillig oder unfreiwillig zustande kommen. Genau dieser Differenz, die den Grad der Verfügbarkeit von Gedächtnisinhalten meint, wird Marcel Proust in seinem kolossalen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nachbrüten. Dem Gedächtnis aber kommt laut Augustinus die entscheidende, das heißt: verwandelnde oder „intelligible“ Rolle bei der Bewahrung der Zeit zu. Das Gedächtnis schert sich keinen Deut um die Art der Empfindungen, die die Seele speichert. Man könnte mit Augustinus vielleicht sagen: Das Gedächtnis verhält sich zur Qualität unserer Empfindungen unspezifisch, indem es diese gemäß seinen eigenen Notwendigkeiten speichert und sie nur so für den, der sich erinnert, verfügbar hält.

Haltlosigkeit:

Die Marschallin in Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals Komödie für Musik „Der Rosenkavalier“ (1911) sinniert über den verblüffenden Doppelcharakter der Zeit wie folgt: „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.“ Erst mache sie von sich kein Aufhebens, sie negiere ihren eigenen ontischen Status („… ist […] rein gar nichts.“). Plötzlich aber gebe es nichts anderes mehr als sie; sie – die Zeit – mache sich intern wie extern unliebsam bemerkbar: „In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie.“ Auch zwischen Octavian und ihr fließe die Zeit, wie in einem Modell temporalen Lastenausgleichs. Doch entscheidender scheint an dieser Stelle die Rolle des Spiegels. Er bildet ein Medium nicht so sehr der Mimesis, sondern ein fluides Gebilde, das unwillkürlich an die rasch wechselnden Zahlenkolonnen auf den Schirmen abgebrühter Börsianer denken lässt. Das Antlitz der Marschallin würde in postmoderner Lesart die flackernden Indizes erotischer Werthaltigkeit anzeigen. Es steht zu befürchten, dass die Notierungen für Rokoko-Damen generell im Sinken begriffen sind. Noch kennt die Musik von Richard Strauss nur das Prinzip freundlicher Traditions- und Besitzstandswahrung; von freiem Fall und endgültiger Entwertung kann hier noch nicht die Rede sein.

Liebe:

Marcel Proust (1871–1922) wird in den sieben gewaltigen Bänden seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ wiederholt die je wechselnde Empfindungs­tiefe von Liebe zum Gegenstand seiner berauschenden Erzählkunst machen. Auf dem Spiel steht die Liebe Swanns zu Odette, nicht minder jene des Erzählers zu Gilberte und Albertine. Die Zeit selbst wird zum Messgerät. An ihr und durch sie hindurch wird jene Perspektivierung möglich, die eine nachvollziehende Betrachtung der erotischen Sach- und Stimmungslagen erheischt. Proust schreibt in „Die Entflohene“: „Wie es eine Geometrie im Raume gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Oberflächenpsychologie nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine der Formen, die sie annimmt, nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigt hätte – das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht.“
Das Abklingen einer ehemals tiefen Liebesempfindung – derjenigen zu Albertine – verhilft dem Proust’schen Erzähler zu einer wahrhaft revolutionären Einsicht. Indem die Liebe den sie erweckenden Gegenstand, recte: die abhanden gekommene Person, überdauert, gehört sie auch gar nicht dieser an, sondern untersteht mehr oder weniger dem Dafürhalten des Subjekts. Dieses lernt, den „Zustand seines Inneren“, den es Liebe nennt, nachhaltig zu bewirtschaften. Indem zum Beispiel Albertine im Laufe der Zeit durch andere, ebenso liebenswürdige Personen ersetzt werden kann, gibt sie, struk­turell und eben nicht mehr erotisch betrachtet, eine „sehr brauchbare Unterlage für Sammelobjekte“ ab. Auf dem Grund einer solchen Temporalität lauert bereits eine komplett neuartige Auffassung von Erkenntnis. Es ist eher nicht das spezifische So-Sein des Gegenstandes, durch dessen Reiz die jeweilige Empfindung in ihrer Tiefe geweckt wird. Namen wie „Albertine“ oder „Odette“ sind vor allem Platzhalter. Sie helfen, Bedeutungsfelder aufzuspannen. Durch sie leitet Proust sein weitschweifiges Räsonieren hindurch, ein zartsinniges Netz haarfeiner Gedankengänge und Kanäle.

