

Frank Peter Zimmermann gehört zu den ganz Großen seiner Zunft. Und er ist immer wieder für Überraschungen gut. Zusammen mit Marek Janowski, dem Künstlerischen Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, hat er eine verwegene Idee entwickelt: dieses Frühjahr sechs epochale Violinkonzerte der 1930er Jahre im Rahmen von drei Konzerten aufzuführen: dazu gehören die Violinkonzerte von Strawinsky (1931), Bartók (1938), Prokofjew (1935), Britten (1939), Hindemith (1939) und Berg (1935). Bei den Musikfreunden in Wien präsentiert Zimmermann am 23./24. April 2005 mit Wolfgang Sawallisch und den Wiener Symphonikern „nur“ das Violinkonzert von Hindemith.
Paul Hindemiths Musik und die Diskussion um ihren Stellenwert polarisieren noch heute. Die Vertreter der Avantgarde, allen voran ihr einstiger Wortführer Theodor W. Adorno, wandten sich nach dem von Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern 1932 uraufgeführten „Philharmonischen Konzert“ vom Wortführer der „Neuen Sachlichkeit“ ab, der sich als Bürgerschreck und frecher Musikant schnell einen „wilden“ Ruf gemacht hatte. Auch in der Symphonie zu „Mathis der Maler“ (1933/34) mißbilligte man in diesem Lager die restaurativen Tendenzen des begabtesten jungen deutschen Komponisten der Moderne, was später in eine unverhältnismäßige Polemik gegen dessen Person ausartete.
Ästhetische Polarisierungen
Vom „bad boy“ zum Altmeister, vom musikantisch-rebellischen Trieb zur theoretischen Absicherung in der „Unterweisung im Tonsatz“ (1937). Was Hindemith in dieser unruhigen Zwischenkriegszeit jedoch besonders auszeichnete, war seine instrumentale Virtuosität: Er war nicht nur ein international versierter Geiger und Bratscher, er beherrschte darüber hinaus eine Vielzahl von Instrumenten. So spielte er auch die ihn zutiefst faszinierende Alte Musik auf den damals noch wenig erforschten historischen Instrumenten einfach vom Blatt. Das kommunikative Element, sein Herz für die Laienmusikbewegung und sein Credo für eine „Gebrauchsmusik“ wurden ihm ebenso kritisch vorgehalten wie seine Entscheidung, den Bruch mit der Tonalität nicht nachzuvollziehen.
Diese Voraussetzungen und ästhetischen Polarisierungen sind im Zusammenhang mit dem Violinkonzert aus dem Jahre 1939 von Bedeutung. Paul Hindemith hatte nach dem „Fall Hindemith“, den Furtwängler im Rahmen einer öffentlichen Stellungnahme für den verfemten Hindemith 1934 losgetreten hatte, in Deutschland keine Chance mehr. Seine als „entartet“ gebrandmarkten Werke wurden mit einem Aufführungsverbot belegt, und von seiner Position als Kompositionslehrer an der Berliner Musikhochschule wurde er zuerst beurlaubt, dann entlassen. In dieser existentiell bedrohten Situation fand Hindemith Zuflucht in der Schweiz: Hier wurde am 28. Mai 1938 bei den Zürcher Festwochen seine in Deutschland verhinderte Oper „Mathis der Maler“ uraufgeführt, und hier ermöglichte ihm der Winterthurer Musikmäzen Werner Reinhart 1938/39 einen Zwischenaufenthalt auf neutralem Boden, bevor Hindemith endgültig in die USA emigrierte.
Transatlantische Divergenz
Entstanden ist das Violinkonzert, für das sich Hindemith primär an den Konzerten von Strawinsky und Bartók orientierte, im Sommer 1939 im schweizerischen Bluche. Hans Kolhase, der Herausgeber des Violinkonzerts in der Hindemith-Gesamtedition, verweist auf die Bedeutung, welche die bevorstehende Emigration auf den konventionelleren Stil des Konzerts hatte, wollte Hindemith dieses neue Werk doch mit eigenen Dirigaten in den USA verbinden. Diese Pläne zerschlugen sich jedoch, und der Komponist vergab die Uraufführung nach Amsterdam an Willem Mengelberg und das Concertgebouworkest; dessen Konzertmeister Ferdinand Helmann spielte bei der Uraufführung am 14. März 1940 den Solopart.
