
Mitunter sagt ein Link mehr als 1000 Worte. Wer etwa Nicht zu vergessen M wie „Möchtegerns“: "Ich möchte gern sagen, daß man manchmal unter uns Pianisten leider immer noch auf Kollegen trifft, die glauben, daß sich musikalische Tiefe in ausladender Gestik, schnurrenden Läufen und überschwänglichem Oktavengedonner erschöpft."
Womit wir bereits mitten im Thema wären. Denn Markus Schirmer, so merkt man nicht zuletzt im Gespräch mit dem Pianisten, konzentriert sich auf all das, was hinter ausladender Gestik, schnurrenden Läufen und überschwenglichem Oktavengedonner, eben: „Möchtegerns“, liegt. Sorgfältige, ernsthafte Arbeit, die erlaubt, sich auf der Bühne einmal nicht ganz so ernsthaft zu geben, sind das A und O seines Wirkens, die ehrliche und tiefe Beschäftigung mit der Materie stets der erste Schritt.
Dem Schnickschnack abhold
Dementsprechend kritisch sieht er auch das Konzert-Biz, in dem junge Wunderinstrumentalisten, Starlet-Sopranistinnen oder andere Senkrechtstarter von einem (Marketing-)Betrieb angetrieben zu Dauerläufern werden. "Junge Musiker sind mit 120 bis 150 Konzerten im Jahr überfordert. Wie sollen sie sich da in Ruhe mit neuen Werken beschäftigen können? Auch ihr Tag hat nur 24 Stunden! Die hohe Begabung bietet zwar die Möglichkeit, schnell zu lernen. Doch dann passiert es: Ohne Lehrer und ohne ausreichend Zeit, sich ausführlich mit Werken auseinanderzusetzen, kommt nur etwas Halbes heraus."
Dementsprechend wesentlich sind ihm seine Lehrer gewesen: etwa Rudolf Kehrer. "Ich habe das große Glück gehabt, daß ihm all dieser Schnickschnack abhold war. Er hat gemeint: ,Schau zuerst in den Notentext, und der wird dir beweisen, daß selbst berühmte Kollegen da und dort nicht ganz das spielen, was geschrieben steht.‘ Und das stimmt! Solange man jung ist, denkt man sich vielleicht: ,Ich habe das Tschaikowskij-Konzert 1000mal so gehört, jetzt mache ich es anders!‘ Das ist aber ein falscher Ansatz. Man muß nicht alles um jeden Preis anders machen, es gibt auch so viele Möglichkeiten, sich frei zu spielen und zu interpretieren. Das Wichtigste ist, vor sich selbst ein reines Gewissen zu haben – und nicht zu versuchen, klüger zu sein als der Komponist!“
Ehrlich währt am längsten
Und dennoch – oder gerade darum – findet er seine echten künstlerischen Freiheiten. So wie ein Schauspieler sich in unterschiedliche Rollen hineinversetzt und diese je nach Können glaubwürdig auszufüllen versteht, geht es Markus Schirmer darum, sich in den jeweiligen Charakter der Musik hineinzufühlen. "Man muß das so mittragen, daß man beim Chopin-Trauermarsch tatsächlich dabei ist!"
Was freilich einen großen Studieraufwand erfordert. "Ich habe immer versucht herauszufinden, was dieser Komponist gefühlt hat, gedacht hat. Ich muß wissen: Wie war das Umfeld, was hat er getan, während er das komponiert hat, was gelesen? Natürlich ist das sehr schwierig, man trifft ja nicht immer gleich den Ton. Aber man muß hineinkriechen, darf nichts unversucht lassen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Das ist es, woran man arbeiten muß! Und wer glaubt, er weiß schon alles und hat alles erreicht, der ist erst ganz am Anfang!"
Viel Arbeit also, gründliche Arbeit: auch das sind Konstanten in Schirmers Leben. Alles was man macht, soll man gut und umfassend machen, so ein Leitsatz. Auch und trotz schnelllebiger Popularitätshypes à la „Taxi orange“: "Das vergeht schnell wieder. Doch der, der ehrlich arbeitet, wird sicherlich belohnt werden, das ist eine Selbstregulierung."
