

Ein Amerikaner in Wien: George Gershwin steht am 25. Februar im Mittelpunkt eines Konzerts des RSO Wien. Gershwins 70. Todestag im Jahr 2007 mag ein Anlaß für eine solche Hommage sein. Doch Gründe, Gershwin zu spielen, gibt es in Hülle und Fülle – auch in Wien. Hanspeter Krellmann portraitiert den Komponisten und notiert, wen der Amerikaner in Wien getroffen hat.
Jakob Gershwin, den alle immer George genannt haben, wurde am 26. September 1898 in New York als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren. Er starb mit 38 Jahren nach einer Gehirnoperation am 11. Juli 1937 in Hollywood. Er war hochberühmt zu seinen Lebzeiten und ist bis heute unvergessen. Als Musiker wurde er zur Stimme Amerikas und ist es trotz ernstzunehmender Konkurrenten wie seinen Zeitgenossen Irving Berlin oder Jerome Kern, die er bewunderte, geblieben. Er war ein nichtintellektueller Musiker, ein stets fröhlich-schwereloser und höchst präsenter Schlagerkomponist.
Ist es das? Kann man das so von ihm sagen?
Transatlantische Berühmtheit
Am 11. März 1928 reisten die Brüder George und Ira Gershwin mit ihrer Schwester Frances an Bord eines Ozeanliners nach Europa. London und Paris waren fest eingeplante Anlauf-Stationen. Von Paris aus machten sie einen Abstecher nach Berlin, und am 27. April erreichten sie Wien. Der hohe Bekanntheitsgrad der Gershwins ging von George aus, obwohl auch Ira als Schriftsteller, Librettist und Songtextwriter einen Namen erlangt hatte, allerdings hauptsächlich im amerikanischen Broadway-Geschäft. George hingegen verkörperte die Berühmtheit an sich. Sie hatte sich ab 1924 in Windeseile eingestellt, als seine „Rhapsody in Blue“ in New York uraufgeführt worden war. Das hatte einen durchschlagenden und bald nicht mehr nur auf Amerika eingeschränkten Erfolg nach sich gezogen: London und Paris folgten bald mit Aufführungen. Nur in Deutschland ist das Werk erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal gespielt worden.
Widmung von Alban Berg
Der Name Gershwin wurde seit der „Rhapsody“ auf beiden Seiten des Ozeans in den Zirkeln sowohl der leichten wie auch der schwereren Muse spartenübergreifend gehandelt. Auf seiner Europa-Reise kam es zu Begegnungen mit der komponierenden, aber auch der gesellschaftlichen Prominenz jener Jahre allüberall: in Paris mit Ravel, Poulenc, Milhaud, Strawinsky, Prokofjew, Tansman, Ibert; in Berlin mit Kurt Weill und Franz Lehár; in Wien mit der greisen Witwe von Johann Strauß, mit Emmerich Kálmán und – mit Alban Berg. Dessen „Lyrische Suite“ hörte Gershwin, vom Kolisch-Quartett in einer Wiener Privataufführung gespielt, und wahrscheinlich hat sich im Gegenzug Berg, der eine Schwäche für leichte Musik hatte, von dem rasanten Pianisten Gershwin dessen Songs vorspielen lassen. Die Sympathie beider zueinander beruhte auf Gegenseitigkeit: Berg verehrte dem jungen Kollegen ein signiertes Exemplar seiner „Lyrischen Suite“.
Der Schlagerkomponist Gershwin nahm also – so läßt es sich sagen – einen Sonderstatus im Musikleben ein. Wie war es dazu gekommen?
Ein Klavier für George
Eine Musikerkarriere war dem jungen Mann an der Wiege nicht verheißen worden, sie ergab sich aus Zufällen. George wuchs freizügig in kleinbürgerlichen und bis zu einem gewissen Grad chaotischen Verhältnissen auf. Er war ein Kind der Straße, rauflustig, schlecht in der Schule, ungebildet, aber instinktgesteuert, wie man erleben sollte. Bei seinem Vater mangelte es an Autorität, so daß bald der ältere Bruder Ira, der Bildungsbeflissene, den Haushaltungsvorstand übernehmen mußte.
