
Mozarts Tod lag mehr als zwanzig Jahre zurück, als die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet wurde. Dennoch gibt es seit 1812, dem Gründungsjahr des Musikvereins, eine höchst lebendige, intensive und vielfältige Beziehung zu Wolfgang Amadeus Mozart, die nie abgerissen ist.
Im Musikverein ist Mozart rund 200 Jahre lang Zeitgenosse geblieben. Eine Dokumentation von Otto Biba.
„Mich erfreuet wirklich, daß Euer Wohlgeboren meinen Bruder persönlich gekannt haben, und er Ihnen frohe Stunden gemacht hat“, lesen wir in einem Brief von Mozarts Schwester Maria Anna („Nannerl“) an Joseph Sonnleithner, der vor etlicher Zeit der Gesellschaft der Musikfreunde zum Kauf angeboten war, nicht erworben wurde und sich heute in Schweizer Privatbesitz befindet.
Joseph Sonnleithner war der Gründer und erste Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde, die 21 Jahre nach Mozarts Tod, 1812, ins Leben trat. Kann es denn Beziehungen zwischen ihr und dem 1791 verstorbenen Komponisten geben? Direkte natürlich nicht, aber doch etliche indirekte.
Frohe Stunden mit M.
Zum ersten muß man wissen, daß es in Wien schon vor 1812 Bemühungen gegeben hat, eine Institution wie die Gesellschaft der Musikfreunde zu gründen, also eine Gesellschaft, in der Künstler und Publikum vereinigt werden, deren Mitglieder ausübende Musiker und Zuhörer sind, eine Gesellschaft, die Konzerte veranstaltet, in denen ein Teil der Mitglieder auftreten und der andere Teil der Mitglieder zuhören kann, die sich aber auch wissenschaftlich mit der Musik beschäftigt.
Alle dieser Vorgängerorganisationen der Gesellschaft der Musikfreunde sind an finanziellen Problemen gescheitert, die ältesten wurden 1782 und 1785 gegründet. Beide bestanden nur kurz. Der Gründer dieser ersten Gesellschaft im Jahr 1782, in der wir einen kurzlebigen Vorgänger der Gesellschaft der Musikfreunde sehen müssen, war Philipp Jakob Martin, ein Freund Mozarts, der 1783 sogar stellvertretender Taufpate für Mozarts erstes Kind war.
Auch Joseph Sonnleitner, der aus all den Fehlern dieser Vorgängerorganisationen gelernt hatte und deshalb 1812 die bis heute bestehende Gesellschaft der Musikfreunde erfolgreich gründen konnte, zählte zu Mozarts Freundeskreis. Über die frohen Stunden, die Sonnleithner mit Mozart verbracht hat und die seine Schwester in dem eingangs erwähnten Brief angesprochen hat , besitzen wir keine näheren Informationen, aber es muß eine gute Beziehung zweier fröhlicher, aber auch tiefsinniger Menschen gewesen sein.
Treffliches Portrait
Das war auch Grund für Sonnleithner, Mozart in der neu gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde einen gebührenden Platz zu geben. Zuerst sorgte er dafür, daß Mozart in der von ihm angelegten und erst gedanklich, dann wirklich für die Gesellschaft bestimmten Portraitgalerie in bestmöglicher Weise präsent ist. Als er Nannerl Mozart bat, eines der in ihrem Besitz befindlichen Ölbilder Mozarts für diese Portraitgalerie kopieren lassen zu dürfen, riet sie Sonnleithner davon ab, weil nach ihrer Meinung keines dieser Portraits wirklich gut sei.
Sie erklärte sich bereit, einen Maler zu beraten, was von welchem Bild zu übernehmen und was zu korrigieren sei. So sandte Sonnleithner die namhafte Portraitmalerin Barbara Krafft nach Salzburg, die unter Anleitung von Mozarts Schwester nach den vorhandenen Portraits Mozarts ein neues malte, von dem Nannerl Mozart erklärte, dieses sei ihrem Bruder am ähnlichsten und daher das beste aller existierenden Bilder Mozarts. Es ist heute – neben anderen Portraits Mozarts, aber auch Bildern vieler seiner wichtigen Zeitgenossen – ein besonderer Höhepunkt in Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Mozart und Salieri
Dort gibt es auch Briefe Mozarts und Musikhandschriften Mozarts, darunter solche zu seinen berühmtesten Werken wie der g-Moll-Symphonie (KV 550) und dem d-Moll-Klavierkonzert (KV 466), aber auch zahlreiche weniger berühmte, aber nicht weniger wichtige Werke, ferner Skizzen, Entwürfe und Fragmente, die uns zeigen, wie Mozart gearbeitet hat, welche Werke er komponieren wollte, aber aus welchen Gründen auch immer nicht fertiggestellt hat.
