
Mitsuko Uchida im Gespräch. Man müßte, um den Eindruck wirklich wiedergeben zu können, darüber schreiben wie über Musik. Man müßte Worte finden für eine vielstimmige Polyphonie, die in einem harmonischen Ganzen aufgehoben ist. Man müßte den faszinierenden Zusammenklang von Empfindung und Intellektualität beschreiben, das Zusammenspiel von Seelenschwingung und präzisester Artikulation. Man müßte schreiben über den eigenen Klang, das unverwechselbare Melos und die ganz persönliche Note, die sich heraushebt aus dem Fugato des Lebens.
Das Melos ist unverkennbar wienerisch. Sie sei, schrieb unlängst ein Journalist, „Londons wienerischste Japanerin“. Ein witzig formulierter Superlativ – und ein möglicher Versuch, das Besondere dieser Künstlerin auf den Begriff zu bringen, auch wenn ihrem Wesen alles Superlativistische so fern wie nur möglich liegt. Die Mehrsprachigkeit aber gehört zur Polyphonie ihrer Persönlichkeit. Sie selbst spricht, wenn die Rede darauf kommt, von „drei Muttersprachen“. Schon diese Formulierung zeigt, daß es um mehr und anderes geht als um polyglotte Sprachgewandtheit. Die „drei Muttersprachen“ sind Ausdruck ihres Wesens, integrativer Teil ihrer Identität. Polyphonie, in einem harmonischen Ganzen aufgehoben.
Drei Muttersprachen
„Schwer zu sagen“, meint Mitsuko Uchida, „in welcher Reihenfolge die drei Sprachen Bedeutung für mich haben. In der Musik ist sicherlich die deutsche am wichtigsten. Wenn ich zähle, dann nur auf Deutsch – Alban Berg, Kammerkonzert, eins-zwei-drei-und! – das geht gar nicht anders. Aber im Alltag gehören 80 Prozent bei mir dem Englischen. Dem Deutschen, nun ja, 18 Prozent. Und dem Japanischen zwei!“
Die Sprachstatistik in eigener Sache ist ein Spiegel ihrer Lebensgeschichte. Als ihre Eltern noch lebten, erzählt Mitsuko Uchida, habe sie noch viel Japanisch gesprochen. Der Tod ihrer Mutter aber bedeutete einen tiefen Einschnitt, hinter dem sich auch das Japanische, ihre erste Muttersprache, in eine weitere Ferne verlor.
Sprachloser Beginn
Europa war ihr schon in jungen Jahren nahe. Oder – auch so könnte man es formulieren: Schon als Kind entdeckte sie das Europäische in sich. Das Tor dazu war Wien, die Stadt der Musik. „Hier, in Wien, bin ich der Musik begegnet, begegnet im wirklichen Sinn“, sagt Mitsuko Uchida. „Wien ist meine Musikstadt!“ Zwölf Jahre war sie alt, als sie mit ihren Eltern nach Wien kam. Ihr Vater war japanischer Botschafter in Österreich geworden – für den brillanten Juristen und Diplomaten eine ehrenvolle Berufung, für die Familie ein harter Prüfstein. Ein richtiger Kulturschock sei es gewesen, dieser plötzliche Wechsel aus Japan nach Österreich, erinnert sich Mitsuko Uchida.
Nur ihr Vater sprach Deutsch – und das glänzend –, sie aber verstand kein Wort. Sprachlos war der Beginn, sprachlos der Anfang an der Wiener Musikakademie. Was damals, gleich in der ersten Woche nach ihrer Ankunft, im Zimmer des Rektors gesprochen wurde, bekam sie nicht wirklich mit. Heute aber kann sie den Dialog im herrlichsten Wienerisch rekonstruieren.
