
Enoch zu Guttenberg studierte Komposition und Dirigieren in München und Salzburg. 1967 gründete er die Chorgemeinschaft Neubeuern, 30 Jahre später das Orchester der KlangVerwaltung München. Am 25. und 26. April werden Dirigent, Chor und Orchester im Großen Musikvereinssaal einen Bruckner-Abend gestalten. Margot Weber traf den Dirigenten zum Gespräch.
Enoch zu Guttenberg, sind Sie ein Bekenntnismusiker?
Was meinen Sie damit?
Ich habe den Eindruck, Sie haben in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Image: der tief gläubige Christ, der sich viel Passionen und Oratorien widmet. Der vor allem Bach dirigiert und Haydn, auch noch Beethoven, Mahler und Bruckner – aber der von Rossini, Johann Strauß und allem Leichten die Finger läßt.
O nein, ich dirigiere zwischendurch passioniert Rossini und Strauß! Aber ich muß bei dieser Frage ein bißchen ausholen: Ich bin nicht Dirigent geworden, weil ich so ein besonders musikalischer Mensch bin, sondern weil mich von vielen ganz unterschiedlichen Werken die Aussagen tief beschäftigt und gepackt haben. Bis heute.
Aber vieles packt Sie auch nicht?
Das ist richtig. Es gibt eine ganze Menge Musik, die mich nicht wirklich interessiert. Es gibt viele Werke, deren Inhalte mir egal sind.
Da müssen Sie jetzt aber ein Beispiel nennen, das ist sonst wirklich sehr allgemein!
Mich packt zum Beispiel, wenn sich Musik mit einem sakralen Thema auseinandersetzt – egal, ob bejahend, verneinend oder zweifelnd. Nehmen Sie das Verdi-Requiem: Das finde ich gerade deswegen so spannend, weil sich da ein Atheist mit seinen alten katholischen Wurzeln in geradezu erschütternder Weise um- und umwerfen läßt. Und wenn ich es dirigiere, will ich genau das zeigen und nicht nur "schöne" Musik machen. Dieses Requiem ist das Psychogramm eines Menschen, der über den Tod nachdenkt und sich eingesteht, daß er seinen Glauben, seine Gewißheit, seine Kirche, die er früher besaß, verloren hat. Verdi hat ja auf den Papst geschimpft, hat die Kirche ja fast schon gehaßt. Und dann diese Musik! Die von Wut und Sicherheit, Liebe und Auflehnung, Hoffnungslosigkeit und Tod erzählt.
Und welche Musik läßt Sie kalt?
Das ist vielleicht ein wenig zu hart formuliert. Aber mit Beethovens "Pastorale" beispielsweise habe ich so meine Probleme. Die "Eroica" dagegen gehört mir ganz. Ist Musik einfach nur "schön", bin ich als Dirigent zu schlecht. Ich muß brennen. Die Flamme, die in einem Stück steckt, muß mich anzünden. Wobei es natürlich auch sein kann, daß mich die Musik nicht packt, weil ich sie nicht verstanden habe. Es gibt Werke, die ich mein Leben lang gemieden habe, bis sie mir endlich aufgegangen sind.
Zum Beispiel …
… zum Beispiel Beethovens "Missa solemnis". Die habe ich 40 Jahre vor mir her geschoben, bis ich sie jetzt endlich, seit drei Jahren, dirigiere.
Das bedeutet: Sie kannten das Werk durchaus …
… natürlich! Das ist natürlich kein handwerkliches Problem, aber ich hasse es, wenn Musiker einfach alles machen. Das darf nicht sein. Man muß ganz genau wissen, was und warum man etwas macht. Und die "Missa solemnis" habe ich bald jeden Monat neu gelesen und jedes Mal gesagt: Verdammt noch mal, was ist das?
Warum haben Sie sich so an ihr gerieben?
Das ist schwer zu erklären. Einfach gesagt: Ich habe sie nicht verstanden. Und das kann ja nicht an Beethoven liegen, das muß an mir liegen. Gespürt habe ich immer, daß in dieser Messe etwas ganz Unerhörtes steckt. Und mittlerweile glaube ich, in ihr die Verzweiflung eines aufgeklärten Menschen zu entdecken, der sich noch einmal – schon vor lauter Heimweh – Gott und seiner Religion ganz anheim gibt. Aber mit allen Brüchen – und auf die kommt’s an.
Der Name Ihres Orchesters, mit dem Sie hier in Wien auftreten, läßt kaum große Leidenschaften vermuten: KlangVerwaltung München. Wenn es in der Musik um tiefe Emotionen geht, warum haben Sie dann einen so bürokratischen Namen gewählt?
