

Die letzten drei Sonaten Franz Schuberts in c-Moll, A-Dur und B-Dur stellen einen einzigartigen Gipfelpunkt der gesamten Klavierliteratur dar. 1828, im künstlerisch so fruchtbaren Todesjahr des Komponisten, praktisch gleichzeitig entstanden, loten sie ein damals wie heute ungeheuerlich erscheinendes Ausdrucksspektrum bis zu erschreckender Zuspitzung der Extreme aus.
Till Fellner spielt die gewaltige Trias am 9. Juni im Großen Musikvereinssaal.
Während man Till Fellner gegenübersitzt, stellt sich ein so ganz anderer Eindruck ein, als man ihn gemeinhin von einem Künstler seines Formats und seines Erfolgs erwarten mag: Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit prägen sein Erscheinungsbild, keine noch so geringe Allüre verrät sein Ausnahmetalent und seine glanzvolle Karriere, die ihn in alle wichtigen Musikzentren der Welt geführt hat, seit er 1993, einundzwanzigjährig, als erster Österreicher den renommierten Clara-Haskil-Wettbewerb gewann. So spricht er denn auch nur wenig von sich selbst, dafür um so lieber von der Kunst, der er sich verschrieben hat.
Suche nach dem Kern
So wie Till Fellner, wenn er Bach oder Mozart spielt, ganz hinter das Werk zurückzutreten scheint und zugleich jede Note in ihrer – und stets auch in seiner – Eigenart Gestalt annehmen läßt, erweist sich auch sein Nachdenken über Musik als beständige Suche nach dem Kern der Sache selbst. Da bleibt kein Platz für interpretatorischen Selbstzweck oder unbedachten Effekt. Und so kommt man im Gespräch seinem Geheimnis vielleicht doch etwas auf die Spur, das wohl zu einem gut Teil in konsequentem Befragen und intensiver gedanklicher Durchdringung der gespielten Werke liegen muß.
Das benötigt natürlich Zeit, und Auszeiten hat sich Till Fellner – in einem Fall sogar ein ganzes Jahr – immer wieder genommen, um in Ruhe sein Repertoire entwickeln zu können. Nicht zuletzt dieses Verhältnis zur Zeit ist es auch, das ihn zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Schubert zu prädestinieren scheint, der ja bekanntlich ganz eigene Dimensionen musikalischer Zeit erschlossen hat.
Himmlische Längen
Es galt zwar der „großen“ Schubertschen C-Dur-Symphonie, als Robert Schumann von den berühmt gewordenen „himmlischen Längen“ sprach, doch ohne Zweifel hätte ihm dieses Diktum ebenso anläßlich jener späten Klaviersonaten einfallen können, in denen die übliche zeitliche Beschränkung auf eine leicht verdauliche Dauer zugunsten unerhörter Ausdehnung vernachlässigt wurde. Till Fellner hat zwar Schubert in seinem Repertoire – neben Franz Liszt, Robert Schumann oder Johannes Brahms – immer einen besonderen Platz zugewiesen, die c-Moll-Sonate sowie die sogenannte große B-Dur-Sonate aber erst für die laufende Saison einstudiert.