Stolz sind wir auch auf den einzigen Klavierauszug, den er komplett selbst geschrieben hat (während er sonst die Klavierauszüge immer andere anfertigen ließ) – zu der 1789 nachträglich für „Le nozze di Figaro“ komponierten Arie der Susanna „Un moto di gioia“, geschrieben von Mozart für die Wiener Bankiersfamilie Henikstein, mit der er gut bekannt war. Diese war auch unter den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft der Musikfreunde im Jahr 1812. Überhaupt finden wir unter den 507 Gründern zahlreiche Namen von Personen, die mit dem 21 Jahre davor verstorbenen Mozart in Kontakt gestanden sind, mit ihm bekannt oder befreundet waren oder mit ihm zusammengearbeitet haben. Der berühmteste ist sicher Antonio Salieri, der an der Gründung und am Aufbau der Gesellschaft der Musikfreunde engagiert mitgearbeitet hat.
Berühmte Mozart-Sammler
Erwähnen muß man auch, daß der erste Kaiserliche Protektor der Gesellschaft der Musikfreunde Erzherzog Rudolph von Österreich (1788–1831) war, der Bruder von Kaiser Leopold II. Mit den verschiedenen Krönungszeremonien zum Regierungsantritt Leopold II. in den Jahren 1790 und 1791 stehen zwei Klavierkonzerte Mozarts, die „Krönungsmesse“ und die Oper „Titus“ in Zusammenhang. Erzherzog Rudolph hat Erstausgaben und Handschriften Mozartscher Werke gesammelt, die mit seiner ganzen Musikaliensammlung in das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gekommen sind.
Zwei andere für Mozart wichtige private Musikaliensammlungen, die nach dem Tod ihrer Besitzer in das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde gelangt sind, waren jene von Ludwig Ritter von Köchel (1800–1877) und von Johannes Brahms. Brahms hat Mozart mit wissenschaftlicher Akribie gesammelt und auch Werke von Mozart in der ersten Mozart-Gesamtausgabe publiziert. Köchel hat Erstausgaben und spätere Drucke Mozartscher Werke gesammelt und damals noch nicht publizierte Werke abgeschrieben oder abschreiben lassen, um sein Mozart-Werkverzeichnis publizieren zu können, das 1862 erschien und heute noch als „Köchel-Verzeichnis“ jedem vertraut ist, der den Namen Mozart nur nennt.
Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde befindet sich auch Köchels Manuskript seines Mozart-Verzeichnisses, das er dem Verlag für die Drucklegung übergeben hatte: ein etwa 20 cm hoher Stoß Papier, in kleiner sauberer Schrift vollgeschrieben mit Text und Notenbeispielen. Man empfindet große Ehrfurcht vor dieser Leistung, in einer Zeit entstanden, in der man noch keine Schreibmaschine, keinen Computer, keine Kopiergeräte hatte, man mit Tinte und Feder bei Kerzen oder Öllicht schrieb und dennoch ein Buch verfassen konnte, das bis heute Gültigkeit hat und auf der ganzen Welt immer im Zusammenhang mit Mozart genannt wird. Betrachtet man diese Druckvorlage, so erkennt man auch, daß Köchel 60 oder 70 Jahre nach Mozarts Tod immer noch unter denselben technischen Voraussetzungen geschrieben hat wie Mozart selbst.
Hort der Mozart-Forschung
Vor Köchel hat schon Aloys Fuchs (1799–1853) gearbeitet, durch lange Jahre ausübendes Mitglied und einer der damals noch – wie alle Funktionäre unserer Gesellschaft – unbesoldeten Mitarbeiter in unserem Archiv. Er galt unter den Zeitgenossen als größter Experte für Musikhandschriften. Echtheitsbestätigungen von ihm für Mozart-Autographe haben heute noch Gewicht.