Hindemith selbst war zu dieser Zeit bereits in den USA, wo er der fast gleichzeitigen und sehr erfolgreichen amerikanischen Erstaufführung in Boston mit dem Geiger Richard Burgin unter Serge Koussevitzky beiwohnte. Daß das Violinkonzert in den USA positiver aufgenommen wurde als in den Niederlanden, zeigen neben den Briefen des Komponisten auch die Kritiken. Erstmals wurde Hindemith in Europa nicht „Modernität“ vorgeworfen, sondern „Reaktion und frühzeitiges Zurückziehen aufs Altenteil“. In den USA vermeinte der Bostoner Kritiker hingegen, im Violinkonzert „the mystical style of Paul Hindemith“ entdeckt zu haben.
Verinnerlichung des Ausdrucks
Das Violinkonzert von 1939 ist nicht das erste konzertante Werk für Violine, das Hindemith geschrieben hat. Ein Vergleich mit den „Kammermusiken“ aus den 1920er Jahren drängt sich auf, die der Frühmeister in betonter Abkehr vom spätromantischen Orchester in kammermusikalischer Manier komponierte und die er in Anlehnung an Johann Sebastian Bachs „Concerti grossi“ zu einem Zyklus verband. Die Nummer 4 der Kammermusiken ist ein fünfteiliges Violinkonzert, vital und herb im bläserlastigen Klang, motorisch virtuos in der Bewegung. Vergleicht man das Violinkonzert von 1939 mit dieser „Konzertmusik“ aus dem Jahre 1925, so fällt zuerst die Rückkehr zur traditionellen dreisätzigen Konzertform, zum lyrischen Grundton und zum großen Orchester auf. Doch auch hier betont Hindemith den Bläserpart und die dunkelgründige harmonische Umgebung, von welcher sich die lichte Solovioline betörend abhebt. Auffällig ist zudem die Verinnerlichung des Ausdrucks und eine gewisse Melancholie, die möglicherweise mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt.
Im Einleitungssatz schwingt sich das Hauptthema in der Solovioline in höchst leuchtende, aber auch leidenschaftliche Regionen. Im Zentrum des Geschehens steht jedoch der Dialog, in dem die Solostimme einerseits dem Orchester „antwortet“, andererseits parallel zu diesem erklingt und dabei die orchestrale Textur vielfältig koloriert. Der zweite Satz beginnt mit einer ungewöhnlichen Passage der Holzbläser, die dann von den Streichern übernommen wird, während der Solist mit einer ausgesprochen innigen, sehnsuchtsvollen Kantilene in das Geschehen tritt. Der melodische Monolog der Solovioline dominiert den ganzen Satz, der nur in der Mitte durch schärfere Rhythmen, Pizzicati im Orchester und durch eine verstärkte Dynamik etwas belebt wird. Der dritte Satz ist ein energisches und brillantes Finale, in dem der Solist seine Virtuosität auf höchstem Niveau entfalten kann. Ungefähr in der Mitte findet sich eine große Solokadenz (die einzige im ganzen Konzert), an die eine komplette Wiederholung und ein nüchterner, aber effektvoller Schluß anknüpfen.
Temperament und Tempo
Als Referenzaufnahme gilt noch immer die Einspielung, die Hindemith selbst 1962 mit dem Geiger David Oistrach und dem London Symphony Orchestra gemacht hat. Von besonderem Interesse sind hierbei die gewählten Tempi. Im allgemeinen entsprechen sie zwar den von Hindemith angegebenen Metronomzahlen, doch spielt Oistrach die lyrischen, kantablen Abschnitte gerne breit aus und nimmt besonders an den Stellen, an denen Hindemith ein ruhigeres Zeitmaß vorschreibt, das Tempo stark zurück. Besonders kraß ist dies im Finale, in dem Oistrach den zentralen neuen Gedanken nicht nur „ein wenig langsamer“, sondern nahezu doppelt so langsam spielt. All dies hat zur Folge, daß die Spieldauer mit 29 Minuten deutlich über den von Hindemith angegebenen 24 Minuten liegt. Eine dramatischer zupackende Einspielung findet man in der Karel-An¢erl-Edition mit dem Geiger André Gretler; sie stammt aus dem Jahre 1968.
Wir werden sehen, welches Tempo Frank Peter Zimmermann im Wiener Musikverein zusammen mit dem Hindemith-Kenner Wolfgang Sawallisch anschlagen wird.
Sibylle Ehrismann
Sibylle Ehrismann ist Musikpublizistin und Ausstellungskuratorin in der Schweiz.
Samstag, 23. April 2005
Wiener Symphoniker
Programm
Sonntag, 24. April 2005
Wiener Symphoniker
Programm