Rektor Dr. Sittner: „Herr Professor Hauser, ich hätt’ da eine neue Schülerin für Sie, die Tochter des japanischen Botschafters.“ Hauser: „Was, scho’ wieder a’ Botschafterstochter! Ich hab’ Ihnen doch g’sagt, daß ich mit diesen Leuten nix zu tun haben will. Die letzte, die’s mir g’schickt ham, woar jo fuachdbaaaar!“ Szene II, nach der ersten Stunde. Hauser zu Dr. Sittner: „Warum ham’S das nicht gleich gesagt: Das is ja ganz was anderes …“
Sprechen Sie wienerisch?
Mitsuko Uchida erzählt solche Dinge ganz wunderbar, mit unbändiger Freude an den Nuancen des Ausdrucks und des Klangs. Daß sie Nestroy liebt und Karl Kraus, glaubt man ihr aufs Wort. Und glücklich sei sie, „die ganzen Rilkes, Hölderlins und Goethes lesen zu können, ohne zu übersetzen“. Die Sprache hat sie wahrlich gelernt in Wien. Deutsch und Wienerisch.
Und die Sprache der Musik – nein, die hat sie nicht gelernt in Wien, sondern entdeckt. Entdeckt für sich und in sich: als ihre ganze eigene, ihre persönlichste Ausdrucksmöglichkeit.
Das aber ist auch der tiefere Grund dafür, daß sie Wien – ausgerechnet Wien, die Stadt der Musik – "verlassen mußte". "Wien", erklärt sie, "hat ja soviel Geschichte, soviel Vergangenheit, soviel Tradition, soviel Musik. Wien besitzt die Musiker. Nun gut, beim Johann Sebastian ist’s ein bissel schwieriger", flicht sie lachend ein, "aber auch das schaffen die Wiener, den zu besitzen."
Da alle wichtigen Musiker nun einmal zu Wien gehörten, wisse man in Wien eben auch, "wie es sich gehört!" "In Wien", sagt Mitsuko Uchida, "weiß man halt, wie man die Musik spielt! Ich aber sagte mir, als ich 17,18,19 Jahre alt war: Woher wissen die Wiener das? – Ich weiß das nicht! Ich wollte selbst herausfinden, wie ich die Musik finden, wie ich sie interpretieren würde. Und dazu mußte ich Wien verlassen."
Die eigene Sprache
Um die eigene Sprache zu finden, kehrte sie der allwissenden Musikstadt den Rücken und ging ins größere, weitläufige, weniger gesicherte London. Was sie in Wien gelernt hat, wird dadurch nicht geschmälert. Mit großem Respekt spricht Uchida von Richard Hauser, ihrem Professor an der Akademie, "der mein einziger Lehrer geblieben ist". Man sieht sie förmlich vor sich, diese Professorengestalt, wenn Uchida sie schildert: eine Autorität mit einer Wiener Melange von Grant und Genie. Meistens kam er viel zu spät zum Unterricht, die Studenten, erzählt Uchida, saßen oft eine Stunde auf dem Gang, bis sie das Husten des Professors ("das Wort ,Kettenraucher‘ wäre eine Untertreibung") in Habt-Acht-Stellung zwang. Abends dann das immer gleiche Spiel. Anklopfen des Hausmeisters: "Herr Professor, ’s’is scho’ sieben. I müßt’ jetzt sperrn". Darauf Hauser mit unbändigem Zorn: "Wie wagen Sie es, meine Klasse zu stören! Es geht hier um die Musik. Und nicht darum, daß Sie rechtzeitig beim Abendessen sitzen!" Wieder so eine Szene, die Mitsuko Uchida mit theatralischer Lust ins Leben ruft. Wien bleibt Wien. Und Hauser figurierte als repräsentativer Typ in diesem ewig faszinierenden Dramolett.
"Schön war, daß er viel im Unterricht vorgespielt hat", sagt Mitsuko Uchida. "Er hat wunderbar gespielt, wenn auch sehr steif und hart. Am beeindruckendsten fand ich seinen Schumann. Und auch Beethoven war eine Stärke von ihm, vielleicht durch die Analyse-Klassen, die er bei Webern besucht hat."
