

Ein sonniger Samstagmorgen im Bregenzerwald. Die stattlichen, alten Wälderhäuser in Schwarzenberg sind bestens ausgeleuchtet. Die Glocken der Dorfkirche läuten, die Grillen zirpen. Die ersten Schubertiade-Gäste nähern sich dem Festival-Zentrum, dem Angelika-Kauffmann-Saal. Eine Matinee wird bald beginnen, und dann gibt es ja auch Ausstellungen zu besichtigen.
Mit Till Fellner ist ein Treffen auf dem Vorplatz des Angelika-Kauffmann-Saales vereinbart.
Er kommt gerade von Bezau, das nur wenige Kilometer entfernt ist. Dort, im Saal des Hotels Post, hat er im Rahmen der Schubertiade an den beiden Vorabenden zusammen mit der Wiener Kammerphilharmonie zyklisch alle fünf Beethoven-Konzerte gespielt. Er sei, so erklärt er, noch ganz vertieft in diese Werke. Noch nie sei er so tief in die Welt dieser Musik eingedrungen. Man hat den Zyklus mehrmals an verschiedenen Orten gespielt – auch in Wien, Paris und Madrid. Fünfundzwanzig Proben habe es insgesamt gegeben, und das ist schon recht viel. Es tut aber seine Wirkung. Till Fellner hat erlebt, wie sich im Rahmen von zyklischen Aufführungen dieser Art die Unterschiede zwischen den einzelnen Konzerten noch besser erschließen. Er muß an Alfred Brendel denken, der die fünf Werke mit einer Familie verglich: zwei Teenager, ein ernster junger Mann, Mutter und Vater.
Annäherungen an Bach
Und jetzt – eben erst aus diesem musikalischen Meer emporgetaucht – fällt es Till Fellner gar nicht leicht, sich auf einen Zyklus zu konzentrieren, der in der kommenden Saison im Musikverein über die Bühne gehen soll. Aber er hat ja schon lange Zeit gedankliche und künstlerische Vorarbeit geleistet. Da wird er nun anknüpfen: Der zweite Teil des „Wohltemperierten Klavieres“ – im Zusammenhang mit repräsentativen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts. Damit möchte er – auch in der gedanklichen Konzeption – den Bach-Beethoven-Zyklus fortsetzen, den er in der Saison 1999/2000 im Musikverein gespielt hat.
Zunächst fällt der Name Edwin Fischer. Die Art und Weise, wie er Bachs Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ spielte, hat Till Fellner nicht nur sehr beeindruckt, sondern ihm auch einen Weg gewiesen. Er bewundert die Art, in der Fischer die Stimmführung der Stücke plastisch nachzeichnet. Alles wirkt analytisch durchdacht und kontrolliert, und dennoch hat das Spiel unendlich viel Poesie.
Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ einzustudieren und zu spielen – das ist ohnehin ein Mammut-Projekt. Der zweite Teil ist noch ungefähr zwanzig Minuten länger als der erste, und das spürt man. Zwei Drittel dieses Kompendiums Nummer zwei hat Till Fellner schon während seines „Sabbatical Years“ zwischen März 2001 und Februar 2002 einstudiert. Und nun – nach einigen dringend nötigen Urlaubstagen – wird er nochmals zweieinhalb Monate „Sabbatical“ haben, da wird er sich die weiteren Stücke erarbeiten.
Kurtágs harte Schule
Till Fellner bedauert in diesem Zusammenhang, daß er nicht über die „photographische Begabung“ mancher Kollegen verfügt: die können sich ein Notenbild optisch einprägen, und nach diesem inneren Bild spielen sie dann. Er selbst aber baut auf sein auditiv-motorisches Gedächtnis: das heißt, er beginnt gleich zu spielen, und zusammen mit dem Klang prägen sich ihm auch die Spielbewegungen ein. Die Form-Analyse tritt hinzu: jedes Stück – vor allem, wenn es eine Fuge ist – wird akribisch genau auf seine Struktur und seinen melodischen und harmonischen Verlauf hin untersucht.
Was das betrifft, ist Till Fellner vor Jahren durch eine ganz besonders harte Schule gegangen: György Kurtág, auch einer der Komponisten des neuen Zyklus, hat mit ihm Bachs dreistimmige Inventionen erarbeitet. Und der Anspruch war so hoch, die Intensität dieser Arbeit so groß, daß diese Arbeitsphase bei Till Fellner damals eine Krise ausgelöst hat. Er ist durch sie hindurchgegangen, hat viel gelernt, hat den Kontakt zu Kurtág aufrecht erhalten und wartet immer wieder darauf, daß der Komponist seinem „musikalischen Tagebuch“ mit dem Titel „Játékok“ noch das eine oder andere Stück hinzufügt, das er vielleicht auch im Zyklus spielen könnte.
