
„Ein Abend für Leonard Bernstein“ steht am 28. Jänner 2005 auf dem Programm: Studenten der Musikuniversität präsentieren im Gläsernen Saal / Magna Auditorium die Bernstein-Oper „Trouble in Tahiti“, danach gibt es einen Film über die Aufnahmen zur „West Side Story“ zu sehen. Leonard Bernstein, multimedial.
„Trouble in Tahiti“ – das klingt exotisch. Doch wer in Leonard Bernsteins Kurzoper eine Art Südseezauber erwartet, liegt falsch. Ein auswegloses Ehedrama ist es, das Bernstein hier gedichtet und vertont hat: Sam, der Ehemann widmet sich neben seiner Karriere und dem Sport vor allem seiner Sekretärin, seine Frau Dinah sucht in Psychotherapie, Mode und Hollywood-Schnulzen ihr Heil. Sie können nicht miteinander, aber offensichtlich auch nicht ohne einander – so könnte man den Plot von Bernsteins Oper kurz umreißen. Im Magna Auditorium wird das Werk in einer Produktion von Studenten der Musikuniversität zu sehen sein. „Bernstein bricht mit dem Stück aus der klassischen Dramaturgie aus. Es sind Fetzen, die er da hingeworfen hat, Szenen aus dem Tagesablauf eines Ehepaares. Es war gar nicht leicht, da eine Linie zu finden“, sagt Richard Schmetterer, der das Stück für den Musikverein inszeniert hat. Der 22jährige hat Musiktheaterregie an der Universität für Musik und darstellende Kunst studiert, „Trouble in Tahiti“ war sein Diplomstück. Die zwei Hauptrollen hat er mit Kommilitonen besetzt: „Musica Iuventutis“-Nachwuchstalent Eva Maria Riedl singt die Dinah, Martin Achrainer den Sam. Dirigieren wird Marton Terts.
American Dream
Die Verstrickung von Sam und Dinahs Leben stellt der Jung-Regisseur auf ganz eigene Weise dar: „Eigentlich treten Sam und Dinah nur in zweieinhalb Szenen gemeinsam auf. Ich wollte aber, daß beide während der ganzen Oper präsent sind, und so habe ich mich entschlossen, jedem eine eigene Bühne zu geben. In Szenen, in denen nach dem Libretto nur Sam spielt, kann man also auch Dinah auf ihrer Bühne beobachten. Und die gemeinsamen Szenen habe ich so gestaltet, daß jeder auf seiner Bühne bleibt und dort mit dem fiktiven Anderen spricht.“ Die Verbindung zwischen den beiden Welten schafft in Schmetterers Inszenierung das omnipräsente Gesangstrio. „Das Leben ist so schön, wir haben ein tolles Haus“ werden Verena Gunz, Leo Adalsteinson und Florian Ehrlinger – alle drei Studienkollegen von Schmetterer – den zwei Protagonisten einflüstern und dabei von der einen Bühne zur anderen wechseln.
Das Trio verkörpert den American Dream – „niemals aufhören zu lächeln“ steht in der Partituranweisung. Schmetterer: „Ich denke, da fließt ein wenig von Bernsteins Autobiographie ein. Auch ihm war es sehr wichtig, welches Bild er nach außen abgibt.“ Schmetterer spielt damit auf die Zerrissenheit des Komponisten an. Bernsteins Familienleben galt immer als vorbildlich. Der Komponist mußte dafür jedoch seine Homosexualität unterdrücken (was ihm nicht gelang) und später zumindest geheim halten (was ihm ebenfalls nicht gelang). Auch mit anhaltenden Beziehungskrisen hatte Bernstein seine Erfahrungen. „In ,Trouble in Tahiti‘ hat Bernstein wahrscheinlich die Ehe seiner Eltern aufgearbeitet – als Kind hat er unter den Streitereien sehr gelitten.“
Nicht gut, nicht böse
Ist es Schmetterer schwer gefallen, sich in die Charaktere hineinzufühlen? „Das Schwierigste in der Entwicklung der Personen war die Entscheidung: Wie gut oder wie böse mache ich sie? Beide sind keine durch und durch schlechten Charaktere – nur ihr Zusammenleben erweist sich als unheilvoll. Beide machen Grenzerfahrungen, sind nahe daran, auszubrechen, doch sie schaffen es nicht. Die Situation ist unbefriedigend, aber sie ist nicht so negativ wie etwa bei Fassbinder. Es kommt immer wieder das Herz der beiden hervor.“ Ein Happy-End à la Rosamund Pilcher gibt es bei Bernstein jedoch nicht – auch wenn Sam und Dinah in der letzten Szene die Entscheidung treffen, daß sie zusammenbleiben. Denn im Grunde wissen sie miteinander nichts mehr anzufangen, sie paralysieren einander nur gegenseitig. Das einzige was ihnen zum Schluß noch einfällt, ist, ins Kino zu gehen. Sie sehen „Trouble in Tahiti“, eine Südseeschnulze, und betäuben sich mit den schönen Bildern.
Auch die Musik bietet keine Auflösung der Situation. Schmetterer: „Die Musik will bei Bernstein nichts erklären. Es ist Musik, die von der amerikanischen Unterhaltungsmusik abstammt, sie ist sehr abwechslungsreich. Melancholische Arien wechseln mit Jazz-Sequenzen ab, auch ein Radio-Jingle wird parodiert.“
Lenny im Großformat
„Trouble in Tahiti“ war Bernsteins erste Oper, er hat sie 1952 fertiggestellt und später als dritten Akt in „A Quiet Place“ übernommen. Schmetterer hat das Setting in die 60er Jahre verlegt: „Bühnenbild und Kostüme hat Eva Weinmann, eine Studentin der ,Angewandten‘, entworfen. Wir haben uns entschlossen, das Ehepaar in die 60er Jahre zu versetzen – und so die Enge der Gesellschaft in den Vordergrund zu stellen.“
Eine andere musikdramatische Arbeit von Bernstein – und zwar seine bekannteste – ist tatsächlich in den 60er-Jahren entstanden: die „West Side Story“. Der Dokumentarfilm „Leonard Bernstein conducts West Side Story. The Making of the Recording“ wird nach der knapp einstündigen Opernaufführung im Magna Auditorium zu sehen sein. Auf einer sechs mal sechs Meter großen Videowall: Bernstein überlebensgroß, sozusagen.
Daniela Tomasovsky
MMag. Daniela Tomasovsky ist Musikkritikerin der „Presse" in Wien.
Friday, 28. January 2005
Ein Abend für Leonard Bernstein
Program