Aber ihr Stil, ihre Sprache konnte das nicht. Das wurde ihr schon nach zwei Unterrichtsjahren bewußt. "Als ich vierzehn war", erinnert sich Mitsuko Uchida, "habe ich selber meine Technik zu entwickeln versucht. Und das dauerte …" Mitsuko Uchida hält inne und stellt sich selbst die Frage: "Wann dachte ich, daß ich wirklich meinen Klang hatte? Nun, das muß wohl knapp vor 30 gewesen sein, daß ich wußte: Das ist total erkennbar mein Klang. Der gehörte mir und keiner anderen Person."
Abkehr vom Codex
Die Suche nach der eigenen Sprache verlangt den Mut, sich vom Vorformulierten abzusetzen. Die Abkehr von Wien, der Stadt der Gewißheiten, war ein Schritt, mit dem Mitsuko Uchida diese Courage bewies. Aber Mut und Stärke brauchte sie auch, um sich vom Rollencodex der japanischen Gesellschaft zu lösen. Daß sie als "höhere Tochter" Klavier spielte, war gut und schön und allseits wohlgelitten. Ihr Vater, sagt sie, habe es zweifellos genossen, "eine richtige Vorzeigetochter zu haben, bei der die Leute sagten: ,Mein Gott, Herr Botschafter, was haben Sie doch für ein begabtes Kind …‘ Aber mehr war’s nicht.
Und mehr wollten meine Eltern nicht. Es war schwer für sie, ja eine Enttäuschung, daß ich Pianistin wurde. Klavierspielen als Beruf – das konnten sie sich zunächst überhaupt nicht vorstellen. Eine gute brave Tochter, die wäre nach Japan zurückgegangen, um dort zu heiraten. Sie haben meinen Entschluß akzeptiert. Es war kein Problem. Aber gewünscht haben sie sich das nicht …"
Die Weichen für diesen eigenen Weg hat sie schon früh gestellt. Nach vier Jahren in Wien wurde ihr Vater Botschafter in Bonn. "Mir aber war klar: Wenn ich jetzt mit nach Deutschland ginge, dann würde ich eine nette Amateurpianistin werden. Und so", erzählt Mitsuko Uchida, "habe ich meine Familie verlassen, um in Wien bleiben zu können."
Hören Sie wienerisch?
Tokio, Wien, London. Das Domizil, in dem sie heute lebt, liegt zwar in einer Straße, die sich in jedem London-Reiseführer unter den "Specials" findet. Das schmale Reihenhäuschen in einem verstecken Hof aber hat überhaupt nichts Mondänes, keine Spur von Luxus. Schon das Fahrrad vor der Tür zeigt an, welches Lebensprinzip hier gilt: Konzentration aufs Einfache und Wesentliche. Einen Fernseher, erzählt Mitsuko Uchida, habe sie nie gehabt, genauso wenig einen Computer. Visavis gibt es ein zweites Appartement vom gleichen Zuschnitt: Das ist ihr Studio. Konzertflügel dominieren den Raum, im Hintergrund eine kleine Sitzecke vor einer riesigen Bücherwand. Dem neugierigen Blick, was denn die Regalreihen so fülle, begegnet Mitsuko Uchida mit einem freundlichen, leicht ironisch gewürzten Kommentar. "Da steht fast peinlich viel über Beethoven", sagt sie, "und fast peinlich viel über Mozart! Eine gewisse Menge über Schubert, und dann ganz schön viel über Schönberg und die Zweite Wiener Schule."
Wien bleibt Wien und ist Wien geblieben. Wien, ihre Musikstadt, ist allgegenwärtig, ein ständiger Bezugspunkt ihres musikalischen Denkens – nur eben aus der wichtigen, der richtigen Distanz.
"Vienna revisited": Mit diesem vielsagenden Titel präsentierte Mitsuko Uchida denn auch kürzlich eine ganze Konzertreihe in der New Yorker Carnegie Hall. Untertitel (Zitat Uchida): "Nein, scho’ wieder die Mitsuko Uchida mit der Zweiten Wiener Schule!!" Doch ganz im Ernst: Die Zweite Wiener Schule ist ihr enorm wichtig, nicht so sehr als verpflichtendes Anliegen, sondern als Musik, die gespielt und gehört werden will. "Diese Musik, diese schöne Musik, muß erlebt werden. Und dann wird sie doch auch sehr wienerisch, wenn Sie mich fragen!"