Wir besitzen solche von ihm, aber auch noch von Mozarts Freund Maximilian Stadler (1748–1833), der gemeinsam mit der Witwe Constanze Mozarts Nachlaß geordnet hatte. Besonders berührend ist auch die Bemerkung des 1779 geborenen vielseitigen Musikers und Theaterkapellmeisters Franz Roser auf einem Musikautograph Mozarts, daß ihm dieses vom Komponisten vierzehn Tage vor seinem Tod zum Geschenk gemacht worden sei; später hat es Roser selbst unserem Archiv als Geschenk überlassen.
Der erste hauptamtlich angestellte Archivdirektor unserer Gesellschaft, Gustav Nottebohm (1817–1882), war ein Mozart-Forscher von Rang, dessen Arbeiten auch heute noch benützt und zitiert werden. Dasselbe gilt für Nottebohms zweiten Nachfolger Eusebius Mandyczewski (1857–1929).
Mozart junior
auf dem Musikvereinsparkett
Köchel war auch 1843 bis 1849 Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde. Unter den ersten Präsidenten und Vizepräsidenten der Gesellschaft finden wir den Fürsten Lobkowitz (1813) sowie die Grafen Appony (1814) und Dietrichstein (1815), die noch bei Mozart dessen Bearbeitungen von Oratorien Georg Friedrich Händels in Auftrag gegeben und ihn dafür hoch bezahlt hatten. Mozarts Schüler Nikolaus Zmeskal (1759–1833), später auch ein Freund Beethovens, war von 1813 bis 1825 Direktionsmitglied unserer Gesellschaft.
Nicht zu vergessen ist auch, daß Mozarts Sohn Franz Xaver, genannt Wolfgang Amadeus Mozart Sohn (1791–1844), mit der Gesellschaft in gutem Kontakt gestanden ist, ja sogar die von ihr veranstalteten Bälle gerne besucht hat. Wir besitzen auch ein Mozart-Autograph, das vom Sohn seiner fast lebenslangen Freundin Julie von Cavalcabó geschenkt worden war, von dieser an Clara Schumann ging, die es wieder Johannes Brahms schenkte, von dem es endlich in unser Archiv gelangte.
Vitale Denkmalpflege
Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde findet man auch wichtiges Material zu Mozart-Interpretationen von Johannes Brahms oder Gustav Mahler. Das Sammeln aller Arten von Quellen zu Mozart und das Dokumentieren von Mozarts Leben und Schaffen hat hier nie ein Ende gefunden und wird hier nie ein Ende finden. Man muß stolz darauf sein, daß Zeitgenossen, Freunde, Kollegen und Verehrer Mozarts die Gesellschaft gegründet und dort viel Material über Mozart zusammengetragen haben. Das hat nachkommende Generationen verpflichtet und verpflichtet uns auch heute noch zum Sammeln für Mozart, zum Forschen über Mozart, zum Publizieren und Dokumentieren, zum Präsentieren Mozarts in Ausstellungen, aber auch zu guten Mozart-Aufführungen in den Sälen des Musikvereinsgebäudes.
In diesem Musikvereinsgebäude steht im Foyer eine Statue Mozarts, die eigentlich für das erste Mozart-Denkmal in Wien bestimmt war, das die Gesellschaft der Musikfreunde in Zusammenarbeit mit Antonio Salieri in der Karlskirche – gemeinsam mit einem Denkmal für Gluck, Haydn und Beethoven – errichten wollte. Die Idee zu diesem Projekt ist drei Jahre nach der Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde (also 24 Jahre nach Mozarts Tod) aufgetaucht, und seit 1819 hat man an der Realisierung dieses Projekts gearbeitet. Es war ungewöhnlich, weil in Kirchen üblicherweise keine Musikerdenkmäler errichtet werden. Aus verschiedenen Gründen konnte es auch nie realisiert werden. Daß man eine solche Idee gehabt hat und daß überlebende Zeitgenossen Mozarts – unter ihnen Antonio Salieri – daran gearbeitet haben, ist aber höchst bemerkenswert. Einer von vielen wichtigen Aspekten zum Thema Mozart und die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Otto Biba
Prof. Dr. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.