

Ironisch notierte Ernst Krenek anläßlich seines achtzigsten Geburtstags: "Ich habe zu Protokoll gegeben, daß ich amerikanischer Staatsbürger bin. Das macht mich noch nicht zu einem amerikanischen Komponisten. Sollte man mich einen tschechischen Komponisten nennen, der in Wien zur Welt kam und in Amerika arbeitet? Das würde zum mindesten die Tschechen sehr wundern ... Aber ich hatte die Genugtuung, von der lokalen Morgenzeitung als ‚Palm Springs composer' begrüßt zu werden. Immerhin schon etwas."
Gleich hier muß man einwenden: Kaum ein anderer österreichischer Komponist (als den man ihn bezeichnen darf und muß) hat an Österreich als (mitunter Leiden stiftende) Realität und mehr noch als Idee mehr Anteil genommen als Ernst Krenek. Wiewohl ihm Amerika zur zweiten Heimat geworden ist, ließ er letztlich niemals Zweifel daran, als was er sich fühlte: "Mein Vater war Offizier in der k. u. k. österreichisch-ungarischen Armee und als solcher seit den neunziger Jahren in Wien stationiert. Ich betrachte mich daher als Altösterreicher, einer der rasch abnehmenden Anzahl von Menschen, die das alte Reich noch mit Bewußtsein erlebt haben, und als Wiener zweiter Generation." Seine Liebe zu Österreich erlosch nie, sie manifestierte sich selbst noch in einer auf dem Schreibtisch in Palm Springs flatternden österreichischen Fahne aus Papier.
Die Wieder-Eingemeindung als österreichischer Komponist erfolgte spät, aber immerhin - anders als etwa bei Arnold Schönberg - noch zu Lebzeiten. Der bereits nach dem Krieg von Viktor Matejka, dem Wiener Stadtrat für Volksbildung, ausgesprochenen Einladung zur Rückkehr folgte Krenek allerdings nicht. Gleich Schönberg hätte er sich damals auch kaum den Flug leisten können.
Aufführungen seiner Werke, Ehrungen und Ehrenbürgerschaft, Festivitäten konnten einen Makel, eine versäumte Bringschuld der Stadt Wien und namentlich der Staatsoper nicht wettmachen: Die einst aus politischem Opportunismus selbst von den vermeintlichen Protagonisten hintertriebene Aufführung von "Karl V.", Kreneks 1933 fertiggestellter großer fünfaktiger Oper, die die universalistische österreichische Reichsidee propagiert, ist man dem Komponisten weitere fünfzig Jahre schuldig geblieben. Erst nach der endlich nachgeholten Erstaufführung im Oktober 1984 an der Wiener Staatsoper konnte Ernst Krenek sich in seiner Geburtsstadt zumindest temporär wieder "daheim" fühlen. Wien hatte ihm im Mödlinger Schönberg-Haus eine Wohnung zur Verfügung gestellt, die er bis zu seinem Tod fast jedes Jahr für einige Wochen bezog, und der Komponist hatte seinen umfangreichen Nachlaß der Wiener Stadt- und Landesbibliothek vermacht. Nach seinem Tod am 22. Dezember 1991 in Palm Springs wurde Ernst Krenek im Jänner 1992 in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt.
Krenek ging - wie man zu sagen pflegt - mit dem Jahrhundert. Geboren am 23. August 1900 als einziger Sohn eines ganz und gar nicht militaristisch gesinnten österreichischen Offiziers tschechischer Abstammung, der dessen literarische und musikalische Begabung in jeder Weise förderte, genoß er in Wien eine humanistische Schulbildung. Sein 242 Opera (davon 20 Opern) umfassendes Œuvre spiegelt in seiner Vielschichtigkeit die Musikgeschichte dieses Jahrhunderts. Der "mühelos Komponierende", der seinem ersten Lehrer Franz Schreker 1920 nach Berlin folgte, begann als junger "Atonaler" mit expressiven frühen Symphonien und ersten szenischen Werken ("Die Zwingburg" - Libretto von Franz Werfel, "Orpheus und Eurydike" - Libretto von Oskar Kokoschka), wurde von Ferruccio Busoni, dem Dirigenten Hermann Scherchen, den Pianisten Mario Erdmann und Arthur Schnabel gefördert, lebte dank dem Mäzenat eines vermögenden und kunstsinnigen Geschäftsmannes 1923-25 an verschiedenen Orten in der Schweiz und verbrachte zwischendurch auch einige Zeit in Paris, wo er von Milhaud und Strawinsky beeinflußt wurde. Anna Mahler, Almas Tochter, war in diesen Jahren seine erste Ehefrau.