Eine neue Sprache
Mozart war und ist eine zentrale Instanz für sie. Uchidas Einspielungen sämtlicher Mozart-Konzerte und -Klaviersonaten aus den achtziger Jahren gelten als Referenzaufnahmen. Doch auch diese Dokumente bezeichnen nur Stationen, Wegmarken einer immer wieder neuen Annäherung. Der Weg, den sie nun eingeschlagen hat, führt über das Dirigieren. In der vergangenen Saison begann sie mit einem weit gesteckten Projekt: der Gesamtaufführung der Mozart-Klavierkonzerte mit dem Cleveland Orchestra – Dirigentin und Solistin: Mitsuko Uchida. Behutsam und sorgfältig hat sie sich auf die neue Doppelrolle vorbereitet, hat mit allen Stimmführern des Orchesters, den Bläsern wie den Streichern, zuvor Kammermusik gespielt, um auf direktem Weg die Bahnen der Kommunikation zu ebnen.
Wenn Mitsuko Uchida eine neue Sprache spricht, dann perfekt!2007 wird das Mozart-Projekt, das nun so erfolgreich angehoben hat, abgeschlossen sein. Dem Mozart-Jahr 2006 sieht sie indes mit Gelassenheit entgegen. Sie werde wohl "zur richtigen Zeit am richtigen Ort" sei, um Mozart zum 250. Geburtstag zu gratulieren. Aber einen eigentlichen Anlaß zum Feiern brauche sie nicht. "Ich denke jeden Tag, wirklich jeden Tag: Danke, Wolfgang, daß Du existiert hast!" Genauso gehe es ihr mit Beethoven, Bach und Schubert. "Jedesmal, wenn ich ihn spiele, denke ich mir: Vielleicht gibt es den lieben Gott, weil Schubert existiert hat …"
Spiegelungen der Ereignisse
Vienna revisited. Nun kommt sie wirklich wieder zurück nach Wien: zu Besuch in eine Stadt, die ihr doch auch Heimat geblieben ist. Im Musikverein ist sie seit sage und schreibe 40 Jahren zu Hause. Ihr Debüt im Großen Saal gab sie, 13 Jahre alt, noch als Studentin mit dem Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Als 20jährige gewann sie dann den Internationalen Beethoven-Wettbewerb in Wien.
Beethoven steht auch auf dem Programm ihres Klavierabends am 9. Dezember. Nicht ein Beethoven-Programm, sondern das Beethoven-Programm: die drei letzten Klaviersonaten.
Jede einzelne hat sie seit Jahrzehnten in den unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder gespielt. Ganz selten aber verband sie alle drei in einem Programm. Das, sagt sie, sei sicherlich nicht zwingend, jede Sonate könne für sich stehen – aber die Trias geschlossen zu präsentieren sei eine Herausforderung besonderer Art. Strukturelle Entsprechungen, innere Verbindungen, „Spiegelungen der Ereignisse“: sie könnten so noch ganz anders lebendig werden. Lebendig im wahrsten Sinn: evoziert im lebendigen Akt des Musizierens. „Das Konzert“, sagt sie, „ist da um so vieles stärker als jede Aufnahme. Das Wunderbare am Konzert ist doch, daß das Gültige sich genau in dem Moment zu entfalten beginnt, in dem die Interpretation anfängt. Und es schließt sich, wenn der letzte Ton verklungen ist. Aufnahmen haben etwas mit der eigenen Eitelkeit zu tun: Wir sterben nun einmal, und wir hoffen, daß ein Teil von uns bleibt. Das Schöne aber ist, wenn wir es recht bedenken, daß das Leben vergeht.“
Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Redakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Dienstag, 9. Dezember 2003
Mitsuko Uchida
Programm