

Am 20. November präsentiert Stefan Vladar im Rahmen des Zyklus "Große Solisten" erstmals ein reines Chopin-Programm. Im Gespräch mit Ursula Magnes spricht er über sein Verhältnis zum Klavier, zu Chopin und über die größte Gefahr des Musikers: die Routine.
Sie sind ein sehr vielseitiger Musiker: Pianist, Dirigent, Lehrer. Reicht das Klavier nicht aus, um sich musikalisch auszudrücken?
Im Grunde meines Herzens bin ich ein neugieriger Mensch, der sich gerne mit den verschiedenen Aspekten des Musikbetriebs beschäftigt. Das hängt selbstverständlich auch mit dem Engagement innerhalb meiner Festivals in Neuberg und bei den Oberösterreichischen Stiftskonzerten zusammen. Das Klavier ist sozusagen die Basis für all meine Aktivitäten.
Nun steht ein großer Chopin-Abend auf dem Programm: sogenannte "Pianistenmusik". Verträgt sich das mit musikalischer Vielseitigkeit?
Gerade wenn man die Möglichkeit hat, durch Kammermusik und Liedbegleitung oder vor allem durch das Dirigieren den Rest der Musik auch abzudecken und kennenzulernen, gerade dann wird es wieder spannend, reine "pianistische" Musik zu spielen. Wobei ich Chopin überhaupt für einen der genialsten Komponisten halte, und das ist sicher kein Zufall. Obwohl seine vordringliche Qualität sicher nicht darin liegt, daß er Klaviermusik geschrieben hat.
Was ist so genial an der Musik Chopins?
Abgesehen von den wunderschönen Melodien, die ja jeder kennt und liebt, hat er ein wahnsinnig untrügliches Formgefühl. Das zeigt sich vor allem in seinen kleinen Stücken, beginnend mit dem wahrscheinlich wichtigsten Teil seines Schaffens, den Mazurken. Diese Stücke haben ihn ein Leben lang beschäftigt. Auch in den 24 Préludes zeigt sich sein genialer Umgang mit Proportionen.
Sind die Balladen Chopins auch literarisch zu betrachten?
Für mich ist die musikalische Form der Ballade mit der literarischen Form nicht wirklich kongruent. Natürlich sind der erzählende Charakter und das Balladeske in der Musik Chopins spürbar - aber literarische Balladen sind im Vergleich dazu ganz lange und komplexe Geschichten. Die Balladen Chopins sind in einem erzählerischen Ton gehalten, mit ganz vielen Überraschungseffekten und Ausbrüchen. Gerade in der 2. Ballade ist das ganz deutlich zu hören: dieses kleine, simple, fast primitiv monotone Lied, das da erklingt, wird plötzlich von einem Ausbruch unterbrochen, der sofort wieder verebbt. Oder das lang umspielte Lied der 4. Ballade, welches auch nur mit zwei, drei kleinen dynamischen Höhepunkten "gestört" wird.
Wie kam es zur Stückauswahl für dieses doch eher "populäre" Chopin-Programm?
Diese Stücke stehen schon lange auf meiner Wunschliste. Seit meiner Studienzeit hab' ich ganz wenig Chopin gespielt, und auch in der Studienzeit selbst stand dieser Komponist nicht unbedingt im Mittelpunkt. Es ist halt in Wien so, daß man vordringlich Haydn, Mozart, Beethoven und vielleicht noch Brahms und Schumann studiert und dann auf dem Podium wiedergibt. Erst durch das Unterrichten hab' ich meine Liebe zu Chopin wiederentdeckt. Und wenn ich etwas liebe, dann mache ich es auch.
Sie bezeichnen sich selber als "aus der Wiener Pianisten-Schule kommend", setzten aber unüberhörbar immer wieder neue Akzente. Ist dieser Chopin-Abend als eine Repertoireerweiterung, beziehungsweise als weiterer Schritt in ihrer Pianisten-Karriere zu verstehen?
Es ist ja nicht zum erstenmal, daß ich mich aus diesem Wiener Basis-Repertoire hinausbewege. Ich hab ja Liszt gespielt. Das wäre in Wien vor zwanzig Jahren noch verpönt gewesen. Ich bezeichne mich auch nicht wirklich als "aus der Wiener Pianisten-Tradition kommend". Sie ist meine Heimat, aber nicht mein Zuhause. Ich hab hier bei Hans Petermandl studiert, wiewohl Oberösterreicher, trotzdem ein Vertreter der Wiener Pianistentradition und seinerseits Schüler des legendären Bruno Seidlhofer. Stillstand heißt Rückschritt. Besonders in Wien müssen wir versuchen, uns ein bißchen in Richtung Internationalität zu entwickeln, um nicht in der eigenen Suppe zu schwimmen. Chopin zu spielen ist sicher ein Signal in diese Richtung.
Um ihre Präsenz am CD-Markt ist es eher still geworden. Es gibt die Einspielung der Beethoven-Konzerte nach dem Gewinn des Beethoven-Wettbewerbes 1985 sowie kleinere Produktionen mit sogenannten Raritäten. Was folgt nach der Richard-Strauss-CD und den Goldberg-Variationen?
