
Ihn einen Eremiten zu nennen wäre untertrieben. Interviews mag er nicht, E-Mail will er nicht, Fernsehen schaut er nicht, einen Agenten hat er nicht. Angeblich gibt es eine Sekretärin in der Schweiz, die man anrufen kann. Aber leider geht sie nie ans Telefon. Verglichen mit Krystian Zimerman war Arturo Benedetti Michelangeli eine Plaudertasche. Margot Weber portraitiert den schweigsamen Klavierpoeten.
Sein Privatleben ist privat. Mit seiner Frau und den zwei Kindern lebt Zimerman in der Nähe von Basel, wo er seit 1996 eine Professur an der dortigen Hochschule hat. Daß er mit Sohn und Tochter einmal im Kino „Harry Potter“ angesehen und genossen hat („Ich fand den Film gut. Eine fantastische Arbeit“), ist das privateste, was er der Öffentlichkeit jemals mitgeteilt hat.
Fast wie ein Phantom
Durch seine stille, scheue Zurückgezogenheit scheint der Pianist aus Polen merkwürdig zeitlos, fast wie ein Phantom aus einer längst vergangenen Epoche – dabei ist er exakt derselbe Jahrgang wie Punk-Geiger Nigel Kennedy. Und gerade weil es völlig abwegig ist, Zimerman mit diesem exhibitionistischen Berufs-Jugendlichen in einem Atemzug zu nennen, ist das so aufschlußreich: Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern seiner Generation geht der 49jährige mit sich und seinem Leben geradezu altmodisch dezent um.
Ein Gefühl dafür, wer dieser zurückhaltende, grauhaarige Mann mit den melancholischen Augen sein könnte und was ihn antreibt, bekommt nur, wer sich auf sein Klavierspiel einläßt. Kein Musikkritiker weltweit, der nicht hingerissen wäre von seinem „Sinn für klangliche Abschattierungen“, seiner Sorgfalt mit „Stimmen, Nebenstimmen und Hinterstimmen“, seinem musikalischen Intellekt, seiner „glühenden Intensität“ und „pointierten Brillanz“.
Üben ohne Flügel
Das kommt nicht von ungefähr: Um ein Werk wirklich fertig zu haben, sagt Zimerman, braucht er zehn Jahre. 1980 hat er sich eine Liste gemacht mit Stücken, die er können möchte. Und erzählte im vergangenen Winter der Hamburger „Zeit“ in einem seiner seltenen Interviews: „Glauben Sie mir, ich bin mit dieser Liste immer noch nicht durch. Und ich weiß schon heute, daß mir die Zeit nicht mehr reichen wird.“
Schließlich entsteht Kunst ja nicht, indem jemand Noten spielt, die ein anderer aufgeschrieben hat: Schuberts Tänze und Walzer kann jeder Laie nach ein paar Jahren Unterricht einigermaßen anständig auf den Tasten klimpern – von den Hundertschaften, die an Hochschulen und Konservatorien studieren, ganz zu schweigen. Kunst entsteht erst, wenn jemand nicht die Noten spielt, sondern das, was sie bedeuten. Kunst ist Seelensuche. Und deshalb ist es für den Seelensucher Krystian Zimerman nicht notwendig, jeden Tag stundenlang vor dem Instrument zu hocken.
Zu achtzig Prozent übe er ohne Flügel, erzählte er in bereits erwähntem „Zeit“-Interview: „Das Üben ist eine Sache, seine Inspiration zu erweitern eine andere. Für mich steht am Ende nicht der Musiker oder Künstler, sondern der Mensch. Am Anfang steht der Pianist, dann der Musiker, dann der Künstler und dann der Mensch. Auf allen Stufen muß man sich gleichzeitig bewegen und keine davon vernachlässigen!“ Und schloß ein wunderbar spitzzüngiges Bonmot an: „Spielst du zu viel Klavier, solltest du vielleicht nicht Klavier spielen.“
Streben nach dem adäquaten Klang
Hinzu kommt: Nicht daß Zimerman ein Originalklang-Verfechter wäre! Auch sucht er keinen „schönen“ Klang – er sucht den adäquaten. Aber Beethoven und Chopin komponierten für Instrumente ihrer Zeit: elegante Hammerflügel mit flacherem Tastenfall, transparenterem Klang, anderer Pedalisierung. Die spätklassizistischen und romantischen Farbvorstellungen des frühen 19. Jahrhunderts auf einem Steinway hervorzurufen ist mühsam. Erst für heutige Pianisten sind Beethoven und Chopin wirklich schwer – auch das sei so ein kleiner Zimermanscher Aphorismus, erzählen Pianisten.
