Eine völlig andere Welt

Marc Minkowski dirigiert Bach

Mit Bachs „Johannespassion“ kehren Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre nach Wien in den Goldenen Saal zurück: der undogmatische Dirigent im Gespräch über lutheranische Dramatik, barrierefreien Zugang zur Musik und die Kraft des Pianissimo.

Marc Minkowski liebt nicht nur Mozart, sondern auch Pferde. Schon vor zwei Jahren hatte er bei der Mozartwoche Salzburg mit dem französischen Pferdetrainer und Theatermacher Bartabas zusammengearbeitet und am Pult seiner Musiciens du Louvre, mit dem Salzburger Bachchor und ausgesuchten Solisten in der Felsenreitschule „Davide penitente“ realisiert. Nun, zu Minkowskis Abschied nach fünf Jahren als künstlerischer Leiter der Mozartwoche, deren Geschicke er gemeinsam mit Matthias Schulz geführt hatte, war das Requiem zu erleben – als Rossballett und zugleich bezwingendes Musiktheaterstück: ein würdiges szenisches Finale der Amtszeit Minkowskis, der für sein Wirken auch noch mit der Goldenen Mozart-Medaille bedacht wurde, der höchsten Auszeichnung, die die Stiftung Mozarteum vergibt.

Eine Menge Improvisation

„Ich verdanke Salzburg und Österreich im Allgemeinen sehr viel“, findet Minkowski, „nicht nur die Zeit bei der Mozartwoche, sondern auch insgesamt schon zwanzig Jahre bei den Salzburger Festspielen. Das war der Ausgangspunkt für mich, oft auch in Wien eingeladen zu werden. Ich habe in diesem Land immer offene Türen vorgefunden, darauf bin ich stolz.“ Eigentlich merkwürdig, dass der Musikverein bisher eine eher untergeordnete Rolle in Minkowskis Auftrittsstatistiken geführt hat. Vielleicht hatte das auch mit einer grundsätzlichen Einstellung des Dirigenten zu Kunst und Leben zu tun: „Meine Karriere besteht aus einer Menge Improvisation. Ich kalkuliere nicht, plane nicht penibel im Voraus. Ich nehme die Dinge und Gelegenheiten, wie sie kommen. Ich bin kein dogmatischer Mensch, ob es nun Musikwissenschaft betrifft oder andere Dinge.“
So haben sich seine Anfänge als dreifach ausgebildeter Fagottist ergeben (französisch, deutsch und Barock), die ihn wertvolle Erfahrungen in einigen der berühmtesten Originalklangensembles sammeln ließen: etwa Les Arts Florissants mit William Christie, in Philippe Herreweghes La Chapelle Royale, in Wien auch bei René Clemencic und dem Clemencic Consort. Aber erst nach Dirigierstudien gründete Minkowski 1982 Les Musiciens du Louvre: der Beginn einer der erfolgreichsten und fruchtbarsten Partnerschaften im weiten Feld der historischen Aufführungspraxis.

Spielarten, Stilarten

Minkowskis „barrierefreier“ Zugang zur Musik hat sich freilich längst auch in anderen stilistischen Gefilden bewährt. „Ich mag es, zwischen den Epochen hin und her zu springen, Sprachen und Repertoire zu wechseln: Oper und Konzertsaal, Klassik und Romantik, geistliche und weltliche Musik.“ Er liebt die Spielarten des französischen Musiktheaters seit dem Barock und ist stolz darauf, als einer der besten Mozart-Interpreten unserer Tage zu gelten – doch spätestens in Richtung Mozart bricht er ohne weiteres aus ganz unterschiedlichen Richtungen auf. „Ich arbeite gern mit Ensembles, die auf alten Instrumenten spielen, ich arbeite gerne mit modernen Orchestern, ich stelle gerne Programme zusammen und entwickle spezielle Projekte, ich kommuniziere liebend gerne mit dem Publikum, ich will Wagner weiter erkunden ebenso wie das 20. Jahrhundert, die französische Schule, Beethoven – alles!“
Um bei Wagner zu bleiben: Mit dem „Fliegenden Holländer“ hat er sich in Wien sowohl konzertant als auch szenisch vorgestellt, im Theater an der Wien; er möchte sich erneut mit Wagners Opernerstling „Die Feen“ auseinandersetzen und sieht sogar einen kompletten „Ring des Nibelungen“ am Horizont aufdämmern. „Letztes Jahr habe ich in Frankfurt den ersten Aufzug der ‚Walküre‘ dirigiert – eine Novität für das hr-Sinfonieorchester, weil Rundfunk-Klangkörper ja normalerweise keine Opern spielen. Es war etwas ganz Besonderes, 
einem deutschen Orchester beizubringen, wie man Wagner spielt!“

