
"Gütigster, Bester! Weisester, Grösster! So lang ich Thränen habe und an der Kunst mich labe, sei beides Dir geweiht, der Beides mir verleiht!"
Sicher hatte der Erste k.k. Hofkapellmeister Antonio Salieri seine Freude mit der solcherart beginnenden Kantate, die ihm sein ehemaliger Schüler Franz Schubert 1816 zur Feier anläßlich seiner fünfzigjährigen Anwesenheit in Wien widmete. Obwohl er schon als Sechzehnjähriger nach Wien gekommen ist, war Salieri Deutsch nie zur zweiten Muttersprache geworden. Er konnte sich darin ausdrücken, mehr nicht, bevorzugte aber in Wort und Schrift stets das Italienische. Daher hat er über diese Reime - von Schubert ganz so in Musik gesetzt, wie es der Lehrer erwartete - sicher keine Gedanken verloren. Auch nicht über den Text des abschließenden Kanons im Zweivierteltakt: "Unser aller Großpapa bleibe noch recht lange da." Die zahlreichen ehemaligen Schüler, die dem Sechsundsechzigjährigen dieses Fest widmeten und ihn mit Gelegenheitskompositionen dieser Art ehrten, sahen in Salieri tatsächlich eine Vaterfigur - und ihm gefiel diese Rolle. Kaiser Franz I. ehrte ihn aus diesem Anlaß mit einer goldenen Medaille, und die Gesellschaft der Musikfreunde beauftragte Willibrord Mähler, ihren Mitbegründer nunmehr mit dieser an einer goldenen Kette getragenen Ehrenmedaille für ihre Porträtgalerie zu malen.
1766 ist der Erste k.k. Hofkapellmeister Florian Leopold Gaßmann auf Talentsuche in Italien gewesen. In Venedig wurde ihm der Vollwaise Antonio Salieri aus Legnago vorgestellt, den der Cavalliere Giovanni Mocenigo wegen eines beeindruckenden musikalischen Talentes bei sich aufgenommen hatte und in Gesang und Komposition ausbilden ließ. Gaßmann war nicht weniger beeindruckt, nahm den Sechzehnjährigen nach Wien mit und in seine Familie auf. Er selbst unterrichtete ihn in Kontrapunkt und Komposition, Lehrer für Violine und Generalbaß, Deutsch, Französisch und Latein nahm er für ihn auf. Der weitere musikalische Aufstieg war Salieri vorgezeichnet: 1767 schrieb er seine erste Messe für die k.k. Hofmusikkapelle, 1769 begann er die Proben an der Wiener Hofoper zu leiten, im Jahr darauf wurde dort seine erste eigene Oper gegeben, nach Gaßmanns Tod wurde er 1774 zum Hofkomponisten und Dirigenten der Hofoper ernannt, 1788 ernannte ihn Kaiser Joseph II. schließlich zum Ersten Hofkapellmeister.
In einer Stadt, in der ein Genie wie Mozart wirkt, wird ein Könner wie Antonio Salieri zum Ersten k.k. Hofkapellmeister bestellt. War das eine gute Wahl des Kaisers? Welche Intrigen gab es da, die Salieri den Vorzug geben ließen? Solche Fragen beschäftigten und beschäftigen jeden, der sich für Mozarts Biographie interessiert, und belasten Salieris Bild in der Nachwelt.
Andere Fragen wären aber viel mehr angebracht: Was bedeutete denn die Berufung zum Ersten Hofkapellmeister am Wiener Hof? War das eine Position, die für ein Genie, also für Mozart, überhaupt attraktiv gewesen wäre? Geben wir uns vielleicht ganz falschen Vorstellungen hin?
Der Erste Hofkapellmeister war der höchste Musikbeamte des Kaisers, mit vielfachen administrativen und organisatorischen Aufgaben bedacht, also mit Akten und Aktenläufen belastet. Seine vornehmsten künstlerischen Aufgaben bestanden darin, an Sonn- und Feiertagen die Kirchenmusik in der Hofburgkapelle zu leiten und für diese zu komponieren. Ferner hatte er für die Tafelmusik bei Hof und andere musikalische Repräsentationsaufgaben zu sorgen.
Ob Mozart ein guter Beamter gewesen und mit Akten glücklich gewesen wäre? Ob er gerne für Tafelmusik verantwortlich gewesen wäre? Ob ihn der regelmäßige Kirchenmusikdienst künstlerisch befriedigt hätte? Bei einer realistischen Betrachtung muß man wohl sagen, Salieri war für diese Position der geeignetere Mann.