Als Assistent von Paul Bekker sammelte er in Kassel und Wiesbaden Theatererfahrungen und feierte 1927 mit der auf populäre Jazzelemente zurückgreifenden Oper "Jonny spielt auf" rauschende internationale Erfolge. In Wien spielte man das Sensationsstück zu Silvester 1927 in der Staatsoper sogar anstelle der traditionellen "Fledermaus"-Vorstellung. Mit Ruhm (und Tantiemen) überschüttet, wurde Krenek, immer suchender Zweifler, seines äußeren Erfolgs nicht glücklich. Er vermied es, seine Karriere durch entsprechende gesellschaftliche Präsenz zu festigen, und außerdem kränkte ihn, daß die "richtigen Leute" (der Kreis um Schönberg, Berg und Webern) seine entschiedene Rückkehr zur Tonalität geringschätzten.
Dennoch folgten - Krenek lebte ab 1928 wieder in Wien - noch weitere Kompositionen im (von Krenek selbst so bezeichneten) "neoromantischen" Idiom, darunter die Bühnenwerke "Leben des Orest" und "Kehraus um St. Stephan" und der von Schubert inspirierte Liederzyklus "Reisebuch aus den österreichischen Alpen", eine Liebeserklärung an Österreich, die Krenek einen Platz unter den bedeutendsten Liederkomponisten des 20. Jahrhunderts sichert. Dann erst folgte mit "Karl V." die Hinwendung zur Zwölftontechnik, die auch mit gewichtiger theoretischer Reflexion einherging, wovon Vorträge ("Über neue Musik", 1937) oder die Briefwechsel mit Theodor W. Adorno und dem Herausgeber der "Frankfurter Zeitung", Friedrich Gubler, zeugen. Ab 1929 wurde Krenek auch entschiedener Parteigänger von Karl Kraus.
Mit Alban Berg und Willi Reich gründete er die Musikzeitschrift "23", betätigte sich - nach der Hintertreibung der Aufführung der Oper "Karl V." - zunehmend journalistisch und literarisch und suchte sich mit aufgeklärteren Exponenten des katholischen Ständestaates - vergeblich - gegen den Nationalsozialismus zu verbünden. Eine Amerika-Reise mit einer Salzburger Operntruppe im Jahre 1937 stellte die Probefahrt zu seiner endgültigen Emigration nach Amerika dar. 1938 noch einmal kurz in Europa, wagte Krenek es nicht mehr, der Prager Uraufführung von "Karl V." beizuwohnen. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen war ihm als "entarteter" Komponist einer "Negeroper" eine Rückkehr nach Wien schon gar nicht mehr möglich.
In Amerika erhielt Krenek zunächst eine Professur am Vassar College in Poughkeepsie bei New York, von 1942 bis 1947 war er dann als Professor und Dekan an der Universität von St. Paul/Minnesota tätig, zog daraufhin nach Los Angeles und lebte schließlich ab 1966 in Palm Springs/Kalifornien. 1945 wurde ihm die amerikanische Staatsbürgerschaft zugesprochen, ab 1950 begann er wieder mit regelmäßigen Konzert- und Vortragsreisen nach Europa. Bis 1952 schrieb er an seinen "Memoirs" von über tausend Seiten Umfang, die unter dem Titel "Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die Moderne" jüngst in deutscher Sprache erschienen sind - ein autobiographisches Panorama der mitteleuropäischen Moderne vom Fin de siècle bis knapp vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, das wie die Rekonstruktion einer "verlorenen Zeit" anmutet. Eine Würdigung von Ernst Krenek wäre nicht vollständig, verwiese man nicht auf insgesamt 700 literarische Arbeiten (vierzehn seiner Opernlibretti und die meisten Texte zu seinen Vokalwerken schrieb er darüber hinaus selbst).