Das hat drei Gründe. Erstens ist der Name so absurd, daß ihn sich jeder merken kann. Aber das ist natürlich peripher. Genauso wie der zweite Grund: Der Name ist ein bißchen provozierend, er suggeriert, das Orchester bestünde aus lauter Beamten, die quasi wie mit dem Bleistift hinterm Ohr spielen – und dann erleben unsere Zuhörer am Abend, daß wir genau das Gegenteil davon sind. Womit wir aber auch schon beim wirklichen und ernsthaften Grund wären: Wir verstehen uns als die Verwalter der großen Literatur. Kennen Sie eigentlich das biblische Gleichnis vom Herrn und seinen drei Verwaltern?
Der Herr geht für ein Jahr fort und gibt jedem Verwalter ein Talent. Als er zurückkehrt, hat der eine sein Talent versoffen, der zweite hat es vergraben – und der dritte hat es arbeiten lassen und vermehrt.
So wie dieser dritte Verwalter sehen wir uns auch: Wir haben die Talente der Komponisten in der Hand und die Aufgabe, sie bestmöglich zu verwalten – beziehungsweise zu dienen. Heute dienen ja eher die Komponisten den Karrieren der Interpreten …
Und was sind das für Musiker, mit denen Sie an dieser Aufgabe arbeiten? Man hört oft, die KlangVerwaltung und Sie seien eine verschworene Gemeinschaft.
Vorab eines: Das Orchester besteht zum einen Teil aus Musikern führender Symphonieorchester und Opernhäuser und zum anderen aus freischaffenden Professoren oder Preisträgern internationaler Wettbewerbe. Wir treffen uns projektbezogen, um bestimmte Werke zu erarbeiten, und die Musiker bringen auch eigene Vorschläge und Ideen ein. Das sind Workshops im besten Sinne – an deren Ende mittlerweile eine eigene Sprache steht.
Die Chorgemeinschaft Neubeuern leiten Sie seit 40 Jahren. Als junger Student sind sie 1967 das erste Mal nach Neubeuern gekommen …
… was einen ganz profanen Grund hatte: Ich war in ein bezauberndes Mädchen verliebt, das in diesem oberbayerischen Dorf in die Schule gegangen war. Und eines Tages fragte man mich dort, ob ich nicht die dörfliche Liedertafel übernehmen möchte, man habe gehört, daß ich Musiker sei.
Und wie setzte sich dieser Chor zusammen?
Als ich dort ankam, spiegelte sich im Chor die gesamte Struktur des Dorfes wider. Heute hat sich das ein bißchen verändert, aber nicht sehr: Der Chor besteht nach wie vor zu zwei Dritteln aus Laien aus Neubeuern. Das andere Drittel sind Profis, die unter anderem über unseren Kinder- und Jugendchor ausgebildet sind – und Profis, die sich begeistert zu uns gesellen.
In Kritiken liest man immer wieder vom "Neubeurer Geist", der im Chor herrscht. Was meint das eigentlich?
Ich war und bin bis heute fasziniert davon, wie diese Menschen an die Musik herangehen: nämlich erst einmal mit dem Herzen – und dann mit dem Intellekt. Und was mich noch packt, ist der bodenständige Umgang der Neubeurer mit den großen Sakralwerken. Das Wesentliche ist, daß dieser Chor aus meiner Sicht – und bitte verstehen Sie das nicht als Unbescheidenheit – eines der wenigen Ensembles ist, das um der Inhalte willen singt. Wenn die Chorgemeinschaft Neubeuern eine „Matthäuspassion“ singt, und sei es die fünfzigste, hat sie jedes Mal dasselbe Ziel: Die Sänger wollen die Botschaft des Evangeliums weitertragen.
Sie dirigieren viele sakrale Werke, aber nicht nur. Sie haben beispielsweise auch Haydns „Jahreszeiten“ im Repertoire. Was für eine Botschaft wollen Sie denn mit diesem Werk weitertragen? Seit Jahrhunderten lästert die Welt über das schlechte Textbuch van Swietens .
Die „Jahreszeiten“ sind für mich eine einzige Anklage.
Also keine „schöne“ Musik mit schwachem Text?
Nein, viel mehr. Die Symbiose von Menschen und Natur, die da besungen wird, habe ich als Kind vielleicht gerade noch so erlebt. Heute ist das vorbei. Und wenn ich heute die „Jahreszeiten“ dirigiere, bekomme ich tiefstes Heimweh nach einer Zeit, die es nicht mehr gibt und nie wieder geben wird.
