

Es gibt Pianisten, sie sind nicht zu verachten, deren Kunst in hohem Maß aus der Arbeit am Instrument erwächst. Sie kennen die Musik, doch erst die Realitäten von Anschlag und Dynamik, von Phrasierung und Pedal scheinen sie im Innersten zu bewegen. Sie wissen, daß es gerade darauf ankommt: auf ein Handwerk der Nuancen und Falten, ohne dessen Regie die Werke niemals zu sich selbst gelangten. Gewiß, auch Alfred Brendel, der überragende Gestalter, pflegt ein inniges Verhältnis zu solchen Bedingungen und Bedingtheiten des Metiers. Wie der Flügel klingen soll, wenn eine Sonate von Haydn zur Sprache findet, wie anders wieder zu verfahren ist, wenn Liszts poetische Landschaften mit Licht sich erfüllen: dies Nachdenken über die sinnlichen Aspekte und Perspektiven des Berufs ist ihm von Jugend an vertraut. Wir dürfen daran erinnern, daß Alfred Brendel damals, in den sechziger Jahren, nicht nur Beethoven und Schubert pflegte, sondern auch mit Strawinskys "Petruschka"-Suite oder mit Balakirews raffinierter Konzertfantasie "Islamey" faszinierte.
Kein Pianist für Pianisten
Aber Brendel ist trotz allem kein Pianist für Pianisten. Er ist vielmehr, wer wüßte es nicht, ein eminent gebildeter Musiker, der die intellektuelle Auseinandersetzung mit Komponisten, mit Stilen, mit Epochen schon seit langem verinnerlicht hat. Besäße er nicht zugleich die Seite des Humors, der Ironie und der leisen Selbstkritik, so dürfte er uns kraft seiner geistigen Kompetenz durchaus einschüchtern. Natürlich kann er wunderbar spontan agieren - im langsamen Satz einer Sonate von Mozart, in der Kadenz eines Konzerts von Beethoven, in einem Impromptu von Schubert. Dieses Vermögen zur Überraschung, zu einer leichten, improvisierten Gestik, befreit den Atem jeder großen Interpretation - und Alfred Brendel wäre der letzte, es für gering zu schätzen. Indessen soll das andere doch nicht weniger wichtig sein: die Fähigkeit zur Disposition und Architektur, die Gabe, weite Entwicklungen zu überblicken und sinnfällig Schritt für Schritt vorzustellen. Darin erweist sich Brendel als Meister. Er verknüpft die Logik des Textes mit der Souveränität seines Interpreten. Nicht zufällig ist es ein Wort von Novalis, das ihm hier das Verhältnis zwischen Freiheit und Notwendigkeit deutlich macht: das Chaos schimmert durch den Flor der Ordnung.
Das heißt, obwohl die Musik - im Sinne Nietzsches - das Dionysische anzieht und aus dem Ungestalten und Ungebärdigen nicht nur schöpft, sondern dieses auch weiterreicht - manchmal behutsamer, manchmal entschlossener -, festigt sie sich gleichzeitig in Strukturen und Formen. Und der Interpret ist der Hüter solcher Ordnungen insofern, als er sie anerkennt und innerhalb ihrer Grenzen verfährt. Nicht die "Erfindung" des musikalischen Gebildes in einem Akt der überredenden Willkür kann seine Aufgabe sein; eher ginge es um ein Wiederfinden dessen, was das Werk hinter dem Notenbild verbirgt. Wer nun aber Alfred Brendels Werdegang über die Dezennien seines Wirkens verfolgt, bemerkt eben dies: Jedes Stück unterliegt einer freundschaftlichen Prüfung, bis die - vorläufig - "richtige" Interpretation gefunden ist. Das Wort muß in Anführungsstriche gesetzt werden, denn natürlich gibt es das absolut Richtige nur als platonische Idee.
Es spielt
Allerdings ist es mit der skrupulösen Lektüre des Texts und seiner Zeichen noch lange nicht getan. Der Weg vom Gedanken zur Tat, von der Recherche im Bewußtsein zur Aufführung und Ausführung ist überraschungsreich und auch nicht immer frei von Enttäuschungen. Der Augenblick der geglückten Inspiration ist mitunter mehr und anderes, als es im Kalkül des Spielers lag - und umgekehrt wäre schließlich auch eine verfehlte Wiedergabe im "Plan" nicht vorgesehen gewesen. Es stimmt, Alfred Brendel hat sich während Jahrzehnten des Konzertierens eine Sicherheit des Nachvollzugs erworben, eine Kompetenz, die als ein starkes Fundament wider die Fährnisse dieses oder jenes Abends dient. Und dennoch geschieht es manchmal, daß - man möchte sagen: wie durch ein Wunder - plötzlich noch etwas hinzutritt. Die Musik scheint sich vom Instrument zu lösen und wie von selbst zu bewegen. Die kürzeste Formel dafür lautete: Es spielt.
