Märchenhafte Sagenwelt

Ein Liederabend mit Christiane Karg


Noch ehe sie im Mai für Mahlers Zweite Symphonie in den Großen Musikvereinssaal zurückkehrt, gibt Christiane Karg im April einen Liederabend im Brahms-Saal. Mit den „Musikfreunden“ sprach sie über thematische Gestaltung, willkommene Abwechslung und die Zukunft des Lieds.

Christiane Karg

stammt aus Feuchtwangen in Bayern. Schon mit fünf Jahren wollte sie Sängerin werden. Ihr Vater, Konditor und Opernfreund, nahm sie elfjährig erstmals mit nach Bayreuth, wo sie die „Holländer”-Inszenierung von Dieter Dorn sah, mit dem sie später bei den Salzburger Festspielen selbst zusammenarbeitete. Die Sopranistin studierte am Mozarteum Salzburg Oper bei Heiner Hopfner und Lied bei Wolfgang Holzmair. Erste Engagements führten sie ans Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper und an die Oper Frankfurt. Heute ist sie auf den international führenden Opern-, Konzert- und Liedbühnen zu Hause. Zwei ihrer Solo-CDs wurden mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, im April erscheint ihr neues Album „Parfum”. In ihrer Heimatstadt leitet sie ihr eigenes Festival „KunstKlang”.

Zum Gespräch kommt Christiane Karg direkt von einer Probe für die Mozartwoche Salzburg. Die Müdigkeit, von der sie spricht, ist ihr nicht anzumerken und weniger dem Probentag als dem Jetlag geschuldet, der ihr noch mit einiger Hartnäckigkeit zu schaffen macht. Erst vor wenigen Tagen ist sie von einem mehrmonatigen Aufenthalt in den USA zurückgekehrt, wo sie in Chicago die Pamina in einer Neuproduktion der Lyric Opera sang.
Die Wochen bis zu ihrem Liederabend im Musikverein sind dicht verplant. Anschließend an Salzburg geht’s für Schumanns „Faust-Szenen“ nach Stockholm, danach mit dem London Symphony Orchestra und Mahlers Vierter Symphonie auf China-Tournee, über einen kurzen Zwischenstopp in der neuen Elbphilharmonie Hamburg (Lange Nacht der Kammermusik) zurück nach Stockholm (Schumann: Das Paradies und die Peri) und von dort aus weiter nach Prag (Strauss: Vier letzte Lieder), Ingolstadt (Liederabend) und Paris (Brahms: Ein deutsches Requiem).


Schon während sie sich an den Tisch setzt und genüsslich zum bereitgestellten Kaffee greift, ist Christiane Karg gedanklich bei ihrem Liederabend im Brahms-Saal:

Oft ist es ein einzelnes Lied, um das herum ich einen Abend gestalte. Manchmal ist es sogar eine Zugabe – die gehört für mich auch zum Programm. Diesmal, für den Musikverein, war der Ausgangspunkt ein Lied von Pfitzner, das ich während meines Studiums kennengelernt habe: „Hast du von den Fischerkindern das alte Märchen vernommen?“ Ein Märchenprogramm sollte es werden. Ich habe eruiert, welche Komponisten infrage kommen, damit es nicht zu bunt wird, und werde mit Schubert beginnen.

Mit dem „Leiermann“, der eigentlich ein letztes Lied ist, das letzte Lied der „Winterreise“.
Es ist vielleicht ein bisschen gewagt, mit diesem Lied zu beginnen. Aber ich finde, man kann heute die Zyklen aufbrechen. „Der Leiermann“ am Anfang eines Programms ist ein anderer „Leiermann“, als wenn er in der Mitte oder am Ende steht. Mit diesem Lied hole ich das Publikum schon ein bisschen herein in die eher düstere Ecke – in den Märchen ist ja nicht alles so freundlich. „Willst zu meinen Liedern/ Deine Leier drehn?“ Das ist wie ein Doppelpunkt, und dann kommt die Antwort: „Der Zwerg“ und „Erlkönig“.

Ergibt es sich aus der themenbezogenen Gestaltung, dass Sie – auch – Lieder wählen, die Sie auf der Bühne noch nicht gesungen haben?

