

Konsequente Arbeit, Kombinationsgabe und Phantasie sind die Voraussetzungen für die positive Erledigung eines Detektivauftrages. Wenn sich, wie im Fall von Herwig Knaus, noch die Leidenschaft für das zu untersuchende Objekt dazugesellt, mutiert das Detektivische zum geheimnisbehafteten Ritual einer archäologischen Mission. Grabungsort: die Wiener Nationalbibliothek, Musiksammlung. Art der Funde: Papyri, sprich Briefentwürfe und Notizen auf Schmierzetteln, auf alten Kalenderblättern, auf halb zerrissenen Reklamesendungen oder gebrauchten Briefkuverts. Der papiersparende Schreiber und Zeichner, dem das Knaussche Projekt der vergangenen Jahre galt: Alban Berg.
Was der Komponist da – auf Tausenden, sehr eigenwilligen Unterlagen – konzipierte, betrifft Musikalisches von höchstem musikwissenschaftlichem Interesse: Korrespondenzentwürfe an seinen verehrten Lehrer Arnold Schönberg, an den weniger geschätzten Richard Strauss, aber auch an Hans Pfitzner und Alma Mahler. Private, ja intime Aufzeichnungen, wie Schriftverkehr mit der Versicherung nach einem Autounfall, Einkaufslisten – oder schlicht die Aufzeichnung der Bummerl-oder Schnapspunkte eines Kartenspieles zwischen Alban Berg und Peter Altenberg – beleuchten die Privatperson Alban Berg.
Dechiffrierte Intentionen,
bloßgelegte Emotionen
Die bislang ungehobenen handschriftlichen und getippten Lebensspuren schlummerten im Bestand „F21 Berg 480“, aus dem sie Musikwissenschaftler Herwig Knaus, der täglich „zwischen vier und sieben Stunden in der Musiksammlung der Nationalbibliothek“ verbringt, an die Oberfläche hievte. Knaus: „Alban Berg hat diese Notizen und Konzepte aufgehoben, seine Frau Helene verwahrte sie in Kartons, und so wurden sie der Musiksammlung der ÖNB übergeben.“ Schon vor 20 Jahren war durch eine Musikwissenschaftlerin ein erster philologischer Bergungsversuch unternommen worden – den Stein von Rosette für Bergs Schriftzeichen fand aber erst Knaus. „Berg schrieb in einer Mischung aus Kurrentschrift, die er in der Schule gelernt hatte, und Lateinschrift. Er verwendete zehn verschiedene Zeichen alleine für das weiche D und harte T. System ist keines auszumachen. Psychologisch kann man Ungeheures aus seinem Schriftbild ablesen. Je bedrängter er sich fühlt, desto chaotischer werden die Aufzeichnungen!“
Knaus hat sich „eingelesen“. Er verfügt über singuläre Erfahrung in der Deutung der Bergschen Buchstaben G, die genauso gut ein H sein können, oder Ks, hinter denen sich ein U oder auch ein V verbergen kann. „Das ist ja das Spannende!“, schwärmt er, wenn er zwischen den mit Bleistift, Tintenblei, blauer oder schwarzer Feder, sowie mit Füllfeder hingeworfenen Hieroglyphen stöbert, Durchgestrichenes und Überschriebenes dechiffriert. Briefentwürfe geben ja authentisch Auskunft über die wahren Intentionen und Emotionen des Schreibenden, während der darauf folgende Reinschriftbrief meist „geglättet“ wird.
Gespaltene Persönlichkeit
Freilich, Bergs Ehefrau Helene, Sproß der geheimen Beziehung des Kaisers Franz Joseph mit Anna Nahowska, hat zensuriert, bevor sie das Konvolut an die Bibliothek übergab. Sie wollte nicht, daß gewisse private „Unebenheiten“ in der Biographie Bergs, wie seine „Jugendsünde“ Albine, die einzige – uneheliche Tochter des Komponisten aus seinen Gymnasiastenzeiten - bekannt würden.
Apropos unehelich: Bergs Verhältnis zu Anna Nahowska, seiner Schwiegermutter, war so gut, daß sie just ihm ihre Tagebücher, die die geheime Beziehung zum Kaiser schildern, anvertraute.Frage an Herwig Knaus: „Ist es überhaupt legitim, all das Intime, Persönliche, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war, zu publizieren?“ Knaus: „Ja! Stellen Sie sich vor, wir hätten ähnliche Dokumente von Beethoven oder Schubert.
