
Kinder haben Wünsche. Berufswünsche. Tierärztin, Pilot, Lokomotivführer. Tania Gabrielle French wollte nur dies: Komponistin werden. Von Anfang an. Schon im zarten Alter von sechs Jahren, als sie in den Gottesdiensten der deutschen Gemeinde in Washington Werke von Bach, Händel und Mozart auf der Blockflöte blies. Heute gehört die 39jährige zu den wenigen zeitgenössischen Komponistinnen, die im Konzertleben der Vereinigten Staaten von Amerika präsent sind. Jetzt ist Tania Gabrielle French auch auf dem Sprung über den großen Teich - und die Landung führt auf direktem Wege in den Wiener Musikverein. Dort gibt das Artis-Quartett am 5. Dezember die Europa-Premiere ihres Streichquartetts Nr. 2 "Communications".
An einer ersten Adresse von einem Streichquartett der Spitzenklasse beim europäischen Publikum eingeführt zu werden, das sei der Traum eines jeden Komponisten, sagt Tania Gabrielle French. Bemerkenswert ist es auch im Hinblick darauf, daß es komponierende Frauen im nach wie vor von Männern dominierten Musikleben nicht eben leicht haben. Wer im Konzertbetrieb Zeitgenössisches aus Frauenhand hören will, stößt schnell an Grenzen - von wenigen bekannt gewordenen Namen wie Sofia Gubaidulina, Adriana Hölszky oder Elena Firsova einmal abgesehen.
Glückliche Umstände
Genau genommen ist diese Europa-Premiere einem glücklichen Zufall zu verdanken. Das Artis-Quartett gastierte in Los Angeles, die dort lebende Komponistin hörte sich das Konzert an und kam danach mit den Wiener Musikern ins Gespräch. Bald hatte Peter Schuhmayer, Erster Geiger des Artis-Quartetts, auch eine Aufnahme und die Partitur von Tania Frenchs "Communications" in der Hand. "Das Stück ist relativ griffig und hat in den Ecksätzen gewisse Anklänge an Béla Bartók", sagt Schuhmayer. "Ich dachte mir, das wäre doch was für uns." Bei seinen Kollegen war nicht viel Überzeugungsarbeit nötig, zumal das Artis-Quartett bereits die nächste USA-Tournee im Auge hatte. Dafür auch ein Stück von einer Amerikanerin im Gepäck zu haben, konnte kein Fehler sein.
Ein Vorgang, der zeigt, daß es gelegentlich auch glücklicher Umstände bedarf, damit ein Werk den Weg aufs Konzertpodium findet. "Wir bekommen sehr viele Kompositionen zugesendet, mit denen wir uns aus Zeitmangel nicht eingehender beschäftigen können. Zumal unser Schwerpunkt nicht bei der zeitgenössischen Musik, sondern bei den Wiener Komponisten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert liegt. Dabei bleibt sicher die eine oder andere interessante Sache in der Schublade liegen", merkt Schuhmayer an. "Wenn man einander aber kennenlernt, ist plötzlich ein anderer Zugang da. Das ist in der Musik nicht anders als im normalen Leben."
Kein ästhetisches Korsett
Tania French sieht sich in der Tradition von Schostakowitsch, Strawinsky, Bartók oder auch Barber und Copland. Krasse und willkürliche Töne sind ihre Sache nicht: "Ich komponiere tonal, polyphon, gemäßigt, mit abwechslungsreichen Rhythmen und starken Klangfarben" - so beschreibt sie sich selbst. Daß der Dogmatismus der Zweiten Wiener Schule und der Darmstädter Schule überwunden ist und der Pluralität der Stile Platz gemacht hat, ist Frenchs Ansicht nach ein entscheidender Fortschritt: "Als man versuchte, Harmonie, Melodik und Rhythmik zu sprengen, verstörte das einen großen Teil des Publikums. Heutige Zuhörer können unabhängig von irgendeiner Programmatik entscheiden, welche Musik sie inspiriert und anspricht und welche eben nicht", sagt die Komponistin. Keine Person oder Gruppe habe das Recht, einen Künstler in ein Korsett stilistischer Vorgaben zu zwängen. "Genau das ist aber in der Mitte des 20. Jahrhunderts geschehen.