Im Grunde ist das „Märchenprogramm“, das ich mit Gerold Huber erarbeitet habe, ganz neu. Pfitzners „Nachtwandler“ habe ich zu Studienzeiten in einem Meisterkurs bei Robert Holl erarbeitet – er ist ja ein großer Pfitzner-Kenner und -Interpret. Von Schumann sind einige Lieder dabei, die mich längst schon interessiert haben zu singen. Ein Thema, das sich durchzieht, sind Hans und Grete, die mit dem Märchenpaar assoziiert werden – ich habe sie bei Schumann, Pfitzner und Mahler gefunden.


Ihre Liederabende wie auch Ihre Solo-CDs folgen stets einem inneren thematischen Zusammenhang und einer ausgefeilten Dramaturgie. Was ist die Motivation dahinter?

Es fällt mir schwer, ein Programm zusammenzustellen, in dem ich keinen roten Faden finde. Wenn ich mich von einem Sujet leiten lassen kann, bin ich viel tiefer drin in einem Abend. Das ist etwas sehr Persönliches. Ich mag es, thematisch zu bauen. Manchmal ergibt es sich nicht automatisch, aber wenn ich ein bisschen eintauche, finde ich Möglichkeiten. Es ist mir auch wichtig, dass es für mich schlüssige Überleitungen von einem Lied zum nächsten gibt.

Mögen Sie Märchen an sich?

Ja, Märchen – und dann die Oper, das sind auch ganz tolle Geschichten. Vor allem aber bin ich ein ganz großer Gedicht-Fan. Bei meinem dichten Terminplan komme ich nicht so viel zum Lesen, wie ich es gerne hätte. Oft bin ich zu müde, ein Buch zu lesen. Mit Gedichten gelingt es mir viel besser. Da dürfen die Gedanken abschweifen, und ich kann meiner Fantasie freien Lauf lassen. Ich finde es spannend, dass man bei Gedichten nicht alles erklären kann, was zwischen den Zeilen steht.
Das ist mit ein Grund, weshalb ich glaube, dass der Liederabend nicht aussterben wird, sondern aktueller wird denn je. Die Menschen brauchen die kleineren Formen: Kammermusik, Liederabend. Man muss sich ein bisschen mehr ums Publikum bemühen, und das Publikum ist auch mehr gefordert. Natürlich ist es einfacher, die Menschen mit etwas Großem in Bann zu ziehen. Beim Liedgesang kann man sich nicht mit großen Tönen brüsten, das ist etwas sehr Intimes. Dafür kommt es auch tiefer an. Ich gehe selbst viel in Konzerte. Es sind doch eher die innigen Momente, die in Erinnerung bleiben. Sich in die Stimmungen einzulassen, tiefer einzutauchen – das ist etwas sehr Schönes.


Hat es Sie von Anfang an zum Liedgesang hingezogen?

Wenn man sagt, man wird klassische Sängerin, denkt man natürlich an die Opernbühne. Die Oper ist sicher der schillerndere Teil. Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Liedgesang für mich so wichtig wird. Und jetzt kann ich gar nicht ohne das Lied leben. Es ist ein so großer Bereich für mich, im Moment vielleicht sogar der wichtigste und jedenfalls der persönlichste – weil ich mir das Programm selber aussuche, weil ich mir selber den Klavierpartner suche, einfach weil es ein Zwei-Personen-Abend ist.

Manche Ihrer Kollegen bevorzugen es, immer mit dem gleichen Klavierpartner zusammenzuarbeiten. Sie halten es anders, treten mit unterschiedlichen Pianisten auf. Weshalb?

Es ist immer wieder erfrischend und spannend. Jeder bringt seine Erfahrungen mit einem Lied mit – oder, wenn es neu ist, seine Ideen. So wird es immer ein bisschen anders. Das gefällt mir, genauso wie die Spontaneität, die auf der Bühne entstehen kann. Aber natürlich sind es auch immer wieder die gleichen Partner. Das verhält sich ähnlich wie im Leben: Wie viele Lebenspartner findet man, mit denen man gut auskommt? Das sind nicht beliebig viele. Deshalb sucht man sie sich genau aus. Man kann aber auch einmal eine Türe zumachen. Dann trifft man sich in einem Jahr wieder, und alles ist gut.

Das Gespräch führte Ulrike Lampert.
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.