Altes, neu gehört

Nun klingen sie wieder

Nun klingen sie wieder, einige der historischen, zum Teil frisch restaurierten Instrumente aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien – zum 300. Geburtstag von Maria Theresia mit Musik aus dem engsten Umfeld der Kaiserin.

Bereits zum fünfzehnten Mal heißt es im Frühjahrsprogramm des Musikvereins „Nun klingen sie wieder“. Sie, das sind historische Musikinstrumente aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Nirgendwo sonst wäre ein solcher Konzertzyklus möglich; kein anderer Konzertveranstalter verfügt über eine vergleichbare Sammlung historischer Instrumente, keine andere Sammel- und Dokumentationsstätte über vergleichbare Ressourcen als Konzertveranstalter. Und die Menge an aufführungswürdiger Musik aus unterschiedlichen Stilepochen im Archiv des Hauses inspiriert immer wieder zu neuen Programmideen.

Hautnahes Erleben

Von den insgesamt etwa neunhundert Instrumenten kommen heuer einige zum Einsatz, die sich schon bald zweihundert Jahre in den Sammlungen befinden, und einige, die jüngst erworben werden konnten. Einschlägig erfahrenen Instrumentalisten wird die Möglichkeit geboten, sich darauf einzuspielen und sie in den Konzerten wieder klingen zu lassen. Das Maria-Theresia-Jahr 2017, in dem des 300. Geburtstags der Kaiserin gedacht wird, bestimmt im Wesentlichen das Programm der vier Konzerte im Brahms-Saal. Ergänzt wird dieser Schwerpunkt in zwei Konzerten durch Musik von Georg Philipp Telemann, der vor 250 Jahren verstorben ist.
Die Platzierung des Podiums in der Mitte des Raumes sorgt für eine gute Sicht auf die Instrumente, die lockere Atmosphäre lässt die Grenzen zwischen Interpreten und Zuhörern verschwinden, und einführende Erläuterungen und Kommentare von Otto Biba sowie die Präsentation von Musikalien und Instrumenten während der Konzertpausen durch Ingrid Fuchs runden die Abende ab.

Original meint original

Der Thematik entsprechend sind ausschließlich Instrumente aus dem späten 17. und vor allem aus dem 18. Jahrhundert zu hören. Die Streichinstrumente sehen auf den ersten Blick gar nicht ungewöhnlich aus, wenn nicht der Kontrabass fünf Saiten hätte und die Violinen kürzere Griffbretter als die heute üblichen. Ja, wenn heute ein Solist oder ein Orchestermusiker eine historische Violine spielt, so ist sie umgebaut, um den modernen Bedürfnissen zu genügen. Diese verlangen ein Spiel in höheren Lagen und einen lauteren Klang. Daher wurden der Hals und das Griffbrett verlängert, der Hals in einem anderen Winkel angesetzt, um die Saitenspannung zu erhöhen, das Instrument wurde innen verstärkt, um die Resonanz des Corpus zu erhöhen.
Nichts von all dem bei den Streichinstrumenten, die bei „Nun klingen sie wieder“ gespielt werden. Christophe Coin zeigt am 22. April mit solistischen Werken für Violoncello, wie sehr ein historisches Violoncello, auch wenn es äußerlich gar nicht anders aussieht, anders klingt. Von den Geigen ist dies in jedem Konzert feststellbar. Wenn dann am 10. Mai auch eine Viola da Gamba gespielt wird, so ist dies ein Instrument, das nicht den Weg in das moderne Instrumentarium mitgegangen ist. Die Alte-Musik-Bewegung hat es wieder belebt, doch werden meist Nachbauten gespielt. Am 10. Mai musiziert Maddalena Del Gobbo auf einem von dem Wiener Hof-Geigenmacher Anthony Posch gebauten Instrument aus dem Jahr 1736.