Überhaupt, sein Instrument – das ist eine ganz eigene Geschichte: Früher hatte er die Angewohnheit, seinen Flügel höchstpersönlich im Anhänger von Konzertsaal zu Konzertsaal zu fahren. Und natürlich würde er niemals erst in Nürnberg, dann in Wien gastieren, weil die unterschiedliche Akustik der Säle ihm die Laune – und seinem Flügel die Stimmung – vermiest. Letzteres weiß er, weil er als Akustikspezialist selbstverständlich eine selbst angelegte Datenbank zu allen wichtigen Konzertsälen besitzt.
Tastentüflter und Technik-Freak
„Fortgeschrittener Wahnwitz“ sei, was der Tastentüftler und Technik-Freak mit Flügeln und Tastaturen betreibe, berichtet Johannes Saltzwedel vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. 22 Klaviaturen lagern in seinem Heim, und permanent entwickle er neue. Auf Tourneen nehme er immer gleich mehrere mit, die an verschiedenen Komponisten angepaßt seien, und baue die passenden je nach Bedarf ein.
Ein Konzert, davon ist Zimerman überzeugt – und das macht einen Abend für ihn so schwierig -, ist immer eine Summe von Kompromissen. Die seinem perfektionistischen Wesen naturgemäß zutiefst zuwider sind. Deshalb hat er sich in den vergangenen Jahren nie mehr als jährlich 45 abgerungen. Und sitzt bei Aufnahmen bisweilen nächtelang mit einem Klaviertechniker im Tonstudio und bastelt am Flügel herum.
Verglühen im Konzert
Auftritte jenseits des großen Teichs werden seit dem 11. September dadurch nicht gerade einfacher: Seit die USA beinahe alljährlich ihre Einreisebestimmungen verschärfen, haben es Künstler schwer, ihre Hardware einzufliegen. Im Herbst 2001, kurz nach den Attentaten, zerstörte eine hysterische US-„Homeland Security“ Zimermans damals mitgebrachten Steinway, weil sie den Leim im Instrument für Bombensprengstoff hielt – und erst im April dieses Jahres nahm sie seinen Flügel für fünf Tage in Quarantäne, um sicher zu gehen, daß er kein Terrorwerkzeug ist. Verständlich, daß so ein Unsinn seine Freude an Konzerttourneen nicht gerade verstärkt.
Spielt er für sein Publikum? Er sei ein Egoist, antwortet er gern. „Erst einmal möchte ich die Musik selbst erleben“, erzählte er dem „Hamburger Abendblatt“. „In dem Moment, in dem das passiert, glaube ich daran, daß ich sie auch anderen schenken kann. Ich setze mich jedenfalls nicht hin und spiele etwas für andere. Dabei würde ich mich schrecklich fühlen.“ Wenn am Abend alles stimmt, sei er manchmal wirklich „wahnsinnig“ von der Musik: „Da verglühe ich im Konzert manchmal. Und ich möchte die Leute diese Besessenheit erleben lassen.“
Warten bis zum Notwendigen
Eine Tournee zu planen ist für ihn, den Hyper-Sensiblen, ein Kampf mit Windmühlen; vorher ein Programm bekannt zu geben – ihm unmöglich. Warum? Das sei nicht mit Worten zu beschreiben. Er zögere seine Konzertprogramme so weit hinaus, bis er sich sicher ist, daß die Stücke, die er spielen will, „notwendig“ sind. Wie er dieses Gefühl bekommt? Das weiß er selbst nicht: „Ich kann ja auch nicht erklären“, sagt er, „wie eine Zitrone schmeckt. Ich kann feststellen: Eine Zitrone hinterläßt auf der Zunge das Gefühl sauer, gelb, erfrischend. Aber wie will man sich aus diesen drei Informationen den Geschmack vorstellen, wenn man ihn selbst nicht erlebt hat? Wenn ich genau erklären könnte, worum es mir geht, könnte meine Arbeit auch von einer Sekretärin erledigt werden.
