Memory of the World

Die Brahms-Sammlung im Archiv des Musikvereins

Johannes Brahms wollte, dass sein Nachlass an Noten, Büchern und Korrespondenz ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde kam. Er wusste warum. Heute zählt die Brahms-Sammlung im Archiv der Musikvereins zum unverzichtbaren „Erbe der Menschheit“, von der Unesco ausgezeichnet als „Memory of the World“. 

Johannes Brahms hat gesammelt: Zinnfiguren, Bücher, Noten und vor allem Musikhandschriften von seinen älteren Komponistenkollegen. Er wusste ja aus eigener Erfahrung, was die eigenhändige Niederschrift einer Komposition über die Persönlichkeit des Komponisten im Allgemeinen und den Schaffensprozess dieses Werkes im Besonderen aussagen kann. Deshalb waren ihm Arbeitsmanuskripte noch viel lieber als Reinschriften, denn jede Korrektur während der Niederschrift gibt ja einen Einblick in das Ringen um die endgültige Gestalt eines Werkes. Skizzen und Entwürfe: Was wurde daraus? Fragmente: Warum wurden sie nicht vollendet? Komplette Partituren: Wie sind sie entstanden? Das waren die Fragen, die ihn an Handschriften anderer Komponisten interessierten. Und weil er wusste, wie viele Antworten darauf man in Handschriften finden kann, betrachtete er seine eigenen geradezu als intime Zeugen seiner selbst. Den Verlegern gab er zur Drucklegung am liebsten Abschriften, enge Freunde zeichnete er mit dem Geschenk der Niederschrift eines seiner eigenen Werke aus, und alles, was er an eigenen Kompositionsniederschriften bei sich zurückhielt und aufbewahrte, bestimmte er testamentarisch für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, wo sein Freund Eusebius Mandyczewski dafür verantwortlich wurde. Ihm hat er das eine oder andere Stück schon zu Lebzeiten für das Archiv anvertraut. 

Sammeln, um zu wissen

So wurden bei Brahms die Zeugnisse seines eigenen Schaffens schon zu einer Sammlung an sich, nicht nur die Musikhandschriften, sondern auch die Handexemplare. Also jene Drucke seiner Werke, die er bei Aufführungen benützte und in die er nachträgliche Änderungen eintrug. Er sammelte auch musikalische Erstausgaben – vor allem von Bach, Mozart, Beethoven, Schubert und Schumann. Bei Haydn, dem so viele Werke fälschlich zugeschrieben wurden und von dem so viele eigenhändige Werkniederschriften verlorengegangen sind, haben ihn wieder Echtheitsfragen interessiert, die wir an den Haydniana in seiner Musikaliensammlung nachvollziehen können: Was ist wirklich von ihm, was wurde ihm – woran erkennbar – untergeschoben?
In Brahms’ Büchersammlung finden wir musikalische Handbücher, bibliophile Ausgaben, sehr viele literarische Werke, die ihm Lektüre waren oder in denen er Texte zur Vertonung fand. Seine durchgearbeiteten Baedeker-Reiseführer gehören ebenso in diese Sammlung wie die Bibelausgabe, in der er Textstellen für sein „Deutsches Requiem“ markierte.
Brahms hat die an ihn gerichtete Korrespondenz sorgsam aufbewahrt. Manche Korrespondenzpartner wünschten sie nach seinem Tod zurück, weshalb diese Korrespondenzstücke heute zerstreut oder verloren sind. Was aber geschlossen erhalten ist, gibt faszinierende Einblicke – in Kompositionsprojekte, in die Arbeit des Komponisten,  Dirigenten und Pianisten Brahms, in seine sozialen Kontakte, in seinen Alltag und in viele seiner geschäftlichen und finanziellen Belange. 

Erstmalig und beispielhaft

Was nach Brahms’ Tod (und nachdem Anwälte und Richter fünfzehn Jahre lang mit der Anfechtung seines Testaments beschäftigt waren) in das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gelangte, war also das, was er für sich, und das, was er selbst von und über sich gesammelt hat, also eine Brahms-Sammlung in doppeltem Sinn. Es gab schon vor ihm Komponisten, die Bücher oder Kunstwerke gesammelt haben; alle diese Sammlungen sind zerstreut und verloren. Es gab aber vor ihm keinen Komponisten, der so konsequent Zeugnisse über seine Persönlichkeit und sein Schaffen gesammelt hat. Daher ist dieser Brahms-Nachlass (eigentlich müsste man sagen: sind diese von Brahms angelegten Sammlungen) in allen Aspekten erstmalig und beispielhaft. 
Das war der Grund dafür, warum die Brahms-Sammlung 2005 von der Unesco als dokumentarisches „Erbe der Menschheit“ anerkannt und verzeichnet wurde. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hat diesen Nachlass als Verpflichtung gesehen und auf ihn aufbauend kontinuierlich eine noch umfassendere Brahms-Sammlung angelegt, die ihresgleichen sucht. Denn sie hat sich zum Programm gemacht, das, was Brahms nicht über sich selbst sammeln konnte, dem von ihm gesammelten Material hinzuzufügen, also Musikmanuskripte, die er doch aus der Hand gegeben hat, und von ihm geschriebene Briefe, die ja mit dem von ihm erhaltenen und aufbewahrten Briefe eine Einheit darstellen sollen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie sich um Geschenke bemüht und Ankäufe getätigt und damit ebenso exemplarisch wie zukunftweisend gehandelt.

