
Die französische Pianistin Hélène Grimaud vereint scheinbare Gegensätze in ihrem Spiel. Und sie ist überdies eine große Klangsensualistin. Anfang April kann man dies im Zyklus „Große Symphonie“ erleben, wenn Hélène Grimaud mit den Wiener Symphonikern unter Manfred Honeck Beethovens Viertes Klavierkonzert spielt.
Die Augen. Es sind die Augen. Wäre man bekennender Karl-May-Fan, auf der Stelle müßte man einen seiner Romantitel zitieren: „Der Schatz im Silbersee“. Ja, so sind diese Augen. Wie ein von Menschengewalt unberührter Bergsee, himmlisch blau, mit einer Prise türkiser Verführungskunst angereichert, und von einer Klarheit, die in ihrer Singularität schlicht faszinierend ist. Man muß das nur aushalten können. Sonst ist eine Begegnung mit diesen Augen so, als würde man von einem Laser durchbohrt.
Gut gelaunte Götter
Zuweilen sind die Götter wirklich gut gelaunt. Denn nicht nur besitzt Hélène Grimaud als Frau ein außergewöhnliches Charisma, welches sich in ihrem Kasus aus Schönheit plus Intellekt speist; sie spielt auch noch außergewöhnlich aufregend Klavier. Beide Gaben in einer Person vereint, das hat es in der Geschichte der ruhmreichen Tastenamazonen nicht eben häufig gegeben (Martha Argerich, die Göttliche, einmal ausgenommen). Aber das spielt, so ehrlich wollen wir sein, natürlich nicht die wesentliche Rolle. Attraktivität verheißt noch keine Kunst, geschweige denn Schönheit. Und letztlich ist es doch so, daß allein die Kunst – und nicht der Mensch, selbst der nicht, der diese Kunst erschuf – über die wahre Schönheit verfügt. Darum, und nur darum, soll es gehen.
Intelligenz und Passion
Betrachtet man nun also die Kunstfertigkeit von Hélène Grimaud, so steuert man unweigerlich immer wieder auf einen Begriff zu: auf den Begriff der Klangsinnlichkeit. Wenn sich die französische Pianistin etwa durch das Notendickicht der von Ferruccio Busoni transkribierten, berühmten Bach-Chaconne hindurchkämpft, dann klingen selbst jene Passagen, die bei vielen Pianisten nur noch reiner Theaterdonner sind, so empfindsam und kantabel, als wäre nicht ein polyphones Gestrüpp zu durchmessen, sondern nur eine kleines homophones Liedchen zu singen. Und gerade das kann Hélène Grimaud: Sie kann singen auf dem Flügel.
Ein wunderbares Beispiel für diese Fähigkeit ist Ludwig van Beethovens As-Dur-Sonate op. 110, und hier der Kopfsatz. „Moderato cantabile, molto espressivo“ lautet die Vorschrift. Es scheint diese Vorschrift wie hingeschrieben für Hélène Grimaud: So federleicht, (hinfort) schwebend und doch zugleich so substantiell und schlüssig, wie sie die melodischen Phrasen über dem harmonisch nach strengen Gesetzen fundamentierten Boden wölbt, hört man diesen Satz selten. Auch weil das Spiel der Interpretin nicht in purer Schönheit, damit einer selbstverliebt-übertriebenen Subjektivität erstirbt. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Dieses Spiel durchleuchtet den Beethoven-Text auf alle seine – häufig durch Modulationen oder dynamische Vorzeichenänderungen untermauerten – Brüche hin, und es schildert die immer wieder anrollenden und sich auftürmenden Tonwellen mit unnachahmlicher Präzision und Spannung. Kurzum: Klangempfinden paart sich mit dramaturgischer Logik, Intelligenz mit Passion.
Phantasie als Heimat
Womöglich ist ihre Herkunft zumindest teilweise mitverantwortlich für dieses gleichsam dialektische Kunstverständnis. 1969 wird Hélène Grimaud als Tochter einer Korsin und eines Italieners mit nordafrikanischen Wurzeln in Frankreich geboren. Mehrere Kulturen treffen gewissermaßen a priori aufeinander, und es ist beinahe bezeichnend, daß der Weg der Pianistin sie zwar in die Vereinigten Staaten von Amerika geführt hat, wo sie seit 1991 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten – sowie mehreren Wölfen und dem Schäferhund Eno – auf einer Farm lebt, daß sie aber weder die USA noch Frankreich als ihre Heimat ansieht. „Eigentlich bin ich heimatlos“, sagt sie. Also was tun? Heimat erfinden. Und so entsteht ihre Heimat als ein amorphes Gebilde immer neu in ihrem Kopf. Heimat ist Produkt der ständig erneuerten Phantasie. Und so ist es auch jede Interpretation: Stimmungsschwankungen, einer nachgerade Zweigschen Verwirrung der Gefühle, ausgesetzt wie sie selbst, die Künstlerin Hélène Grimaud.