Das hat eine Menge starrer Ansichten hervorgebracht und der Popularität der klassischen Musik Schaden zugefügt. Wenn wir als bedeutende Kunstrichtung überleben wollen, müssen wir alle Sprachen und Stile einschließen", ist Frenchs Credo. Jeder Komponist müsse auf seine Art ausdrücken, was ihn von Grund auf bewege. "Deshalb sollten wir nicht versuchen, Stimmen zum Schweigen zu bringen, die wir nicht mögen, sondern jeder Kunst erlauben, sich aus sich selbst heraus in die Höhe zu schwingen oder zu Fall zu kommen."
Frauen- versus Männer-Musik?
"Woher meine musikalischen Ideen kommen, ist mir oftmals selbst ein Rätsel", bekennt die Komponistin. "Ich habe in meinem Inneren einen stillen Ort, und dort strömt die Musik in mein Bewußsein; sie erschafft sich sozusagen selbst. Meine Rolle ist es, ihre Entfaltung zuzulassen, indem ich absolut präsent bin und auf mein inneres Ohr höre. Die Anfänge eines Stückes kommen mir oft in den Sinn, wenn ich spazierengehe oder mich in einem entspannten Gemütszustand befinde. Es ist, als sei ich auf der Entdeckungsreise zu einem Stück, das seine eigene Ordnung und Form hat und auf einer anderen Ebene bereits zu existieren scheint." Der strömenden Inspiration folgt die nüchterne kompositorische Ausarbeitung - bis hin zu kritischen Überprüfungen mit Instrumentalisten.
Daß Frauen grundsätzlich anders komponieren als Männer oder daß es einem Stück anzuhören ist, ob es von einer Frau oder einem Mann geschaffen wurde, glaubt sie übrigens nicht: "Ich denke, man kann nur über jeden Komponisten und jede Komponistin ganz individuell sprechen."
Auch bei der Frage, ob es Frauen in ihrem Beruf grundsätzlich schwerer haben als Männer, vermeidet sie es sorgsam, in die Klischee-Schublade zu greifen. "Das Geschäft ist hart, egal ob du ein Mann oder eine Frau bist. Was es allerdings für Frauen schwieriger macht, ist die Tatsache, daß Organisationen, Ausschüsse und Ressorts, die darüber entscheiden, wer aufgeführt wird oder Aufträge bekommt, immer noch vorwiegend von Männern besetzt sind. Die scheuen sich wohl oftmals, Frauen zu ihrem Recht kommen zu lassen. Wenn Frauen in derselben Position säßen, würden sie aber womöglich ganz ähnlich handeln."
Ein zweites Paar Ohren
Zeitgenössische Musik hat es auch in den USA nicht leicht. "Ich bin allerdings froh, in Amerika aufgewachsen zu sein, denn die Möglichkeiten für mich als komponierende Frau, die in einer eher traditionellen Sprache schreibt, sind in den Staaten ungleich zahlreicher als sie es in Europa gewesen wären", steht für Tania Gabrielle French fest. "Ich habe das Glück, daß bisher alle meine Werke aufgeführt wurden - übrigens fast ausschließlich von Männern", schmunzelt sie. Ihre Lage empfindet sie als untypisch und privilegiert, zumal sie durch das Einkommen ihres Mannes nicht darauf angewiesen ist, sich mit Nebenjobs über Wasser zu halten: "Es gibt in diesem Land nur wenig Geld für Auftragshonorare; sie kommen meist aus privaten Fonds und sind knapp bemessen." Ihr Mann, der Geiger Clayton Haslop, ist übrigens einer der größten Förderer ihrer Musik. Das Mitglied des New Hollywood String Quartet war nicht nur an der Aufführung mehrerer French-Werke beteiligt, sondern dient beim Komponierprozeß auch als ihr "zweites Paar Ohren": "Das ist für mich von unschätzbarem Wert."
