
Vor etwas mehr als fünf Jahren, am 27. Jänner 2000, starb Friedrich Gulda, der Unvergleichliche – just am Geburtstag seines göttlichen Meisters, il divino maestro Wolfgang Amadeus Mozart. Am 5. Dezember erinnert ein Abend im Magna Auditorium an Gulda in einer Gulda-gemäßen Form: in Worten, Bildern, Filmausschnitten und Musik. Roland Batik spielt, der Schauspieler Wolfram Berger singt. Irene Suchy, Co-Autorin eines nun erscheinenden Buchs über Gulda, hat das Programm konzipiert und führt als Moderatorin durch den Abend. Für die „Musikfreunde“ hat sie vorab einen Prolog verfaßt: Grüße vom toten Gulda.
„Eine mußte es tun“ – Gulda nachgehen. Gulda war drei Jahre tot, als wir zu fragen begannen. Ein Radiokolleg zum dritten Todestag 2003 öffnete den Blick auf die Notwendigkeit weiterer Forschung. Erstaunlich, daß es niemand schon getan hatte, daß Gulda noch ungesammelt für die Musikwissenschaft lag.
Gulda-Nachgehen war auch die Beschäftigung mit Tabubruch, Ich-Theater und Maskenspiel. Gulda – gerade Gulda? Mußte sich die Musikwissenschaft rechtfertigen?
Gulda, der nackt auftrat – wenn auch nur im TV, Gulda, der öffentlich brüskierte, Kritikern und Bankdirektoren Einlaß verbot, sein Publikum selbst bestimmen wollte, einfach nicht im Wiener Konzerthaus erschien um schachspielend im Fernsehen aufzutauchen: Schach statt Bach; Gulda, der den Beethoven-Ring zurückgab – noch gibt es die Rücknahmebestätigung der Musikakademie – und das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst auch nach fünfmaliger Aufforderung nicht annahm, auf daß es bis dato in der Tischlade des Ministerialbeamten liegenblieb.
Gulda, der dem Konzertleben nicht nur den Frack – „den Frack für de Gfrasta“ – nahm und den Rollkragenpullover gab. Er hinterließ gerade ein buntes Hemd. Der auch die Würde mitnahm, mit der sich das Publikum oft mehr selbst schmückt als der Künstler. Gulda, der statt Lisztscher Ovation unbedingte Aufmerksamkeit forderte – wenn er die strickende Dame im Klagenfurter Konzert aufforderte, ihre Tätigkeit umgehend zu beenden. Gulda, der sich dem Denkmal verweigerte, wenn auch 1969 Fans auf den Beethoven beim Akademischen Gymnasium „Lang lebe Gulda“ schrieben.
Entzogene Liebe
Gulda, der dem Wiener Publikum seine Liebe und den ganzen Mozart entzog – kein Mozart-Sonaten-Zyklus in Wien. Gulda und Mozart: Guldas Todestag ist Mozarts Geburtstag, und manche vermuten, der Schelm hätte diesen Eintritt in eine andere Welt auch noch inszeniert, wie den Abgang beim letzten Konzert im Großen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde, wo er mit den Armen Flügelschlag und mit den Fingern den Aufstieg zur rosa Wolke andeutete, zum Platz gleich neben Mozart. Die, die ihm damals nahe waren, wie Susanne Almassy und Rolf Kutschera, hörten ihn schwer atmen.
Gulda, der uns um die Interpretation des Alters betrog. Jung gestorben, an Jahren und im Gehabe, wich er der Vollendung aus, um den Weg zur Techno-Idylle und Rave-Party zu gehen, zur House-Musik, die – könnte man hämisch sagen – auch in den Zuschauerzahlen jung und anfänglich war. Gulda, der gegen Ironie ankämpfte, die er so gar nicht in seinen eigenen Werken hören lassen wollte – gerade sein Cellokonzert war echt gemeinte „Hoamatliebe“, wenn er die Idylle am Klavier nachspielte, wie er’s im Linzer Brucknerhaus in den späten Achtzigern tat, schon schwer atmend. Die Kraft ging ihm früh aus, Herz und Lunge versagten langsam.