Wie das konkret aussehen kann, zeigte sich bei einem Klavierrecital vor wenigen Jahren in Berlin, dortselbst im Kammermusiksaal der Philharmonie. Gerade hatte Hélène Grimaud die bereits erwähnte Chaconne bewältigt (im Sinne einer wahrhaft erlebten Durchdringung von Kunst), waren die letzten Akkorde verhallt und hob der Applaus des begeisterten Publikums mächtig rauschend an, da verlor sich die Pianistin in der sie umgebenden Welt, war sie für den Augenblick ek-stasis, außer sich. Denn nicht in Richtung Künstlerzimmer verließ sie nach der Verbeugung das Podium, sondern sie wandte sich zu einem jener Ausgänge, den gewöhnlich die Zuhörer benutzen. Und wie kommentierte die Ver(w)irrte hernach den amüsanten Vorfall? Erst lächelte sie, dann sagte sie: „Ich war anderswo. Ich wußte nicht mehr, wo ich war.“
Frei nach Nietzsche
Die reale Welt und die Welt der Kunst, sie wollen im Leben der Hélène Grimaud anscheinend nicht immer zueinander passen. Deswegen flieht sie gerne die (Um)Welt („meine ersten Freunde waren Bücher, nicht Menschen“), deswegen mag sie das sehr deutsche Wort „Weltentrücktheit“. Interessant ist auch in diesem Zusammenhang, daß sie, auf einen Satz von Nietzsche („Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“) so reagiert, wie sie reagiert. „Genau das ist der Kern meiner Botschaft“, sagt die Künstlerin (in einem schier aberwitzigen Sprechtempo übrigens, dem zu folgen, wohl nicht einmal professionell ausgebildete Synchronsprecher imstande wären). „Schon als ich ein Kind war, noch bevor ich lesen konnte, wurde da etwas in mir ausgelöst. Durch Kunst kann man nichts, was in der Realität geschieht, rechtfertigen oder entschuldigen, aber man kann versuchen, eine Haltung dazu zu fühlen. Nietzsches Satz ist sehr exakt, denn die Kunst offenbart tatsächlich auf seltsame Weise, wie Dinge sein könnten, damit sie werden, wie sie sein sollen.“
Der Hinweis auf das in dieser Sentenz geborgene utopische Potential beinhaltet zugleich den Hinweis auf das künstlerische Ideal der Hélène Grimaud. Nie hat ihr Spiel etwas Abgeklärtes, egal ob es sich dabei um eine Klaviersonate von Brahms oder Beethoven, ein Stück von Pärt oder Corigliano oder die Klavierkonzerte eines Rachmaninow oder Schumann handelt. Grimauds Subjektivität (und wie sollte per se außergewöhnliche Interpretation anders entstehen als durch Subjektivität!) folgt nicht dem Spiegelblick, sie folgt dem Ideal einer objektivierbaren Kunst; einer Kunst, die auf der einen Seite die aristotelische Nachahmung der Natur versucht, aber zugleich das Humanum sucht; eine Kunst zudem, in der das apollinische Prinzip dem Dionysischen begütigend und sanftmütig die Hand reicht.
Frei nach Schiller
Die Künstlerin selbst weitet die Handreichung ins Globale; für sie hängt all das, was uns essentiell umgibt, zusammen. Und mit Verve begeistert sich Hélène Grimaud für die Idee, „daß alle verschiedenen Disziplinen des Lebens – die Wissenschaft, die Liebe, die Politik, die Kunst, anderes mehr – in der globalen Erkenntnis wurzeln. Durch die Musik kann ich sie ausdrücken, weil sie in der Musik enthalten sind.“ Faszinierend naive Worte, faszinierend vor allem, wenn man in Betracht zieht, daß sie im Grunde von Friedrich Schillers Gnaden stammen, jenem Humanisten, der weiland die sehnsüchtig angeschaute Harmonie und Einheit des Menschen mit der Natur als „naiv“ bezeichnete. Möglich, daß dies eben auch einen Teil jener Faszination begründet, den Hélène Grimaud auslöst, wenn sie am Flügel sitzt. Man sollte es sich einmal anhören. Und dabei nicht zu sehr auf ihre Augen schauen.
Jürgen Otten
Jürgen Otten lebt in Berlin, ist als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Magazine und das „DeutschlandRadio“ tätig und schreibt u. a. Programmhefte für die Berliner Philharmoniker.
Wednesday, 6. April 2005
Wiener Symphoniker
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Thursday, 7. April 2005
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