
Betritt man ein führendes Wiener Plattengeschäft und fragt nach Schubert-Symphonien mit Jos van Immerseel, so reagieren die Verkäufer mit hochgezogenen Augenbrauen und Kopfschütteln: Immerseel, Immerseel ... irgendwann schon gehört, aber - das sei doch ein Pianist!
Imagepflege wie CD-Marketing sind also durchaus verbesserungsfähig, und es ist hoch an der Zeit, daß Jos van Immerseel seine Schubert-Interpretation endlich auch in Wien live vorstellt.
Der 55jährige Flame hat sich zusätzlich zu seinen Aktivitäten als Cembalist und Fortepianist zu einem der interessantesten Dirigenten für die Musik der Wiener Klassik und des frühen 19. Jahrhunderts entwickelt, sorgt mit Mozart und Beethoven ebenso für Aufsehen wie mit Mendelssohn. Seine Einspielung der Schubert-Symphonien mit dem Orchester Anima Eterna wurde 1997 als "Höhepunkt des Schubert-Jahres" begrüßt und als neue Referenzaufnahme gepriesen. Auf der Basis der nochmals sorgfältig korrigierten neuen Werkausgabe und mit Wiener Instrumenten aus der Schubert-Zeit entstand ein frisches, zu Herzen gehendes Klangbild, das den Komponisten "jugendlich und visionär zugleich" erscheinen läßt: "Obwohl Immerseel alle Wiederholungen ausspielt, nerven die ,himmlischen Längen' nicht, weil er die Schubertsche Rhythmus-Maschine - ein völlig neuer Aspekt - swingen läßt", heißt es in einer begeisterten Rezension.
Konsequenter Weg
Der Weg, auf dem Jos van Immerseel zu Schubert fand, besticht durch die Konsequenz, mit der er sich von der historisch "richtigen" Seite näherte und dabei jeden Schritt gründlich erarbeitete. Das Orchester Anima Eterna spielt dabei eine wesentliche Rolle. Immerseel hat hier einen Klangkörper aufgebaut, der vom 17. bis ins 19. Jahrhundert alle Sprachen im "Originalklang" spricht und für die verschiedenen Stilepochen in maßgeschneiderter Formation antritt. Mit einer Gruppe von sechs Streichern, die sich zunächst vorwiegend auf Bach konzentrierten, gründete Immerseel 1987 ein kleines Barockensemble, das er schon zwei Jahre später auf 25 Spieler erweiterte, um mit ihnen das Repertoire der Wiener Klassik in Angriff zu nehmen. Inzwischen ist Anima Eterna zu einem Symphonieorchester von 45 Musikern angewachsen und erobert nicht nur die Werke der Frühromantik, sondern streckt seine Fühler auch Richtung spätes 19. Jahrhundert aus.
In Dichters Lande
Daß die benutzten Werkausgaben philologisch stets auf dem letzten Stand und in sorgfältigem Vergleich mit den Autographen nochmals von Fehlern bereinigt sind, versteht sich dabei von selbst. Das wesentlichste Kriterium für die Interpretation ist freilich das Instrumentarium, das den historischen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit möglichst genau entsprechen soll. Die Erforschung der Beziehungen zwischen den Instrumenten und den für sie komponierten Stücken ist Immerseel ein zentrales Anliegen. Nur so könne man Meisterwerke der Vergangenheit in der Gegenwart zu lebendiger musikalischer Erfahrung werden lassen, meint er und verpackt diesen Grundsatz in eine poetische Formulierung: "Willst den Dichter du verstehn, mußt in Dichters Lande gehn."
Klaviere für jeden Anlaß
Weil das Instrument für ihn so wichtig ist, pflegt Jos van Immerseel, wann immer er als Pianist in Erscheinung tritt, ein eigenes, dem jeweiligen Anlaß angemessenes Klavier zu benutzen. In seiner bemerkenswerten Sammlung historischer Tasteninstrumente findet sich zum Beispiel ein völlig intakter Erard-Flügel von 1897, mit dem er vor kurzem das erste Buch von Debussys "Préludes" aufnahm. Für Mozart besitzt er eine vorzügliche Kopie eines Walter-Flügels vom Ende des 18. Jahrhunderts. Seine Qualitäten sind nicht nur auf der 1990/91 erschienenen, zehn CDs umfassenden Gesamtaufnahme der Mozart-Klavierkonzerte nachzuhören, sondern werden nun auch beim gemeinsamen Auftritt mit der Wiener Akademie zur Geltung kommen.
Immerseels ausgeprägter Klangsinn, seine Fähigkeit, die Besonderheit des jeweiligen Instruments zu erfassen, es gewissermaßen in seiner persönlichen Eigenart zu begreifen und diese musizierend zum Ausdruck zu bringen, verhalf ihm 1973 zum künstlerischen Durchbruch. Als Teilnehmer beim Internationalen Cembalo-Wettbewerb in Paris traf er spontan die für die damalige Zeit höchst unübliche Entscheidung, ein Cembalo von 1780 zu spielen, und gewann auf diese Weise nicht nur den Ersten Preis der anonymen Jury und den Publikumspreis, sondern löste auch eine kleine Revolution in der französischen Spieltradition aus.
Ein bunter Vogel
So begann die Karriere des 1945 in Anvers geborenen Vollblutmusikers, der schon während seines Studiums Vielseitigkeit bewies. Seine Ausbildung als Pianist, Cembalist und Organist, die er am Konservatorium seiner Heimatstadt mit dreifacher Auszeichnung abschloß, ergänzte er mit einer Dirigentenausbildung und beschäftigte sich überdies intensiv mit Gesang. 1964 gründete er ein Collegium Musicum und experimentierte vier Jahre lang mit alten Vokalsätzen sowie mit Instrumenten der Renaissance und des Frühbarock aus der Sammlung des Konservatoriums. Die größte Inspiration habe er von zwei ganz besonderen Instrumenten des Vleeshuis Museums in Antwerpen bekommen, sagt Immerseel. Heute, wo er selbst am Konservatorium von Antwerpen unterrichtet, sorgt er dafür, daß seine Studenten diese historischen Schätze ebenfalls benutzen können, und sein jährlicher Cembalo-Workshop im Vleeshuis Museum ist eine Attraktion für heranwachsende Musiker aus aller Welt.
Daß die für den Spezialbereich der Alten Musik entwickelten Kritierien der sogenannten Aufführungspraxis für ihn genauso verbindlich sind, wenn es um Musik aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geht, macht Jos van Immerseel zum bunten Vogel der "Originalklangszene". Souverän, ohne die Wurzeln aus den Augen zu verlieren, setzt er sich über starre Kategorien hinweg. Mit Anima Eterna hat er zuletzt nicht nur ein bereits in Konzerten erprobtes Johann-Strauß-Programm (selbstverständlich nach der neuen Strauß-Edition von Michael Rot) eingespielt, sondern auch Tschaikowskijs "Nußknacker"-Suite, kombiniert mit seiner Symphonie Nr. 4.
Monika Mertl
Monika Mertl, Musikjournalistin, Autorin und Lektorin in Wien, schrieb u. a. auch die Harnoncourt-Biographie "Vom Denken des Herzens".
Saturday, 12. January 2002
Wiener Akademie
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