Unterhaltende Unterhaltung
Für das Artis-Quartett, das Frenchs Stück im Rahmen seines seit 1988 bestehenden Musikvereins-Zyklus spielt, ist die Aufführung in doppelter Hinsicht eine Premiere: "Wir hatten noch nie etwas von einer zeitgenössischen Komponistin im Programm. Es hat sich bisher einfach nicht ergeben", sagt Peter Schuhmayer. Die Musik der Moderne und der Gegenwart hingegen - aus männlicher Feder eben - integrierte das Ensemble bisher immer wieder in seine Konzertreihe im Brahms-Saal, vergangenes Jahr etwa die Uraufführung des Streichquartettes von Thomas Larcher. Auch Rihm, Reimann, von Einem oder Wellesz - um nur einige zu nennen - fanden ihren Weg ins Programm von Peter Schuhmayer, Johannes Meissl, Herbert Kefer und Othmar Müller. "Wir versuchen, unbekannte Werke ins Repertoire einzubauen, um ihnen den Weg zu ebnen", erklärt Schuhmayer. "Die einen Zuhörer finden einen Zugang zu diesen Stücken, die anderen nehmen sie eben billigend in Kauf. Wichtig ist, daß wir selbst von der Qualität der Werke überzeugt sind und auch ein bißl Spaß dabei haben, sie zu spielen." Ob sich ein Werk dann dauerhaft durchsetze, das könne nur die Zukunft weisen.
Daß Tania Frenchs Werk gleich nach Mozarts Streichquartett F-Dur KV 590 erklingt, dürfte die Komponistin freuen: Schließlich ist es Mozart, dem sie den zentralen Einfluß für ihren Lebensweg zuschreibt. Es ist übrigens durchaus gewollt, daß der Titel "Communications" Assoziationen weckt - wurde doch speziell das Streichquartett in der Allgemeinvorstellung stets mit einem musikalischen Gespräch verglichen, was beispielsweise Goethe in einem Brief an Zelter in folgende Worte kleidete: "... man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen". Indem sie die einzelnen Sätze etwa mit "Invocation" (Anrufung; Beschwörung) oder "Gossip" (Klatsch) betitelt, spielt French in humorvoller Weise auf den Topos des Streichquartetts als musikalisches Gespräch an.
In anderen Umständen
Es hat mittlerweile sogar schon Kreise gezogen, daß das Artis-Quartett French nach Wien bringt: Die Mitglieder des Altenberg Trios entdeckten, daß ihre vier Kollegen die Komponistin im Musikverein aufführen, und erkundigten sich ihrerseits nach deren Werken. "Ich besuchte Mrs. Frenchs Website und wurde dort auf ihre ,Four illuminations' für Klaviertrio und Oboe aufmerksam. Das Stück erschien mir vor allem deshalb bemerkenswert, weil wir kurz zuvor auf der Suche nach Repertoire in dieser Besetzung waren", erzählt Claus-Christian Schuster, Pianist und künstlerischer Leiter des Altenberg Trios. Als das Ensemble dann im Sommer beim Kammermusikfest im schwedischen Bastad gastierte und eines der ausgewählten Stücke eines anderen Komponisten nicht rechtzeitig eintraf, erinnerte sich Schuster an Frenchs Werk: "Und dank der Segnungen der modernen Kommunikationstechnik hielten wir schon wenige Stunden später Partitur und Stimmen in Händen. Wir spielten dann den vierten Satz, Song of Peace, ein hübsches, klanglich apartes Stück. Am Tag der Aufführung telephonierten wir - den Zeitunterschied gedankenlos außer Acht lassend - mit der Komponistin und trafen sie, kurz vor sechs Uhr morgens, in den Wehen an!" In der Folge gab's vom schwedischen Publikum bei der Aufführung einen kräftigen Sonderapplaus für die neue Erdenbürgerin Clara Gabrielle.
Keine Frage, daß das Musiker-Ehepaar samt Töchterchen im Dezember nach Wien kommen wird, um die Europa-Premiere von "Communications" mitzuerleben. Für die deutschstämmige Amerikanerin ist das ein Wiedersehen: Tania French hatte die Donaumetropole schon als 19jährige kennengelernt. Sie weilte auf Einladung von Thomas Christian David, Komponist und Sohn von Johann Nepomuk David, in der Stadt und besuchte unter anderem zwei Konzerte im Musikverein. Ob sie sich damals wohl hätte träumen lassen, daß sie just an diesem renommierten Ort einmal ihre eigene Musik würde hören können?
Susanne Mathes
Susanne Mathes lebt als Journalistin in Süddeutschland.
Thursday, 5. December 2002
Artis-Quartett
Program