Die musische Monarchin

6. April bis 23. Juni 2017

Wenn schon Gedenkjahre gefeiert werden, dann wird ein solches Gedenken erst sinnvoll, wenn es zu einem Überdenken traditioneller Bilder führt. Eine Musikvereinsausstellung zum 300. Geburtstag Maria Theresias regt dazu an: „Maria Theresia und die Musik“.
Immer wieder werden mit patriotischem Stolz die vier komponierenden Habsburgerkaiser thematisiert, auch wenn nur einer von ihnen (Leopold I.) wirklich ein Œuvre hinterlassen hat, wir von einem (Karl VI.) gar keine Komposition besitzen und von zweien (Ferdinand III. und Joseph I.) nur Einzelwerke. Sie taugen für die Etikettierung des Musiklandes Österreich auch insofern nicht viel, weil es anderswo und insgesamt komponierende Regenten in erstaunlicher Zahl gegeben hat. Aber dass es in Österreich vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert aktiv musizierende Regenten, ja Regentenfamilien mit einer hohen musikalischen Ausbildung gegeben hat, das ist einzigartig.
Die herausragendsten aktiven Musiker unter ihnen waren wohl Maria Theresia, ihr Sohn Joseph und ihre Enkel Franz und Rudolf. Das bewusst zu machen ist eine zielführende Aufgabe im Maria-Theresia-Jahr 2017, im Jahr ihres 300. Geburtstages. Unter anderem – aber bei weitem nicht nur damit – wollen wir das mit einer Ausstellung unternehmen: „Maria Theresia und die Musik“. Ein schlichter Titel für ein viel umfassendes Thema. 

„Sie lernete die Music“

Sie wurde „in der Lateinischen, Französischen, Italienischen, und in etwas in der Spanischen Sprache unterwiesen“, heißt es über die 26-Jährige. Und weiter (man beachte die Reihenfolge): „Sie lernete die Music, die Geographie und die allen hohen Personen so nöthigen Historischen Wissenschafften.“ Gottlieb Muffat war ihr Klaviermeister, Anton Funiak hat sie im Gesang unterrichtet, angeblich auch der Vizehofkapellmeister Antonio Caldara. Der hat jedenfalls ebenso wie der Hofkompositeur Opern vertont, in denen Maria Theresia auch noch nach ihrer Verheiratung aufgetreten ist. 1744 wollte sie, nunmehr bereits Regentin in den österreichischen Erblanden, in der von Johann Adolf Hasse vertonten Festoper zur Vermählung ihrer Schwester Maria Anna auftreten. Hofkreise erklärten das Auftreten als Opernsängerin für eine regierende Erzherzogin und Königin als unschicklich – und sie beugte sich und sang nur mehr im Kreise ihrer Familie.

Diese Mozarts!

Maria Theresia hatte ihre fundierten, aber natürlich subjektiven musikalischen Meinungen. Sie erklärte, dass sie in der Oper „den geringsten Italiener allen heimischen Compositeuren vorziehe, sowohl dem Gassmann, Salieri, Gluck und anderen“, wusste aber das Genie Joseph Haydns recht zu beurteilen, wenn sie 1772 erklärte, dass dieser „aussergewöhnliche Ideen“ habe und viel für die Zukunft verspreche, denn „das ist erst der Anfang“. Salieris Musik sah sie gar nicht als italienisch an, weil der Komponist ja in Wien ausgebildet worden war. Haydns Opern gefielen ihr, weil sie im italienischen Stil geschrieben waren. „Wenn ich eine gute Oper hören will“, so der oft zitierte Ausspruch Maria Theresias aus dem Jahr 1773, „muß ich nach Esterhaza.“ An dem jungen Mozart störte sie die Geschäftstüchtigkeit des Vaters so sehr, dass sie zu gar keiner künstlerischen Beurteilung kam: „Es mindert die Dienstleistung“, schrieb sie 1771, „daß diese Leute in der Welt herumschwärmen wie Bettler.“ Von der wegen der vielen Reisen geminderten Dienstleistung der Mozarts wusste der Salzburger Erzbischof ja ein Lied zu singen. 

