
"Du mußt sofort hierher kommen, so etwas hast du noch nicht gehört", sagte Daniel Barenboim im Herbst 2002 am Telephon zu seiner Frau Elena Bashkirova, selbst Pianistin von Weltruf. Als sie dann im Steinway-Haus Wien eingetroffen war, bat er Lang Lang Mili Balakirievs "Islamey" zu spielen.
Nach einer atemversetzenden Demonstration pianistischer Unanfechtbarkeit war es lange still, bis Barenboim kopfschüttelnd meinte: "Lang Lang, was du da machst, ist gegen das Gesetz." Später sollte er noch sagen: "Wenn man für Begabung bestraft werden würde, bekäme Lang Lang lebenslänglich."
Seitdem ist viel passiert. Lang Lang, damals in Europa noch eher ein Geheimtip, hat eine Turbokarriere hingelegt, wie man sie noch selten erlebt hat. Innerhalb von nur zwei Jahren ist er zu einer Art Kultfigur der Klassik geworden, wird in Hotels belagert, führt in den Klassik-Charts, bekommt Hymnen von der Weltpresse: "Dieses Debüt war historisch" (Times).
Den publizistischen Ritterschlag erteilte ihm jüngst Joachim Kaiser nach einer Münchner Aufführung von Tschaikowskijs Erstem Klavierkonzert in der "Süddeutschen Zeitung": "Vollkommene, aberwitzige Perfektion …, dieses Pianisten Sicherheit raubte manchen Zuhörern förmlich den Atem …, wahrlich ein Super-Virtuose … Wunderpianist."
Auf dem Flügel von Horowitz
Kann man diesen Elogen wirklich trauen, ist ein gerade 22 Jahre alter Chinese tatsächlich dabei, die Grenzen des technisch Machbaren am Klavier völlig neu zu definieren? Hat er uns auch musikalisch genug zu erzählen?
Der geneigte Leser sei gewarnt: Der Autor ist dem Pianisten freundschaftlich verbunden, war mit ihm in Amerika und China auf Tournee, hat ihn eine Woche lang in seinem Haus in Philadelphia spielen gehört – übrigens ein Repertoire, das er noch nicht öffentlich spielt, etwa Schuberts B-Dur-Sonate, und überdies auf dem Flügel, den Vladimir Horowitz in seiner Wohnung in Manhattan stehen hatte …
Dieser Bericht ist also keineswegs objektiv. Wer aber erlebt hat, wie die Zuhörer in New York, Los Angeles, Shanghai oder Amsterdam allesamt gleich reagieren, fühlt sich in seiner Bewunderung in guter Gesellschaft. Fast überall sind die Reaktionen gleich: zunächst ungläubiges Staunen ob dieser schier mühelosen Meisterschaft, dann atemloses Gebanntsein, schließlich Ovationen.
In der Tat: So einen Virtuosen hat die Pianistenwelt lange nicht gehört. Kaum verwunderlich also, daß der Vergleich mit Horowitz oft strapaziert wird, dessen Liszt-Bearbeitungen er natürlich im Repertoire hat. Aber nicht nur die manuellen Fertigkeiten werden gepriesen, auch dem Interpreten Lang Lang gilt höchstes Lob. "Huschende Prestissimo-Stellen im Mittelsatz klangen elegant und rasend zugleich", schrieb Kaiser: "Sozusagen explodierter Mendelssohn. Keine Mittelstimme ging verloren. Der junge Künstler kann in den Ecksätzen auch zulangen, und hat offensichtlich (noch) Spaß daran."
Das Natürlichste der Welt
Bleibt die Frage: Wie ist das alles möglich? Denn Lang Lang tourt, als wären die virtuosen Wundertaten nicht genug, mit nicht weniger als 40 Klavierkonzerten durch die Lande, darunter etliche von hochvirtuosem Kaliber. Innerhalb weniger Wochen führte er folgende auf: Rachmaninow Nr. 2, Bartók Nr. 2, Mozart c-Moll KV491, Prokofjew Nr. 3, Chopin Nr. 1, Tschaikowskij Nr. 1. Allesamt mit erstklassigen Orchestern an ersten Adressen: Chicago, Lyon, Köln, Salzburg, Amsterdam, München. Dazwischen gab er noch mehrere Recitals mit unterschiedlichem Programm: u. a. in London und Wien. Wie also ist so etwas möglich? Wie hält man so einen Druck aus?
