
Sollte er inmitten seiner (historischen) Klaviere, der Musik, seiner Liebe zum Schachspiel und seiner Bibliothek doch einmal ausreichend Zeit finden, dann wird er sie schreiben, die Autobiographie. Und zumindest den Titel hat er schon: "Ich war der packendste Pianist". Ein Doppelsinn, selbstverständlich. Einerseits gibt Paul Badura-Skoda unumwunden zu, daß er sich für einen ausgesprochen packenden Pianisten hält; und andererseits ist natürlich seine Reisetätigkeit gemeint - das berühmte Koffer-ein-und-aus-Packen.
Man braucht nur einen kurzen Blick auf seinen Konzert- und Kursplan werfen, um zu verstehen, wieso sich nur zwölf Tage Urlaub im Jahr ausgehen - eine Steigerung übrigens, waren es im vergangenen doch nur sechs. Italien, Spanien, Portugal, Deutschland: auch in diesem Sommer ist Paul Badura-Skoda als Lehrer bei diversen internationalen Meisterkursen ausgebucht. Und selbst wenn er an eine Einschränkung dieser Tätigkeit denkt: Den Lehrer kann er nie ganz ablegen. Sogar bei einem seiner "tausend" Interviews ist es nicht nur ein einfaches Frage-Antwort-Spiel mit seinem Gesprächspartner, es ist auch gleich ein wenig von Unterricht dabei: Aufgesprungen und etwas an einem der herumstehenden Flügel demonstriert, in eines der unzähligen Regale gegriffen, um in einer Chopin-Ausgabe einen Fehler zu zeigen, eine Kopie eines Autographs aus einer Lade herbeigezaubert, um den Wahrheitsbeweis anzutreten: geradezu eine Multimedia-Show!
Stradivari mit Tasten
Für sein Geburtstagskonzert am 6. November im Brahms-Saal hat er für sein Publikum einen akustischen Leckerbissen vorbereitet: Er wird sein Lieblingsinstrument, einen Bösendorfer-Imperialflügel aus dem Jahr 1923, nicht restauriert, noch mit originalen Hammerköpfen, zum Erklingen bringen. "Das Klavier hat einen Klang wie eine seltene Stradivari", schwärmt Badura-Skoda. "Die Resonanz ist fast unendlich lang, der Klang wie bei einem Bariton, wunderbar samtene Töne, wenn es aber darauf ankommt, kann er auch metallen klingen. Natürlich habe ich das gesamte Programm um diesen Flügel herum aufgebaut: Franz Schubert (Allegretto für Klavier c-Moll, D 915, Moments musicaux, D 784/1-3, Sonate für Klavier a-Moll, D 845), Johannes Brahms (Sechs Klavierstücke, op. 118), Maurice Ravel (Gaspard de la Nuit) - das sind Werke, die auf dem Klavier besonders gut klingen."
Die Fackel weiterreichen
"Passer le flambeau - Die Fackel weiterreichen!" Orientiert an dem Ausspruch des französischen Pianisten Alfred Cortot, spart Badura-Skoda nicht mit seinem Wissen und reicht weiter, wo es nur geht. Und plant er auch den Rückzug aus dem Geschäft der Meisterkurse, so heißt das nicht, daß nichts mehr weitergegeben werden soll - nur eben auf eine etwas andere Art. "Ich finde, daß ich das, was ich zu sagen habe, auch in der Ausführung zeigen kann; und wer Ohren hat, der wird das schon hören. Ich habe im Laufe der Jahre genug gesagt, das muß genügen." Und nach Legionen von Schülern, unter denen auch Namen wie Alexander Lonquich zu finden sind, bleibt ihm zumindest noch ein einziger prominenter Zögling: er selbst. Lebhaft kann es da zugehen, wenn der Meisterpianist Badura-Skoda den Meisterschüler Paul im lauten Selbstgespräch lehrt und erklärt, was dieser wie zu tun habe.
Und zu tun gibt's genug. Selbst nach gut einem halben Jahrhundert Klaviermusik findet er mühelos noch neues Territorium. Wunschwerke nennt Badura-Skoda jene Kompositionen, die zwar den Weg ins Unterrichtszimmer, aber kaum einmal aufs Podium geschafft haben, so etwa das Gesamtklavierwerk seines ehemaligen Freundes Frank Martin oder vieles von Béla Bartók. Wie ein Dirigent birgt er eine feste Vorstellung von dem, wie's einmal klingen soll, doch hat "das Orchester noch nicht genug Proben gehabt". Zur Beruhigung: "Es muß noch kommen!", so die kategorische Prognose Badura-Skodas.