Im Ansatz schwierig

Ein weiteres aus dem modernen Instrumentarium verschwundenes Instrument ist das Salterio, zu Deutsch Hackbrett. Unter dieser Bezeichnung findet man es noch in der Volksmusik. Dass es in der K. K. Hofmusikkapelle einen Hackbrettvirtuosen gegeben hat, der seine spektakulärsten Auftritte in Opern hatte, erscheint aus heutiger Sicht recht ungewöhnlich. Bei „Nun klingen sie wieder“ kommen zwei Salterios zum Einsatz: eines aus dem Gebiet des französischen Oberrheins und eines, das um 1770 in Mailand gebaut wurde. Erst bei der jüngst von Alfred Pichlmaier durchgeführten Restaurierung des Letzteren wurde durch Vergleiche mit anderen Instrumenten festgestellt, dass der Erbauer Antonio Battaglia war. 1833 kam dieses Hackbrett geschenkweise in die Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde, nun klingt es erstmals wieder.
Große Auftritte haben auch vier Trompeten und zwei Hörner sowie ein Paukenpaar aus unseren Sammlungen, alle aus dem 18. Jahrhundert. In einem Konzert werden jene Intraden gespielt, die bei der Krönung Maria Theresias zur Königin von Böhmen im Jahr 1745 erklungen sind, in einem weiteren Konzert andere Huldigungs- und Fest-Intraden vom Wiener Hof ihrer Epoche. Solche Intraden sind stets sehr kurz, weil bei Naturtrompeten der Ansatz für die Lippen so anstrengend ist und die Spieler Pausen brauchten, während der sie sich im Spiel auch abwechseln konnten. In den Konzerten am 25. April und am 5. Mai wechseln sie sich nicht ab, dafür werden die Intraden in mehreren Blöcken gespielt.

Familienmusik

Musik aus dem engsten Umfeld Maria Theresias, Musik, mit der sie gelebt und die sie selbst musiziert hat, wurde von den wichtigsten am Kaiserhof beschäftigten Komponisten geschrieben. Sie prägen auch das Programm. Ildikó Raimondi singt am 25. April Opernarien, die der Kaiserin, wie man so sagt, auf den Leib geschrieben wurden. Hört man diese, so erfährt man mehr über die Persönlichkeit dieser Frau, als man aus Büchern herauslesen könnte.
Am 5. Mai stehen drei Kirchenmusikkompositionen auf dem Programm, die Maria Theresia von Johann Adolf Hasse für sich und ihre Kinder hat schreiben lassen. Der älteste Sohn und spätere Kaiser Joseph II. hat die Orgel gespielt, alle anderen Kinder haben gesungen, jedes auch ein Solo – anspruchsvoller die der größeren, einfacher die der kleineren, und geradezu herausfordernd ist der Part Maria Theresias. Die singenden Buben hatten noch keinen Stimmbruch, weshalb sich alle Partien in Sopran- und Altlage bewegen. Bei „Nun klingen sie wieder“ allerdings tritt keine Kinderschar auf; hier übernehmen vier Sängerinnen die Partien Maria Theresias und ihrer Kinder.

Reiz und Neugier

Ein großes Anliegen Maria Theresias war die gute musikalische Erziehung ihrer Kinder, für die sie die besten Lehrer engagiert hat, etwa Georg Christoph Wagenseil. Er war ein zukunftsweisender Komponist, dessen Klavier-Kammermusik-Werke – was damals ungewöhnlich war – auch noch nach seinem Tod immer wieder neu aufgelegt wurden. Florian Birsak spielt auf einem Hammerflügel von Johann Jakesch, der etwa zwanzig Jahre nach dem Tod des Komponisten gebaut wurde.
Bei „Nun klingen sie wieder“ geht es primär um die Instrumente und ihren Klang. Auch wenn das Musikprogramm thematisch an Maria Theresia (und – in kleinerem Maß – an Georg Philipp Telemann) gebunden ist, sollen doch Werke ausgewählt werden, mit denen sich die Instrumente am besten präsentieren lassen. Das bringt es mit sich, dass sich – abgesehen von Telemann – etliche Komponisten im Programm finden, von denen noch nie etwas im Musikverein zu hören war und die dem Publikum kaum vertraut sind. Das hat seinen Reiz – und fordert zugleich die Neugierde des Publikums.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

"Nun klingen sie wieder"

„Nun klingen sie wieder“ – einige der neunhundert historischen Instrumente aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 2017 richtet sich der Fokus der Konzertreihe auf Instrumente aus der Zeit Maria Theresias, deren Geburtstag sich heuer zum 300. Mal jährt, und Kompositionen, die mit ihr in direktem Zusammenhang stehen: Instrumentalmusik am kaiserlichen Hof, Arien und Sakralwerke, die für Maria Theresia komponiert und auch von ihr gesungen wurden, sowie Werke, die ihr und ihrer Familie gewidmet sind. 

In lockerer Atmosphäre, mit in der Saalmitte platziertem Podium, werden akustische Einblicke möglich in Maria Theresias musikalische Welt. Archivdirektor Otto Biba führt durch das Programm – und bietet im „Musikfreunde“-Beitrag "Altes, neu gehört" so manche spannende Vorabinformation.