

Wenn im Mozartjahr neben dem Jubilar überhaupt Genealogisches bedacht wird, fällt einem bestenfalls Vater Leopold ein. Wer denkt schon daran, daß Wolfgang Amadé selbst Söhne hatte – und einer davon auch Komponist war? Franz Xaver Mozarts Musik hat(te) es nach dem väterlichen Genie schwer.
Es ist tragisch, sogar noch im Tode nichts anderes sein zu sollen als das Produkt des Erzeugers. August von Goethe, Sproß des Weimarer Dichterfürsten, ist dieses Los bis heute beschieden, steht doch auf seinem Grabstein in Rom nur eingemeißelt, er sei Goethes Sohn gewesen – bar eigener Identität, definiert bloß durch den ruhmreichen Namen des Vaters. Dabei hätte er das ungeheure Ansehen des Geheimen Rates weder als Staatsmann noch als Poet verdunkeln können, selbst wenn seine Karriere erfolgreich diese Wege gegangen wäre.
Wie weitaus schwieriger noch ist es für berühmter Eltern Kinder, die denselben Beruf ergreifen! Als bekanntes Exempel sei kurz Familie Bach erwähnt: Wohl wissen Musikinteressierte um die Träger der vielen Vornamen Wilhelm Friedemann, Carl Friedrich Emanuel, Johann Christoph Friedrich und Johann Christian, kennen auch das eine oder andere ihrer Musikstücke – und doch: Was ist das alles gegen Vater Johann Sebastian, die „Matthäus-Passion“, die „Goldberg-Variationen“, das „Wohltemperierte Klavier“? Zu Lebzeiten mögen die Bach-Söhne (auch international) reüssiert haben – und das nicht um des Vaters willen –, dienten Zeitgenossen und Nachfolgern gar als Vorbild (etwa Mozart!). Der Nachruhm Johann Sebastian Bachs aber stellt die einst erfolgreichen Werke seiner Kinder heute in den Schatten.
Getilgte Vornamen,
aufgepfropfte Identität
Was den Deutschen ihr Leipziger Thomaskantor als größter Musik-Genius aller Zeiten, ist uns (mit mindestens derselben Einstufung) Mozart.Und wie bei den Bach-Söhnen war und ist es in noch stärkerem Maße bei Franz Xaver Mozart: Seine Laufbahn im Musikleben der Monarchie war durchaus ansehnlich, seine Kompositionen ließen (und lassen) sich hören und wären gewiß noch besser beurteilt worden, hätte ihr Schöpfer nicht Mozart geheißen und damit die Bürde der in diesen Namen gesetzten Erwartung zu tragen gehabt.
So aber war die eigene Mutter die erste, welche Franz Xaver mit seinen Vornamen die Individualität aberkannte: als der Bub musikalisches Talent erhoffen ließ, präsentierte sie den Fünfjährigen schon prophylaktisch als neues Wunderkind. Als dieses nach der Ausbildung tatsächlich Musiker wurde, war aus Franz Xaver kurzerhand „Wolfgang Amadeus“ geworden.Jener selbst hatte diese Form seiner Vornamen zwar nie verwendet, nun sollten sie aber als mittlerweile bekanntes Markenzeichen eingesetzt werden und plakativ darauf hinweisen, was den Leuten da angekündigt, versprochen wurde: wie der Vater, so der Sohn! Was Wunder, daß Franz Xaver alias Wolfgang Amadeus diese Vorgabe nicht einlösen konnte?
Erfolgversprechendes Double
Anfangs herrschte noch Hoffnung, „daß uns der junge Musikkünstler mit der Zeit seinen unsterblichen Papa ersetzen kann“, schrieb der „Eipeldauer“ nach dem Debüt des Dreizehnjährigen im Theater an der Wien, als „der junge Sohn von den berühmten Mozart ein große Akademi dort gegeben, und da ist dabey ein Kantati von seiner eignen Kopfarbeit aufgführt worden. Drauf hat er ein Weil aufm Klavir phantasirt, und haben alle Kenner, die sich auf d’ Musik und aufs Phantasirn verstehn, ihm mit Händ und Füßen zuklatscht“. Der Erfolg löste vorerst ein, was die Mutter vor dem Konzert in der „Wiener Zeitung“ werblich versprochen hatte: „Stäts soll es mir ein eifrigstes Bestreben bleiben, den Namen Mozarts in seinen Nachkommen in ehrenvollen Andenken zu erhalten.“
Der Anfang als Double des Vaters war gemacht und dann auch vom bereits anerkannten Musiker beibehalten: Franz Xavers Kompositionen wurden als Werke von „W. A. Mozart“ (mit dem verschämten Zusatz „Sohn“ oder „jun.“) gedruckt, gespielt – und beurteilt. Ein fataler Fehler des Künstlers? Ein Anbiedern an die schon damals erfolgversprechende Nutzung eines „Markennamens“? Was zuerst gewiß verkaufsfördernd gewirkt haben mag, erwies sich in der Folge als schädlich wegen des dadurch unumgänglichen ständigen Vergleichs mit einem nicht erreichbaren Gipfel der Musikgeschichte.
Ort(h)s-Wechsel
Hier sei ein scheinbar unpassendes Intermezzo eingeschoben: Im Mozartjahr gibt’s neben dem Hauptjubilar auch andere – und erfreulicherweise noch aktive – zu Feiernde, etwa Elisabeth Orth anläßlich der 70. Wiederkehr ihres Geburtstages. Nun ist sie bekanntlich die Tochter von derart überragenden Theatergrößen wie Paula Wessely und Attila Hörbiger.
