
Mit Bach hat er in den achtziger Jahren seinen großen künstlerischen Durchbruch erlebt. Die zyklischen Aufführungen der Goldberg-Variationen und des Wohltemperierten Klaviers, die er mit luzider Leichtigkeit und souveräner Disposition aus dem Konzertflügel zauberte, sind Meilensteine einer historisch informierten, heutigen Bach-Interpretation. Bach ist für András Schiff auch weiterhin unverzichtbar, nicht nur als tägliches Morgengebet. Inzwischen hält er allerdings bei den Beethoven-Sonaten – und betätigt sich zudem als leidenschaftlicher Mozart-Dirigent. Ein Gespräch über Wege in der Kunst und im Leben.
Wer András Schiff auf die Schliche kommen will, muß auch in Zeiten des World Wide Web altmodisch recherchieren. Anders als die meisten anderen Künstler von Weltrang verfügt der scheue Pianist nämlich über keine eigene Website, auf der man sich detailliert informieren kann. Bei den Veranstaltern kursiert lediglich eine knappe Einheitsbiographie, und nur auf der Homepage seiner britischen Agentur findet sich eine Auflistung der aktuellen „UK Dates“ samt einem doch etwas überraschenden Hinweis: seit 2001 britischer Staatsbürger.
K. k. Künstler und Weltbürger
„Ich habe mehrere Staatsbürgerschaften, die ungarische, die österreichische und die britische, und sie sind alle eine Ehre für mich“, sagt András Schiff diplomatisch. Daß der 1953 in Budapest geborene Pianist, der seine Heimatstadt 1979 verließ, bereits 1987, noch vor der „Wende“, einen österreichischen Paß bekam, sei eine große Hilfe gewesen. „Ich war ja Flüchtling und brauchte vorher für alle meine Konzertreisen Visa.“ Die Musikstadt Wien hat für ihn ihre Attraktivität bewahrt: „Überall ist Krise, nur in Wien nicht. Ich hoffe, daß das so bleibt. Während der Fußball-Weltmeisterschaft haben die Veranstalter in ganz Europa gezittert. Aber in Wien kommen die Leute sogar ins Konzert, wenn am selben Abend ein wichtiges Match ist.“
Doch weil Schiff in der Zwischenzeit in London so viel zu tun hat, daß er dort einen Wohnsitz aufschlug, wurde der k. k. Künstler überdies zum Briten. Ein aparter Schwenk ins Weltbürgertum, der insofern nicht erstaunt, als Schiff einen wichtigen Abschnitt seiner Ausbildung bei George Malcolm absolviert hat; und ein Teil seiner Familie ist ohnehin in England ansässig.
Hort der Schönheit,
Ort des Humanismus
Schiffs Lebensmittelpunkt befindet sich allerdings schon seit langem in Florenz. „Die italienische Staatsbürgerschaft kommt aber jetzt nicht mehr dazu“, scherzt er. „Es ist einfach sehr, sehr schön in Florenz, sehr inspirierend. Das, was mich in der italienischen Kunst am meisten fasziniert, die Periode zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert, ist hier am schönsten. Zugleich ist Florenz aber keine Museumsstadt wie – leider – Venedig, wo es kein pulsierendes Leben mehr gibt. Natürlich ist es überhaupt keine moderne Stadt.
Aber es gibt eine florentinische Gesellschaft, hier wohnen Menschen, die sehr stolz auf ihre Geschichte sind.“
Angekommen am Hort der Schönheit und der (scheinbar) ungebrochenen Tradition. Das paßt exakt ins Bild des Musikers mit humanistischen Anliegen, der sich dem Idealismus, dem barocken Wechselspiel von Freiheit und Ordnung verpflichtet fühlt, dem die disparate Welt der Zweiten Wiener Schule nie wirklich vertraut wurde.
Pathologische Angst vor Stille?
