
Die Behauptung, er sei unmittelbar neben den Wiener Philharmonikern zu finden und befände sich exakt auf derselben Ebene wie sie, ist – topographisch gesehen – vollkommen korrekt: Seit der Eröffnung des Musikvereinsgebäudes logiert Tür an Tür mit den Wiener Philharmonikern der Wiener Männergesang-Verein.
Wien, Bösendorferstraße 12. Das ist, keine Frage, eine erste Adresse der Musikwelt. Und nicht zufällig hat der Chor hier sein Domizil aufgeschlagen. 1870, als das Musikvereinsgebäude der Öffentlichkeit übergeben wurde, war der Wiener Männergesang-Verein musikalisch gesehen eine erste Adresse der Musikstadt Wien. Johann Strauß hatte den stimmkräftigen Herren erst vor kurzem ein Werk in die Kehlen gelegt, das zum Walzer schlechthin avancieren sollte: „An der schönen blauen Donau“, op. 314. Tiefste Walzerseligkeit, evoziert von den etwas seichten Versen des Vereinsdichters Josef Weyl: „Wiener seid froh, oho, wieso …“
Wieso er für den Männergesang-Verein schrieb, war damals keine Frage. Man kannte und schätzte sich, gleichsam von klein auf: Johann Strauß, der in den 1840er Jahren die Podien zu erobern begann, und der 1843 gegründete Wiener Männergesang-Verein. Mit dem Walzer „Sängerfahrten“ schrieb Strauß schon 1847 sein erstes Werk für den „Löblichen Männer-Gesang Verein“. „Ihr schönes, für die Kunst so erfolgreiches Wirken, das in allen Kreisen Wien’s die eklatanteste Anerkennung gefunden, regt auch mich an, Ihnen einen schwachen Beweis dessen zu geben, wie sehr ich mich über Ihre schönen Leistungen freue …“ Im Lauf der Jahre sollte das Dutzend der Beweise voll werden. Neben dem „Donauwalzer“ komponierte Johann Strauß – oho – nicht weniger als elf Werke für den Wiener Männergesang-Verein.
Pyramidaler Erfolg
Und weiter ging es auf den Wogen der Gunst. Die Geschichte des Wiener Männergesang-Vereins ist mit klingenden Namen verbunden, von denen Wagner, Bruckner, Liszt und Richard Strauss bloß die prominentesten sind. Wagner empfing einen Ehrendukaten der Sängerrunde als „das erste freundliche Zeichen, das mir aus Wien zukam“. Liszt dirigierte den Chor 1856 bei einem pompösen Festkonzert zu Mozarts 100. Geburtstag. Bruckner dankte dem „hochlöblichen, hochberühmten Verein“ gerührt für seine Ernennung zum Ehrenmitglied. Und alle, ob Wagner, Bruckner, Liszt oder Richard Strauss, komponierten für das renommierte Vokalensemble.
Dessen pyramidaler Erfolg setzte sich nahtlos auch im Ausland fort: Ägypten war schon 1905 das Ziel einer Konzertreise. 1907 fuhr der Chor erstmals in die USA und sang zweimal in der zum Bersten gefüllten Carnegie Hall. Reich beschenkt fuhr man nach Hause. Die Amerikaner hatten nicht nur opulenten Beifall gespendet, sondern auch einen kostbaren Tafelaufsatz mit einer feinziselierten Büffelszene. Das exquisite Stück steht heute im Museumsraum des Vereinslokals.
Banner des Idealismus
Überhaupt dieses Museum: Es dokumentiert, dicht in Vitrinen zusammengedrängt, ein goldenes Zeitalter der Sangeskunst. Edelmetall als Spiegel metallisch edler Stimmen. Ehrengaben, Devotionalen, Kunstgegenstände. Eine Wagner-Statuette von Alfred Hrdlicka, Bilder von Christian Ludwig Attersee, Ehrenmitglied des Wiener Männergesang-Vereins. Die vielstimmige Symbiose der Künste hat, wie man sieht, bis heute ihre Fortsetzung gefunden. Mittendrin aber, im Zentrum des überbordenden Schatzmagazins, ruht unter Glas das Banner des Vereins – aufwendigst gewirkt aus edlem Tuch, prachtvoll bestickt mit dem Spruch, den sich die Sängerschar erkor: „Frei und treu in Lied und That“.
Das Banner ist aus jenem Stoff, aus dem Musikgeschichten sind. Der Wiener Männergesang-Verein erhielt es vom Kaiser statt eines anderen, von seiner Majestät allerhöchst angebotenen Geschenks – einem Grundstück am Wiener Ring! Wollte man definieren, was Künstleridealismus ist – hier wäre das wohl griffigste Exempel der Musikgeschichte. Glückliche Sänger, selig mit der Kunst, verzichten auf eine millionenschwere Immobilie und nehmen ein mobiles Symbol dafür. Ein Vermögen, in den Wind geschrieben. Unglaublich, aber wahr.
