Der Traum vom Land, wo die Zitronen blühen

Eine italienische Reise

Wenn Ende April die Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola nicht nur mit Mendelssohns „Italienischer“ aufwarten, sondern auch mit Respighis symphonischen Dichtungen „Fontane di Roma“ und „Pini di Roma“, weht ein Hauch von „dolce vita“ durch den Großen Musikvereinssaal. Margot Weber hat deshalb einer ganz besonderen Sehnsucht nachgespürt: jener nach Italien.

Hügel mit Olivenhainen, Zypressen und Pinien an gewundenen Landstraßen. Die Orangenplantagen bei Catania, die Hasel- und Walnussbäume im Piemont. Ummauerte Städtchen mit jahrhundertealten Palazzi. Die Villa Medici in Careggi bei Florenz im Spätherbst, der Strand von San Vito lo Capo auf Sizilien an einem windigen Frühlingsvormittag. Die lebhafte Piazza delle Erbe in Verona, der sonnige Campo de’Fiori in Rom, die malerisch-verfallene Vucciria vecchia in Palermo. Weißbrot mit Olio extravergine aus Lucca, dazu frische Feigen mit Prosciutto toscano. Ein Brunello aus der Gegend von Montalcino, ein Vino Nobile aus Montepulciano. – Einige wenige Impressionen eines Landes, das schon seit Jahrhunderten das Sehnsuchtsziel der meisten Mitteleuropäer darstellt.

Rezitativ und Arie

Es ist ein Land, in dem selbst die Namen von Schinken- oder Käsesorten klingen wie gesungene Rezitative: Prosciutto di San Daniele. Prosciutto di Parma. Canestrato Pugliese, Mozzarella di Bufala Campana. Liebhaber guten Essens – „gli buongustai“, wie man im Lande von Pizza und Pasta sagt – waren die Italiener allerdings schon immer. Die Medici etwa schwärmten einst für Kaninchen in Kakao­sauce – ein Renaissance-Rezept, das bis heute im „La Pentola dell’Oro“ in Florenz auf der Speisekarte steht. Wohingegen der in Rom lebende Schriftsteller Luciano de Crescenzo am liebsten Pasta mit Miesmuscheln bestellt – und das am allerliebsten im „Da Andrea“, einer familiären Trattoria in der Via Sardegna. Und die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon – längst eine leidenschaftliche Vene­zianerin – kauft oft Süßes unweit der Rialtobrücke, nämlich in der traditionellen Pasticceria Rosa Salva am Campo SS. Giovanni e Paolo.
Hinzu kommen Millionen namenloser Italiener, die nichts auf die Cucina casalinga, die traditionelle Landküche von la Mamma, kommen lassen. Sofern sie nicht ohnehin auf die Cucina povera, die regionale bäuerliche Küche, schwören: Eine Minestra – wie himmlisch! Eine Pasta frittata! Und nicht zu vergessen: Tortelli alla lastra della nonna! Omas Teigtaschen, gefüllt am besten mit Ziegenkäse und Honig – ein Gedicht. Ach was, eine Arie!

Brioche oder Cornetto

Einer der schönsten kulinarischen Bräuche des Landes ist es allerdings – sofern man mehr Zeit mitbringt als nur ein paar Minuten für einen tiefschwarzen Espresso „al bar“ –, im Café einen morgend­lichen Cappuccino und ein Kipferl (in Mailand: un brioche; in Rom: un cornetto) zu bestellen, um dann in aller Ruhe den „Corriere della Sera“ oder „La Repubblica“ zu studieren. „Andiamo a prenderci un caffè?“, lautet ein geflügelter Satz, den jeder Sprachschüler schon am ersten Tag lernt. Am besten schmeckt er natürlich in einem Prachtpalast wie dem Caffè degli Specchi an der Piazza dell’Unità d’Italia in Triest. Oder im Caffè di Perugia, einem Kaffeehaus mit Restaurant in einem alten Palazzo, dem Treffpunkt schlechthin für ganz Umbrien. Oder vielleicht eher im Caffè Pedrocchi in Padua oder im „Gilli“ in Florenz?
Wer einmal in solchen Häusern eingekehrt ist, den wundert nicht mehr, dass amerikanische Kaffeeketten in Italien chancenlos sind. Mit einem Pappbecher in der Hand durch die Gassen hasten? Come irrazionale!

Unter der Sonne

Das ganze Bel paese – ein Begriff, den übrigens einst Dante und Petrarca schufen – ist schon seit der Renaissance eine prachtvolle Bühne, auf der sich Millionen Menschen mit unnachahmlicher „grandezza“ in Szene setzen. Bella figura machen. Und ihr Leben, das Essen und die Natur genießen. Denn was hat Italien nicht auch landschaftlich zu bieten! Die Alpen, die Abruzzen, die unzähligen Binnenseen, die sanften Hügel der Toskana, die Schwarzkiefernwälder Kalabriens und die wilden Gebirgszüge Sardiniens. Nicht zu vergessen natürlich die 7.600 Kilometer lange Mittelmeerküste, die im Sommer Millionen Badefans in die „bagni“ zieht.
„Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“, schrieb einst die viele Jahre in Italien lebende Ingeborg Bachmann. Das chaotische römische Nebeneinander von Antike und Gegenwart schärfte ihren Blick für das Morbide, für die Vergänglichkeit im Alltag. Eine Erkenntnis, die sie mit den Italienern teilt. Denn die gehen lässig, manchmal auch ein wenig nachlässig mit ihrem reichen Kulturerbe um. Rockkonzerte im römischen Circus Maximus? Certo! Open-Air-Festivals im Anfiteatro von Pompeji? Assolutamente! „Rigoletto“ in der Arena di Verona? Naturalmente, sì! Eine Flasche Chianti und ein paar Gläser in einen Picknickkorb gepackt, dazu Salami, Käse, Schinken und Oliven – und das Festmahl bei Freiluftmusik unterm nächtlichen Sternenhimmel ist komplett.