In jeder Note eine Welt
Till Fellner sucht, wann immer möglich, den Kontakt zu den zeitgenössischen Komponisten, deren Werke er spielt. Er sieht es als besonderen Glücksfall an, daß die Möglichkeit besteht, sich ein detailgenaues Bild zu machen von ihren Ideen und Vorstellungen. Denn die möchte er hörbar machen, da fühlt er sich auch nicht beengt oder in seiner „interpretatorischen Freiheit“ eingeschränkt. Der Wille des Komponisten ist oberste Instanz – hier kann man es wirklich so halten. Hier gibt es sie: die wichtigste Quelle, die Information aus erster Hand. Und gerade bei Kurtág sei sie besonders wichtig. „Bei ihm ist es ja so, daß in den Noten extrem wenig steht“, erzählt Till Fellner. „Wenn man dann aber bei ihm Unterricht hat, dann liegt in jeder Note eine ganze Welt, gerade bei so kurzen Stücken, wie sie im ,Játékok‘ zusammengefaßt sind – und das ist schwierig. Da ist fast eine Diskrepanz zwischen dem kärglichen Notentext und dem, was er sich vorstellt.“
Neugierig auf Neue Musik
Fellner fügt hinzu, daß eigentlich alle Komponisten, die er bisher für ihre eigenen Stücke zu Rate gezogen hat, eine sehr genaue Vorstellung von der Realisierung ihrer Stücke haben und somit für eine „individuelle Interpretation“ nicht allzu viel Spielraum lassen. Helmut Lachenmann zum Beispiel oder Heinz Holliger. Von ihm hat er vor zwei Jahren „Elis“ gespielt, einen kleinen Zyklus von „Nachtstücken“. Das Werk entstand in den sechziger Jahren, und Till Fellner hat es eigens für das Konzert mit Holliger durchgearbeitet. „Er kannte es auswendig, konnte es selber spielen, hat überhaupt nicht die Noten mitgelesen. Er hat mir sofort gesagt, was er gerne anders gespielt hätte, und hat dann an dem Zehn-Minuten-Stück mit mir sicher zwei bis drei Stunden gearbeitet.“
Till Fellner liebt Probenarbeit dieser Art, er genießt es, sich mit neuerer Klaviermusik auseinanderzusetzen. Er sieht hier weniger die „Verpflichtung“, dem Publikum etwas zu „vermitteln“. Es interessiert ihn selbst in hohem Maß, wie die „heutige Musik“ klingt, wie sie „sich spielt“. Und die Beschäftigung damit erweckt in ihm immer größere Neugierde.
Kontur und Klausur
Im geplanten Zyklus im Musikverein werden die Beziehungen zwischen den ausgewählten Werken in jedem Fall vielfältig sein: die Ideenwelt und die Kompositionstechniken der Epoche Bachs sollen in ihren Wirkungen und Widerspiegelungen in den späteren Jahrhunderten erfahrbar gemacht werden. Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ vereinigt Gegensätzliches in sich: es gibt Stücke religiösen Charakters, es gibt Tänzerisches, es gibt das virtuos-spielerische und das improvisatorische Element. Und so werden sich die einzelnen Konzertprogramme schon von dieser Seite her wesentlich voneinander unterscheiden: die religiöse Sphäre der „Vingt regards“ von Olivier Messiaen, die virtuosen und spielerisch-komplexen Etüden Ligetis. Und Kurtágs „Játékok“ hat eigentlich von allem etwas.
Till Fellner ist aber noch nicht sicher, wie er die einzelnen Stücke im Detail anordnen wird: Werden Bachs Präludien und Fugen die neueren Stücke „umrahmen“ oder werden sie doch als eigener „Block“ zusammengefaßt? Werden einzelne Stücke – einander kommentierend oder ergänzend – gegenübergestellt oder werden die Epochen und Stile doch fein säuberlich voneinander getrennt? Darüber wird Till Fellner vor jedem Konzert noch sehr viel nachdenken. Sicher ist für ihn bisher nur, daß die „Händel-Variationen“ von Brahms am Schluß des ersten Programms stehen sollen.
Zunächst aber – nach den Schubertiade-Konzerten – möchte er sich einige Tage in die Klausur zurückziehen, im wahrsten Sinn. Pater Nathanael, ein enger Freund und früher Förderer Till Fellners, wird ihn für einige Tage in der Propstei St. Gerold im Großen Walsertal beherbergen. Da gibt es Ruhe und Einkehr, und dazu Speis’ und Trank von erlesener Qualität. Da läßt sich dann Abstand gewinnen von Beethovens „Konzert-Familie“, und der eine oder andere gute Gedanke zur Gestaltung des neuen Zyklus wird sich zweifellos einstellen.
Alfred Solder
Mag. Alfred Solder ist Musikredakteur des ORF (Ö 1).
Dienstag, 21. Oktober 2003
Till Fellner
Programm