Was wir oft vergessen, wenn wir uns über die „Jahreszeiten“ mokieren: Haydn hat in der Rousseau-Zeit gelebt – und ich bin zutiefst überzeugt davon, daß er ein weit aufgeklärterer Mensch war, als wir gemeinhin glauben. Er kam nach London, als die Industrialisierung gerade begann. Und wenn Sie sich vor diesem Hintergrund die „Jahreszeiten“ anhören, vor dem Gefühl, daß da womöglich einer wußte, daß die Natur nicht mehr lange so sein wird, wie er sie in seinem Oratorium beschreibt – dann bekommt dieses Werk eine Tiefe, die weit über seinen banalen Text hinausgeht. Diese Musik beschreibt etwas, das wir gerade endgültig und vollends ruinieren. Ich habe mich ja viel mit dem Thema Umwelt beschäftigt …
… Sie waren einer der Mitbegründer des BUND, des "Bunds für Umwelt und Naturschutz" …
Nicht nur die „Jahrezeiten“, auch die „Schöpfung“ ist ein stummer Vorwurf an das, was wir mit dieser Schöpfung treiben. Wir wissen, wie bedrohlich der Klimawandel ist – aber wer von uns lebt danach? Auch ich tue das nicht. Ich fahre kein Solar-Auto, obwohl ich mir seit längerem sage, daß ich endlich eines kaufen müßte. Ich sehe mit großer Trauer, was wir heute alles kaputt machen, was alles unwiederbringlich verloren sein wird.
Wir verbrauchen Rohstoffe, die nicht recyclebar sind. Wir konsumieren und werfen weg. Meinen Sie das so?
Auch, aber nicht nur. Wir sind Verbraucher von Rohstoffen, aber wir verbrauchen auch Kultur – und das ist der Fehler. Wir verbrauchen und konsumieren Kultur. Wir wollen im Konzert immer nur "schöne" Musik hören. Aber eine "Eroica" ist nicht für den schnellen Verbrauch, für den Konsum geschrieben, ebenso wenig wie eine Bruckner-Symphonie.
Aber gerade mit der Vierten, mit der Sie jetzt in Wien gastieren, scheint es Bruckner einem leicht zu machen, seine Musik als kitschige Naturromantik zu genießen. Ich denke da an den Brief Bruckners an Paul Heyse, in dem der Komponist schreibt, im 1. Satz sei "das Horn gemeint, das vom Rathaus herab den Tag ausruft! Dann entwickelt sich das Leben; in der Gesangsperiode ist das Thema: der Gesang der Kohlmeise Zizipe …"
Das klingt alles sehr banal – und zieht das Werk dadurch auf eine enttäuschend simple Ebene, finden Sie nicht?
Ich weiß genau, was Sie meinen: Die mittlelalterliche Ritterburg, die Jagd, der Bub, der fensterlt … Aber betrachten Sie diese Bilder doch einfach mal als mittelalterliche Allegorien, dann ändert sich Ihr Blick automatisch. Gerade in der Vierten steckt für mich viel mehr als Naturromantik. Wir haben doch vorhin über die Umwelt gesprochen – und für mich ist die Vierte ein letztes Auflehnen gegen das, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist. Glauben Sie, Bruckner hat nicht gewußt, was mit der Natur passieren wird? Für mich beschreibt Bruckner in der Vierten kein Naturidyll, das er kennt, sondern eines, das es schon zu seiner Zeit längst nicht mehr gegeben hat – aber nach dem er sich sehnt.
Und der fensterlnde Bub? Den gab’s ja 1880 schließlich noch …
Nehmen Sie auch den einmal als Allegorie, dann sehen Sie, daß hinter diesem Bild etwas ganz anderes steht: Ich fühle in dieser Musik die ungestillte Sehnsucht eines Menschen, der nie eine Frau lieben durfte, die Melancholie eines Mannes, der nie mit einer Frau geschlafen hat. Ein Schüler Bruckners erzählte einst über die Sextolen in der Sechsten, Bruckner habe ihm gesagt, das seien seine zu Stein gewordenen Tränen, weil er nie eine Frau hatte. Darum geht’s. Und so etwas muß ich dem Zuhörer zeigen! Früher sagte man gern, eine Bruckner-Symphonie sei ein Dom, ein Klanggebäude. Aber: Ein Dom hat Seitenaltare. Und ich muß auch die Seitenaltare zeigen. Oder: Früher sagte man, eine Bruckner-Symphonie sei ein Klanggebirge. Aber: Ein Gebirge hat Seen, Wiesen, Blumen. Und es ist meine Aufgabe als Dirigent, diese inneren Bilder zu zeigen – und die Emotionen, die dahinter stehen.
Wednesday, 25. April 2007
Orchester der KlangVerwaltung München
Program
Thursday, 26. April 2007
Orchester der KlangVerwaltung München
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