

2006 bedeutet nicht nur „alles Mozart“. Ein musikalischer Gigant des 20. Jahrhunderts erblickte hundertfünfzig Jahre nach dem Salzburger Genius das Licht der Welt: Dmitrij Schostakowitsch. Er war Russe und sowjetischer Komponist und beides aus Überzeugung. Dazu eine Künstlerpersönlichkeit, die in ihrer Widersprüchlichkeit und scheinbaren Gespaltenheit die Zeitgenossen verwirrte, frappierte und faszinierte, von den Politmächten bedroht, dann wieder belobigt. Zum 100. Geburtstag von Dmitrij Schostakowitsch: Versuch einer Annäherung von Edith Jachimowicz
Im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums herrschte Nervosität, nicht nur rein künstlerische wegen der für den Abend anberaumten Uraufführung. Es war ja bereits hinlänglich bekannt, daß Dmitrij Schostakowitschs 13. Symphonie „Babi Yar“ wegen des verwendeten Textes den Parteigewaltigen mißfiel. Zur vormittäglichen Generalprobe erschien wie zu erwarten ein Funktionär des Zentralkomitees. Als dieser nachher im Dirigentenzimmer dem Komponisten die hochoffizielle Beurteilung wissen ließ, fand sich zufällig ein Photograph in der Nähe.
Geistesgegenwärtig hob er die Kamera und drückte auf den Auslöser in dem Moment, als Schostakowitsch „wie ein schuldbewußter Vorzugsschüler, der sein Thema verfehlt hatte“, sich an den Kopf griff. Dieses Photo Viktor Achlomows wurde berühmt, oft reproduziert, bekam als „Porträt eines Künstlers im totalitären Interieur“ in Intellektuellen- und Künstlerkreisen beinahe Kultcharakter. Es zeigt aber noch etwas anderes: eine starke Emotion nämlich, wie sie aus Schostakowitschs Musik spricht, auf Photos aber fast nie sichtbar wird. Wer war dieser Mann mit dem meist verschlossenen Gesicht hinter immer dicker werdenden Brillengläsern?
Warten auf Lenin
Dmitrij Dmitrijewitsch Schostakowitsch, am 25. (12.) September 1906 in St. Petersburg in eine gemischt polnisch-russische Familie geboren, sollte eigentlich den Vornamen Jaroslaw erhalten. Der Priester, der die Taufe vornahm, fand das zu ausgefallen und jedenfalls unpassend, er bestand auf Dmitrij, und die Eltern gaben schließlich nach. Die Schostakowitschs gehörten dem sozialistischen Lager an, und so war es verständlich, daß in den frühesten Kompositionsversuchen des Klavierschülers Mitja das Revolutionsjahr 1917 seinen Niederschlag fand: „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“ und „Kleine Revolutionssymphonie“ etwa.
Er hatte sich auch unter die Massen gemischt, die vor dem Bahnhof Lenins Rückkehr aus dem Exil erwarteten, hatte die erste Rede des Revolutionärs mitangehört. Solche frühen Kindheitseindrücke prägten und waren zweifellos verantwortlich dafür, daß Schostakowitsch für Lenin Achtung hegte, den Sowjetstaat nach außen hin stets verteidigte und trotz der Repressalien der Stalinära und wiederholter Avancen aus dem Westen nie ans Emigrieren dachte.
Der entflohene Bräutigam
Im nachrevolutionären St. Petersburg, das inzwischen Petrograd hieß, herrschten zwar Chaos und Hunger. Andererseits war die bolschewistische Führung mit Problemen so eingedeckt, daß die Kunst noch relativ viel Freiraum hatte. Es war dies die große Zeit der sowjetischen Avantgarde in der bildenden Kunst, und musikalisch war man für neue Tendenzen aus dem Westen noch durchaus offen, besonders in Petrograd. Schönberg, Berg, Krenek, Milhaud, Bartók, Hindemith wurden neben den bereits im Ausland weilenden Russen Prokofjew und Strawinsky aufgeführt, die eigene musikalische Avantgarde begann sich für Vierteltonmusik zu begeistern.