Frische Brise
Sicher, der Wiener Männergesang-Verein stand damals künstlerisch und ökonomisch glänzend da. Nikolaus Dumba, einer der großen Kunstmäzene jener Jahre (der auch für die Gesellschaft der Musikfreunde tief in die Tasche griff), hatte dem Verein als Vorstand stattliche 50.000 Gulden vermacht. Finanzielle Sorgen sollten ihm damit ein für allemal erspart bleiben. Kriegsanleihen in der Zeit des Ersten Weltkriegs aber ließen dieses Kapital zerrinnen. Das Banner der Kaisers erwies sich als haltbarer …
Geschichten und Geschichte, bewahrt im Musikvereinsgebäude, Bösendorferstraße 12. Mit dieser Adresse aber verbindet sich nicht bloß Historisches. Hier logiert nach wie vor ein höchst aktiver Verein. Und ganz offenkundig ist, daß eine frische Brise durch die geschichtsträchtigen Räume des Männergesang-Vereins weht. „Wir haben das Glück, aus einer großen Tradition zu leben, aber wir dürfen nicht in ihr hängenbleiben!“, sagt Dipl. Ing. Helmut P. Stadler, der im vergangenen Jahr neugewählte geschäftsführende Vorstand des Vereins. Stadler, selbst aktiver Sänger, kommt aus der Wirtschaft und scheut sich nicht, auch in den hehren Mauern eines Musentempels das Wort „Management“ anklingen zu lassen: „Ziele definieren, bei der Realisierung helfen und das Ergebnis kontrollieren“ – nach diesem Prinzip, sagt er, seien die Geschicke eines Chores ebenso positiv zu lenken wie die eines Unternehmens, eines Fußballklubs oder einer Himalaya-Expedition.
Stadler ist freilich Realist genug, um zu wissen, „daß der Chor heute nicht mehr zu dem gemacht werden kann, was er im 19. Jahrhundert war“. Aber die Maßnahmen, die der Wiener Männergesang-Verein nun setzt, zielen effizient darauf, den Chor auch künstlerisch gemäß der Postanschrift zu positionieren: als erste Adresse im Chorleben Österreichs.
Faible für subtile Farben
Seit Jahresbeginn hat der Wiener Männergesang-Verein auch einen neuen künstlerischen Leiter, nach schöner Vereinstradition „Chormeister“ genannt. Der junge Ungar Antal Barnas ging aus einem aufwendigen Auswahlverfahren als klarer Sieger hervor und arbeitet nun mit Feuereifer am Feinschliff der Sängerkehlen. Auch ihn hat es selbstverständlich gelockt, an einer solchen Adresse tätig zu – zumal auch die künstlerische Arbeit im Musikverein stattfindet, wo der Männergesang-Verein mit dem „Dumba-Saal“ über ein schmuckes Probenlokal verfügt.
Daß der Chor auch heute über ein großes sängerisches Potential gebietet, steht für den Chormeister außer Frage. Wichtig aber sei, es sorgsam und sensibel zu entfalten. Ein Viertel der Proben (die zweimal die Woche je zwei Stunden umfassen) verwendet Barnas für chorische Stimmbildung. Zusätzlich wurde eine Stimmbildnerin engagiert. Die wahren Qualitäten eines Ensembles, weiß Antal Barnas, zeigen sich in den Nuancen, in Klangqualität und Intonation. Als studierter Fagottist (mit Konzertfachdiplom in Wien) hat Barnas ein besonderes Faible für die subtilen Farben der tieferen Klangregion. Es sind die feinen Valeurs des Tenor- und Baßregisters, die den Reiz des Männergesangs ausmachen.
Aussagekräftiger Bindestrich
„Wiener Männergesang-Verein“ – die Position des Bindestrichs ist wichtig. Der Chor ist eben kein bloßer Gesang(s)verein, sondern ein Verein des Männergesangs, Lordsiegelbewahrer einer langen Vokalmusiktradition. Obsolet daher auch die Frage, ob es im Zeitalter der Gleichberechtigung noch angemessen sei, nur Männer singen zu lassen. Ein Einwand dieser Art wäre so absurd wie die Forderung, in einem Bläserquintett aus Gründen der Political Correctness Streicher mitspielen zu lassen.
Sicherlich: Wer im Männerchor singt, kann die künstlerischen Aktivitäten nicht mit dem Neben- (oder Haupt-)Projekt „chercher la femme“ verbinden. Aber ein Männerchor ist kein Männerbund. Im geselligen Vereinsprogramm sind Frauen selbstverständlich gern gesehen. Und außerdem: „… mit Recht steht die Kunst / Bei den Damen in so hoher Gunst.“ Wer singt – formuliert holprig, aber zutreffend der Text des „Donauwalzers“ – erobert leichter die Herzen.
Wie auch immer: Die Attraktivität steigt proportional zum künstlerischen Niveau. Das gilt für den einzelnen wie fürs Ensemble. „Wenn wir Superqualität anbieten“, sagt Antal Barnas, „werden wir leicht auch gute neue Sänger finden.“
Prime Time
Am 29. Mai 2005 will der Wiener Männergesang-Verein bei einem Konzert im Goldenen Saal einen Qualitätsbeweis dieser Art liefern. Auch hier verläßt man sich nicht auf den altbewährten Repertoireschatz und präsentiert – neben beliebten Opernchören – eine echte Novität. In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik schrieb der Chor einen Wettbewerb aus, den Leopold Schmetterer für sich entscheiden konnte.
Seine Psalmvertonung für Männerchor und Orchester gelangt nun zur Uraufführung.
In jeder Hinsicht also ein wichtiges Konzert. Im Musikverein auftreten zu können, das sei wie ein Werbeblock zur besten Sendezeit, meint Antal Barnas lachend. Und diese Chance will er sich nicht entgehen lassen. Prime Time und eine erste Adresse. Die Konstellation sollte stimmen.
Joachim Reiber