Piano, pianissimo!

Und wie spielt man Wagner? Oder, ganz allgemein gefragt: Was ist dem Interpreten Marc Minkowski wichtig? „Das Publikum brennt auf neue Erfahrungen. Es ist nur so, dass manche von uns Interpreten auf Übertriebenheiten zielen, weil sie sich dadurch ein schärferes Profil erhoffen und persönlicher, individueller erscheinen wollen als andere. Ich habe den Eindruck, dass sich dadurch das Interesse von der Kunst weg auf die Künstler verschiebt. Bei manchen Entscheidungen kann ich keinen logischen Grund finden oder ich vermisse die Seele hinter dem Musizieren. Das gilt natürlich nicht für alle, es gibt eine Menge fantastischer aufstrebender Talente – aber manchmal kommt es zu Exzessen.“
Und, zurück zu Wagner, welche Brünnhilde hat zum Beispiel allein für die „Hojotoho“-Rufe zugleich das Volumen, die glänzende Höhe und auch die Flexibilität, um einen richtigen Triller auszuführen, wie ihn Wagner eigentlich verlangt? „Natürlich sind mir diese Details wichtig“, stellt Minkowski klar. „Und es gibt auch eine neue Generation von Sängerinnen und Sängern, die Wagner bewältigen können und sich dennoch nicht von Mozart verabschieden mussten. Es geht um genügend Vorbereitungszeit, um die Vermeidung von Routine und Klischees. Manchmal ist die Stimmtonhöhe ein Problem, aber mehr Schwierigkeiten bereiten die Orchester und Dirigenten den Sängern, wenn sie die Dynamik nicht beachten. ‚Mezzofortissimo sempre‘ ist die größte Gefahr für alle Stimmen.“ Das aber sei ein Problem der Ausbildung, analysiert Min­kowski: „Auf der ganzen Welt spielt die junge 
Generation immer besser, die Technik wird immer brillanter – aber auch in der Dynamik der Partitur treu zu bleiben, und manchmal auch der nötigen Emotion, dafür fehlt oft das Bewusstsein.“

Loblied auf die Flexibilität

So betrachtet ist auch die Frage nach alten oder modernen Instrumenten nicht mehr so wichtig: „Manchmal sind sie großartig, manchmal machen sie Probleme. Es kommt auf das Repertoire an.“ Und auf die spezifischen Fähigkeiten der Musiker: „Manche Details mögen mit den Musiciens du Louvre leichter funktionieren, aber ich dirigiere ‚Don Giovanni‘ auch mit den modernen Opernorchestern in San Francisco oder an Covent Garden, ohne dabei Abstriche machen zu müssen. Mozarts ‚Lucio Silla‘ ist mehr oder weniger eine Barockoper. Ich habe das Werk mit den Musiciens bei der Mozartwoche gemacht und dann an der Scala – mit dem dortigen Orchester. Das war für mich zunächst ein großes Fragezeichen, aber es ging sehr gut! Riccardo Muti hat in seiner Ära eine Spielkultur für die Musik des 18. Jahrhunderts im Orchester etabliert, die eine große Flexibilität bedeutet.“