Das Leben: eine Achterbahn
Wem das zu trocken klingt, der hat Schirmer noch nie bei seinem unkonventionellen Programm "Engel im Kopf" mit Wolfram Berger erlebt. Oder kennt seinen Vergleich mit der Achterbahn nicht: „Da geht es immer rauf und runter und man kommt trotzdem sicher an. Wie im künstlerischen Leben! Das ist mit Schwierigkeiten und Mühen verbunden, der Erfolg fällt einem nicht in den Schoß, die Musik erschließt sich einem ja nicht immer.“ Und wer an seinem Verkaufstalent zweifelt, sei noch einmal an die Adresse markusschirmer.com erinnert. Gerade dieser (prämierte) Webauftritt zeigt, daß Präsentation, Vermarktung und Öffentlichkeitsarbeit für Schirmer nicht zu vernachlässigende Aspekte sind.
Aber mehr als das: Es reizt ihn wohl auch der Kontakt zur Öffentlichkeit und mit den Zuhörern, wie man bei seinen Konzerten merkt. Ein kurzer Einführungstext am Beginn reicht, um eine bessere Beziehung zum Publikum herzustellen und führt dazu, daß das Publikum dem Stück, der Aufführung näher kommt. "Es genügt nicht nur, wenn wir uns hinaufsetzen und ein tolles Beethoven-Konzert spielen", meint der Pianist. "Schon mit einigen Worten schafft man ein viel persönlicheres Verhältnis zu den Menschen. Daher sind mir die Kinderkonzerte so lieb und wert. Gerade dieses Publikum ist sehr ernst zu nehmen, man darf es nicht unterschätzen: Kinder sind die knallhärtesten Kritiker. Eigentlich sind es noch viel schwierigere Konzerte, als die ,normalen‘. Man weiß nämlich nicht, was als nächstes passiert.
Wir auf der Bühne müssen uns sehr konzentrieren und mitgehen. Und die Ehrlichkeit der Kinder ist für mich ein Gradmesser, ob man die Message angebracht hat. Welche lautet: Wirklich wertvolle Musik in einem spielerischen Rahmen mit Ernsthaftigkeit an junge Menschen bringen, aus dem Einheitsbrei herauskommen!"
Party bei Franz
Konzentration ist also ab dem 15. Oktober im Brahms-Saal seitens der Musiker gefordert, wenn Markus Schirmer mit einigen Kollegen – u.a. Esther Haffner, Ingrid Marsoner, Sebastian Gürtler – die Bühne zur "Schubertiade für Kinder" betritt. Vor allem soll es aber Spaß machen: "Es wird ein Fest werden, eine Party! Man kann ungehörte, nein, unerhörte Dinge erleben, es spielen Leute, die gerne Musik für andere machen. Und es sind viele Überraschungen geplant, wie es sich eben für eine Party gehört." Der Bogen streckt sich dabei von ein paar deutschen Tänzen über den Militärmarsch, von der unverwüstlichen „Forelle“ bis zu einer Violinsonate. Ganz nebenbei erfährt man etwas über Instrumente, über das geschichtliche Umfeld …
Kulturpessimismus oder Überforderungsängste der Kinder kennt Markus Schirmer dabei nicht: "Medien glauben oft, daß Menschen für manches zu dumm sind. Daher wird ihnen vieles erst gar nicht angeboten. Genau das Gegenteil ist aber notwendig: die Leute fordern! Vor allem bei Kindern geht das leicht, sie sind sofort begeistert dabei. Man muß aber wirklich früh beginnen, sie bald mit dem gesunden Virus infizieren. Das ist das Allerwichtigste, es kann gar nicht früh genug passieren. Mein Beispiel: Mit sechs habe ich begonnen, Klavier zu spielen, mit neun haben wir Karten für Bayreuth bekommen, es standen drei große Wagner-Opern am Programm: ,Meistersinger‘, ,Tannhäuser‘ und ,Parsifal‘. Was mich schwer begeistert hat, war ,Parsifal‘. Nicht ,Meistersinger‘, wie man annehmen könnte, sondern das Schwerste der drei Stücke: Es war diese Mystik, die mich fasziniert hat!“
Kinder und Eltern seien also frühzeitig gewarnt: Ab Oktober ist wieder Virenzeit. Ansteckung erwünscht!
Oliver Láng
Mag. Oliver Láng ist Musikkritiker der „Kronen Zeitung“ in Wien.
Samstag, 15. Oktober 2005
Markus Schirmer & Freunde
Programm
Samstag, 15. Oktober 2005
Markus Schirmer & Freunde
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Sonntag, 16. Oktober 2005
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Sonntag, 16. Oktober 2005
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