Der zufällige Weg des Jungen George zur Musik erfolgte ebenfalls über die Straße. Rubinsteins „Melodie in F“ und Dvo®áks „Humoreske“ spielten dabei eine Rolle. Das eine hörte er aus einem Musikautomaten an der Straße, das andere übte ein fast gleichaltriger Nachbarsjunge bei offenem Fenster auf der Geige. Auf dem Klavier eines befreundeten Haushaltes klimperte sich George ab jetzt Melodien zurecht. Dann schaffte Georges Mutter überraschend ein Klavier an – nicht aus musikalischem Interesse, sondern weil sich das ihrer Meinung nach für eine Familie von einigem Standesbewußtsein gehörte.
Damit war George, inzwischen zwölf, gerettet: das Klavier gehörte sozusagen ihm. Er erhielt sogar geregelten Unterricht durch unterschiedlich kompetente Lehrer. Der für ihn beste wurde der gesuchte Pädagoge Charles Hambitzer, der dem 14jährigen eine perfekte Klaviertechnik beibrachte, ihn erfolgreich zu einer soliden klassischen Ausbildung drängte und dabei seine Neigung zur Unterhaltungsmusik ignorierte. Bei Hambitzer habe er gelernt, so bekannte Gershwin später, richtig und intensiv zu hören.
Schlagerkomponist, Melodienerfinder
Von dieser Basis aus operierte George Gershwin, zunächst als Schlagerkomponist. Diese oft pejorativ verstandene Bezeichnung für eine weniger hochkarätige musikalische Beschäftigungspraxis läßt sich weniger trivial, aber ebenso zutreffend und dazu aufwertend als Melodienerfinder bezeichnen.
Ziel der entstehenden Songs war deren Aufführung in geeigneten Foren und ihre wünschenswerte Einbindung in umfassendere musikalisch-formale Zusammenhänge. Dafür boten sich Musical Comedies an, also Shows operettenhaften Charakters – in europäischen Kategorien gesehen. Bei Gershwins Songs klappte das eine wie das andere nach und nach, was für die Qualität seiner Songs sprach. Wie die funktionieren mußten, um allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken, hatte er bei einem Musikverlag gelernt als sogenannter Song Plugger – eine Art Repetitor, der eingereichte Schlager vom Blatt herunter vor Juroren ausprobieren mußte.
Geniestreich dank Trickkiste
Gershwin komponierte ab 1913 eigene Songs, 1919 landete er mit „Swanee“ seinen ersten und für immer bleibenden Erfolg. Diesen Titel, einen von mehreren hunderten aus seiner Produktion, kennt man bis heute. Ab jetzt rechnete man in der aktuellen New Yorker Broadway-Szene mit diesem 21jährigen Komponisten, seine leichte wie geniale Erfindungsgabe war erkannt. Außerdem spielte er blendend Klavier, freilich immer nur seine eigene Sachen. In Gesellschaften wurde er später zum geliebten Mittelpunkt, übrigens auch zum Liebling der Frauen.
Es spricht für das richtige Gespür Paul Whitemans, der 1919 ein Tanzorchester gegründet hatte und später nicht gerade zutreffend als „king of jazz“ tituliert wurde, daß er den 25jährigen Gershwin zu etwas Größerem als der Song-Schreiberei für fähig hielt und ihm vorschlug, ein ausgeweitetes Konzertstück für ihn zu komponieren. Gershwin wich seinem Ansinnen lange aus. Da ergriff Whiteman Zuflucht zu einem Trick. Anfang Januar 1924 ließ er in der „New York Tribune“ für den 12. Februar einen Abend unter dem programmatischen Titel „Was ist amerikanische Musik?“ mit einem Jazzkonzert von George Gershwin ankündigen. Trotz anderweitiger Verpflichtungen machte sich George nun ehrgeizig an die Arbeit und vollendete am 25. Januar seine „Rhapsody in Blue“.
Schlager, Symphonik, Oper
In dem Konzert mit einem von illustren Persönlichkeiten wie Rachmaninow, Heifetz, Kreisler, Mengelberg, Stokowsky, Godowsky durchsetzten Publikum erwiesen sich von 23 Programmnummern 22 als bedeutungslos. Nur Gershwins „Rhapsody“ mit ihm selbst am Flügel schlug gewaltig durch …
Es ist bekannt, wie es für Gershwin weiterging. Er bediente einerseits seinen alten Schlagerstrang und machte mal ausgezeichnete, mal auch weniger gut angenommene Musical Comedies, gern mit seinem Bruder Ira, der ein untrügliches Gespür vor allem für die „lyrics“, die gesungenen Liedtexte, hatte.