Als angehende Schauspielerin wäre sie unvermeidlich vom Vergleich mit der berühmten Mutter verfolgt worden; um ihm zu entkommen, nahm sie einen anderen Künstlernamen an und begann ihre Karriere einmal außerhalb Wiens … Erst, als sie als eigenständige Persönlichkeit der Bühne anerkannt worden war, kam sie zurück und ist jetzt selbst als große Schauspielerin zu preisen, ohne daß man direkt an Paula Wessely erinnert würde.
Vater und Übervater
Ob die Methode, die Namensgleichheit zu vermeiden, bei F. X. „W. A.“ Mozart gefruchtet hätte? Das ist zweifelhaft, weil er selbst es war, der die Konfrontierung mit der Leistung des Vaters nie loswurde. Nach seinem Tod brachte das Grillparzer in berührende Verse:
Begabt, um höher aufzuragen,
Hielt e i n Gedanke deinen Flug:
„Was würde wohl der Vater sagen?“ –
War, dich zu hemmen, schon genug.
Und was zu schaffen dir gelungen,
Was manchen andern hoch geehrt,
Du selbst verwarfst es – kaum gesungen,
Als nicht des Namens M o z a r t werth.
So konnte Grillparzer nur den Schluß ziehen: „Des Vaters Name war es eben/ Was deiner Thatkraft Keim zerstört.“
Ehre, wem Ehre gebührt?
Trotzdem machte Franz Xaver Mozart seinen Lehrern – den besten im damaligen Wien, wie Salieri und Albrechtsberger – keine Schande, komponierte mit elf Jahren sein Opus 1, ein Klavierquartett, unterrichtete mit siebzehn schon selbst fern der Heimat in Galizien, brachte es im Lemberger Musikbetrieb zu Ansehen, galt als virtuoser Pianist und ebenso brillanter Komponist von Klavierstücken, die er in einer jahrelangen europaweiten Reise vorstellte. So war es selbstverständlich, daß auch er aufgefordert wurde, zu einem geplanten Gemeinschaftswerk der bekanntesten Komponisten, einer Sammlung von Variationen über einen Walzer Diabellis, eine Variante beizutragen – in einer Reihe mit Beethoven (der allerdings bekanntlich eine eigene Variationsfolge komponierte).
Franz Xaver wurde, nachdem er 1838 nach Wien zurückgekehrt war, in Salzburg zum Ehrenkapellmeister des frisch gegründeten „Dom-Musikvereins und Mozarteum“ ernannt, war Ehrengast bei der Enthüllung des dortigen Mozart-Denkmals – aber gerade diese Anerkennungen weisen auf die Tragik seines Lebens hin, galten sie doch mehr der Erinnerung an den Vater als ihm, der dabei weniger wegen seiner eigenen Werke sondern als Nachfahre gewürdigt wurde.
Trotz allem hatte er seinem älteren Bruder Carl (der, zuerst auch musikalisch ausgebildet, dann jede Verbindung mit dem Metier des Vaters vermied und ein biederes Beamtendasein führte) geschrieben, wie gerne er vor allem Lieder komponiere. Eine Liebe, von der eine erkleckliche Zahl Vertonungen von Gedichten Schillers, Höltys oder etwa Byrons zeugen.
Aufpolierter Ruhm
Eine Liebe des Wiener Publikums, Barbara Bonney, wird am 13. und 15. Juni im Liederabend-Zyklus gewiß mit ihrem Gesang entzücken. Ob auch die von ihr ausgewählten Lieder Franz Xaver Mozarts derart hinreißen werden? Sein Schicksal schlägt auch dabei wieder zu, und das gleich zwiefach: Nicht nur seinen Vater werden die Zuhörer zwangsläufig im Hinterkopf haben, das Programm konfrontiert ihn auch noch mit dem Größten auf dem Felde des Liedes, Schubert. Mit diesem hatte er zumindest eines gemeinsam: Beide vertonten sie „Berthas Lied in der Nacht“ aus der „Ahnfrau“ Grillparzers.
Der aber fällte sein Urteil schon, als er in seinem Gedicht-Nachruf auf Franz Xaver diese Namen nicht nennt, sondern vielmehr den Titel wählte – und damit sind wir wieder bei „Goethe filius“ des Beginns: „Am Grabe Mozarts des Sohnes“.
Das Grab ist in Karlsbad zu finden. Wo der Vater seine letzte Ruhestätte fand, wird wohl auch im heurigen Jubeljahr nicht genau lokalisiert werden. Umso strahlender glänzt sein Ruhm! Der verblaßte Ruhm Mozarts, des Sohnes, wird im Brahms-Saal aufpoliert.
Helmut Barak
Der Verfasser widmet diesen Artikel dem Andenken von OStR. MMag. Dr. Frida Reingruber (1921–2006), einem ehemaligen langjährigen Mitglied des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde und einer lieben Freundin. Mag. Helmut Barak, hauptberuflich im Bildungsministerium tätig, ist Autor zahlreicher kulturhistorischer Feuilletons und Verfasser eines Buches über die Wiener Künstlerfamilie Adamberger.
Dienstag, 13. Juni 2006
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Donnerstag, 15. Juni 2006
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