Lockruf von Josef Krips
Das Stichwort ist somit gefallen: Dirigieren, der beliebte Zweitberuf vieler Pianisten, ist auch ihm ein besonderes Anliegen. Und wer weiß, wie er seinen 75. Geburtstag im Musikverein feiern würde, hätte er sich vor 55 Jahren ein wenig anders entschieden: "Es ist eigentlich nur einem Zufall zu verdanken", erzählt er, "daß ich nicht die Dirigentenlaufbahn eingeschlagen habe. Ich war so zwischen 20 und 21, da spielte ich bei einem Hauskonzert im vierten Bezirk mit Walter Barylli eine Mozart-Sonate vom Blatt. Da kam Josef Krips, mit dem mich später eine lebenslange Freundschaft verbunden hat, und rief aus: "Sie sind ein Dirgent! Kommen Sie als Assistent zu mir ins Theater an der Wien, nächste Woche können Sie anfangen!" Das war natürlich eine unglaubliche Herausforderung, und meine Klavierlehrerin hat ihre Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ich aber habe nicht nur meine Klavierlehrerin, sondern auch mich selbst befragt und mir geantwortet: "Eigentlich bin ich als Pianist schon zu weit und bleibe dabei."
Die Sprache lernen
Doch zurück zum Unterricht. Wenn's um seine Methoden geht, kommt er besonders ins Reden: "Als Lehrer muß man erstens die Werke genau kennen und eine feste Vorstellung haben, zweitens die diagnostische Seite beachten. Man muß jeden Schüler als eine Eigenpersönlichkeit sehen, wie weit er auch entwickelt ist. Es gibt kindliche Künstler, die ein enormes Potential haben, und solche, die 30 und fast völlig ausgebildet sind. Dabei muß man auch die Grenzen erkennen: Manche wollen in einer Woche aus einem mittelmäßigen Pianisten ein Genie machen. Das freilich geht nicht. Und: Der eine braucht starke Medikamente und der andere sollte eher homöopathisch behandelt werden."
Unendlicher Respekt vor dem Komponisten ist es, was er den Schülern auf ihren Weg mitgeben will. Gerne zitiert er einen Vergleich, der auf Chopin zurückgeht: "Viele Pianisten erinnern an jemanden, der ein Gedicht in einer fremden Sprache vorträgt. Die Aussprache kann noch so gut sein, wenn er die Sprache nicht versteht, wird er nie sein Publikum rühren können."
"Um diese Sprache richtig zu verstehen, ist viel nötig, weil Musik in vielen Dimensionen stattfindet. Die Noten sind schnell gelernt, aber selbst die genaueste Notation kann unmöglich die unendliche Vielfalt von betonten und unbetonten Tönen, von hartem und weichem Klang, von Haupt- und Nebenstimmen, Atmung und vor allem die Emotion, die dahintersteckt, wiedergeben. Denn fast jede Musik drückt einen Gefühlszustand aus, einmal mehr, einmal weniger. Am unmittelbarsten ist es bei Schubert: Diese Musiksprache und ihre Grammatik weiterzureichen ist gerade heute eine wichtige Aufgabe, wo so viele technisch perfekte und meistens seelenarme Aufführungen existieren."
Hartes Training, exakte Philologie
Immer wieder erinnert er daran, daß auch am Beginn seiner großen Karriere eine ganz besondere Lehrerpersönlichkeit gestanden hat: Edwin Fischer. Mit 20 Jahren gewann Badura-Skoda den von der Gesellschaft der Musikfreunde veranstalteten Österreichischen Musikwettbewerb und erhielt dadurch ein Stipendium für Edwin Fischers Meisterkurse in Luzern. Ein für sein Leben richtungsweisendes Stipendium, wie auf seiner Webseite zu lesen ist. "Von Edwin Fischer habe ich so viel mitbekommen, daß ich noch 40 Jahre später davon zehren kann, auch die Liebe zum Dirigieren". Und wie hält er es heutzutage mit dem Üben? Da vergleicht er seine Arbeit gerne mit der Tätigkeit von Ballettänzern. Härtestes Training, was das Technische, die Gymnastik, betrifft. Und das immer wieder neue Erarbeiten von großen Klavierwerken mit ständig wechselndem Repertoire. Jedes Mal, wenn er ein Werk spielt, versucht er das Alte zu vergessen und sich neu der Partitur zu nähern. Dazu hat er ein riesiges Archiv an Autographen und Erstdrucken in Kopien angelegt, um jeder noch so guten Neuausgabe in puncto Genauigkeit und Fehlerfreiheit auf den Zahn fühlen zu können.
Ewige Rätsel
Klingt das auch ziemlich kopflastig und penibel, so wird doch auch bei ihm die künstlerische Seite hervorgestrichen. "Das Wesentliche ist, daß man sehr gute Musik macht, die den Menschen packt. Musik soll ja eigentlich nicht verstanden, sondern miterlebt werden. Ich mag diese stereotype Ich-verstehe-ja-nichts-von-klassischer-Musik-Aussage und -Ausrede von vielen nicht. Denn wenn ich ehrlich bin: Ich verstehe auch nichts. Es ist mir unverständlich, wie ein Schubert eine Schubert-Melodie schreiben konnte. Das kann man auch nicht begreifen. Aber man kann sich bis ins Innerste berühren lassen ...
Oliver Láng
Mag. Oliver Láng ist Musikkritiker der "Kronen Zeitung" in Wien.
Wednesday, 6. November 2002
Paul Badura-Skoda
Program