

Wenn Jewgenij Kissin am 11. Februar Beethovens „Les Adieux"-Sonate spielt, dann steht damit ein Werk auf dem Programm, das eine ganz besondere Beziehung zum Wiener Musikverein hat. Das Autograph liegt im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Sonate selbst aber ist Erzherzog Rudolph, dem ersten “Protektor” des Musikvereins, gewidmet. Verena Großkreutz ist der Beziehung zwischen dem Komponisten und Ihrer Kaiserlichen Hochheit nachgegangen. Szenen einer Freundschaft.
Ludwig van Beethoven war ein Hitzkopf. Sein sprunghaftes, widersprüchliches und oft grobes Verhalten machte es seinen Mitmenschen nicht leicht, Verständnis für ihn aufzubringen. Goethe etwa berichtet nach einer Begegnung mit dem Komponisten: "Er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht Unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel [d.h. verabscheuungswürdig] findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genußreicher macht." Aber Beethoven hatte selbstverständlich auch liebenswürdige Seiten und war durchaus in der Lage, konstante und lebenslange Freundschaften zu hegen und zu pflegen. Eine davon ist die zu Erzherzog Rudolph: ein Verhältnis, das stets von gegenseitiger Zuneigung und Wertschätzung geprägt war.
Erzherzog, Erzbischof und Eisenerz
Rudolph (Johann Joseph Rainer), Erzherzog von Österreich, wurde am 8. Jänner 1788 als jüngstes von 16 Kindern geboren, die aus der Ehe von Maria Ludovika mit dem späteren römisch-deutschen Kaiser Leopold II. (1790–92) hervorgingen. 1792, im Alter von vier Jahren, verlor Rudolph kurz hintereinander beide Eltern, woraufhin sein ältester Bruder Franz seine Erziehung übernahm und dem Vater als Franz II. auf den Thron folgte. Den mußte er 1806 unter dem Druck Napoleons zwar wieder verlassen, blieb aber als Franz I. bis zu seinem Tod 1835 Kaiser von Österreich.
Traditionell war Rudolph für die Militärlaufbahn bestimmt, er entschied sich jedoch bald aufgrund seiner schwachen Gesundheit – er litt unter Epilepsie und Rheumatismus – für den geistlichen Berufsweg. 1805 empfing er die niederen Weihen, wurde erst Amtsgehilfe des Erzbischofs von Olmütz, um dann 1819 nach dessen Tod selbst in dieses Amt gewählt zu werden. Rudolph blieb bis zu seinem frühen Tod Erzbischof von Olmütz. Er soll diese Position sehr liberal ausgeübt haben, wodurch er zuweilen in Konflikt mit der Amtskirche geriet. Auch engagierte er sich wirtschaftspolitisch. So legte er 1829 mit der aus seinem Privatvermögen finanzierten Gründung der Witkowitzer Eisenwerke den Grundstein zur Entwicklung der Schwerindustrie im Gebiet von Mährisch-Ostrau.
Fürstliches Sponsoring
Die eigentliche Leidenschaft des Erzherzogs aber galt der Musik. In Wien aufgewachsen, hatte er von klein auf eine umfassende musikalische Ausbildung erhalten und sich zu einem hervorragenden Pianisten entwickelt. Zuerst unterrichtet vom Hofkomponisten Anton Teyber, konnte Rudolph Ende 1803 oder Anfang 1804 Beethoven als Klavierlehrer für sich gewinnen und avancierte bald zu seinem einzigen Kompositionsschüler. Auch wenn Rudolph oftmals zu nachdrücklich auf ausgedehntem Kompositionsunterricht bestand und Beethoven sich leicht genervt Notlügen ausdenken mußte, so stand er Rudolph doch bis zu seinem Tode als Kompositionslehrer regelmäßig zur Verfügung.
Zwischen Beethoven und dem Erzherzog entwickelte sich bald ein freundschaftliches Verhältnis, und Rudolphs glühende Bewunderung für den Komponisten führte zu einer treuen Mäzenatenschaft, die ab 1809 Beethovens künstlerische Existenz auf Dauer sichern sollte. 1808 nämlich drohte Beethoven mit der Abwanderung aus Wien nach Kassel. Er hatte von Napoleons Bruder König Jérome Bonaparte das lukrative Angebot erhalten, für 600 Dukaten jährlich als Kapellmeister an den Kasseler Hof zu kommen, woraufhin sich Erzherzog Rudolph mit Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky zusammentat, um Beethoven mit einem lebenslangen "Arbeitsstipendium" von 4000 Gulden jährlich in Wien zu halten.
Im Frühjahr 1809 unterzeichneten die drei Adeligen einen so genannten "Rentenvertrag": "… so haben Unterzeichnete den Entschluß gefaßt, Herrn Ludwig van Beethoven in den Stand zu setzen, daß die nothwendigsten Bedürfnisse ihn in keine Verlegenheit bringen, und sein kraftvolles Genie hemmen sollen." Beethoven blieb in Wien. Zwar gerieten seine finanziellen Verhältnisse durch die rasante Inflation und den österreichischen Staatsbankrott von 1811 dennoch in Turbulenzen – Kinsky verstarb bereits im Jahre 1812, Lobkowitz war mehrere Jahre nicht zur Zahlung fähig und starb 1816 –, aber Rudolph paßte seine Förderung den wirtschaftlichen Verhältnissen im Lande an und unterstützte Beethoven bis zu dessen Tod im Jahre 1827.
