

Vielleicht ist es ja nur ein Witz, dann jedoch ist er gut erfunden: Angeblich hält man Alfred Brendel in New York öfter für Woody Allen. Ein kleiner, immer etwas zerzaust aussehender Mann mit einer großen Brille, dahinter ein melancholischer Blick – so unähnlich sind sie sich in der Tat nicht.
Was sie darüber hinaus noch eint? Auch Brendel sagt man nach, er sei nicht ohne Marotten – wobei die Bandbreite von verpflasterten Fingernägeln bis hin zu zur Irreversibilität weich gemachter Flügelhämmer reicht.
Längst Legende auch sein “Es zieht!” in Konzertsälen – oder daß er schon Konzerte unterbrochen hat mit dem Hinweis auf zu penetrantes Räuspern seiner Zuhörer: “Darf ich Sie bitten, etwas leiser zu husten?”, so sein mittlerweile legendärer Satz, mit dem er vor drei Jahren in Hamburg mitten in einer Beethoven-Bagatelle die Hände von den Tasten nahm. Und mit feiner Ironie sagt er heute: “Übrigens ist das Publikum nach solchen Mitteilungen für den Rest des Abends meist völlig still, was mit schlagender Deutlichkeit zeigt, daß man nicht husten muß.”
Harmonischer Skeptiker
Ein schwieriger Mensch? Sicherlich. Überaus empfindlich? Selbstverständlich. Der mittlerweile 75jährige macht es sich freiwillig schwer. Wie sonst kann in seinen Konzerten jedes Mal jenes Wunder geschehen, für das ihn Musikliebhaber seit Jahrzehnten aufs Innigste verehren? Wenn Alfred Brendel spielt, beginnt die Musik zu leuchten.
“Obwohl ich kein ausgesprochen sonniger Mensch bin, hatte ich insgesamt Glück mit meiner Konstitution, mit den Menschen, die mir nahe stehen, mit der Möglichkeit, sowohl zu spielen als auch zu schreiben als auch zu schauen”, hat er vor ein paar Jahren seinem Gesprächspartner Martin Meyer erzählt (“Ausgerechnet ich”). Und fügte eine Weltsicht an, die er mit dem bereits erwähnten Autorenfilmer aus Brooklyn teilt: “Ich selbst bin ein relativ harmonischer Skeptiker; der Zweifel ist für mich kein Werkzeug der Selbstzerfleischung, sondern ein Zeichen geistiger Gesundheit.”
Ein Mann
für den zweiten Blick
Was wieder einmal beweist: Keinem Künstler ist Leichtigkeit und Luzidität in die Wiege gelegt, immer sind sie aufs härteste erarbeitet – Transparenz durch jahrzehntelange Reflexion. Noch heute, wo er niemandem mehr etwas beweisen muß, versucht Alfred Brendel, jeden Tag vier Stunden zu üben. 1965 wurde der damals 34jährige zwar von Joachim Kaiser in sein Standardwerk über “Die großen Pianisten” aufgenommen, gleichwohl charakterisierte ihn der Münchner Klavierpapst als einen “etwas gedankenlosen Pianisten” – nicht ohne dieses Urteil später immer wieder mit Lobeshymnen zu revidieren.
Der Grund für diese etwas zögerliche Anerkennung wird erst in der Rückschau klar: Alfred Brendel ist ein Mann für den zweiten Blick, ist bis heute der unauffälligste Pianist der Welt. Kein extrovertierter Virtuose am Klavier, kein Showstar, der sich strahlend im Licht selbst gezündeter pianistischer Feuerwerke sonnt. Daß seine Hörer so etwas von ihm erwarten könnten, widerstrebt ihm zutiefst: Er müsse doch nicht “die Wildheit mancher Musik durch eigene Wildheit potenzieren”, hat er einmal gesagt.
Philosoph am Klavier
Der Genauigkeitsfanatiker verschwinde mit “spektakulärem Understatement in der Musik”, so Isabelle Huppert, Michael Hanekes “Klavierspielerin”, über ihren Lieblingspianisten: Brendel sage auf völlig zurückhaltende Weise alles, was es zu sagen gibt – “aber mit welcher Leichtigkeit, Tongenauigkeit, Biegsamkeit und Zurückhaltung!”