Höchste Kraft auf engstem Raum

Wenn Marc Minkowski nun mit den Musiciens du Louvre und einer speziellen Solistenriege neuerlich im Goldenen Saal musiziert, wo er bisher Musik von Rameau, Händel, Carl Philipp Emanuel Bach, Gluck und Haydn aufgeführt hat, dann ist das eine doppelte Rückkehr – nämlich auch eine zu Johann Sebastian Bach und seiner „Johannespassion“. „Mit Bach beschäftige ich mich immer wieder, und dieses Werk habe ich zuletzt vor zwei Jahren anlässlich einer Aufnahme dirigiert, die nun endlich erscheinen soll“ – in ähnlich außergewöhnlichem Gewand wie nun im Musikverein: „Ich interpretiere Bach mit einem Vokalensemble, das von der Größe her seinen eigenen Kräften entspricht – und die waren sehr begrenzt, denn die Orgelemporen boten sehr wenig Platz. Für die ,Johannespassion‘ bilden alle Sänger nur ein Doppelquartett, der Evangelist ist genauso Teil des Chores wie Christus und Pilatus.“
Gerade für die „Johannespassion“, das dramatischere Werk neben der meditativeren „Matthäuspassion“, empfindet Minkowski diesen „lutheranischen“ Interpretationsansatz faszinierend: „Man kann der Erzähler sein, gleich darauf ein Protagonist der Handlung und eine Sekunde später wieder der Erzähler; der Chor kann den Tod Jesu kommentieren, nachdem einer von ihnen gerade Jesus war. – Und natürlich ist es ein Schock für Leute, die die Tradition großer Chöre gewohnt sind, ob es nun 150 Sänger sind oder auch nur 20: Denn von diesen zwanzig nochmals auf acht zu reduzieren bedeutet eine völlig andere Welt! Wenn man die richtige Einstellung, das richtige Team, die richtigen Stimmen zur Verfügung hat, dann ist das eine großartige Erfahrung. Für mich ist es ein Teil von Bachs Genie, dass man etwa bei seinen Partiten für Solovioline die ganze Welt der Polyphonie erlebt, dass man den Geist des Immensen fühlen kann. Die ,Johannespassion‘ mit einem so kleinen Ensemble aufzuführen gibt mir genau dieses Gefühl.“

"Wenn man die richtige Einstellung, das richtige Team, die richtigen Stimmen zur Verfügung hat, dann ist das eine großartige Erfahrung." 
Marc Minkowski

In memoriam N. H.

Bedeutet Bach für ihn also auch eine Art von religiösem Erlebnis? „Bei ihm spürt man immer die Verbindung zu etwas sehr Starkem, von dem man nicht genau weiß, was es ist, aber es kommt definitiv von irgendwo da oben. In einer Kirche, im Konzertsaal, ganz egal wo: Bach versetzt einen in eine spirituelle Stimmung.“ Dabei fühlt Minkowski noch andere musikalische Obertöne mitschwingen: „Als ich die Nachricht vom Tod Nikolaus Harnoncourts gehört habe, war es für mich, als hätte ich einen Vater verloren. So ist es vermutlich vielen gegangen; wir haben einander auch gar nicht so gut gekannt. Aber ich habe ihn in seinen letzten Lebensjahren noch 
einige Male getroffen. Ich werde seinen Bruckner nie vergessen, etliche A-cappella-Stellen mit dem Arnold Schoenberg Chor – und die Bach-Interpretationen mit ihm und Gustav Leonhardt waren für mich und für viele Kollegen ein Meilenstein. Ich habe von seinen Aufnahmen und seinen Konzerten eine Menge gelernt. Nach dem Gedenkkonzert für Nikolaus Harnoncourt erstmals in den Musikverein zurückzukehren bewegt mich zutiefst.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.