Ich denke etwa an einen Salzburger Klavierabend, als Alfred Brendel den langsamen Satz von Schuberts später Sonate in A-Dur als Porträt der Selbstvergessenheit zu öffnen vermochte. Der Grundrhythmus mit seinem klagenden Gesang; dann die tastenden Accelerandi bis in die wilden Turbulenzen im Fortissimo; zuletzt die Wiederkehr des Themas, wie eine Reminiszenz aus der Ferne. Oder ich denke an die Aufführung der fünf Klavierkonzerte von Beethoven, die Brendel im vergangenen Oktober in der Zürcher Tonhalle bot. Daß Töne sprechen, Akzente klingen, Phrasen sich auffalten und Nebenstimmen kommen und gehen - das alles konnte man so hören, daß es nicht mehr "gemacht" war. Allein schon das Eingangssolo für das Klavierkonzert in G-Dur, um welches sich viele Pianisten ein Leben lang und oft vergeblich bemühen, schien materieloses Sein: gebunden und zugleich eine Spur abgesetzt, von einem behutsamen Crescendo umfaßt.
Sprechende Vielschichtigkeit
Es spielt - doch was Alfred Brendel als verantwortlicher Akteur dazu beitragen kann, leistet er allerdings mit Entschiedenheit. Er, der wache, kritische und abwägend skeptische Zeitgenosse, der es mit seinem Beruf sehr genau nimmt, kennt nicht nur die "mediale", die "andere" Seite des Gelingens als Selbstvergessenheit. Er ist auch ein überaus initiativer, selbstbewußter Interpret, der das willkürlich Zufällige wenig begrüßt. Am Anfang seiner Arbeit am Text steht die Verständigung mit dem Charakter eines Werks, und gerade im Umgang mit den Klassikern hat Brendel gelernt, daß deren Stücke sehr oft die Stimmung des reinen Klavierklangs transzendieren. Deshalb gilt es als eine Art von Quadratur des Kreises: auf der Tastatur möglichst alle Register, Farben und Sprechweisen zu treffen, welche der Musik innewohnen. Wer denn einmal gehört hat, wie Alfred Brendel etwa den langsamen Satz von Mozarts Sonate in a-Moll nach und nach ins Arioso verweist, oder wie er beim späten Beethoven die räumliche Tiefe des Streichquartetts assoziiert, oder wie er in Schuberts Wandererfantasie zu orchestraler Fülle gelangt - wer so in die Kunst eines perspektivischen, vieldimensionalen Hörens eingeweiht worden ist, vergißt die Lektion nicht mehr. Es erstaunt nicht, daß viele Sänger, Kammermusiker und Dirigenten ihren berühmten Kollegen als einen Partner schätzen, von dem immer wieder zu lernen ist.
Nichts ist einfach so, wie es scheint. Aus dieser Grundüberzeugung des geduldigen Befragens definiert Alfred Brendel seine Absichten. Sie ist, darüber hinaus, das Gegengift zu Leerlauf und Routine, zu Wiederholung und Ritual. Brendels Interpretationen - zuletzt die fabelhafte Einspielung der Klavierkonzerte in d-Moll von Mozart - verdanken ihr eine kaleidoskopische Vielfalt der Nuancierungen und Schattierungen, ohne daß "das Ganze" dabei aus dem Blick geriete. Die Attacke und das Zurückweichen, ein Gewährenlassen und das So-und-nicht-anders, die leiseste Wendung und das ausholend Zuversichtliche: Brendels Stil führt es zusammen, wenn man will mit einer gleichsam literarischen Eloquenz.
Dieser Stil der unaufdringlichen und doch gestenreichen Rhetorik ist Alfred Brendels sinnlich erfahrbare Handschrift. Der Pianist hat sie über die Jahrzehnte immer noch verfeinert, und heute darf man sagen, daß sie buchstäblich jeden Ton mitträgt. Wenn Alfred Brendel am Klavier wirkt, kann Langeweile nicht aufkommen: die Musik befindet sich in einem kontinuierlichen Gespräch - mit sich selbst, mit ihrem Gestalter und mit dem Zuhörer.