Ein Philosoph am Klavier war Alfred Brendel von Anfang an: kein Blender, sondern ein Nachdenker – und zwar einer, bei dem das Nachdenken und Nachgedacht-Haben in jeder musikalischen Phrase durchscheint: “Ich möchte darauf bestehen, daß man immer noch nachvollziehen kann, was in der Musik passiert.” Sein Credo: Es geht nicht darum, was die Musik sagt, sondern was sie bedeutet. Wozu übrigens einer seiner Lebenswünsche aufs beste paßt: daß man das, was Busoni über Mozart äußerte, auch von ihm sagen möge – jung wie ein Jüngling, weise wie ein Greis.
Seine Erkenntnis aus sieben Jahrzehnten der Beschäftigung mit Musik: “Ich glaube nicht an eine absolute Wahrheit. Was ich über ein Stück mitteile, ist meine persönliche Sicht, meine private jeweilige Wahrheit, die aber im Fluß bleibt.”
Einfach à la Einstein
Seit 1972 lebt er in London. Viele Gründe gab es, aus Wien nach England zu ziehen – wobei ihm die britische Mentalität sehr entgegenkommt. In England, sagt er, spreche und schreibe man klar und ohne Schnörkel: “Ich liebe einen Satz von Einstein: Alles soll so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher. Das versteht man hier, so glaube ich, besser als auf dem Kontinent – selbst in Universitätskreisen.”
Vielleicht kein Zufall, daß in solch unprätentiösem Geistesklima seine zweite Karriere als Musikschriftsteller ihren Anfang nahm – obwohl er bis heute seine Texte in deutscher Sprache schreibt. Seine ersten Essays über Musik erschienen Mitte der siebziger Jahre: Gedanken über den Umgang mit Flügeln, über Furtwängler, über das Einzigartige an Schuberts späten Klaviersonaten, das Neue im späten Beethoven. Der Grund sei simpel: “Ich möchte meinen Kopf klären und möglichst genau jenen Fragen nachgehen, auf die ich in der Fachliteratur keine ausreichenden Antworten gefunden habe.”
Tanzende Wörter
Mitte der neunziger Jahre hatte sich seine nie versiegende Kreativität ein weiteres, drittes Genre gesucht: die Lyrik. Seitdem entstehen skurril-absurde Gedichte, in denen sich Christian Morgenstern, Hans Arp und der Dadaismus mit den Cartoons von Gary Larson zu paaren scheinen – kleine, sorgsam ausgefeilte Kunstwerke, in denen Brendel keine Noten, sondern Wörter zum Tanzen und Klingen bringt.
Auf einem langen, schlaflosen Flug nach Japan sei ihm die Inspiration zu seinen Sprach-Capriccios gekommen, erzählt er. Seitdem gehören zu seinem Kosmos nicht nur schwarze und weiße Tasten, sondern auch Engel und Teufel, Buddhas und Weihnachtsmänner, die Huster von Köln, die Pfeifer von Frankfurt und die Nieser von New York – und Albert Einstein, mit dem er den Hang zur scheinlogischen Lakonik teilt und dessen Wesen und Wissen er in nur 20 Worten vollendet beschreiben kann: “Als Einstein/ im Himmel angelangt/ sah/ daß Gott würfelte/ drehte er sich um/ und sagte/ Wo geht’s hier zur Hölle.”
Können und Wissen
Daß aus Alfred Brendel eines Tages einer der pianistischen Großmeister des 20. Jahrhunderts werden würde, war nicht vorauszusehen: Ein Wunderkind war er nicht, er kommt aus keinem besonders musikalischen Elternhaus. Im nordmährischen Wiesenberg wurde er 1931 geboren, die Vorfahren stammten aus Deutschland, Österreich und dem Friaul, der Name eines Großvaters weist zudem auf slawische Wurzeln hin. In Zagreb und Graz wuchs er auf, malte, las, schrieb und ging ins Kino.
Brendel, der Einzelgänger, kommt bis heute gut ohne andere Menschen aus – anders wäre die zwangsläufige Einsamkeit eines fünfundfünfzigjährigen Solistenlebens wohl nicht zu ertragen gewesen: “Ich mußte vieles allein herausfinden. Dabei bin ich dann auch geblieben, das wird zur Gewohnheit.”
Brendel, der zäh Lernende, der früh begriffen hat, daß zum Können auch Wissen gehört – Konsequenz daraus: Je umfassender die Kenntnisse, je größer die Bildung, desto klarer umrissen erschien ihm letztlich der Teil der Musik, mit dem er sich beschäftigen wollte – mit dem Adjektiv “zweitklassig” für manche Komponisten ist er stets freigiebig umgegangen.
