
Das Ereignis liegt mehr als ein gutes Jahrzehnt zurück. Und doch leuchtet es noch heute sternenhell in der Erinnerung. Man schreibt das Jahr 1992. Es ist Sommer, Festivalzeit in Finnlands Hauptstadt. Erneut sind zahlreiche renommierte Künstler anwesend; das Festival-Flair lockt sie an. Auch einer der bedeutenden zeitgenössischen Pianisten hat die Reise nach Helsinki angetreten. Und nun, an diesem Abend in der Finlandia-Halle, hebt sich der imaginäre Vorhang für ihn – für Grigory Sokolov.
Sokolov ist gekommen, um Schubert zu spielen. Nur Schubert. Und sonst nichts. Doch welch grandiosen Werke stehen auf dem Programm! In der ersten Hälfte des Konzerts spielt Sokolov die Phantasie-Sonate in G-Dur, Deutsch-Verzeichnis 894, jenes mit Wolkenflug, Tanzsaal, Grabesstimmung und Heurigen-Heiterkeit vergleichbare unglaubliche Stück Musik, ohne das die Trias der letzten drei Sonaten nie vollständig denkbar wäre. Und dann, in der zweiten Hälfte, ergründet Sokolov eine eben dieser drei „großen“ Sonaten, den Geniestreich in B-Dur, D 960.
Auf den Flügeln des Geistes
Es ist ein ätherischer Gesang auf den Flügeln des Geistes. Die Welt steht still, alles um den Flügel herum verneigt sich ehrfurchtsvoll. Was dieser von der Aura des Verklärten umgebene Pianist in die Tasten zaubert und meißelt, hämmert und streichelt und singt, das benimmt selbst abgeklärten Schubertianern den Atem. Sokolov gelingt es, und es gelingt ihm in beiden Sonaten, eine Atmosphäre zu kreieren, die den Hörer aus der Realität hinauszerrt, hinaus ins Licht. Es ist, soviel Pathos sei erlaubt, das Licht der Erkenntnis. Einmal die Erkenntnis von der Genialität der (musikalischen) Schöpfung. Dessen Schöpfer, Franz Schubert, steht da wie ein Monument, bewundert und bestaunt von seinem Nachschöpfer, von Grigory Sokolov.
Heiliger Ernst
Sokolov, der Magier. Dessen füllige Gestalt beileibe nicht wie die eines Magiers wirkt, wenn er die Bühne betritt. Sokolov schlurft. Er schlendert. Wie Igor Schukov. Oder wie Pogorelich. Was dann durchaus süffisante Kommentare zeitigt: Es gab einmal einen professionellen Verehrer, der hat ihm attestiert, sein Erscheinen auf dem Konzertpodium am Abend des Recitals sei von einer oberkellnerhaften Harmlosigkeit. Ganz abgesehen davon, daß dieses Bild in sich nicht zu einhundert Prozent stimmig ist (denn wer wollte ernsthaft behaupten, die Oberkellner dieser Welt seien allesamt harmlos?), so haftet dieser augenzwinkernden Skizzierung des Menschen und Künstlers Grigory Sokolov doch etwas sehr Wahrhaftiges an. Darin einigen anderen russischen Tasten-Individualisten gleich, Mikhail Pletnev oder auch Valery Afanassiev, legt Sokolov auf seine Außendarstellung so wenig Wert wie eine Dame, die ihre Maniküre vor dem Opernbesuch achtlos versäumt. Ihm geht es einzig um eines: um die Kunst.
Sokolov hat nie damit kokettiert, mit diesem Kunstwillen. Es ist ihm heiliger Ernst. Seine Interpretationen beweisen es. Nicht nur, aber doch besonders im Falle Schuberts, zu dem ihn eine besondere Seelenverwandtschaft immer wieder hinzieht. Schubert und Sokolov, sie sind, als Komponist und Interpret (und mit einiger Phantasie), die Dioskuren der Kunst, deren einziges Ziel darin besteht, die Welt vor Einfältigkeit, vor Proporz und Profit, kurzum: vor der Banalität des Alltäglichen zu schützen und die Kunst an und für sich zu retten. Retten aber kann nur derjenige, der die Realität auszublenden weiß. Schubert konnte dies, wenn er komponierte. Sokolov, wenn er spielt.
Bildhauer und Baumeister
Er sinkt dann, nicht allein bei Schubert, förmlich ein in das Gewebe der Musik. Und je dichter dieses Dickicht aus Tönen und Klängen ist, umso wohler scheint sich der Russe zu fühlen. Deswegen der wundervolle Schubert, deswegen die gleichsam geschichtsphilosophische Humanität, die Sokolov bei Beethoven entdeckt, zumal in den letzten Sonaten, deswegen sein phantasiereich durchleuchteter Chopin, deswegen sein klangsensualistischer Skrjabin.