Innige Anhänglichkeit
"Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehn!" Mit diesen ungewöhnlich warmen Worten widmete Beethoven seinem treuen Gönner eines seiner bedeutendsten Werke: Die "Missa solemnis" sollte zu den Feierlichkeiten der Inthronisation Rudolphs als Erzbischof von Olmütz am 9. März 1820 erklingen, wurde allerdings nicht pünktlich fertig. Darüber hinaus widmete Beethoven Erzherzog Rudolph weitaus mehr Kompositionen als irgend jemand anderem, darunter die Klavierkonzerte Nr. 4 und 5, die Hammerklaviersonate op. 106, das "Erzherzogtrio" und vor allem jenes Werk, das die Empfindungen dem Freund gegenüber sogar zu ihrem Programm macht: die Klaviersonate Es-Dur op. 81a ("Les adieux"). Sie entstand im Jahre 1809, als Wien zum Kriegsschauplatz der napoleonischen Kriege wurde. Österreich hatte nämlich Frankreich am 9. April 1809 den Krieg erklärt. Schon bald überschritten französische Truppen die österreichische Grenze und kamen Wien unaufhaltsam näher.
Am 4. Mai entschied sich die kaiserliche Familie, so auch Erzherzog Rudolph, Wien zu verlassen, um nach Ungarn zu fliehen. Acht Tage später hatten die Franzosen Wien erobert. Im Oktober desselben Jahres schlossen die beiden Länder Frieden, und Erzherzog Rudolph kehrte am 30. Jänner 1810 nach Wien zurück. Beethoven inspirierten diese Ereignisse zur Komposition der Klaviersonate op. 81a, deren Autograph überschrieben ist: "Das Lebe Wohl/ Wien am 4ten May 1809/ bei der Abreise S Kaiserl. Hoheit/ des Verehrten Erzherzogs/ Rudolph".
Die Sonate ist in Beethovens Schaffen ein Unikum, da sie die einzige programmatische ist. "Das Lebewohl", "Die Abwesenheit" und "Das Wiedersehen" lauten die Überschriften der drei Sätze. Beethoven selbst nannte Opus 81a eine "charakteristische" Sonate. Nicht lautmalerische Effekte und illustrative Nacherzählung bestimmen den Verlauf, sondern die Formenwelt des klassischen Sonatenzyklus wird zum Schmelztiegel der Empfindungen und Stimmungen des in Wien verweilenden Komponisten. Ein sehr persönliches Werk, das Beethovens echte Zuneigung zu seinem Freund auf rührende Weise dokumentiert: Gefühle, wie er sie später in einem Brief vom 3. April 1820 an Rudolph auch in Worte fassen wird: "Bin ich auch kein Hofmann, so glaube ich, daß I.K.H. mich haben so kennen gelernt, daß nicht bloßes kaltes Interesse meine Sache ist, sondern wahre innige Anhänglichkeit mich allzeit an Höchstdieselben gefesselt und beseelt hat."
Instutionalisierte Leidenschaft
Rudolph selbst hat als Komponist ein kleines, aber feines Œuvre hinterlassen und zu Lebzeiten immerhin drei Werke veröffentlicht. Das erste, erschienen im Jahre 1819, trägt bezeichnenderweise den Titel: "Aufgabe von Ludwig van Beethoven gedichtet, Vierzig Mahl verändert und ihrem Verfasser gewidmet von seinem Schüler R.E.H. op. 1"
Konsequenterweise erhielt Rudolph bald die Möglichkeit, seine Musikleidenschaft und die Vorteile seiner kaiserlichen Familienbande in einem Amt zu verschmelzen: Im Oktober 1814 übernahm er als "Protektor" (mit Erlaubnis seines Bruders Franz I.) die Schutzherrschaft über die "Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates" (heute "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien"), die Ende 1812 als Verein von adeligen und bürgerlichen Musikliebhabern gegründet worden war, um das Musikleben mit innovativen Formen nachhaltig zu fördern. Rudolph wurde auf diese Weise zum vermittelnden Organ zwischen dem Monarchen und der Gesellschaft der Musikfreunde. In seinem Testament vom 9. Oktober 1827 vermachte er ihr darüber hinaus seine umfangreiche und wertvolle Musikbibliothek, die unter anderem eine kalligraphierte Sammlung von Beethovens Werken enthält.
Erzherzog Rudolph starb am 23. Juli 1831 während eines Kuraufenthaltes in Baden bei Wien im Alter von 43 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung.
Verena Großkreutz
Verena Großkreutz ist Musikwissenschaftlerin und lebt als freie Autorin in Stuttgart.
Samstag, 11. Februar 2006
Jewgenij Kissin
Programm