In einem frühen Interview hatte András Schiff sinngemäß postuliert, daß er der „Häßlichkeit unserer Zeit“ die Schönheit der Musik entgegensetzen wolle. „Im Grunde stimmt das immer noch“, sagt er, „wobei die Häßlichkeit der Gegenwart schlimmer geworden ist.“ Nicht zuletzt die akustische Umweltverschmutzung, die allgegenwärtige Musikberieselung, der ständige Maschinenlärm, die Baustellen und der höllische Verkehr, aber auch die surrenden Klimaanlagen in allen Konzertsälen können ihn ordentlich peinigen. „Mir scheint, als ob die Menschen eine pathologische Angst vor der Stille hätten.“
Daß er mit der Exegese von Bach und Mozart, Schubert und Schumann für unsere westliche Welt auch eine Art moralischer Mission erfüllt, will er freilich relativiert wissen: „Mir ist bewußt, was für ein Pünktchen ich bin.“ Trotzdem: „Große Kunst ist nicht Unterhaltung, sondern eine erzieherische, moralische Sache. Wie Musik in diesen Crossovers verdünnt und für die Massen vermarktet wird, schreit zum Himmel. Da haben wir Interpreten eine große Verantwortung. Ich glaube fest an Qualität und Wert – und wenn das elitär ist, dann bin ich eben elitär.“
Zu schön, um wahr zu sein
Und welche Rolle spielt die Schönheit für András Schiff im Zusammenhang mit Mozarts Musik? „Ich glaube nicht, daß Mozart beim Komponieren an Schönheit gedacht hat“, sagt er. „Das ist nur ein Aspekt. Das Abgründige und die Zerrissenheit sind genauso wichtig, auch in scheinbar harmonischen Stücken. Das hat speziell Harnoncourt bewiesen. Es ist immer auch eine turbulente, verzweifelte Musik. Wenn ich heute die Interpretationen von Karl Böhm höre, die man so lang bewundert hat, denke ich: Das ist zu schön, um wahr zu sein. Deswegen ist Mozart aber auch der schwierigste Komponist: Er hat den sensibelsten Klangsinn, alles ist so phantastisch ausgehört und ausbalanciert, da darf nichts zerhackt werden. Mozart erträgt auch keine Aggressivität, im Gegensatz zu Haydn oder zu Beethoven, der sie sogar braucht.“
Persönliche Sicht
und ein ganz persönliches Ensemble
Bei der Suche nach der „goldenen Mitte“ hat Schiff viel von der Originalklangbewegung und von der Beschäftigung mit historischen Instrumenten profitiert. Daß er in Salzburg die Möglichkeit bekam, auf Mozarts Fortepiano zu spielen und eine Reihe von Aufnahmen zu machen, hat ihn in punkto Klangbild, Artikulation und Tempi sehr beeinflußt. „Die alten Dirigenten wie Bruno Walter oder Otto Klemperer hatten fast alle andere Vorstellungen von den langsamen Tempi. Die Andante-Sätze spielen sie unerträglich langsam.“
Um seine gesammelten Mozart-Erkenntnisse mitzuteilen, reichte sein Instrument irgendwann nicht mehr aus. 1999 gründete er mit einer handverlesenen Schar von Solisten und Kammermusikern sein ganz persönliches Instrumentalensemble. Anlaß war die 2005 abgeschlossene integrale Aufführung der Mozart-Klavierkonzerte bei der Salzburger Mozartwoche. Doch die kleine Truppe mit dem hintersinnigen Namen „Cappella Andrea Barca“ erwies sich darüber hinaus als beständig, profilierte sich unter anderem mit einer konzertanten Aufführung von „Così fan tutte“ im Teatro Olimpico in Vicenza und geht mit ihrem dirigierenden Solisten regelmäßig für einige Wochen im Jahr auf Reisen. Etwa zum Kunstfest Weimar, wo Schiff seit 2004 als Artist in residence fungiert, oder, wie letzten Herbst, nach New York.
Der lange Weg zu Beethoven
In Sachen Mozart scheint also alles klar. Reichlich unklar war für András Schiff hingegen lange Zeit der Weg zu Beethoven. „Das war wirklich schwierig“, seufzt er. „Ich habe die Sonaten natürlich immer gespielt, ich war aber nie zufrieden, und ich habe mit dreißig von der Waldstein-Sonate sicher keinen Ton verstanden. Heute könnte ich sterben für diese Stücke. Ich kann nicht einmal mehr sagen, daß ich Schubert lieber spiele als Beethoven. Ich glaube, es ist eher umgekehrt.“
Erst als er fünfzig wurde, kam der lange, mühevolle Annäherungsprozeß zum befreienden Ende. Daß Schiff gemeinsam mit Sandór Végh die Violinsonaten erarbeitet hatte, daß er sich überdies intensiv mit Beethovens Streichquartetten und der Missa solemnis auseinandersetzte, brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen. „Und die richtige Reihenfolge war auch wichtig für mich“, betont er: „Bach – Haydn – Mozart – Schubert – und von Schubert zu Beethoven zurück.“ Fazit: „Es gibt keinen kurzen Weg zu Beethoven. Man kann ein geborener Schubert- oder Mozart-Interpret sein, aber den geborenen Beethoven-Interpreten gibt es nicht. Es ist ein so heterogenes Œuvre und beinhaltet eine so große Evolution. Und Beethoven spricht in seiner Musik von wichtigsten existenziellen Problemen, deshalb ist er enorm wichtig für uns heute.“
Lebensthemen
Auch wenn er 2004 begonnen hat, den Beethoven-Zyklus in chronologischer Reihenfolge öffentlich aufzuführen und aufzunehmen: Die philosophische, ja metaphysische Dimensionen der Beethovenschen Musik wird András Schiff auf unbegrenzte Zeit beschäftigen und in Atem halten – gewissermaßen als Gegengewicht zum alten Johann Sebastian, mit dem die Auseinandersetzung niemals endet. „Ich studiere noch immer die zwei Testamente“, lächelt er. „Es gibt immer neue Schichten. Mit sechzig möchte ich dann vielleicht die Diabelli-Variationen und die Kunst der Fuge spielen. Und die Mozart-Klavierkonzerte möchte ich spielen, so lange ich atme.“
Monika Mertl
Monika Mertl ist freie Musikpublizistin in Wien.
Monday, 29. January 2007
Cappella Andrea Barca
Program