Und auch bei Brahms ist das so, etwa in den vier Balladen op. 10, jenen ingeniösen und gleichermaßen tiefgründigen Klangbildern des jungen norddeutschen Komponisten: Sokolov lotet sie derart gründlich, dabei differenziert und detailliert aus, als sei er hinabgestiegen in Brahmsens Seele. Und noch etwas: Wenn Sokolov Brahms spielt, dann gleicht das, ähnlich wie bei Schubert, dem Wirken eines Bildhauers und Baumeisters in Personalunion. Sokolov stemmt das von Brahms konzipierte Kunstwerk als ein Denkmal mit stets ungewöhnlichen Ausmaßen und reichem Innenleben förmlich in die Welt hinein. Und verschwindet währenddessen, man weiß gar nicht genau, wie seine Entmaterialisation vor sich geht, im Irgendwo.
Der Freue Götterfunken
Es ist schwer, das phänomenologisch zu beschreiben. Aber eines ließe sich, sehr frei nach einem Diktum Alfred Brendels, über die Genialität der Interpretationen des Grigory Sokolov immerhin symbolisch sagen: Der Interpret steht an dem ihm von der Musikgeschichte zugewiesenen Platz. Er steht vor dem Werk und in der gleichen Sekunde dahinter. Er wohnt in dem Werk, und er lehnt an dessen Außenmauer. Das gelingt, in dieser Kombination, nur ganz wenigen. Und grenzt ein wenig an Hexerei.
Ja, so sind sie, die (russischen) Magier. Nur Auserwählte wissen, wie ihre Tricks funktionieren. Sokolov selbst könnte, wenn er denn wollte, Auskunft geben. Doch er führt ein äußerst zurückgezogenes Leben. Interviews mit ihm zu führen, das ist ein bißchen so, als würde man versuchen, Juri Gagarin heute noch im Weltraum aufzustöbern. Darin übrigens gleicht Sokolov vielen Landsleuten. Was Künstler wie etwa Pletjnev, Afanassiev, Kissin, Lugansky und eben auch Grigori Sokolov eint, ist die Abneigung, ihre Kunst mit Worten zu erläutern oder gar zu girlandieren. Sie mögen es einfach nicht. Die dahinterstehende Botschaft ist eindeutig: Freunde, nicht diese Fragen: Höret unser Klavierspiel, und Ihr werdet der Freude Götterfunken stieben sehen!
Charisma des Augenblicks
Sokolov, dessen Laufbahn ihren Anfang 1966 nahm, als er in Moskau den renommierten Tschaikowskij-Wettbewerb gewann, gilt deswegen manchen als ein Sonderling – was ihm nicht gerecht und ihn nicht sonderlich stören wird. Er vertritt lediglich eine gleichermaßen solitäre wie gültig-schlüssige künstlerische Position, kurz: Er hat eine Haltung.
Diese impliziert, daß Sokolov fast ausnahmslos Live-Aufnahmen macht. Das Charisma des Augenblicks ist ihm bedeutsamer als die Perfektion des Studios (apropos Perfektion: Falsche Töne hört man bei ihm so gut wie nie; die russische Schule hinterläßt auch hier ihre Spuren). Und wie beim legendären Horowitz, so ist es eben diese Atmosphäre, die sich wie von Zauberhand vom Konzertsaal auf die Platte überträgt. Sitzt man daheim vor dem CD-Spieler und hört Sokolovs Spiel zu, dauert es nur wenige Minuten, und schon wähnt man sich im Konzertsaal, den schwarzglänzenden Flügel in Sichtweite, wie eingesunken in den Kosmos von Sokolovs Darbietung.
Kein Wunder, nur Magie
Die Wiener Musikliebenden wissen das. Sokolov ist seit Jahrzehnten ein immer wieder gern gesehener Gast in der Stadt. Seine Konzerte im Musikverein zählen jedes Mal zu den absoluten Höhepunkten der Saison. Und wenn man so will, hilft, um das Phänomen „Ein Abend mit Grigory Sokolov im Konzertsaal“ zu skizzieren, wieder eine bildliche Vorstellung: Denn der Besuch eines Klavierabends mit Sokolov gleicht, nicht nur in Wien, auch andernorts, ein wenig dem Besuch eines Tempels.
Man geht hinein in diesen Tempel, gibt an der Garderobe alles ab, was das Leben einem zuvor zugemutet hat, und sinkt zu Boden im Angesicht dieser hinreißenden, mitreißenden Tat, die da geschieht. Ein Wunder ist es übrigens nicht. Einfach nur Magie. Und die hat mit Wundern, das wissen wir, wenig gemein.
Jürgen Otten
Jürgen Otten lebt in Berlin, ist als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Magazine und das „DeutschlandRadio“ tätig und schreibt u. a. Programmhefte für die Berliner Philharmoniker.
Dienstag, 1. März 2005
Elisabeth Leonskaja
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