Dann aber setzte sich auch der symphonische Strang fort. Es folgten das „Concerto in F“ für Klavier und Orchester, der vielleicht als eine symphonische Dichtung zu bezeichnende „American in Paris“, die „Second Rhapsody“ für Klavier und Orchester, die „Cuban Overture“ für Orchester, die Variationen für Klavier und Orchester über Gershwins eigenen Song „I Got Rhythm“ und endlich die Volksoper „Porgy and Bess“. Von diesen Werken erlangten einige größte und anhaltende Popularität, ohne je Verschleißspuren aufzuweisen. Andere blieben bis heute in deren Schatten. Das läßt allerdings nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf eine mindere kompositorische Qualität zu, nur weil sie nicht im verklärenden Strahlenglanz einer durchgängigen Schwerelosigkeit vor uns erstehen.
Leichte Muse, ernste Absichten
Gershwin war musikbesessen, lebenshungrig, freundschafts- und gesellschaftsfähig, egozentrisch, eitel, offen, großzügig, familienbezogen, liebedürftig und immer auch kindlichen Gemütes. Dazu gehörte, daß er die Carnegie Hall und die Metropolitan Opera in New York als Symbole der persönlichen Anerkennung als Komponist ersehnte. Als er diese Musikstätten mit seiner „Rhapsody in Blue“ und seiner Oper „Porgy and Bess“ erreicht hatte, fühlte er sich am Ziel seiner geheimen Wünsche.
Seltsam mutet an, daß er seine Erfolge auf dem Gebiet der sogenannten seriösen Musik nicht aus eigenem Antrieb fortsetzte. Sergej Prokofjew redete Gershwin bei ihrem Pariser Zusammentreffen 1928 ins Gewissen, er solle sich vom leichten Leben abwenden zugunsten ernsthafterer Kompositionsarbeit. Das hat den dreißigjährigen erfolgsverwöhnten Broadway-Günstling gewiß nicht unbeeindruckt gelassen. Gegenüber Jacques Ibert räumte er Wissensdefizite ein und bekräftigte seine feste Absicht, etwas Seriöses schreiben zu wollen. Seriös sei für ihn, wie er auf Nachfrage Iberts angab, Bach mit seinem Kontrapunkt.
Gershwin hat sich diesem Gebiet nicht zugewandt, sich über derartig ihm Abgewandtes in Lernprozessen aber immer kundig gemacht. So wollte er Unterricht nehmen bei Ravel und bei Nadja Boulanger, die ihn beide aus guten Gründen als Schüler ablehnten. Denn Gershwin war ganz er selbst auf seinem ureigenen Territorium – dem der Melodiebildung und der Fähigkeit, sich die erfundenen Melodien für Abwandlungs- und Erweiterungsprozesse verfügbar zu machen.
Schubert-Talent am Broadway
Man kann es wenden, wie man will: Immer führt der Weg bei George Gershwin zurück zum Schlager, den man ebenso gut Song und vor allem auch Lied nennen kann. Über die Begabung, Lieder zu erfinden und weiterzuentwickeln, verfügte er so selbstverständlich wie Mozart und Schubert. Wobei die Qualität seiner Lieder im Vergleich zu anderen Komponisten des Broadway singulär ist dank der Kongruenz von Melodieverlauf und der Form, in die sie eingebettet ist, dank der rhythmischen Griffigkeit ihrer Durchgestaltung, dank ihrer harmonischen Abstützung und deren modulatorischer Fortbewegung.
Gershwins Musik, gleich welcher genrehaften Bestimmung, verdankt sich stets melodischer Keimzellen und ihrer liedhaften Entwicklung. So ist es nicht nur legitim, sondern notwendig, seine Musik in ihrer Breite zu berücksichtigen, also seine Lieder als kleine, in sich rundgeschliffene Elemente neben die ausgearbeiteten Opernnummern, Ouvertüren-Arrangements und die Konzertstücke zu stellen. Bei Gershwin ist aus allem Unterhaltungsmusik geworden. Das meint: unterhaltsame Musik. Und dagegen ist nichts einzuwenden.
Hanspeter Krellmann
Der Musikwissenschaftler Dr. Hanspeter Krellmann, 1935 geboren, war Chefdramaturg der Bayerischen Staatsoper und schrieb – neben anderen Büchern – auch eine Monographie über George Gershwin.
Sonntag, 25. Februar 2007
RSO Wien
Programm