
Pianistenhände, so will es die Legende, sollen zart und langgliedrig sein. Also so etwa wie jene von Frédéric Chopin oder Vladimir Horowitz. Doch gibt man Arcadi Volodos die Hand, greift man in einen Berg aus Muskeln und Fleisch. Wenn diese eher kurzen Finger dann aber in aberwitziger Geschwindigkeit über die Tasten jagen und diese so zart und elegant antippen, als würde eine Schar junger Ballett-Elevinnen über die Tastatur trippeln, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Welt ist voller Zeichen und Wunder.
1972 in St. Petersburg geboren, gilt Arcadi Volodos heute als Synonym für akrobatische Klavierkunst und Hochgeschwindigkeitsrekorde. So unfair es wäre, ihn auf die gewissermaßen sportliche Dimension seiner Kunst zu reduzieren (zu seinen musikalischen Meriten später), so erstaunlich ist es auch, wie – und wie spät – er den Weg zum Klavier gefunden hat. Denn will man seinen Aussagen glauben schenken, so begann er erst mit 16 Jahren ernsthaft zu üben.
Untertreibungen sind ja in der Klavierwelt keine Neuigkeit. Friedrich Gulda behauptete, er habe nur im Alter zwischen 14 und 16 wirklich geübt. Und von Arthur Rubinstein ist überliefert, daß er sich erst nach seinem 50. Geburtstag mit den technischen Grundlagen seiner Kunst näher befaßte und seine ohnehin stupende Technik aufpolierte.
Lob der Einsamkeit
Volodos, der Sohn eines Sängerehepaares, spielte also bis in die Pubertät das Klavier nur zur Unterstützung seines Dirigierstudiums. Daß er Sänger werden wollte, wie in vielen Biographien zu lesen ist, verneint er übrigens strikt: „Ich wurde gezwungen zu singen, ich haßte es zu singen. Ich war bis zum 16. Lebensjahr auf einer furchtbaren Chorschule in St. Petersburg, die an sich gut war, aber nicht für mich. Es interessierte mich einfach nicht.“
Erst sein Dirigierprofessor brachte ihn auf den Gedanken, das Klavier zu seiner Profession zu machen. Er begann eine Ausbildung am Moskauer Konservatorium bei Galina Egiazarowa, setzte die Studien in Paris und Madrid beim legendären Dimitri Bashkirov fort. Man kann davon ausgehen, daß Volodos zu diesem Zeitpunkt schon über beachtliche Fähigkeiten auch im Partiturspiel verfügte, und auch sein voluminöser, ja orchestraler Klang scheint von seinem Dirigierstudium beeinflußt.
„Ich liebte das Instrument“, sagt Volodos: „So einfach ist das. Die Einsamkeit des Pianisten macht mir nicht zu schaffen. Ich liebe es, meinen Tag selbst zu strukturieren. Ich könnte auch nicht Chefdirigent sein. Die haben so viele Verwaltungsaufgaben. Das hasse ich. Zudem braucht man sehr viel Energie, um andere zu motivieren. Ich möchte nicht Energien an andere weitergeben müssen. Ich liebe die Unabhängigkeit.“
Atemberaubend virtuos
Für Volodos kommt es darauf an, welchen Zugang man zur Musik hat: „Ich habe nie Skalen geübt und habe für meine Technik schlechte Noten bekommen. Entscheidend ist das Zuhören, nicht das Spielen. Man muß alles in Betracht ziehen. Das Dirigieren und auch eigene Kompositionsversuche waren für meine Entwicklung wichtig. Wenn sie ein Stück ansehen, müssen sie eine Klangvorstellung entwickeln und diese dann auf die Tasten übertragen. Das ist alles.“
Wenn dem tatsächlich so sein sollte, dann muß man Volodos zugestehen, daß er sehr gut zugehört hat. Denn als er Mitte zwanzig die Konzertpodien eroberte, ohne jemals an einem Wettbewerb teilgenommen zu haben, präsentierte er sich mit seiner Version von Horowitz’ „Carmen-Variationen“: ungestüm, klanglich delikat und atemberaubend virtuos.
Zur Faszination kam, daß Volodos rein äußerlich kaum viel Aufhebens um seine Hochseilakte macht. Er spielt zumeist bequem angelehnt an die Stuhllehne (Volodos ist so gut wie nie auf einem „normalen“ Klavierschemel zu erleben) und wirkt eher so, als würde er in seinem Studierzimmer loslegen. Die auf Wirkung abzielende große Geste ist ihm jedenfalls fremd.