Umfangreiche Auseinandersetzungen mit dem Serialismus (1950-70), mit Aleatorik, mit elektronischer Musik und faktisch allen stilistischen Spielarten der modernen Musik prägten Kreneks musikalische Produktionen in der amerikanischen Emigration. Wenn sich auch in jedem einzelnen Werk unterschiedliche Stil-Adaptionen mischen konnten, diese Adaptionen einmal streng und analytisch angewandt wurden, ein anderes Mal durchaus ironisch gebrochen daherkommen, so verbindet alle Werke Kreneks doch immer ein unverkennbarer Individualstil, gezeichnet von Wendigkeit, Intellektualität, Stringenz und Gefühlstiefe. Autobiographisches, manchmal gesteigert zum Bekenntnishaften, floß in viele seiner Kompositionen ein, besonders noch einmal in Spätwerke wie "Spätlese", "Feiertagskantate" und "The Dissembler".
An bedeutenden Meisterwerken der Emigration sind im mindesten die 1942 entstandene A-cappella-Musik der "Lamentatio Jeremiae Prophetae" zu nennen (zu hören heuer übrigens im Rahmen des Wiener "Osterklangs"), die hochentwickelte Dodekaphonie mit der mittelalterlichen Kompositionstechnik von Jan Ockeghem amalgamierte, weiters die dreiaktige Oper "Pallas Athene weint" (1952/53) und die seriell ausgetüftelten "Sestina" (1957). Bedeutsam sind auch Kreneks Symphonien und die acht Streichquartette.
Als bühnenwirksame Publikumserfolge erwiesen sich in jüngerer Zeit auch Ausgrabungen von Kammeropern wie "What Price Confidence" (1945), "Die Zwingburg" (1922), "Das geheime Königreich" (1928) und "The Bell Tower" (1955), die in Wien von freien Operngruppen auf die Bühne gebracht wurden. Eine Renaissance der großen Krenek-Opern in den etablierten Opernhäusern im 100. Geburtsjahr haben diese Bemühungen allerdings nicht gezeitigt. Für 2002 bereitet die Wiener Staatsoper immerhin eine Neuproduktion von "Jonny spielt auf" vor.
Im Musikverein ist im Rahmen des "Kontrapunkte"-Zyklus 1999/2000 Musik von Ernst Krenek mehrfach prominent vertreten. Am 6. März ist im Brahms-Saal Christine Whittlesey Interpretin zweier bedeutsamer Beispiele von Kreneks Liedschaffen. "O Lacrymosa" (op.48a) sind Vertonungen dreier Gedichte von Rainer Maria Rilke, die dieser Krenek eigens zu diesem Zweck zugeeignet hatte (Krenek begegnete Rilke über Vermittlung des gemeinsamen Mäzens Werner Reinhart 1924 in dessen Domizil in den Schweizer Alpen). "Durch die Nacht" (op.67a), an Rang und Ausdruckskraft dem "Reisebuch" im mindesten ebenbürtig, sind sieben hochexpressive Vertonungen der "Worte in Versen" von Karl Kraus, entstanden 1930/31. Der Opern-Einakter "Der Diktator" (8. Mai, Brahms-Saal) wurde unmittelbar nach Fertigstellung von "Jonny spielt auf" für Wiesbaden geschrieben - an dem Persönlichkeitsbild eines Diktators interessierte Krenek dessen Fähigkeit, seine persönliche Umwelt zu beherrschen. Am 29. Mai schließlich erklingt eine Fantasie aus den zündendsten Melodien von "Jonny spielt auf".
Heinz Rögl
Dr. Heinz Rögl ist Sozialwissenschaftler und Musikpublizist und arbeitet als Musikkritiker u. a. für die "Salzburger Nachrichten" in Wien.
Montag, 6. März 2000
Ensemble Kontrapunkte
Programm