Madeleine:

Es ist der Genuss eines in Tee getauchten Stückes Gebäck, der die Sequenzen der Erinnerung im Erzähler von „In Swanns Welt“ wachruft. „Die kleine Madeleine“ wird dem Durchfrorenen von der Mutter gereicht. Ihr Geschmack und ihr Aroma lenken die Aufmerksamkeit des Erzählers ausdrücklich auf ein Glücksgefühl. Das Leben selbst erfährt eine bedeutsame Transformation, hinein ins Aussprechliche, in die Ordnung des Signifikanten. Es wird durch den Akt der Verwandlung überhaupt erst wachgerufen und so der Dichterrede wert. Im Lichte der aufblitzenden Empfindung schrumpfen Katastrophen, die vielen Unpässlichkeiten des Lebens, zu harmlosen Missgeschicken; selbst des Lebens Kürze, seine skandalöse Befristung, verkommt zu einem „bloßen Trug der Sinne“. Angezapft wird das Wohlgefühl vergangener, behüteter Tage. „Und dann mit einem Male war die Erinnerung da.“ Die Verabfolgung der Madeleine durch die Tante muss geholfen haben, den Wahrnehmungskomplex Combray in den Tiefen des Gedächtnisses zu speichern und abrufbar zu halten: die Blumen des Gartens, den Park von Monsieur Swann, die Seerosen auf der Vivonne et cetera, „alles deutlich und greifbar“, ein Schauder von Formen, Farben und Gerüchen. Es ist, als würden Proben japanischer Papierfaltkunst auseinandergezogen.
Von nun an wird real gegenwärtig, worüber willkürliche Erinnerung und teilnehmendes Angedenken nicht im ähnlichen Ausmaß gebieten können. Proust, der Asthmakranke, wird von jetzt ab zum versklavten Gebieter seiner eigenen Einbildungskraft. Er wird sich mehr und mehr in seine eigenen vier Wände vergraben, jeglichen realen Lärm durch eine Ausdämmung mit Korkeiche von seinem Zimmer fernhalten. Die Bewegung seines Schreibens ist der Versuch, Ergriffenheit in zeitliche Sukzession zu übersetzen. Der herrlich mäandernden Kunst der Beschreibung steht der gegenwärtige Zeit- als Fluchtpunkt vor Augen. Die geringste Spanne Zeit umfasst das Jetzt. In sie passt kein Schriftzug hinein. Durch ihr Öhr fädelt sich auch nicht das Wort „Combray“.

"Das Gedächtnis verhält sich zur Qualität unserer Empfindungen unspezifisch, indem es diese gemäß seinen eigenen Notwendigkeiten speichert und sie nur so für den, der sich erinnert, verfügbar hält."

Postskriptum:

Spätere Schreibende werden andere, noch viel unerhörtere Schlüsse ziehen. Patricia Highsmith wird den skrupellosen Mörder Ripley erfinden, der andere ermordet, um in deren Haut, deren abgelegte Identität hineinzuschlüpfen und sie pekuniär wie symbolisch – natürlich post mortem – zu enteignen. Der talentierte Mister Ripley wird darüber nur vergessen, dass er selbst gar nicht mehr lebt. Es wird dies eine ganz andere Geschichte der Zeit sein: eine des Seins ohne Werdens, die einer fortgesetzten Gegenwart ohne jede Erinnerung. Und sie wird schrecklich und zugleich von federnder Eleganz sein.

Ronald Pohl
Ronald Pohl lebt als Kulturredakteur der Tageszeitung „Der Standard“ sowie als Autor in Wien und in Laab im Walde.