100 Meter in 10 Sekunden
Nun ist die Bewunderung für diese Art von „rhythmischer Sportgymnastik“, wie Spötter bemerkten, eine Sache. Die durchdringende Auseinandersetzung mit der großen Literatur aber eine andere. Der Vorwurf, ein Blender zu sein, ließ so auch nicht lange auf sich warten, denn Volodos absolvierte seine ersten Tourneen mit einem Programm, das eher auf seine mirakulöse Fingerfertigkeit setzte als auf die gesicherten musikalischen Werte der Klassik und Romantik. Darunter waren Volodos’ aberwitzig virtuose Versionen von ohnehin als unspielbar geltenden Horowitz-Bearbeitungen. Auch seine erste CD erregte durch die Literatur Aufsehen. Sie bestand ausschließlich aus effektbedachten Klaviertranskriptionen. „Viele der Werke, die ich einspielt habe, sind noch nie aufgenommen worden“, erklärte er dazu. Gewaltig viele Noten jedenfalls.
Doch würde man einem Sprinter vorwerfen, die 100 Meter in 10 Sekunden zu laufen? Wer so eine Leistung erbringt, ist definitiv kein Blender. Über den Laufstil kann man sich streiten, aber die Leistung ist evident. Man soll diese Runde gerne an Volodos gehen lassen.
Veränderte Heimat
Volodos schien den Legitimationsdruck irgendwie gespürt zu haben, denn er schwenkte bald um zu Schubert und versuchte gerade in der Unaufgeregtheit seiner Interpretation sein Glück. So, als wolle er seine Virtuosität hinter den Noten verstecken, hielt er sich geradezu sklavisch an alle notierten Vorgaben und blieb – damals noch – den schmerzlich-rätselhaften, ja den sprituellen Schubert schuldig. Überzeugender geriet seine Auseinandersetzung mit der russischen Literatur, vor allem Skrjabin und Rachmaninow. Dessen Preludes gelingen ihm klangschön, voll emotionaler Wärme, und sie bleiben auch den typischen Sehnsuchtston nicht schuldig.
Vielleicht bringen sie Volodos auch einen Teil seiner Biographie zurück ins Gedächtnis. Denn wenn er heute in seine Heimatstadt zurückkehrt, findet er alles stark verändert vor. Damals wuchs er im kommunistischen System auf, wenn auch schon gelockert: „Alles war ein Kollektiv, es gab viele Pflichten, zu viele Pflichten. Es ging alles sehr diszipliniert zu. Eines Tages bat man uns zu sagen, wer nicht in den Komsomol, den kommunistischen Jugendverband, eintreten wollte. Ich habe zusammen mit zwei, drei anderen von insgesamt dreihundert Jugendlichen die Hand erhoben. Es gab überhaupt kein Problem, sich zu verweigern. Zu meiner Zeit war alles flexibler geworden, weniger gefährlich und weniger repressiv als Jahrzehnte zuvor. Heute ist das ein ganz anderes Land. Es hat sich soviel verändert. All meine Musikfreunde sind aus Rußland ausgewandert; wenn ich jetzt zurückkehren würde, hätte ich keine Freunde mehr. Meine Mutter lebt noch in St. Petersburg, aber die Mentalität hat sich dort so verändert. Ich bin dort ein Ausländer.“
Kompletter Pianist
Mittlerweile ist Volodos regelmäßiger Gast an den ersten Adressen der Musikwelt. Die großen Schlachtrösser des virtuosen Repertoires, also die Klavierkonzerte von Tschaikowskij und Rachmaninow, liegen in überzeugenden Einspielungen mit den besten Orchestern und Dirigenten vor. Und auch die einst geäußerten Vorbehalte der geistlosen Perfektion sind, wenn überhaupt, nur noch leise zu vernehmen.
War dies alles nun Ergebnis der vielgepriesenen russischen Klavierschule? Für Volodos ist dieser Begriff sehr relativ: „Die wirklich großen russischen Pianisten waren frei von jeglicher Klavierschul-Ausrichtung. Wenn man bedenkt, wie Richter oder Gilels Schubert oder Schumann gespielt haben – das ist keine russische Schule mehr, das ist sehr individuell, ja international. Alle großen Pianisten waren immer internatonal geprägt, nehmen sie Alfred Cortot oder Walter Gieseking. Was die Beeinflussung angeht: Ich habe die Aufnahmen dieser Pianisten gehört und aufgenommen, ohne daran zu denken, welcher Schule sie angehören.“
Auf die Frage, welche Komponisten ihm am nächsten sind, fallen erstaunlicherweise auch die Namen Mozart, Scarlatti und Clementi. Und nachdem neuerdings auch die eine oder andere Beethoven-Sonate in seinen Programmen auftaucht (studiert hatte er sie alle schon längst, aber sie öffentlich noch nicht zu spielen gewagt), kann man davon ausgehen, als was sich Volodos der wachsenden Fan-Gemeinde künftig präsentieren wird: als kompletter Pianist.
Wolfgang Schaufler
Wolfgang Schaufler ist Fachreferent für Neue Musik am mica – music information center austria.
Wednesday, 8. March 2006
Arcadi Volodos
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