Das Ideal der Wahl
In seinen Anfängen war er breiter interessiert: Als er als 17jähriger 1948 in Graz debütierte, spielte er Bachs “Chromatische Phantasie und Fuge”, Brahms’ “Händel-Variationen”, Malipieros “Tre preludi e una fuga” und Liszts “B-A-C-H-Fantasie”, dazu eine eigene Klaviersonate mit einer Doppelfuge – und gab als Zugabe vier weitere Fugen obendrauf.
Mittlerweile hat er sein Repertoire deutlich reduziert: auf Mozart, Schubert, Schumann, Beethoven und Haydn – aber erstaunlicherweise spielt er noch immer Franz Liszt, den oft als virtuosen Leerläufer Gescholtenen. “Aufgrund des höchst umfangreichen Klavierrepertoires ist man gezwungen, eine Auswahl zu treffen. Selbst wenn man möglichst vielseitig sein möchte, kann man nicht alles spielen”, erklärt er. “Diese Auswahl kann darin bestehen, von jedem Komponisten einige Stücke zu spielen und sich nicht zu spezialisieren. Oder aber man sucht sich unter den größten Komponisten diejenigen aus, die einem am besten liegen, und konzentriert sich auf sie, indem man ihre Werke spielt. Dafür habe ich mich entschieden. Ich fühle mich aber, ehrlich gesagt, überhaupt nicht als Spezialist.”
Singen, sprechen, spielen
Eher fühlt er sich da als Musiker, der zuförderst von Sängerkollegen lernt statt von anderen Pianisten: “Der Gesang ist für mich die Grundlage der Musik – zumindest der Musik vor dem 20. Jahrhundert. Da ist vielleicht eine große Zäsur gewesen; seither singt und spricht die Klaviermusik eher ausnahmsweise. Aber im Singen und Sprechen sollte man vom Sänger, von der Oper lernen. Es ist mir immer wieder aufgefallen, daß ich trotz meiner Bewunderung für gewisse große Pianisten doch den Eindruck hatte, von Sängern und Dirigenten noch mehr gelernt zu haben. Und von Schauspielern.”
Bis heute ist sein Interesse für Kino und Theater ungebrochen – seine Liebe zum Unterrichten hält sich allerdings in Grenzen. Kurz und pointiert beschrieb es ein britischer Journalist von “Gramophone” 1988: “Brendel has no interest in playing guru.” Öffentlich beachtete und beobachtete Meisterklassen zu geben, hat er zwischen 1960 und 1970 sogar getan, aber dann erkannt, daß ihm das nicht behagt.
Am Nachwuchs liegt ihm trotzdem viel – nur unterrichtet er ihn lieber privat oder musiziert mit ihm im Duo. So etwa, als er vor zwei Jahren mit seinem Sohn, dem Cellisten Adrian Brendel, Beethovens Werke für Klavier und Violoncello einspielte und beide, auch im Musikverein, gemeinsam Konzerte gaben.
Geburtstagswünsche
Im Jänner ist er 75 Jahre alt geworden; Ehrendoktortitel besitzt er unter anderem aus Oxford, Yale und London, 2004 bekam er den Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Was er sich für die Zukunft noch wünscht, hat er seinem Gesprächspartner Martin Meyer von der “Neuen Zürcher Zeitung” in einem amüsanten Geburtstagsinterview erzählt: “Das, was ich schon kann, noch besser zu können.
Die Mozart-Sonaten weiterzuführen. Mit den nettesten Dirigenten und besten Orchestern zu spielen. Architektur zu besichtigen, Museen und Ausstellungen zu besuchen, also: mehr Zeit zu haben. Alte Filme anzusehen. Große Literatur wiederzulesen. Gedichte zu schreiben. Vorträge zu halten. Trotz des Zustands der Welt zu versuchen, glücklich und dankbar wenigstens auszusehen.”
Spätestens hier trifft er sich dann wieder mit Woody Allen.
Margot Weber
Margot Weber ist Journalistin in München und schreibt vor allem über Musik- und Reisethemen.
Donnerstag, 8. Juni 2006
Wiener Philharmoniker
Programm
Mittwoch, 14. Juni 2006
Alfred Brendel
Programm