Sprechende Utensilien
Verschriftlichungen seiner Gedanken scheitern, Gulda entzieht sich der Sammlung – einzig seine Konzertauftritte dokumentierte er seit 1946 lückenhaft bis zum Lebensende. Wie zum Trotz gegen die Erinnerung hängt eine Gedenktafel an Guldas Geburtshaus Ecke Seidlgasse/Marxergasse auf der falschen Seite, der Marxergasse. Kaum etwas gesammelt, die Bücher, die er las, weggeschmissen, bewahrte er einzig die Kompositionen seit der Jugendzeit in eigenhändig beschrifteten Mappen auf.
Gulda war der ernsthafte Komponist. Von den Tantiemen des Cellokonzerts könne er leben, sagte er; seine zwei Klavierkonzerte für Piano und Band rühmten die Zeitgenossen: Oscar Peterson zum Beispiel, mit dem er beim Frühstück im Hotel Intercontinental den gemeinsamen Auftritt plante, zu dem es nicht kam. Gulda nachgehen bedeutete zuhören: seinen Aufnahmen, seiner Musik und seinen Weggefährten.
Noch ist Guldas Wohnung in Weißenbach am Attersee zu sehen, Kargheit und naiver Schmuck, eine Kiste mit Utensilien, in denen Gulda die Requisiten seiner Mozartiana –Plateauschuhe, Mozart-Perücke und Rüschenbluse für Pilou – bewahrte. Guldas Mozart war weiblich. Seine DVD „The Legacy-Mozartiana“ setzte einen weiblichen Mozart auf den Grabstein.
Das, was Gulda bewahrte, was seine Freunde und Verwandten bewahrten, zeigt das Österreichische Theatermuseum in einer Ausstellung „Gulda – Mozart for the people“: vom Kinderspielzeug zum Programm des Kindergartenauftritts, von Klassenabenden bei Bruno Seidlhofer im Brahms-Saal (wo auch Gerhard Rühm auftrat) bis zur Rede bei der Beethovenring-Verleihung, die 1969 zum Skandal führte …
Guldas Wiese der Musik
Anläßlich der Eröffnung der Ausstellung geben wir „Gulda for Four“ im Gläsernen Saal / Magna Auditorium. Der Abend beginnt an der tschechischen Grenze: Dorthin läuft die Protagonistin Erika Pluhar zu Guldas Musik in der Gerhard-Fritsch-Verfilmung „Moos auf den Steinen“; Gulda schrieb die unsentimentale Musik zur Kußszene in Farbe. Der Film endet damit, daß ein Baron Suchy seinen Roman aufgibt: „Ich hab genug erfunden, eine ganze Monarchie, spielt’s Wirklichkeit, Kinder!“ Wolfram Berger singt die Golowin-Lieder: „Wann I Geh“, „Du und I“, „Selbstgespräch im Kaasgraben“, „Andrerseits“ – Wiener Miniaturen, die dem Austro-Pop vorangingen – zu einer Zeit, als nur der „heilige Patzak“ Wienerlieder sang.
Nachgespielt – neugespielt: Roland Batik, Guldas Schüler, gibt Guldas Klavierminiaturen – „Play Piano Play“, der Titel ist an Guldas Lieblingssatz von Miles Davies angelehnt, die „Sonatine“, die „Aria“, die später Domingo sang, aus den „Konzertstücken“ für Klavier.
Zwischenspiel aus den Galgenliedern, die enden mit Christian Morgensterns Worten: „Mir ist beinah, ich wäre wer, der ich doch nicht mehr bin.“
Ein Abend für Gulda endet nicht bei Guldas Musik, sondern dort, wo er hinwollte: ein Schubert-Lied nachsingen, „so schön wie Fischer Dieskau“, die „Mondnacht“, wie er sie mit Ursula Anders gab, Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“, das er vom Kitsch befreite …
Guldas Musik in Sets von Batik, dazu, eingeflochten, Mozart und Debussy – so wie sich Gulda die Wiese der Musik erträumte, auf der ein paar alte Kunstwerke verstreut stehen.
Irene Suchy
Dr. Irene Suchy, Musikwissenschaftlerin und Musikjournalistin, Universitätslektorin und Ö1-Mitarbeiterin, ging gemeinsam mit dem Politologen Wilhelm Svoboda im Rahmen eines Forschungsprojekts des Jubiläumsfonds’ der Oesterreichischen Nationalbank Friedrich Gulda nach. Das Buch „Gulda“ von Suchy/Svoboda erscheint dieser Tage, „Gulda – Mozart for the people“ wird am 4. Dezember 2005 im Österreichischen Theatermuseum eröffnet.
Montag, 5. Dezember 2005
Roland Batik
Programm