
"Markus Schirmer ist so gewandt, humorvoll und einfallsreich, daß jeder Flügel ihn vom Fleck weg heiratet, wenn er nicht aufpaßt", schrieb die Basler Zeitung. Stimmt aber nur bedingt. Denn erstens ist der Paradepianist schon fix vergeben. Und zweitens will sich der 40jährige nicht binden: Mit Seitensprüngen Richtung Kurdistan, Soul oder Starmania ist der Grazer der Klassik immer wieder untreu. Nun kommt er mit seinem schillernden Projekt „Scurdia“ in den Zyklus „capriccio“.
Michael Tschida hat den pianistischen Tausendsassa zum Gespräch getroffen.
Sie haben einmal gesagt, Sie wollen nie mehr als 50 Konzerte pro Jahr geben. Hält dieser Plafond, den Sie sich eingezogen haben, eigentlich auch noch mit wachsendem Ruhm?
Oh ja. Man muß selektieren und sich auf seine Stärken und Vorlieben konzentrieren. Und ab einem gewissen Alter lernt man auch, nein zu sagen. Ich will nur Dinge angehen, die Freude machen, Spannendes versprechen, bei denen es mich kitzelt.
Was kitzelt Sie denn gerade?
Kammermusik. Mit dem deutsche Gaede-Trio habe ich Mozart-Klavierquartette aufgenommen und diese 2003 auch bei der "styriarte" aufgeführt. Man lernt enorm viel beim Kammermusik-Spielen, das ist einfach die Königsdisziplin. Ich bräuchte fünf Leben, um alles Solistische und Kammermusikalische aufzuführen.
Jetzt haben Sie aber nur eines und gehen auch noch mit Crossover fremd.
Das mache ich nicht um jeden Preis, nur um hip zu sein. Ich habe immer schon gern improvisiert. Vor acht Jahren hat mich der kurdische Lautenist Risgar Koshnaw in Graz zu einer Session eingeladen. Ich hatte ja keine Ahnung vom Orientalischen, aber wir haben einfach schräg drauf los gespielt.
Danach haben wir die Gruppe "Scurdia" geformt mit dem Percussionisten Ismael Barrios und dem Gitarristen Arnoldo Moreno, beide aus Venezuela. Es gibt immer neue mystische, wache Schwingungen mit solchen Musikern oder weiteren Gastkünstlern, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Jede Sekunde ein Aha-Erlebnis! Wir haben jetzt schon länger nicht mehr miteinander musiziert, weil jeder seine eigenen Projekte hat. Geographisch dehnen sich die Bande aus, aber dann schnalzen sie eben wieder zurück nach Österreich.
Was erwartet den Zuhörer bei "Scurdia. world vibes"?
Eine zeitlose, völkerverbindende Musik, bei der nichts ohne den anderen geht Ich selbst liebe es rhythmisch, funkig, soulig. Ich bin ja seit meiner Jugend ein Soul-Fan. Aber ich mag es nicht brachial, unsere Musik funktioniert auf einer sehr feinstofflichen Ebene.
Klassik-Starsolist, Kammermusik-Fan, Weltmusik-Wandlungsreisende … Wußten Sie eigentlich, daß Sie vor ewiger Zeit noch ein ganz anderes Ziel hatten? (Ich zeige Schirmer einen Zeitungsbericht über "Jugend musiziert 1973". Darin steht, daß er bei dem Wettbewerb als Zehnjähriger den zweiten Platz erreichte, aber gar nicht so zufrieden sei – "und in Wirklichkeit will ich Dirigent werden").
(Schirmer lacht auf:) Ja, den Ausschnitt habe ich mir auch aufgehoben.
Wär’ eh nicht schlecht, vorderhand ist daran aber nicht zu denken. Spielt man mit mittelprächtigen Dirigenten, denkt man sich oft: Das könnte ich nach einer gewissen Einarbeitungszeit auch. Freilich ist das nicht so ohne. Viele Instrumentalisten oder Sänger wagen diesen Seitenwechsel auch, scheitern dann aber am Pult erfolgreich.
Wen schätzen Sie jenseits der Mittelpracht besonders?
Natürlich Valery Gergiev, mit dem ich bei "Graz 2003" erstmals zusammengearbeitet habe, für Brittens Klavierkonzert. Er ist einer dieser großartigen Musiker, bei dem man nicht einmal hinschauen muß – und alles stimmt. Auf ähnlicher Wellenlänge war ich auch mit Jukka-Pekka Saraste.
Was ist Ihnen als Interpret wichtig?
Ich will nichts umdeuten, nur um als extravagant zu gelten. Bei meinem Lehrer Rudolf Kehrer habe ich gelernt, nicht klüger sein zu wollen als der Komponist. Selbst wenn man alles befolgt, was in den Noten steht, gibt es ja immer noch Freiheiten für Feinheiten.
Bleibt Ihnen neben der Musik noch Luft für anderes?
Nicht sehr viel. Im Sommer war ich auf Lanzarote Tauchen, bin also im wahrsten Sinn des Wortes untergetaucht. Das ist, auch wenn es anstrengend ist, sehr beruhigend. Wenn man in der Schwebe ist, das ist wie Schubert.
Wofür haben Sie da aufgetankt?
Für die Promotiontour für meine neue Schubert-CD, eine Deutschland-Tournee mit dem Gaede-Trio. Heuer gibt es Auftritte bei der "styriarte", in Grafenegg, bei den "Mondsee-Tagen". Weiters die erste Zusammenarbeit mit Philippe Jordan, ein Projekt mit Dennis Russell Davies und dem Brucknerorchester, Torneen durch Deutschland, Italien, die Schweiz, die USA …
… Sie scheinen Ihren Filofax im Kopf zu haben …
… ja, erschütternder Weise.
Darf man verraten, daß Sie unter einem Pseudonym auch Popmusik geschrieben haben?
Ja, hin und wieder, aber in letzter Zeit nicht mehr so viel. Mir fallen halt immer wieder Hooklines ein, Refrains. Sogar im Schlaf, dann wache ich auf und muß sie notieren. Einmal ist mir fünf Minuten vor einem Auftritt im Salzburger Festspielhaus auch eine Idee eingeschossen, da habe ich schnell auf die Umschlagseite meiner Partitur Köchelverzeichnis 488 etwas hineingekritzelt und anschließend ein – glaube ich – sehr schönes Mozart-Konzert gegeben.
Und für wen komponiert Herr Pseudonym?
Früher öfter für Sandra Pires, zuletzt etwas für Starmania. Ja, ja, ich bin schon ein bißl verrückt.
Das Gepräch führte Michael Tschida
Michael Tschida ist Ressortleiter-Stellvertreter der Kulturabteilung der "Kleinen Zeitung" in Graz.
Michael Tschida
Michael Tschida ist Ressortleiter-Stellvertreter der Kulturabteilung der "Kleinen Zeitung" in Graz.
Freitag, 16. Jänner 2004
Markus Schirmer & Ensemble
Programm