

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich das nördliche Europa einen besonderen Ruf erworben: Junge Künstler erobern die Musikwelt, unverkrampft, unverfälscht –und vor allem voll brennender Ernsthaftigkeit. Einer von ihnen: der Pianist Leif Ove Andsnes, inzwischen auf dem Musikolymp gelandet. Neues aus dem Alten Europa!
Übersichtlich, schick, ernst und professionell die Aufmachung seiner Webseite, kein Trara-Schnickschnack oder belastendes Drumherum, klar kommt man auf den Punkt. Nicht viel anders der persönliche Dialog mit dem Pianisten: ein ruhiger und sachlicher Gesprächspartner, der aber niemals in die Nähe des Trockenen oder Technischen gerät. Es geht ihm um Musik – und wirklich um Musik. Starallüren? Firlefanz? Selbstdarstellung? Das erlebt man bei Andsnes nicht; dafür aber einen Künstler, der an die Musik glaubt und es wirklich ehrlich meint, jedoch auch keine Probleme mit den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts hat. Bleiben wir etwa gleich bei den neuen Medien: Marketing ist für Andsnes kein Fremdwort, auf seiner aktuellen DVD mit dem Norwegischen Kammerorchester findet sich manches Zubehör, das die Möglichkeiten des Mediums nützt.
Ein Interview etwa, eine entsprechend filmisch aufbereitete Einspielung einzelner Sätze aus Klavierkonzerten von Bach und Mozart. Das sind – wie die eben angesprochene Webseite – Selbstverständlichkeiten, denen er sich nicht wie im elfenbeinernen Turm verschließt. Solange, und darauf legt er Wert, das Wesentliche nicht gestört wird. "Ich bin und will ein Künstler des 21. Jahrhunderts sein, Marketing und Medien braucht man natürlich. Es gibt aber ein Limit: Wenn es etwa bei einem Mozart-Projekt nicht mehr um Mozart geht – dann haben wir ein Problem!"
Frische des Nordens
Ein wenig Biographie: Andsnes, 1970 in Norwegen geboren, eröffnete in den frühen 90er Jahren seinen Siegeszug durch die internationale Konzertwelt. Solo-Recitals, Kammermusik, Konzerte mit führenden Orchestern: Immer wird er mit Schlagworten wie "kultiviert" oder "Ausnahmekünstler" bekränzt, seine Zusammenarbeit mit dem Tenor Ian Bostridge sorgt für Furore. Inzwischen ist Andsnes als „Commander of the Royal Norwegian Order of St. Olav“ Träger der höchsten Auszeichnung Norwegens und dreifacher Gewinner des Gramophone Awards.
Am Beginn dieses Künstlerlebens stand jedoch das musikalische Ausbildungssystem seiner Heimat, das er noch heute lobend hervorhebt. So muß es per Gesetz selbst in kleinen Gemeinden eine Musikschule geben, in der ein Schüler einmal pro Woche Unterricht haben kann, berichtet er. „Ich komme von einer Insel Norwegens, und mir hat dieses Ausbildungssystem sehr geholfen!“ Etwas später der Nachsatz: „Man muß als Jugendlicher mit der Musik in Kontakt kommen, sonst schätzt man sie später nicht.“
Doch Andsnes hebt noch einen Aspekt hervor: Er kommt aus einer Generation von Musikern, die in den Ländern Skandinaviens eine Aufbruchstimmung in der Musik miterlebt haben. Da war manches noch neu, es gab eine besondere Frische. Einzelne Personen, die Aufbauarbeit betrieben haben – etwa Mariss Jansons mit den "Osloern" – konnten in einer solchen Situation wirklich Großes bewirken.
Eine Art Gesamtkunstwerk
Und gerade diese Aufbruchstimmung und die Freude an Neuem sei in seiner Heimat nach wie vor vielerorts zu bemerken, berichtet der Pianist. „Als ich 1991 das Kammermusikfestival in Risør gegründet habe, gab es drei solche Veranstaltungsreihen. Und heute? Es gibt 20 davon – und alle sind gut besucht! Gerade von jüngeren Menschen.“
Was im Falle von Risør aber auch an der Atmosphäre und dem Aufbau des Festivals liegen kann. Es geht Andsnes nämlich um ein Fest, bei dem alle Stränge stimmig ineinander laufen. Ein Detail etwa am Rande: Ein eigens engagierter Koch kreiert spezielle, genau abgestimmte Menüs für die Musiker. „Die Künstler arbeiten in dieser Woche so viel, da verdienen sie besonderes Essen. Man könnte das Ganze auch ein Gesamtkunstwerk nennen“, schmunzelt Andsnes.