Zunächst einmal: Lang Lang spürt keinen Druck. Er scheint in der Tat keine Nerven zu haben. Klavier zu spielen ist für ihn das Natürlichste auf der Welt: "Wenn ich auf der Bühne an meine Karriere denken würde, hätte ich ein Problem", sagt er glaubwürdig. Er will tatsächlich seine Freude an der Musik weitergeben – vor allem an die Jugend – und geht in Amerika auch in Schulen. Solche Einstellung ist so ungewöhnlich geworden, daß wir sie nur zu gerne als naiv abtun. Aber ist sie nicht vielmehr wunderbar idealistisch?
Strahlender Mann
Einiges erklärt der familiäre Hintergrund. Lang Lang wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Allerdings hatte die Familie in Shenyang einen Fernseher, und da lief eines Tages "Tom und Jerry" mit der Titelmelodie: Franz Liszts "Ungarischer Rhapsodie". Da war es um den zweijährigen Lang Lang (sein Name bedeutet übersetzt "strahlender Mann") geschehen. Er wollte Pianist werden.
Bereits im Alter von fünfJahren gewinnt er Wettbewerbe, geht mit neun gemeinsam mit seinem Vater, einem Virtuosen der chinesischen Kniegeige Erhu, nach Peking, um sich zu perfektionieren. Er wird von einer Lehrerin abgelehnt, will schon aufgeben, schlägt sich durch, wohnt und übt mit seinem Vater in einer 1-Zimmer-Wohnung ohne Heizung, teilt das Bad mit vier Familien, der Vater investiert für ein Pianino ein halbes Jahresgehalt etc. Nicht einmal PR-Strategen erfinden solche Geschichten. Lang Langs Biographie ist in China ein Bestseller.
Letzter Schliff
Entscheidende Figur für seine Karriere wird aber Gary Graffman, einer der wenigen Schüler Horowitz’, der Lang Lang zufällig im Radio mit dem Tschaikowskij-Konzert hört. Graffman ist Leiter des renommierten Curtis Institute in Philadelphia und will diesem Juwel den letzten Schliff geben. Um dem 14jährigen Lang Lang bei der Aufnahmeprüfung die Nervosität zu nehmen, lernt Graffman sogar einige Sätze Chinesisch.
Lang Lang geht nach Amerika, übt wie besessen, bekommt über Nacht die Chance, beim Ravinia-Festival für André Watts einzuspringen. Auf dem Konzertmitschnitt ist zu hören, daß die Zuhörer schon vor Ende des Tschaikowskij-Konzerts zu applaudieren beginnen.
Wo sind die Grenzen?
Genug der Superlative. Wo sind die Grenzen, wo lauern Gefahren? Mitunter wird angemerkt, Lang Lang spiele zu rubatoselig, nehme manchmal zuviel Fahrt aus dem Spiel, wenn es ins Pianissimo geht. Es ist die Art, wie Lang Lang empfindet. Schwindelig wird einem allerdings, wenn man sein Arbeitspensum verfolgt. 150 Konzerte jährlich, dazu Plattenaufnahmen, etliche PR-Termine. Zudem ist Lang Lang, was ihm sehr wichtig ist, Unicef-Botschafter. Tief beeindruckt kehrte er von einem Besuch in Tansania zurück und will sich in Zukunft noch intensiver engagieren.
Technische Grenzen hat noch niemand bei ihm erkannt. Er selbst bemüht sich um ein denkbar breites musikalisches Fundament. Hat er von Graffman die Horowitz-Schule mitbekommen, so steht sein Mentor Daniel Barenboim in der Rubinstein-Tradition. "Ich versuche, aus beiden Schulen das herauszuholen, was für mich Sinn macht", sagt Lang Lang. Mit Barenboim trifft er sich auch abseits von Konzertterminen regelmäßig. Letztes großes Thema: die Beethoven-Sonaten.
Debüt mit den Philharmonikern
Lang Lang, der mit links und rechts ebenbürtig Tischtennis spielt (Koordinationsprobleme sind ihm offenbar fremd, er unterschreibt auch mit beiden Händen – manchmal sogar gleichzeitig!) steht die Musikwelt offen. Sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern ist der vorläufige Höhepunkt: "Den Ruf dieses Orchesters in China kann man gar nicht in Worte fassen!"
Ob er vor den Gefahren des schnellen Ruhms, vor Hybris gefeit ist? "Die Angst vor der Gefahr des Erfolgs ist mir fremd", sagt er. Und solange sein Vater mit ihm tourt, hat er sicherlich recht. Denn im Künstlerzimmer geht es vor den Konzerten manchmal richtig laut zu – in aller väterlicher Freundschaft. Wir verstehen da ohnehin nur Chinesisch.
Wolfgang Schaufler
Wolfgang Schaufler ist Projektentwickler für "Austria Music Export".
Mittwoch, 15. Juni 2005
Wiener Philharmoniker
Programm