Kennst du das Land …

Ohne Goethe hätten wir Mitteleuropäer aber womöglich nur halb so viel Sehnsucht nach Italien. Wäre er nicht, inspiriert von Johann Joachim Winckelmann, im September 1786 für eineinhalb Jahre in den Süden geflohen, hätten wir womöglich kaum so traumschöne Arkadien-Bilder im Kopf. Mignons Lied aus seinem „Wilhelm Meister“, „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn …“, ist der Leitspruch unserer Sehnsucht nach dem Süden. Und da die antiken Stätten Griechenlands zur Goethe-Zeit unter osmanischer Verwaltung standen, also deutlich komplizierter zu erreichen waren, konzentrierte sich die aufflammende Begeisterung für die klassische Antike auf Italien.

Auf nach Italien

Seit den Bildungsreisenden des ausgehenden 18. Jahrhunderts gehörte es zum Habitus bürgerlicher wie künstlerischer Kreise, wenigstens einmal im Leben einen längeren Aufenthalt in Italien genommen zu haben. So spazierte beispielsweise 
Johann Gottfried Seume nach Syrakus (1801), so reiste Madame de Staël mit August Wilhelm Schlegel, dem Hauslehrer ihrer Kinder, durch das Land (1804/05). In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts lebten allein in Rom mehr als 500 deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Leo von Klenze, der Baron Hausmann Münchens, kam immer wieder, der Maler Arnold Böcklin durchstreifte Neapel und Pompeji (1862) und lebte elf Jahre in Florenz (1874–85). Theodor Fontane besuchte das Land erst als alter Mann (1874/1876), Rainer Maria Rilke schon als Jüngling („Duineser Elegien“), wohingegen sich Maxim Gorki das immergrüne Capri zum Exil wählte und dort eine Schule für Revolutionäre und Propagandisten gründete (1907–13).

„'Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn …'“, ist der Leitspruch unserer Sehnsucht nach dem Süden."

Reisemotivation und Inspiration

Und die Komponisten? Drei seien hier exemplarisch genannt. Zum Ersten Johann Simon Mayr (1763–1845), aus der Nähe von Eichstätt stammend, der mit 26 nach Italien ging und dort als Lehrer Donizettis und Vater der italienischen Oper zu Weltruhm gelangte. Er schuf 60 Werke für das Musiktheater, sein berühmtestes ist „Medea in Corinto“ (1813) nach einem Libretto von Felice Romani – der ansonsten Rossini, Donizetti, Bellini und Verdi mit Texten versorgte. Zum Zweiten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–47), der 1830/31 fast ein Jahr in Italien verbrachte und dort zum Palestrina- und Tizian-Bewunderer wurde. Für ihn als typischen Künstler des 19. Jahrhunderts – sprich: als Mann aus wohlhabendem Hause – waren Bildung und Selbstfindung die Reisemotivation. Seine „Italienische Symphonie“, vor allem das Allegro vivace sowie der „Saltarello“-Schlusssatz, spiegelt die lebensfrohen Erfahrungen, die er in Rom und Neapel machte.
Und zum Dritten: Richard Wagner. Ein manisch Reisender, der das helle Italien immer weit mehr geliebt hat als das kalte, dunkle Deutschland. Seine frühe Oper „Die Feen“ greift auf Motive aus Märchenspielen des Venezianers Carlo Gozzi zurück, „Das Liebesverbot“ spielt im Sizilien der Stauferzeit, und „Rienzi“ behandelt einen Stoff aus dem Rom um 1350. In Venedig schreibt er den zweiten Aufzug von „Tristan und Isolde“ (während er allabendlich auf dem Markusplatz bei Fisch und Champagner diniert), in einem Hotel in La Spezia konzipiert er das Vorspiel zu „Rheingold“, in Palermo vollendet er den „Parsifal“ – und stirbt schließlich folgerichtig nicht in Bayreuth, sondern in Venedig, der geliebten Serenissima.

Betörte Sinne

Angeblich führen ja alle Wege nach Rom. Keine schlechte Idee, einen davon wieder einmal einzuschlagen. Und dabei auch in der Lagunenstadt Sta­tion zu machen. Wagners Sterbehaus, der am Canal Grande gelegene Palazzo Vendramin-Calergi, gehört zu den prächtigsten Palästen der venezianischen Hochrenaissance – und beherbergt seit ein paar Jahren ein kleines privates Wagner-Museum.
So schließt sich der Kreis, denn in Italien hängt immer alles mit allem zusammen: die Liebe mit dem Tod, die Schönheit mit dem Sterben, die Kulinarik mit der Kultur und die symphonische Musik mit der Serenissima. Ein Land, das stetig alle Sinne betört – gleichzeitig. „Wenn ich ein and’res Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort ‚Venedig‘“, sagte schon der Wagner-Freund Friedrich Nietzsche.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.