Die reine zeitliche Ausdehnung sieht er aber dabei nicht als Schwierigkeit: „Wir sind heute, nach den Erfahrungen mit Wagners Opern oder den Symphonien Mahlers und Bruckners, an solche Längen besser gewöhnt. Im 19. Jahrhundert wurden die Sonaten hingegen fast gar nicht gespielt. Auch noch ein Edwin Fischer beschränkte sich hauptsächlich auf die Impromptus, Moments musicaux und die ,Wanderer-Fantasie‘. Erst Artur Schnabel, Eduard Erdmann und etwas später Wilhelm Kempff und Alfred Brendel haben sich dann mit dem gesamten Sonatenwerk auseinandergesetzt.“
Musik als Chaos, formvollendet
Was fasziniert Till Fellner nun am späten Schubert? „Das Unvorhersehbare dieser Musik, das auch formal Ausufernde und Nicht-Ökonomische. Die Fähigkeit, neben dem bewunderten Beethoven etwas im Innersten ganz anderes machen zu können! Zu den drei letzten Sonaten ist zu sagen, daß sie – wie Alfred Brendel in einem großen Aufsatz nachgewiesen hat – durch ein Netz motivisch-thematischer und tonartlicher Beziehungen miteinander verbunden sind und so eine zyklische Aufführung nahelegen. Im Charakter sind die Stücke aber klar voneinander abgegrenzt. Der emotionale Radius ist dabei ungeheuer groß, er führt von hellsichtiger Versenkung bis zu fieberhaften Ausbrüchen, ja, wenn man etwa an den langsamen Satz der A-Dur-Sonate denkt, bis ins Chaos. Darin weist er sehr weit in die Zukunft voraus.“
Komponierte Programme
Seine unerhörte, zuweilen auf schockierende Weise durchbrechende Modernität prädestiniert Schubert für die Konfrontation mit neuerer Musik. Kontexte zwischen den Epochen herzustellen ist auch ein Anliegen des Pianisten, wie er schon mit einigen ambitionierten Programmen gezeigt hat: Den ersten Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach, den Till Fellner auch in einer mustergültigen CD-Einspielung vorgelegt hat, kombinierte er mit dem Beethovenschen Spätwerk, den zweiten Band mit Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Und in einem Zyklus zu Schuberts 200. Geburtstag brachte er den Romantiker in Verbindung mit der Zweiten Wiener Schule: „Bei Schubert gibt es, neben aller Schönheit und Lebensfreude, immer wieder diese alptraumartigen Einbrüche, das Dunkle, Makabre, Fieberhafte, die Todesangst.
Diese Seelenlage schien mir nun gut zu der musikgeschichtlich revolutionären Zeit im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts zu passen. Schönberg hat Schuberts Größe erkannt und bewundert, wie überhaupt die Komponisten der Zweiten Wiener Schule sich tief mit der Tradition verbunden gefühlt haben, was vielen Menschen vielleicht gar nicht so bewußt ist. Etwas ähnliches gilt übrigens wieder für unsere Zeit, für Stücke wie die ,Winterreise‘ von Hans Zender, das zweite Trio von Georg Kröll oder ,Rendering‘ von Luciano Berio. Und ich denke auch an György Kurtág, von dem ich nicht nur eigene Stücke spielte, sondern der mir so viel zu Bach, Mozart, Schubert oder Webern sagen konnte. Er ist ein phantastischer, unglaublich genauer Lehrer, und es ist ein großes Privileg, mit einem so bedeutenden Komponisten arbeiten zu dürfen.“
Zeit zur Entwicklung
Doch zurück zu Schubert: Mit diesem Programm befindet sich Till Fellner im Mai und Juni auf einer ausgedehnten Tournee, neben Wien sind die Stationen u. a. Paris, London, Amsterdam und die Schubertiade Schwarzenberg. Solche Serien mit dem gleichen Programm spielt er bevorzugt: „Ich liebe es, mich lange mit Stücken auseinanderzusetzen, in der Vorbereitung und auch in Konzerten.
Dabei ist es für mich eine ganz wichtige Kontrolle, Mitschnitte meiner Aufführungen kritisch anzuhören. Manche Kollegen mögen das überhaupt nicht, was ich nicht verstehen kann. Wenn die Stücke dann eine gewisse Entwicklung durchmachen, ist das ein sehr befriedigender Prozeß. Und manchmal bin ich beim Hören sogar positiv von mir überrascht.“ Schön, wenn der Interpret diese Überraschung mit seinem Publikum teilt.
Daniel Ender
MMag. Daniel Ender lebt als freier Musikwissenschaftler, Musikkritiker und Mitarbeiter der Österreichischen Musikzeitschrift in Wien.
Freitag, 9. Juni 2006
Till Fellner
Programm