„… for the benefit of all humanity“

Die Unesco (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) kennt zwei Arten der Unterschutzstellung hochbedeutender Zeugnisse der Vergangenheit. Zum einen die Bezeichnung „Weltkulturerbe“ für Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind und von den Staaten, in denen sie liegen, für diesen Titel vorgeschlagen werden. Der Titel beruht auf der von 190 Staaten und Gebieten ratifizierten Welterbe-Konvention von 1972. Zum anderen das Verzeichnis des „Memory of the World“ zum „Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit“, also für Schriftgüter, die jeweils auf ihre Art „das kollektive Gedächtnis der Menschen in den verschiedenen Ländern unserer Erde repräsentieren“. Die Aufnahme in das Weltkulturerbe wie in das „Memory of the World“-Register ist mit keiner finanziellen Unterstützung verbunden, sondern als Anerkennung, Auszeichnung und Verpflichtung zu verstehen. 
Beim Meeting des Advisory Committee of the Memory of the World Programme in Lijang (Volksrepublik China) im Jahr 2005 wurde beschlossen, die Brahms-Sammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien in das „Memory of the World“-Verzeichnis aufzunehmen. Im entsprechenden Bescheid vom 29. Juli 2005 heißt es: „The inclusion of this documentary heritage in the Memory of the World Register reflects its exceptional value and signifies that it should be protected for the benefit of all humanity.“
In einem Festakt im Brahms-Saal des Musikvereinsgebäudes am 21. Februar 2006 wurde die entsprechende Urkunde von Joie Springer (Information Society Division, Unesco Paris) übergeben.  

Anerkennung und Ansporn

Die Aufnahme in das „Memory of the World“-Register brachte der Brahms-Sammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien einen weit über die Musik hinausgehenden verpflichtenden Ruf. Sie wird nicht nur als Bestand geschätzt, sondern auch als Beispiel für den Umgang mit exzeptionellen schriftlichen Dokumenten international anerkennt und konsultiert. Als Beispiel für die weltweite Ausstrahlung und Anerkennung sei nur die Präsenz bei der International Archival Culture Exhibition 2010 in Seoul, Korea, genannt. Die Aufnahme in das „Memory of the World“-Register ist eine Anerkennung der Einzigartigkeit, bedeutet aber auch einen permanenten Ansporn, den vielfältigen Anforderungen der Sammlung in lebendiger Weise gerecht zu werden.

Für die Forschung unentbehrlich

Und wem bedeutet die Brahms-Sammlung im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien was? Wer benützt sie wozu? Als Brahms-Sammlung ist sie in erster Linie für jeden unentbehrlich, der sich mit Brahms beschäftigt, für Interpreten wie für Wissenschaftler. Man kann hier sozusagen bei Brahms, primär bei seinen eigenen Handschriften, nachfragen. Sie ist die Grundlage für die von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien initiierte und mitherausgegebene Neue Brahms-Ausgabe. Brahms’ Korrespondenz wird aber auch historisch ausgewertet; wenn er etwa schreibt, dass eine Schnellzugfahrt so laut ist, dass man sich nicht unterhalten kann, ist das keine Information über ihn, sondern über die Zeit. 

Die Sammlung ist wichtig für die biographische Beschäftigung mit allen seinen Korrespondenzpartnern, unter denen sich bedeutende Persönlichkeiten der Kulturgeschichte befinden. Seine Bibliothek ist auch für viele wichtig, die sich nicht primär mit Brahms beschäftigen. Da sich in Brahms’ Sammlung zahlreiche Originalhandschriften und Erstausgaben von anderen Komponisten finden, ist sie überhaupt unentbehrlich für die Beschäftigung mit der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. 
Jenes Doppelblatt, auf dessen Vorderseite Beethoven sein Lied „Ich liebe Dich“ und auf dessen Rückseite Schubert den Satz einer Klaviersonate geschrieben hat, ist eine einzigartige Zimelie der Musik. Beethovens Skizzen zur Neunten Symphonie, Haydns Streichquartette op. 20, Mozarts große g-Moll-Symphonie, Schumanns Vierte Symphonie in der ersten Fassung, zahlreiche andere Werke von Schumann und Schubert – an diesen Originalhandschriften hat Brahms seine Freude gehabt (und an vielen weiteren mehr). Sie alle stehen deshalb als Teil der Brahms-Sammlung in einem Bezug zu Brahms. Diese und viele andere Aspekte machen die Brahms-Sammlung zu einem unersetzlichen „Memory of the World“.

Prof. Dr. Dr.h.c. Otto Biba