Ebenso durchdacht und im Gesamten komponiert sind seine Recital-Programme. Es kann sich dabei ein roter Faden durch den Abend ziehen, es können aber auch bewußt Kontraste gesetzt werden. „Bei meinem Konzert im Musikverein versuche ich mit Schumann, Beethoven, Sorensen und Mussorgskij unterschiedliche Facetten zu zeigen.“ Etwas ungewohnt klingt für heimische Ohren dabei der Name des Norwegers Bent Sorensen (Jahrgang 1958). Andsnes:„Ein sehr interessanter Komponist! In seiner Klangsprache etwas ,nordisch‘, mit einer starken persönlichen Aussage.
Sehr poetisch arbeitet er mit dem Unterbewußtsein, entwickelt Klänge und Harmonien, die berührend sind. Und es ist eine Musiksprache, die aus der Natur entspringt, wie etwa bei Sibelius. Zu spielen ist Sorensen allerdings nicht leicht, für mich war das Einstudieren eine echte Herausforderung! Doch in einer perfekten Akustik wie jener des Musikvereins ist das Werk genau am richtigen Ort.“
Spannung des Schweigens
Da drängt sich jedoch förmlich die Frage auf, ob denn eine Heimat, die Umgebung und das Umfeld sich in der Tonsprache eines Komponisten, in der Interpretation eines Solisten niederschlagen? Andsnes differenziert. Einerseits wehrt er Klischees des kühlen Nordens und des heißblütigen Südens ab – „man denke nur an den großartigen italienischen Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli, mit welcher Ruhe er ans Musizieren ging“ –, andererseits sieht er durchaus äußere Beeinflussungen.
So ist für ihn seine Heimat durchaus prägendes Element: „Norwegen hat eine wunderbare Natur; in den Bergen, wo ich ein Haus besitze, kann man die Stille erleben und auf sich wirken lassen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, wie jemand, der inmitten von New York aufgewachsen und niemals hinausgekommen ist, diese Stille erfahren soll. Aber gerade die ist für die Musik so wichtig! Denken wir doch nur an eine Bruckner-Symphonie: Wenn alles auf einen Höhepunkt zusteuert – und dann die Pause danach. Dieses Schweigen hat noch mehr Spannung, ist noch stärker als der Gipfelpunkt davor!“
Wechselspiel des Lebens
Und doch zieht es den Pianisten nach der Erfahrung der Stille wieder in den Trubel der Großstädte zurück, ein allgemeines Kontrastbedürfnis, das sich auch in seiner Reisetätigkeit niederschlägt. „Wenn ich lange auf Reisen bin, habe ich Heimweh; bin ich aber länger daheim, zieht es mich wieder in die Welt. So habe ich vor einigen Jahren ein Sabbatical von ungefähr fünf Monaten gemacht. Der erste Monat war schön, doch dann wurde ich unruhig und wollte wieder Konzerte spielen und auftreten!“ Eine Woche lautet nun das Urlaubslimit mit Klavierabsenz für ihn, statt großen Blöcken versucht er hin und wieder im Sommer oder vor Weihnachten eine Unterbrechung zu finden.
Denn immerhin: Mit nahezu 100 Konzerten jährlich gehört er zu den Hochbeschäftigten im Musik-Business, vor allem, da immer wieder neue Projekte ins Haus stehen. Glücklicherweise definiert er Heimat jedoch nicht unbedingt geographisch: "Zuhause muß nicht mit einem Ort zu tun haben. Das kann auch irgendwo sein, wo ich mich vertraut fühle. So etwa auch in Wien in einem Konzertsaal, verbunden mit Menschen, die ich mag."
In diesem Sinne: Willkommen daheim!
Oliver Láng
Mag. Oliver Láng ist Musikkritiker der „Kronen Zeitung“ in Wien.
Mittwoch, 5. April 2006
Leif Ove Andsnes
Programm