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Wie die Götterfunken in die Musik kamen

Am 7. Mai 1824 fand in Wien ein epochales Ereignis statt: die Uraufführung von Beethovens Neunter Symphonie. Die Gesellschaft der Musikfreunde feiert diese Sternstunde der Musikgeschichte im Mai 2024 mit Aufführungen der Neunten unter Riccardo Muti. An der denkwürdigen Premiere vor 200 Jahren war die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien auch aktiv beteiligt: Der Musikverein, so las man es schon auf den Ankündigungszetteln, „hat die Verstärkung des Chors und Orchesters aus Gefälligkeit übernommen“. Das Orchester selbst wurde vom Kärtnerntortheater gestellt, der damaligen Hofoper. Es spielten somit die Vorgänger der Wiener Philharmoniker. Und im Chor sangen Vorgänger des Wiener Singvereins.

© Peter Schramek | Musikverein

Beethovens Neunte – wenigen Musikwerken wird so einhellig der Rang des Einmaligen zuerkannt; und doch sieht es zu Beethovens Lebenszeit zunächst so aus, als sollte die Neunte Teil eines symphonischen „Zwillingspaares“ werden. Bereits im Sommer 1817 nimmt Beethoven Verhandlungen mit der Londoner Philharmonic Society auf, die bei ihm zwei Symphonien bestellt. Er skizziert Entwürfe und Einfälle, doch bald ist ihm klar, dass sein „Material“ nicht für zwei Werke ausreichen wird; aber zumindest an der Planung einer großen Symphonie hält er fest. Dass diese neue Symphonie mit einem Chorfinale enden soll, gehört bereits zu seiner primären Konzeption, und bereits 1822 notiert er: „Finale Freude schöner Götterfunken“. Im monumentalen Finalsatz findet eine insgesamt viersätzige Symphonie ihren Höhepunkt und Abschluss. Welche Funktion haben die vorangegangenen Sätze im Kontext des Ganzen, gibt es einen übergreifenden Zusammenhang?

Beethoven selbst deutet einen solchen an, indem er im Einleitungsteil des Finalsatzes die übrigen Sätze kurz anklingen lässt. Man vernimmt im Zitat die majestätisch-dynamische Grundhaltung des ersten Satzes, die ausgelassene Energetik des Scherzos, die ruhevoll-melancholische Sphäre des dritten Satzes. Keine dieser Haltungen, so scheint es, erfüllt umfassend die Bestimmung des Menschen, sich seinem Schicksal zu stellen; Beethoven schreibt in die Skizzen kurze Kommentare und bemerkt zum Zitat des ersten Satzes: „o nein, dieses nicht, etwas anderes gefälliges ist es was ich fordere“. Auch von der Aussage des Scherzo distanziert er sich: „auch dieses nicht, ist nicht besser, sondern nur etwas heiterer“. Und selbst das ruhevolle Adagio hat nicht das letzte Wort: „auch dieses es ist zu zärtl. etwas aufgewecktes muss man suchen …“ Dieses „Aufgeweckte“ ist das Motiv der Freude, das den Finalsatz durchzieht und bestimmt.

„Freude“ ist bereits bei Schiller der zentrale Begriff, der ein überaus weites Spektrum des Menschlichen umfasst: Sie reicht von den Äußerungen heiterer Ausgelassenheit („Küsse gab sie uns und Reben“) bis zur Sphäre metaphysischer Ergriffenheit („Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“). Diesen weiten Bogen spannt Beethoven nun auch in seiner Musik, und so vereinigt dieser Satz die so gegensätzlichen Gefühlslagen fast „orgiastischer“ Feierlaune und ergriffener Anbetung, symbolisiert durch „Sphärenklänge“ von überwältigender Klangwirkung.

© Todd Rosenberg

Die zündende und begeisternde Wirkung entfaltet die Neunte bereits bei ihrer Uraufführung am 7. Mai 1824. Sie findet im Wiener Kärntnertortheater statt, denn noch immer existiert in Wien kein repräsentativer Konzertsaal. Insgesamt sind drei Dirigenten am Werk: Michael Umlauf hat die Gesamtleitung, assistiert vom Geiger Ignaz Schuppanzigh, der stehend dem Orchester das Tempo vorgibt. Doch auch Beethoven selbst ist beteiligt, und dem Anschlagzettel ist zu entnehmen: „Herr Ludwig van Beethoven selbst wird an der Leitung des Ganzen Antheil nehmen.“ Damit umschreiben die Veranstalter diskret die Tatsache, dass Beethoven hier zwar auftritt, aber keine maßgebliche Rolle spielt, da sich das Orchester und der Chor nach den Vorgaben Umlaufs richten. Das Chor- Finale und das große Schluss-Crescendo rufen Jubel und begeisterten Beifall hervor; Schindler meint später, noch niemals einen derartigen Applaus vernommen zu haben. Weiß das Publikum, dass es einer Sternstunde der Musikgeschichte beigewohnt hat? Geahnt hat es wohl mancher, denn drei Jahre später, bei Beethovens Leichenbegängnis, säumen Zehntausende die Straßen Wiens. 

Ein Text von Thomas Leibnitz.