Mit Pauken und Trompeten gegen den Papst

Ja, Maria Theresia war künstlerisch ambitioniert, aber auch eine nüchterne Wirtschafterin. Eine Reorganisation der hypertroph wuchernden Wiener Hof- und Dommusikkapelle wurde ihr posthum vorgeworfen, war aber nüchtern betrachtet ein Gebot der Stunde. Als Papst Clemens XIV. „kriegerische Instrumente“ wie Trompeten und Pauken in der Kirchenmusik verbot, hat sie auf die damit verbundenen Einsparungsmöglichkeiten verzichtet, weil sie sich Kirchenmusik ohne solche Instrumente nicht vorstellen wollte. Daher gestattete sie erst einmal nicht die Publizierung dieser päpstlichen Bulle in den österreichischen Erbländern. Ein Eklat! Schließlich erlaubte sie die Bekanntmachung, zeigte aber, dass sie sich nicht daran halten wolle, was Beispielwirkung hatte. Nach wenigen Monaten Unsicherheit wurde in ihren Ländern wieder in jeder Kirche – dem landesfürstlichen Beispiel folgend – mit diesen Instrumenten musiziert. 

Ein Theater-Imperium

„Spectacle müssen sein“, dekretierte Maria Theresia 1759, freilich auf Wien gemünzt: „ohnedem kan man nicht hier in einer solchen großen residenz bleiben.“ Aber dieser Grundsatz bestimmte ihr Handeln in allen von ihr regierten Ländern. Nicht nur Wien erhielt im Hofburgtheater ein zentrales Opernhaus, auch Mailand verdankt ihr sein – übrigens mit einer Oper Salieris – 1778 eröffnetes Teatro alla Scala, das nur als prominentestes Beispiel ihrer diesbezüglichen Aktivitäten genannt sei. Was an der Wiener Hofoper gegeben wurde, wurde vielerorts nachgespielt, andererseits stand der Hof, da es kein Geschmacksdiktat gab, vielen Strömungen offen.
Unüberschaubar ist die Zahl der Maria Theresia gewidmeten Kompositionen: Sie hat nichts abgelehnt, aber auch nicht alles aktiv gefördert. In ihrem unmittelbaren Einflussbereich war sie anfangs subjektiver und restriktiver, später wurde sie offener, ohne mit ihren persönlichen Vorstellungen hinter dem Berg zu halten. Gluck hat wahrscheinlich gar nichts von ihren Vorbehalten gegen ihn gewusst, sonst hätte er kaum „den Todfall Maria Theresiens“ in einem Brief vom 29. November 1780 so sehr bedauert.

Musikalische Familienharmonie

Maria Theresia wuchs bei ihren Eltern in einem hausmusikalischen Ambiente auf. Geburts- und vor allem Namenstage wurden musikalisch gefeiert, oft und soweit möglich unter aktiver Mitwirkung der Kinder. In ihrem Gatten Franz Stephan von Lothringen, der am Wiener Hof – nicht zuletzt auch musikalisch – erzogen worden war, hat sie einen Lebenspartner mit gleicher Freude an der Musik gefunden. Er hat selbst musiziert, in den Jahren vor seiner Kaiserkrönung manchmal mehr und öfter als seine vielbeschäftigte Frau. Das in der jüngeren Vergangenheit vielmals tradierte Bild vom unmusischen und unmusikalischen Gatten Maria Theresias, der Schuld daran trug, dass in den nachfolgenden Generationen der habsburgischen Familie das Musikinteresse erstarb, sollte in diesem Jahr endgültig ad acta gelegt werden; das wäre wohl das schönste posthume Geburtstagsgeschenk für seine Gattin.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Nun klingen sie wieder 2017

„Nun klingen sie wieder“ – einige der neunhundert historischen Instrumente aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 2017 richtet sich der Fokus der Konzertreihe auf Instrumente aus der Zeit Maria Theresias, deren Geburtstag sich heuer zum 300. Mal jährt, und Kompositionen, die mit ihr in direktem Zusammenhang stehen: Instrumentalmusik am kaiserlichen Hof (22. April 2017), Arien (25. April 2017) und Sakralwerke (5. Mai 2017), die für Maria Theresia komponiert und auch von ihr gesungen wurden, sowie Werke, die ihr und ihrer Familie gewidmet sind (10. Mai 2017). In lockerer Atmosphäre, mit in der Saalmitte platziertem Podium, werden akustische Einblicke möglich in Maria Theresias musikalische Welt. Archivdirektor Otto Biba führt durch das Programm.

Artikel "Altes, neu gehört" aus dem Musikfreunde Magazin.