Schostakowitsch, damals Student in den Fächern Klavier und Komposition am Petrograder/Leningrader Konservatorium, hatte Gelegenheit, alle diese Tendenzen kennenzulernen. Vor allem Alban Berg schätzte er hoch. Der Avantgarde aber schloß er sich nicht an, es lag wohl nicht in seiner Natur. Wo er experimentierte, tat er dies in kleinen Schritten. Perfektionist, der er war, wollte er keine Unvollkommenheit riskieren. Er hatte Prüfungsangst und Lampenfieber und immer wieder auch Zweifel an sich selbst.
Diese innere Unsicherheit, verbunden mit dem Ehrgeiz eines Musterschülers, manifestierte sich immer wieder im Verhalten des Menschen und des Künstlers Schostakowitsch. Zur Hochzeit mit seiner ersten Frau Nina erschien der junge Bräutigam nicht und versteckte sich mehrere Tage.
„Wenn ich über meine Musik Genugtuung empfinden würde, würde ich aufhören, Komponist zu sein.“ Aus solchen Bemerkungen spricht weniger Unzufriedenheit mit sich selbst als vielmehr der leidenschaftliche Drang, seine Kunst weiterzuentwickeln. Skrupulöse Selbstüberprüfung einerseits, eine unglaublich leichte Hand bei der Niederschrift seiner Kompositionen andererseits, stets ohne Benützung des Klaviers – bei Dmitrij Schostakowitsch schien alles polarisiert zu sein.
Musik statt Lärm
Es war der durchschlagende Erfolg seiner Ersten Symphonie, die Schostakowitsch auch jenseits der Grenzen bekannt machte. Bruno Walter, der 1926 zufällig in Leningrad dirigierte, wurde auf den zwanzigjährigen Komponisten aufmerksam gemacht. Er ließ sich von ihm dessen Symphonie am Klavier vorspielen. „Mein Eindruck von Komposition und Komponisten war stark“, berichtete er später. Bereits im folgenden Jahr dirigierte er das Werk in der Berliner Philharmonie.
Die Kunde drang rasch über den Atlantik, die Symphonie setzte in Amerika ihren Siegeszug fort. Schostakowitsch war damit ins Blickfeld der internationalen Musikwelt gerückt. Mit Spannung wurde jeder neue Wurf des genialen jungen Komponisten im In- und Ausland erwartet.
Im Sowjetstaat selbst begann sich seit Ende der zwanziger Jahre das Klima für die Kunstschaffenden immer mehr zu verschlechtern. Stalins zunehmend autoritärer Führungsstil, sein persönliches Interesse an Fragen der Kunst, vor allem der Musik, schließlich die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergej Kirow, eines engen Vertrauten, und die Berufung von Andrej Zhdanow zum Nachfolger brachten jene Bewegung ins Rollen, die als Formalismusdebatte traurige Berühmtheit erlangte.
Von den Komponisten gerieten neben Schostakowitsch auch Prokofjew, Khatschaturjan und andere weniger bekannte immer mehr ins Kreuzfeuer der offiziellen Kritik. Bedrohlich wurde die Situation für Schostakowitsch erstmals 1936, als Stalin mit Zhdanow eine Vorstellung der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ im Bolschoi-Theater besuchte. Tags darauf erschien im Parteiorgan „Prawda“ jener Killer-Artikel „Lärm statt Musik“, der eine Flut von Angriffen aus allen Richtungen auf den Komponisten auslöste. Dieser blieb zumindest innerlich unbeugsam: „Und wenn sie mir beide Hände abschneiden, so nehme ich den Bleistift zwischen die Zähne und werde weiter Musik schreiben.“
Genosse Feuerwehrmann
Schostakowitsch fürchtete Stalin, daher machte er als Künstler manchmal Kompromisse und gab öffentliche Erklärungen ab, die nicht seiner Überzeugung entsprachen. Stalins Haltung Schostakowitsch gegenüber war hingegen schwerer durchschaubar, da er sich nie öffentlich gegen ihn aussprach. Aus allem, was bekannt ist, läßt sich der Eindruck nicht verwischen, daß der Diktator den Komponisten als Künstler und als Patrioten insgeheim schätzte und andere zum Angriff vorschickte, möglicherweise um dessen Belastbarkeit auszureizen. Ungeachtet der Formalismusschelte, 1948 noch einmal in aller Heftigkeit in einer Resolution des Zentralkomitees zum Ausdruck gebracht, war der weltberühmte Komponist als Aushängeschild für die sowjetische Propaganda viel zu wertvoll. Das hatte sich schon während der Kriegsjahre gezeigt.