Biographien müßten umgeschrieben werden!“ Die nächste Frage drängt sich auf: „Gilt auch für Alban Berg, daß man Biographie und Werk streng trennen muß?“ Die Antwort lautet diesmal: „Nein. Berg war eine gespaltene Persönlichkeit. Die seelischen Abgründe, er zum Beispiel in der Oper ,Lulu‘ komponiert hat, Doppelbödigkeiten – das war ihm nicht fremd.“
Leidenschaftlich und penibel
Berg, der seiner Ehefrau Helene ein Leben lang glühende Liebesbriefe schrieb, adressierte parallel an andere Frauen, beispielsweise an seine Geliebte Hanna, die (ebenfalls verheiratete) Schwester des Dichters Franz Werfel, poetische und leidenschaftliche Botschaften. Knaus: „Berg konzipierte prinzipiell alle Briefe. Das war damals so üblich. Ausnahme: Die Liebesbriefe!“ Das Psychogramm, das sich aus den Knausschen Transkriptionen ergibt, zeigt einerseits einen peniblen, genauen Menschen, dessen extreme Sparsamkeit noch von Ehefrau Helene gefördert wurde. In beruflichen Angelegenheiten verstand es der Komponist, sich geschickt durch Intrigen und politisch bedingte Verleumdungen zu lavieren.
Immer wieder kolportierten Gerüchten, er, Berg, sei Jude, trat er offensiv entgegen. An die Redaktion der Allgemeinen Musikzeitung in Berlin-Schöneburg schrieb er: „… Euer Wohlgeboren … nennen in Ihrem Artikel ,Wiener Musikdämmerung‘ … Joseph Mathias Hauer, einer der beiden Atonalisten arischen Blutes unter den sonst ausnahmslos jüdischen Schönbergianern … Daraus ist zu entnehmen, daß Sie mich für einen Juden halten. Wenn dies auch sehr schmeichelhaft für mich ist, muß ich doch konstatieren, daß … es Ihnen, - bei allem Scharfblick in der Unterscheidung von ,mischpochalen‘= und Arischgesichtern … nicht gelingen wird, mir und meinen Ahnen auch nur einen Tropfen ,semitischen Blutes‘ nachzuweisen! Hochachtungsvoll Alban Berg.“
Codierte Botschaften
Nicht nur in seinen Kritzeleien und Zeichnungen, mit denen er die Konzepte oft „verzierte“, konnte Berg verbal frech-witzig sein. Dem Autogrammwunsch einer gewissen Erna Katz kommt er mit einem Notenzitat nach. Es entpuppt sich weniger als Melodie, als ein auf Notenlinien notiertes Wort: Die Tonreihe Es, C, H, Eis, Es, E ergibt als Buchstabencode gelesen das Wörtchen „Sch … e“!
Apropos: Daß Berg genial mit Noten jonglierte, die gleichzeitig in ihrer Lesegestalt Wortinhalte kolportierten, beweist auch das 15. Mai im Musikverein auf dem Programm stehende Kammerkonzert. Diesem Werk stehen gleichsam als Motto die Namen Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg voran. Dem vergötterten Lehrer Schönberg ist das Konzert zum 50. Geburtstag gewidmet.
„Evtl. Dank?“
Berg, der seine finanzielle Situation einmal derart umschrieb, daß er sich nicht alles leisten könne, weil er kein Operettenkomponist sei, leistete sich doch eine gehörige Portion Stolz. Das beweist ein Briefentwurf an das Ministerium für Unterricht und Kultur, das ihm den Professorentitel verleihen wollte: Berg möchte „… zu Bedenken geben, daß von hunderten, ja tausenden von Musikern und sich mit Musik beschäftigenden (in Österreich) ich so ziemlich der letzte zum Professor ernannt sein würde.
Und zwar nachdem seit Jahren Orchestermusiker, Klavierlehrerinnen, ausgedienten Sängern und Sängerinnen, musikschriftstellenden Journalisten, Konzertunternehmern, Beamten, soweit sie nicht schon Regierungs- oder Hofräte sind, dieses Titels teilhaftig wurden (mit Recht teilhaftig wurden). In Anbetracht dessen, bitte ich für meine Person von einer Verleihung, die vor 20 Jahren ehrenvoll gewesen wäre, vor 10 Jahren die Erfüllung einer Ehrenpflicht (?), heute aber fast eine Ehrenbeleidigung bedeutet, – absehen zu wollen. Evtl. Dank?“
Zwei Bände der minutiösen Berg-Erforschung von Herwig Knaus liegen bislang vor. Band 1 umfaßt „Handschriftliche Briefe, Briefentwürfe und Notizen“, Band 2 (mit Thomas Leibnitz gemeinsam herausgegeben und bearbeitet) „Maschinschriftliche und handschriftliche Briefe, Briefentwürfe, Skizzen und Notizen“. Der dritte Band wird noch im ersten Halbjahr 2006 erscheinen und u. a. Briefe von Bergs Schwester Smaragda, sowie Bergs Jugenddrama „Das Bergwerk“ enthalten.
Michaela Schlögl
Dr. Michaela Schlögl lebt als Marketingmanagerin und freie Kulturjournalistin in Wien.
Montag, 15. Mai 2006
Ensemble Kontrapunkte
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