Ich weiß nicht, warum ich an einem Abend einen Fisch möchte und kein Steak.“
Sein Rückzugsort in Basel ist sein Studio, dort findet er alles, was er braucht – Bücher, Noten, CDs, Tonbänder. „Im Januar bin ich genau zweimal vor die Haustür gegangen. Ich arbeite 22 Stunden am Tag, schlafe dort, arbeite dort, hab dort mein Büro. Ich hab so viel zu tun! So viele neue Bücher, so viele Noten, die jetzt endlich eingetroffen sind. Wenn die kommen, dann bleibt das Essen stehen. Das ist das Leben, das ich führen möchte. Da bin ich glücklich.“ Ein Nachtmensch sei er, ergänzt seine Plattenfirma. Einer jener Künstler, die das Gefühl haben, daß die Zeit in der Dunkelheit anders fließt.
Ein weiter Weg
Als Arbeiterkind aus dem polnischen Zabrze auf die Konzertpodien der Welt – Krystian Zimerman ist einen weiten Weg gegangen. Aber er hat ihn, wie alle Höchstbegabten, in geradezu atemberaubendem Tempo zurückgelegt: 1956 geboren, bekam er seinen ersten Klavierunterricht mit fünf – und 1975, mit 19 Jahren, gewann er als bis dahin jüngster Preisträger den berühmten Warschauer Chopin-Wettbewerb. Zwei Jahre später schloß er sogar noch sein Studium ab, machte Examen und Konzertdiplom – und debütierte im selben Sommer mit einem Chopin-Recital bei den Salzburger Festspielen. Es folgten ausgedehnte Tourneen durch Japan (1978) und die USA (1979); mit Herbert von Karajan trat er 1980 erstmals bei den Internationalen Musikfestwochen in Luzern und bei den Salzburger Pfingstkonzerten auf.
Seine größten Erfolge? Seine Plattenfirma läßt mitteilen, dazu zähle der Pianist nicht seine Auszeichnungen und Preise, sondern die Tatsache, daß es ihm gelingt, jedes Jahr aufs Neue einen Rhythmus zu finden, der es ihm erlaubt, ständig sein Repertoire zu erweitern.
Die Kunst des Verwerfens
Sein letztes Solorecital, ein Debussy-Album, hat er vor mittlerweile 15 Jahren auf den Markt gebracht. Allerdings: Neue Veröffentlichungen gibt es nicht etwa deshalb nicht, weil er nichts aufnimmt. Im Gegenteil: In Studios ist er sogar vergleichsweise häufig, spielt auch gerne etwas ein, auch ohne daß die Plattenfirma weiß, um was es sich handelt. Aber genauso häufig beschließt er beim Anhören der Aufnahme, sie nicht herauszubringen: „Weil ich das Resultat nicht so wertvoll finde, daß man es unbedingt veröffentlichen müßte, oder weil es andere Aufnahmen gibt, die besser sind. Deswegen sehe ich keinen Grund, mit einer Platte herauszukommen. Ich brauche das nicht für meine Befriedigung.“
Imaginäres Gespräch mit Eckermann
Wenigstens ist seit diesem Frühjahr eine zweite Einspielung des Brahmsschen d-Moll-Konzerts zu haben. Seine erste erschien 1984, damals mit Leonard Bernstein – und der Ärger über das Ergebnis trieb ihn zwei Jahrzehnte um. Er habe die Aufnahme, deren Weg von endlosen, ärgerlichen Pannen gepflastert war, nur freigegeben, weil die Plattenfirma auf Vertragserfüllung bestand. Und behauptet bis heute, sie niemals gehört zu haben. Schlecht sei sie, unnütz, überflüssig. Wobei den Perfektionisten Zimerman fast noch mehr ärgert, daß das außer ihm niemand zu hören schien. „Aber die Vorstellung von Perfektion verschiebt sich ja immer weiter mit dem Weg, den man geht“, auch das hat er einmal gesagt.
Wie meinte Anton Webern 1936, als er nach acht Monaten härtester Arbeit nur vier beschriebene Seiten Notenpapier hatte und versuchen mußte, sein Schneckentempo zu erklären? Goethe habe seinem Eckermann die Schönheit eines Gedichts damit begründet, „daß er 40 Jahre darüber nachgedacht habe“.
Diese Anekdote dürfte Krystian Zimerman gefallen.
Margot Weber
Margot Weber ist Journalistin in München und schreibt vor allem über Musik- und Reisethemen.
Freitag, 24. November 2006
Krystian Zimerman
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