Als Nazi-Deutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, meldete sich Schostakowitsch, Patriot wie er war, zur Roten Armee, um das Vaterland zu verteidigen. Dreimal wurde er wegen Untauglichkeit abgewiesen, vor allem aber, weil man das Leben derart wichtiger Künstler nicht riskieren wollte. Er aber ließ nicht locker, so wurde er schließlich der Brandwache der Leningrader Luftabwehr zugeteilt. Das Photo mit Schostakowitsch im Schutzanzug und Feuerwehrhelm ging durch die Weltpresse und zierte sogar die Titelseite des „Time“-Magazins.
Trügerisches Tauwetter
Das politische und kulturelle Tauwetter unter Chruschtschow brachte zwar spürbare Erleichterungen, ein konfliktfreies Leben gab es danach trotzdem nicht. Unter massivem Druck mußte Schostakowitsch 1960 der Kommunistischen Partei beitreten, für ihn innerlich ein schwerer Schlag. Seine 12. Symphonie widmete er im Jahr darauf dem XXII. Parteikongreß der KPDSU, und Experten spekulierten im nachhinein, ob es Absicht war, daß sie zu den schwächsten Werken des Komponisten zählt …
Aber dann, welch ein Kontrast, sogleich die 13. Symphonie „Babi Yar“ auf Gedichte des damals umstrittenen jungen Poeten Jewgenij Jewtuschenko! Die Uraufführung fand trotz massiver Behinderungen statt. Kirill Kondraschin hatte den Mut, sie zu dirigieren, nachdem Jewgenij Mrawinskij, seit Schostakowitschs Fünfter Symphonie treuer Weggefährte des Komponisten, es abgelehnt hatte. Damit zerbrach eine Freundschaft und künstlerische Partnerschaft, die ein Vierteljahrhundert gewährt hatte.
Schließlich 1966 Schostakowitschs 60. Geburtstag mit jeder Menge Ehrungen, Auszeichnungen, einer Fernsehdokumentation und der Aufnahme in den Obersten Sowjet der UDSSR. Orden, Medaillen, Preise und hohe Ämter hatte er auch schon vorher, auch während der Stalinära erhalten, gar nicht zu reden von den zahlreichen ausländischen Auszeichnungen. Auch Österreich hatte daran Anteil: Schostakowitsch war Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens sowie der Mozart-Medaille der Wiener Mozartgesellschaft. 1958 wurde er zum Präsidenten der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft gewählt.
Amplitude des Lebens
Der erste Herzinfarkt kurz nach den Geburtstagsfeierlichkeiten warf den gesundheitlich schon vorher Angeschlagenen aufs Krankenlager. Das ihm noch verbleibende knappe Jahrzehnt lebte er als schwerkranker Mann, da schließlich auch noch Lungenkrebs hinzukam. In seinen ganz privaten Vorlieben war Schostakowitsch eben ein echter Russe: Er rauchte stark und liebte Hochprozentiges. Seinem eisernen Willen ist es zuzuschreiben, daß er trotz der schweren körperlichen Gebrechen noch eine Fülle von Werken schuf, darunter immerhin noch zwei weitere Symphonien, Kammermusik, Liederzyklen.
Die Versuche, Dmitrij Schostakowitschs Musiksprache zu analysieren und zu bewerten, sind Legion und müssen doch stets vor einem ungeklärten Rest haltmachen. Mstislaw Rostropowitsch, seit jeher leidenschaftlicher Anwalt des Musikers und Menschen Schostakowitsch, hat es einmal so formuliert: „Die Musik Schostakowitschs – das sind wir, unser bis ans Ende nicht völlig erfaßtes Leben. In dieser Musik steckt die ganze weite Amplitude unseres Lebens, Enttäuschung, tragische Situationen aber auch Heiteres, Helles, stolze Hoffnungen. Schostakowitschs Kunst ist im höchsten Maße menschlich.“
Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Publizistin und Regieassistentin in Moskau.
Mittwoch, 11. Jänner 2006
Wiener Symphoniker
Programm
Freitag, 13. Jänner 2006
Wiener Symphoniker
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