Momentan ist auf Grund der Schwäche der Plattenindustrie nicht wirklich viel geplant. Ich habe eine Serie mit den Beethoven-Sonaten begonnen, aber das Aufnehmen von CDs ist wohl für niemanden ein vordringliches Anliegen, weil sie, salopp formuliert, sowieso nicht gekauft werden. Wünsche hätte ich schon, aber da muß man erst eine Firma finden, die das auch macht. Es gibt eben zu viele Pianisten für das immer gleichbleibend kleine Repertoire, das alle gerne aufnehmen wollen. Insofern ist der Bedarf einfach nicht gegeben.
Sie haben 1985 den Internationalen Beethoven-Klavierwettbewerb gewonnen und damit den Durchbruch geschafft. Wie ist ihr Verhältnis zu Wettbewerben heute?
Den diesjährigen Internationalen Beethoven-Klavierwettbewerb hab' ich erstmals als Lehrer miterlebt, weil eine meiner Schülerinnen mitgemacht hat. Gewundert hab' ich mich über das hohe Durchschnittsalter der Finalisten. Eine Tendenz, die generell festzustellen ist. Ob das eine gesunde Entwicklung ist, sei dahingestellt. Man entfernt sich eigentlich zusehends vom ursprünglichen Gedanken der Jugendförderung. Ich weiß nicht, ob man dagegen etwas tun kann, muß oder tun soll. Ich weiß auch nicht, ob es eine schlechte Entwicklung ist. Für mich ist diese Situation jedenfalls ein bißchen bedenklich und sehr bezeichnend.
Sie sind auch nicht mehr der "junge" aufstrebende Pianist. Wo würden sie sich als Pianist momentan einschätzen?
Es gibt zwei Altersgruppen, wo die Leute sagen: "für sein Alter spielt er gut": Wenn man ganz jung oder ganz alt ist. Dazwischen ist es problematisch, weil man keine Ausreden hat. Man beurteilt eine Leistung. Das ist mit dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren dasselbe. Es ist auf jeden Fall eine Zeit, in der man sich etabliert haben sollte. Das ist mir als vielseitigem Musiker doch ganz gut geglückt. Entscheidend ist der musikalische Horizont. Und den spürt dann auch das Publikum.
Sie haben in letzter Zeit Brahms auch mit historischen Instrumenten musiziert. Auf welchem Klavier spielt man Chopin?
Ich spiele Chopin auf dem modernen Steinway. Das ist für mich überhaupt keine Frage, über die man nachzudenken hat. Ich glaube auch, daß es in einem Saal wie dem Großen Musikvereinssaal nicht besonders sinnvoll ist, Chopin auf einem historischen Instrument zu spielen. Die Konstellation mit der Wiener Akademie war eine andere, weil auch das Orchester auf historischen Instrumenten gespielt hat. Dazu muß man auch sagen, daß sich das Instrumentarium aus der Zeit Chopins bis zu Brahms um einiges weiterentwickelt hat. Es ist sicher schön und spannend in einem kleinen Rahmen, in einem Salon Chopin auf einem Erard oder Pleyel zu hören. Für den Großen Musikvereinssaal hätte es eher nur dokumentarischen Wert. Zweitens dauert das Umstellen der Hörgewohnheiten einfach zu lange, als daß man in einem zweistündigen Konzert die Zeit hätte, die Leute ganz umzupolen. Dazu bräuchte man ein Symposium mit Vorträgen und Klangbeispielen. Ein Konzert soll aber einen Vergnügungs- und keinen Lehrcharakter haben.
Ist die Raumakustik also eine Prämisse für die Wahl des Instrumentes?
Es ist sinnvoll, das Instrument auf den Raum abzustimmen. Viele der Räume, die wir heute bespielen, sind für das moderne Instrumentarium gebaut worden. Das heißt ja nicht, daß die Räume damals kleiner waren. Ich denke da beispielsweise an den Redoutensaal. Wichtig ist, daß man Hörgewohnheiten überwinden muß - und das war damals nicht der Fall, weil man nichts anderes kannte. Das ganze erinnert mich immer an einen Ausspruch von Pablo Casals, der gesagt hat: "Der größte Feind des Musikers ist die Routine." Und die Routine ist auch der größte Feind des Zuhörers, weil sich Hörgewohnheiten so festsaugen, daß, wenn irgendetwas anders ist, sofort eine Abwehrreaktion entsteht. Das merkt man ja auch daran, wie lange es gedauert hat, bis sich die Originalklangbewegung durchgesetzt hat - und immer noch bei vielen Musikliebhabern nicht durchsetzen konnte. Wenn man bedenkt, daß Leute wie Harnoncourt schon in den fünfziger Jahren damit begonnen haben, so ist es wohl eine Frage der Beharrlichkeit. Momentan gibt es so etwas wie eine Zweiklassenmusik, die sich anzunähern beginnt. Spezialisten arbeiten auch mit modernem Instrumentarium und umgekehrt. Auf die These folgt die Antithese und schließlich die Synthese. Wissen tauscht sich aus. Das braucht seine Zeit.
Mag. Ursula Magnes
Mag. Ursula Magnes ist Leiterin der Musikredaktion von Radio Stephansdom in Wien.
Dienstag, 20. November 2001
Stefan Vladar
Programm