Husten im Konzert

Was sagt die Wissenschaft?

Es mag ein Traum so manches Musikfreunds sein, einmal von der Musikkritik gewürdigt zu werden. Ein Hörer von Mahlers Neunter brachte es neulich fertig. „Die Presse“ hob ihn hervor. So markant war sein Einsatz im letzten Satz, dass er an Wirkung den Dirigenten überbot. Er hustete – und wie!

Doch unter diesen Umständen bewegte“, so „Die Presse“, „wie sich zuletzt die zart ersterbende Musik dem Publikum schutzlos ausliefert, seiner aufmerksamen Stille oder, leider, auch der lärmenden Missachtung Einzelner.“ Warum hat der Mann gehustet? Und noch dazu so!? Er tat es aus Absicht. Es war Vorsatz. Diesen Schluss legt jedenfalls eine wissenschaftliche Studie nahe, die 2012 von Andreas Wagener, Professor an der Leibniz Universi­tät Hannover, vorgelegt wurde. „Why Do People (Not) Cough in Concerts?“, wollte Wagener wissen. Seine Antwort: „Coughing in concert (…) is not an accidental physiological reflex but should, to a great degree, be regarded as a willful, chosen action.“ Man mag verlegen hüsteln ob der Entschiedenheit des Befunds, aber er ist klar genug formuliert: Das Husten im Konzert ist, gemäß Wagener, großteils eine vorsätzliche, absichtliche Handlung.

Der Konzerthuster, statistisch gesehen

Die Statistik unterstreicht es. Menschen husten im Durchschnitt 16-mal am Tag. Rechnet man die normale Hustenfrequenz hoch auf eine zweistündige Versammlung von 2000 Menschen, dann ist klar: Ein hustenfreies Großereignis – in der Kategorie eines Musikvereinskonzerts – ist nicht zu erwarten. Wissenschaftlich belegt ist freilich auch, dass in Konzerten signifikant mehr gehustet wird als unter normalen Lebensumständen. Der Konzerthuster kommt, umgerechnet, auf 36 Huster pro Tag. Anders ist es beim Niesen, Gähnen oder Schluckauf. Ihre Frequenz bleibt auch im Konzert auf Durchschnittsniveau. Der Unterschied ist evident: Geschehen diese physiologischen Äußerungen unabsichtlich, so kann beim Husten der Willen mitspielen. Und das tut er, ganz offensichtlich – und unüberhörbar.
Das Lebensalter spielt übrigens keine Rolle. Ältere Menschen husten durchschnittlich nicht öfter als jüngere. Sie nehmen nur in größerem Maß ACE-Hemmer bei Herz- und Kreislaufproblemen. Dass diese Medikamente einen leichten Hustenreiz verursachen können, lässt Professor Wagener nicht unbedacht. Aber selbst dann – so der Wissenschaftler –, wenn das ganze Auditorium aus ACE-Gehemmten bestünde, könnte dies die tatsächliche Hustenrate im Konzert nicht erklären.

Mehr Willens- als Bazillensache

Wollte man dem Phänomen medizinisch zu Leibe rücken, wäre der Effekt denn auch gering. Tatsächlich ist die Verabreichung von Hustendragees – wie sie von manchen Konzerthäusern gepflegt wird – mehr ein moralischer Appell, hübsch in geräuschlos sich entfaltendes Zuckerlpapier verpackt. Stärker wirkte da schon eine Aktion des Dirigenten Michael Tilson Thomas, der 2013 bei einer Aufführung von Mahlers Neunter mit dem Chicago Symphony Orchestra nach dem ersten Satz die Bühne verließ, um Hustenbonbons im Publikum zu verteilen. Der kalmierende Effekt lag garantiert nicht am subtil wirkenden Fenchel- oder Salbeiextrakt, sondern am massiven Signal des Dirigenten. Das zielte auf den Willen, traf die Absicht – so wie manch andere Intervention von Künstlern. Keith Jarrett weigerte sich weiterzuspielen, weil mit der Husterei nicht Schluss war. Auch Alfred Brendel setzte derart starke Zeichen oder sprach die Sache direkt an: „Ich weiß nicht, ob Sie mich hören, ich höre Sie gut!“