Salieri hat für die Wiener Hofoper eine Menge von Opern geschrieben. Aber nicht in seiner Funktion als Hofkapellmeister, sondern eigens dazu verpflichtet. Aufträge für Opern erhielt er auch aus Mailand, Venedig, Rom und Paris.
Die Oper und die Kirchenmusik scheinen ihm überhaupt das liebste Metier gewesen zu sein. Für öffentliche Konzerte und die private Hausmusikpflege schrieb er fast nichts. Das war nicht seine Welt. Symphonien, Instrumentalkonzerte, Kammermusik, Klaviermusik, in allen diesen Gattungen war er nicht präsent. Mozart dafür umso mehr.
1821 begann Salieri zu kränkeln, 1823 verfiel er in geistige Umnachtung, aus der er sich nur fallweise erholte, zwei Jahre später ist er verstorben. Daß er sich in dieser Zeit der Geisteskrankheit als Mörder Mozarts bezeichnet hat, hat interessanterweise nicht die Zeitgenossen (obwohl sie davon wußten), sondern erst die Nachwelt beschäftigt. Es gibt keinen Grund, in dieser Selbstbeschuldigung etwas anderes zu sehen als die Verzweiflung, Mozart nicht gewachsen gewesen zu sein - wenn man überhaupt Worte eines Wahnsinnigen auf ihre Aussage hin deuten darf. Überdies hat Salieri, in einem hellen Moment mit diesem "Geständnis" konfrontiert, dieses energisch in Abrede gestellt.
Ob es nun manchmal Eifersüchteleien zwischen Mozart und Salieri gegeben hat oder nicht, bleibe dahingestellt. Wirkliche Spannungen aber sicher nicht, denn dann hätte Konstanze Mozart ihren ältesten Sohn nicht zu Salieri in den Unterricht gegeben, damit er ihn zum würdigen Nachfolger des Vaters ausbilde.
Als Lehrer muß Salieri überhaupt eine gute Hand gehabt haben. Die Zahl seiner Schüler ist fast unüberschaubar; Beethoven und Schubert ragen als namhafteste aus dieser großen Schar heraus. Am Aufbau des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde hat Salieri entscheidend mitgewirkt. Für die Studenten des Konservatoriums hat er eine Gesangslehre verfaßt, die nicht nur den erfahrenen Lehrer, sondern auch den begeisterten Pädagogen erkennen läßt. Mit seiner Frau Therese hatte er acht Kinder, von denen nur vier Töchter den Vater überlebten. Für sein Persönlichkeitsbild vielsagend ist vielleicht die Tatsache, daß er bei der Eheschließung 1777 in die Wohnung der Schwiegereltern gezogen und dort wohnen geblieben ist, in einer Zeit, in der der oftmalige Wohnungswechsel eine Selbstverständlichkeit war, und in einer Position, in der andere großen gesellschaftlichen Umgang gepflogen und diesem die Wohnverhältnisse angepaßt hätten.
Salieri war von seinen Schülern geliebt und in der musikalischen Öffentlichkeit geachtet. Zu einem wirklich berühmten, jedem Interessierten zumindest namentlich bekannten Komponisten hat ihn Peter Shaffers und Milos Formans "Amadeus" gemacht. Erst seither wird der Teilnachlaß, den Salieri für unser Archiv bestimmt hatte, laufend benützt, und erst diese aus ganz außermusikalischen Gründen entstandene Salieri-Renaissance machte es möglich, daß heuer in aller Welt - und anderswo viel stärker als in Österreich - Salieris 250. Geburtstages und 175. Todestages gedacht wird: in unserem Haus am 31. Mai, mit einem von Tsugio Maeda - hier längst als Fachmann für die anspruchsvolle Realisierung ausgefallener Programme anerkannt - geleiteten Konzert, für das aus unseren Archivbeständen nach strengen künstlerischen Maßstäben exemplarische Beispiele aus Salieris Schaffen ausgewählt wurden. Salieri hat nämlich recht ungleichmäßig komponiert: Höchst Anpruchsvolles steht neben Banalem, sodaß man den Eindruck hat, einem Hochbegabten hätte die rechte Selbstkritik gefehlt, für ihn sei das Komponieren nicht nur künstlerische Aufgabe, sondern auch Diensterfüllung gewesen. Was er als solche geschrieben hat, muß vergessen bleiben. Musikalische Kunstwerke, die er geschaffen hat, sollten wir aber doch wieder kennenlernen. Zum Beispiel am 31. Mai im Brahms-Saal.
Erst wer dieses Konzert gehört hat, wird um den Wiener Opernstil zwischen Mozarts "Entführung" und Beethovens "Fidelio" wirklich Bescheid wissen.
Otto Biba
Prof. Dr. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Mittwoch, 31. Mai 2000
Slowakische Sinfonietta
Programm