Im Spannungsfeld der Künste
Hier freilich wird auch die mittelbare Wirkkraft genannt werden dürfen, die Brendel aus der Begegnung mit anderen Künsten für sein Spiel zu ziehen versteht. Alfred Brendel ist sowohl der Literatur wie der Malerei zugewandt, schon in seiner frühen Jugend las er Musil, Hesse und Thomas Mann, faszinierten ihn die Dadaisten, begeisterte er sich für Fragen der Ästhetik. Was er daraus lernte? Eine Perspektive auf die Welt, die nicht das Absolute und Eindeutige festschreibt, sondern den Kontingenzen und Verschiebungen, den merkwürdigen Störungen und Wechselfällen unserer Lebenswirklichkeit realistischerweise Rechnung trägt. Es gibt - viel häufiger als wir es oft wahrhaben wollen - das Absurde: den Widersinn. Es gibt - viel hinterhältiger, als es die Aufklärung zugesteht - das Unvernünftige: den Trieb. Manchmal wendet sich die Kunst dagegen in der Weise des Antidots. Sie verfährt "apollinisch" und strebt nach dem Ideal. Manchmal - vor allem seit der Romantik - vertieft sie die Brüche und paktiert nun ihrerseits mit dem Fremden und der Ungemütlichkeit.
Alfred Brendel begreift solchen Dualismus auch im Ästhetischen als die Dialektik allen Seins. Im Ästhetischen allerdings hätte er den Vorteil der schöpferischen Energie. Die Romane und Erzählungen von Kafka mögen uns vor die Abgründe unserer Existenz führen, doch sind sie immer mehr als platte Spiegelbilder, nämlich Parabeln und Gleichnisse einer sprachlich kunstvollen Mehrdeutigkeit. Oder auf die Musik bezogen: In Arnold Schönbergs Klavierstücken ist die Moderne mit ihren Zerrissenheiten und ins Fragmentarische ausschlaggebenden Ambivalenzen reflektiert. Aber die Werke drücken auch eine Bewegung aus, die sich aus der Musikgeschichte herleitet und insofern autonom ist gegenüber "äußeren" Einflüssen. Schönberg, der späte Liszt, Schumann da, wo er das Trauliche verläßt - es geht plötzlich um das Spekulativ-Unbequeme, und das ist es auch, was Alfred Brendel kongenial der Musik entlockt.
Und schließlich nicht nur der Musik. Seit einigen Jahren schreibt Brendel Gedichte. Die Sprache, die er als Essayist virtuos beherrscht, ist hier das Material - ja, wofür? Für Szenen, Einfälle, Phantasien, in denen die Welt auf dem Kopf steht. Zu zeigen - nicht: zu erklären - ist, daß die menschliche Lebenswelt, wenn wir's nur recht besehen, eine niemals versiegende Quelle des Absurden und des Komischen, des Kuriosen und des Lächerlichen, der Verwirrung und der Hilflosigkeit darstellt. Deshalb treiben in Alfred Brendels freien Versen seltsame Pianisten, bedauernswerte Buddhas und kleine Teufel ihr Unwesen. Sie sind, sozusagen, unsere Stellvertreter; das "Andere" in uns, wo die Logik aussetzt und die Nacht der Träume beginnt.
Der skeptische Ironiker holt sie hervor - und läßt sie gewähren. Ist das nun destruktiv? Im Gegenteil, es ist human. Die Moral von der Geschicht' wäre nämlich, daß unser Dasein niemals restlos in unseren Absichten, mit unseren Plänen, durch unseren Willen aufgeht. Dieser Gedanke ist tröstlich, er versöhnt uns mit dem Unfaßbaren, worüber wir nicht nur trauern mögen, sondern auch lächeln dürfen. Und für das Jenseits solcher Verletzlichkeiten bleibt uns schließlich die Arietta von Beethovens Opus 111, wie sie Alfred Brendel vorträgt; als etwas, was der Zeit und der Lebenszeit enthoben ist. Wir gratulieren dem Meister zum Siebziger und verneigen uns in Dankbarkeit. Möge er weiterhin so beredt spielen, so nachdenklich dichten und so klug philosophieren.
Martin Meyer
Dr. Martin Meyer ist Leiter des Kulturressorts der "Neuen Zürcher Zeitung". Aus seinen Begnungen mit Alfred Brendel entstand auch ein Buch, das in Kürze unter dem Titel "Ausgerechnet ich. Gespräche mit Martin Meyer" erscheinen wird.
Donnerstag, 1. Februar 2001
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